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Erste Hilfe

Erste HilfeDa hat wer einen bösen Husten,
ich höre dumpf es durch die Wand;
ging gerne rüber, um zu pusten,
ein Tropfenfläschchen in der Hand.

Doch hab ich keinerlei Arzneien
auf Vorrat irgendwo im Schrank,
zumal an äskulap’schen Weihen
ich schmerzlos schon von jeher krank.

Ach, deshalb Sorgen sich zu machen,
wär übertrieben sicherlich.
Die haben ihre eignen Sachen
und vielleicht bessre unterm Strich.

Was hülf es auch, sich einzumischen
in Sphären der intimen Art?
Da will man sich die Nase wischen
so, dass kein Gaffer es gewahrt.

Und dann müsst ich noch kauderwelschen
mit einem fremden Zungenschlag,
was meine Botschaft gar verfälschen,
die Absicht gar verdunkeln mag.

Womöglich wird der Nachbar denken,
mich nerve der orale Laut,
ich hätt, den Zaunpfahl nur zu schwenken,
so kummervoll hereingeschaut.

Dann träte zu dem Sprachprobleme
ein weiteres noch mit Verlass:
Wenn’s auch nicht aus dem Rachen käme –
man hustete mir öfter was!

Über Kreuz

Über KreuzVerzeiht, wenn ich’s so nüchtern sage:
Die Krone trägt es nicht zu Recht,
dies blutversessne, sarkophage,
sich durchvernünftelnde Geschlecht!

Und hätt ein Gott sie ihm verliehen,
hätt unfehlbar er sich geirrt,
weil nie zu Gutem noch gediehen,
was dieser trieb, der Schöpfung Hirt.

Ja, grad in dieses Gottes Namen,
des Milde stets im Mund geführt,
Millionen um ihr Leben kamen,
von heil’gen Häschern aufgespürt.

Die ganze Skala der Torturen
erprobten jene Brüder grad,
die sich als sanfteste Naturen
berühmten, auf der Liebe Pfad.

Mit Folter, Mord und Scheiterhaufen
erwarben sie sich Kirchenruhm,
gewappnet für ihr Amoklaufen
mit Bibel und mit Christentum.

Und was sie zynisch deklarierten
als Sorge für des Opfers Wohl,
war nur die Sorge des versierten
Halunken für sein Monopol.

Die Worte auf den Kopf gestellt.
Verhöhnt die Kranken und die Lahmen.
Aus allen Wolken Jesus fällt,
seit Pfaffen ihn erheben. Amen.

 

Bodensatz

BodensatzDie erste meiner Tätigkeiten,
wenn morgens aus dem Bett ich kroch,
sie heißt zum kleinen Besen schreiten
samt Schäufelchen mit Hängeloch.

Dann feg ich von den Bodenfliesen,
was mir die Nacht hereingekarrt
an Flocken Staubes, dicken, fiesen,
und auch an Mehl der feinsten Art.

Das muss ich mehrfach wiederholen,
indem ich mit den Borsten fork,
zumal ich selbst mit meinen Sohlen
für ständige Verbreitung sorg.

Woher der dröge Nieselregen,
der lautlos Dach und Wand durchdringt
mit unsichtbaren Niederschlägen
und Hausfraun in die Knie zwingt?

Nun, hinter meiner Urlaubsbleibe
dehnt sich der Strand in voller Pracht,
dass ich dem Wind aufs Konto schreibe
den Wirbel, den der Staub hier macht.

Das ist ein Fass halt ohne Boden,
dem ich mich stoisch stellen muss –
so wie in Mythen und in Oden
der vielbeklagte Sisyphus.

Soll mich der Besenzauber lehren,
dies sei nicht mein gelobtes Land?
Nein, immer werd ich wieder kehren
an Sonne und an See und Sand!

Pausenzeichen

PausenzeichenIst’s denn schon Zeit, um Schluss zu machen,
dass man den Stift beiseitelegt
und auch die andern Siebensachen
an Ort und Stelle wieder trägt?

