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Spätes Fundstück

Spätes FundstückHeut dacht ich, dass ich mal erkunde
‘ne Gegend, die mir unbekannt,
und drehte also meine Runde
gezielt in Richtung Stadtteilrand.

Den Friedhof wollt ich nämlich suchen,
der jener Reisenden Quartier,
die ihre letzte Kreuzfahrt buchen
im Kirchlein gegenüber hier.

Doch dann die übliche Geschichte,
wenn man ‘ne Örtlichkeit nicht kennt:
Man kriegt ein Schildchen zu Gesichte
und dennoch in die Irre rennt.

Zur Auswahl viele Wege standen,
doch ging ich stets dem falschen nach,
den Hügel hoch, die Kräfte schwanden,
bis mir das Chassis schier zerbrach.

Nicht eine Spur von Gottesacker.
Ich wieder runter und zurück.
Es dämmerte und Sterngeflacker
bezog den Himmel Stück für Stück.

Indes von oben aus betrachtet
dem Auge nichts so leicht entrinnt:
Da lag er, nach dem ich geschmachtet,
fast da gleich, wo der Weg beginnt!

Und dennoch erst erreicht am Ende
‘ner mühevollen Wanderschaft.
Wär ich Poet, wenn ich’s nicht fände
in höchstem Grade sinnbildhaft?

Irdische Größe

Irdische GrößeDas unter einen Hut zu bringen –
ein Ding wohl der Unmöglichkeit:
Die Sphären, die im Raume klingen;
der Mensch, der lautlos sich verschreit.

In einem Räderwerk von Sternen
vollzieht sich unser flücht’ges Sein,
aus dem die Jahre uns entfernen
wie Flecken oder Wasserstein.

Doch da wir Flöhe sind auf Erden
und winzig unser Horizont,
hat alles leicht galaktisch werden
dem eitlen Spatzenhirn gekonnt.

Da kränzten manche sich mit Kronen
der Marke „Gottesgnadentum“
und ließen sich mit Leichen lohnen
den allerhöchsten Schlachtenruhm.

Und andre finstre Majestäten
erlogen gleich von A bis Z,
sie würden Gott höchstselbst vertreten
und wurden damit reich und fett.

Ach, über diese Psychopathen
könnt eigentlich man lachen nur,
wär nicht das Unheil ihrer Taten
und ihres Dünkels blut’ge Spur.

Doch Volksverächter und Schamanen
sind nicht allein von gestern bloß.
Sie ziehn noch immer ihre Bahnen –
geblähte Nullen, gernegroß.

Tröstlich zu wissen

Tröstlich zu wissenWas andres als ein Wolkenschatten,
der Lerche kurzes Tirili,
ein Knacken in den Schuppenlatten
ist diese flücht’ge Poesie?

Der, der sie seinem Hirn entwindet
in angestrengter Grübelei,
zum Lohn noch manche Perle findet
in diesem grauen Brägenbrei.

Doch Leute, die sie deklamieren
und lüstern an den Versen kaun,
sich oft nur deshalb damit zieren,
dass ihren Feinsinn man bestaun.

Die diese Kunst von Herzen wählen,
erliegend ihrem süßen Charme,
sind, mit Verlaub, wohl abzuzählen
alleine am Zwölffingerdarm.

Man mag sie daher brotlos nennen,
obwohl sie selbst nach Brot nicht geht
und bei dem großen Reibachrennen
bescheiden lieber abseits steht.

Der Dichter blickt von höhrer Warte
auf diesen ew’gen Stress und Streit
und sieht, dass auch die dickste Schwarte
verdirbt und fault im Fluss der Zeit.

Die Worte aber, ungelesen
in diesem winz’gen Jetzt und Hier,
sie werden lange nicht verwesen –
so schön gewickelt in Papier.

 

Meeresfrüchte

MeeresfrüchteDes Meeres unbebaute Fläche,
zerfurcht, doch nicht vom Pflug zerteilt,
dass Korn ihm aus den Wellen breche
als Same, der zur Sonne eilt –

Nur eine ungeheure Brache,
in die man keine Hacke schlägt,
weil diese salzgetränkte Lache
niemals des Feldes Früchte trägt.

So sind die üblichen Verfahren,
wie man zum Ackerbau sie wählt,
um Misserfolg sich zu ersparen,
beim Ozean durchaus verfehlt.

Das hatt‘ schon früh man auf der Pfanne
und auch, dass wenn man tiefer bohrt
in diese bodenlose Wanne,
da mancher Leckerbissen schmort.

So wurd die Fischerei erfunden.
Das ist jetzt ein paar Jahre her,
doch immer noch drehn ihre Runden
die Dampfer mit dem Netzgewehr.

Frühmorgens wenn die Hähne krähen,
begeben sie auf Pirsch sich schon.
Die Segel sie im Dämmer blähen
fürn flotten Ritt zur Fischauktion.

O wie’s da in den Kisten wimmelt
von meergeborenem Getier –
tagtäglich wenn zur Vesper bimmelt
das Kirchlein gegenüber hier!

Durststrecke

DurststreckeDie Hoffnung hat sich nun zerschlagen,
dies Wasserbett gefüllt zu sehn,
wo ich an manchen Bummeltagen
mich auf das Holz der Brücke lehn.

Nur da, wo diese dürre Trasse
direkt den Saum des Meers erreicht,
liegt, Fußbad einer Untertasse,
‘ne Pfütze, die den Grund erweicht.

Flussaufwärts schon nur ein paar Schritte,
dem Berge zu, dem es entwich,
rinnt träge in des Troges Mitte
ein Bächlein wie ein Federstrich.

Noch weiter oben: knochentrocken,
nicht mal ein Fingerhut von Nass.
Nur Schotter, Sand und größre Brocken –
und alles grau und bräunlich-blass.

Man wundert sich, wie breit das Ganze.
Es reicht fürn dicksten Wasserstrahl,
wenn von des Gipfels hoher Schanze
er als Lawine stürzt zu Tal!

Doch wer soll ihn ins Rollen bringen,
wenn Regen nicht und Schnee, der taut?
Da braucht es ja vor allen Dingen
‘nen Winter, der gut vorgebaut!

Ich will mich aber nicht beschweren.
Vielleicht, dass mir der Berg beweist
im nächsten Lenz: Er kann gebären
nicht nur ein Mäuschen, wenn er kreißt.

Paarbildung

PaarbildungSich in ‘nen Menschen zu verlieben,
ist keine Kunst, das kann ich auch.
Hat mit Natur zu tun und Trieben
und mit Gefühl der Marke Bauch.

Doch hat da ja gewisse Schranken
die Erstgenannte auch gesetzt,
dass man im Wunschflug der Gedanken
nicht nach der falschen Beute hetzt.

So soll man auf dem Teppich bleiben
und nicht nach frischen Früchten schieln,
mit welken Gliedern zu umleiben
die, die noch nicht in Fäule fieln.

Indes mit ihren Theorien
sie selbst sich oft auch widerspricht –
man kann den Ketten ja entfliehen,
wenn beiderseits man sie zerbricht.

So sieht man manchmal Liebesleute
von sehr verschiednem Reifegrad,
wo keines vor der Kluft sich scheute
und mutig in die Ehe trat.

Ein seltner Fall ganz ohne Frage,
doch auch real und nicht plemplem –
und Strohhalm für die alten Tage
von Olim und Methusalem.

Meist aber Grillen nur, verwegne.
Man tritt sich nur die Füße krumm.
Wenn ich ‘ner Schönen mal begegne,
dreh ich mich auf der Stelle um.

 

Das blaue Band

Das blaue BandEs ist die Zeit jetzt der Mimosen,
die gelb in voller Blüte stehn,
doch solche, die sich beim Liebkosen
nicht gleich verschämt zur Seite drehn.

In dichten Büschen wo auch immer,
am Uferweg, am Straßenrand,
verbreiten sie den goldnen Schimmer
von Sommersprossen übers Land.

Ein schönes Zeichen zu beteuern,
nachdem die Mandel nun verblüht,
dass Richtung Lenz wir wieder steuern,
der sichtlich schon vor Eifer glüht.

Die Sonne läuft auf vollen Touren
und schiebt die Sache mächtig an,
dass er schon bald mit frischen Fuhren
von Sträußen uns erfreuen kann.

Auch aus den ausgedörrten Zweigen
der Sträucher überall beginnt
die junge Brut des Grüns zu steigen,
weil wieder Saft in ihnen rinnt.

Der Korso mit den tausend Wagen
rollt wieder an auf seiner Spur,
um unsre Sinne sanft zu tragen
durchs bunte Schauspiel der Natur.

Das Meer, das ich so oft besungen,
wird dadurch ja nicht abgehakt.
Doch füllt statt Salz der Lenz die Lungen,
na, dann ist Landgang angesagt!

Hand aufgehalten

Hand aufgehaltenVor jedem Supermarkt sie hocken,
den Klingelbecher vor der Brust,
dir rasch ein Scherflein abzulocken
von deiner Leib- und Magenlust.

Die einen regungslos nur sitzen
in Demut und Bescheidenheit,
da andre Münzen dir stibitzen
mit frommen Sprüchen auf ihr Leid.

Doch immer auf dem gleichen Gleise,
das zahm und ziellos man befährt,
und das auch noch auf eine Weise,
die ergonomisch wenig wert.

Mag Sonne glühen, Regen schauern,
mag Sturmwind brausen, Kälte zehrn –
in ihrer Ecke da sie kauern,
als ob sie fest verwurzelt wärn.

Tagaus, tagein für viele Stunden
am Eingangstor zum Paradies,
wie’s ihren gaumengläub’gen Kunden
die Wirtschaft immer schon verhieß.

Die schreiten meistens durch die Pforte,
zufrieden, dass sie auserwählt,
und schenken weder Blick noch Worte
dem armen Bruder, der nicht zählt.

Die Hand, die halten sie verschlossen,
Verachtung spiegelt ihr Gesicht.
Sie schnallen nicht: Die in den Gossen,
wenn jeder gäbe, gäb es nicht.

Schmucksachen

SchmucksachenMuss man denn gleich von Nippes sprechen?
Mir macht er Freude nun einmal,
auch wenn sich Welln an ihm nicht brechen,
der Leuchtturm da auf dem Regal.

Der Schaft ist weiß mit blauen Streifen,
um den sich eine Leiter schwingt,
um bis zur Kuppel auszugreifen,
wo nächtlich die Laterne blinkt.

Na ja, bei diesem Schlichtmodelle
das Feuer keine Pause kennt.
Ein Kerzenlicht verbreitet Helle
von Kopf bis Fuß – Advent, Advent!

Doch nicht zum Spaße nur, von wegen!
Er steht da nicht von ungefähr.
Es kommt ein Kahn ihm ja entgegen.
Aus Holz. Und auch so blau wie er.

Und diesen will er sicher leiten
bis in den angepeilten Port –
wenn auch für Klippen und Gezeiten
mein Schrank kein ausgemachter Ort.

Ein Stühlchen auch, auf dessen Lehne
‘ne Möwe hockt, die fein geschnitzt,
dient mir als Sinnbild für die Szene,
wenn Fahrensmann zur Ruhe sitzt.

Nennt’s maritime Kultobjekte,
gebt es als Kitsch zu Protokoll –
ich widme gern sie dem Respekte,
den meinem Hafen ich hier zoll.

 

In der stillen Stunde

In der stillen StundeMein Flämmchen flackert um sein Leben
so ungestüm, verzweifelt, wild,
um fort von diesem Schwall zu streben,
der mächtig aus dem Heizer quillt.

Daneben ungerührt die Flasche,
den Glasleib noch von Wein beschwert,
aus der von Zeit zu Zeit ich nasche,
dass sie im Hirn mir weitergärt.

Allmählich ist die letzte Ecke
des Raums mit warmer Luft getränkt,
was meinem dichterischen Zwecke
ein wohliges Ambiente schenkt.

Gesteigert noch von jenem Lichte,
das trübe aus der Küche glimmt
und in dem edlen Leuchtverzichte
nur wenig mir vom Dunkel nimmt.

Auch draußen Stille unterm Himmel.
Kein Laut, der aus dem Rahmen fällt.
Das Kirchlein drüben hat’s Gebimmel
für heute gnädig eingestellt.

Die Brandungswellen hinterm Hause
falln tosend mir nicht mehr ins Ohr
tinnitisch gleichsam, machen Pause
so wie ihr Chef, der Wind, zuvor.

Ja, um das Glück zu komplettieren
an diesem musenträcht’gen Flair,
gehn jetzt sogar auf allen vieren
die Nachbarn mäuschenstill umher.