Die Flasche: Noch nicht leergetrunken.
Ein Säulenstumpf noch überm Grund,
in dem sich tummeln Licht und Funken,
als wär’s des Weines Geisterstund.

Die Kerze: Noch nicht ausgeflackert
ihr Flämmchen auf dem weichen Rumpf.
Noch zappelt es und schwitzt und ackert
verbissen gegen Stiel und Stumpf.

Der Bogen: Noch nicht vollgeschrieben
mit allen Versen, die er fasst,
wie’n Esel, der davongetrieben
nur mit der Säcke halber Last.

Das Umfeld also noch vorhanden,
wie es der Poesie gefällt,
um einen Musencoup zu landen,
der alles in den Schatten stellt.

Wo sind die Haken und die Ösen,
dass man die Arbeit unterbricht,
um lieber sich vom Blatt zu lösen,
das doch so vieles noch verspricht?

Den Hauptgrund will ich schnell noch nennen,
dann aber nichts wie weg zur Ruh:
Man sitzt und sinnt, die Stunden rennen –
und plötzlich falln die Augen zu!

 

Bitte recht freundlich

Bitte recht freundlichDer blaue Baldachin da oben
war wieder völlig aufgespannt,
von Wolken wollig nicht durchwoben,
nur von der Sonne eingebrannt.

‘ner Kuppel gleich er überdeckte
das Meer in seinem Mammuttrog,
das sich die feuchten Lippen leckte
und gurgelnd seinen Atem zog.

Doch auch die Berge, deren Kämme
wie Wellen, die zu Stein erstarrt,
erfasste die azurne Schwemme
als des Gekräusels Widerpart.

Nun, um es einfach auszudrücken:
Des Tages schönes Bild verfing,
und um ihm auf den Leib zu rücken,
wohlweislich ich spazieren ging.

Was erst mal zu ‘nem Dämpfer führte,
denn wohl ein Tausend tat’s wie ich,
das auf der Promenade spürte
nach einem süßen Sonnenstich.

Doch immerhin hab ich erfahren,
dass die Kulisse man auch nutzt,
sie im Gedächtnis zu bewahren
auf Fotos, die herausgeputzt.

Ein Püppchen auf der Ufermauer
im weißen Brautkleid Pose stand.
Familie rings. Ein Blitzlichtschauer.
Die Kleine lächelt unverwandt.

Turmbau

TurmbauDa sitz ich wieder weltvergessen
und brüte meine Verse aus,
um sie in Strophen einzupressen
als Ziegel für ein Musenhaus.

Der Bau ist schon sehr weit gediehen
was weiß ich bis zu welchem Stock,
weil täglich in die Arbeit knien
mein Stift sich und mein Skizzenblock.

Und das seit soundso viel Jahren,
seitdem den Grundstein ich gelegt,
um ein Gebäude hochzufahren,
das deutlich meine Handschrift trägt.

Doch ging’s mir nicht um Sensationen,
Rekorde, Monumente gar –
vom Spaß allein ließ ich mir lohnen
den Schaffensdrang, der es gebar.

Solange der noch ungebrochen
sein Herzblut in die Zeilen steckt,
ist nicht das letzte Wort gesprochen,
nicht abgeschlossen das Projekt.

So liegt wohl noch in weiter Ferne
das Richtfest vor dem Zapfenstreich,
geht‘s doch vielleicht bis an die Sterne,
dem alten Turm zu Babel gleich.

Zu welchen Hirngespinsten, irren,
sich da die Eitelkeit versteigt!
Wie leicht die Wörter sich verwirren,
hat jener Bau doch grad gezeigt!

 

Sprachlos

SprachlosWie sehr ich sie darum beneide!
Sie zucken mit der Wimper nicht
und plappern schon im Kindeskleide,
wie alle Welt hier eben spricht.

Dagegen geht mir von der Lippe
mit Mühe nur der fremde Laut,
so dass im besten Fall ich nippe
an des Thesaurus Außenhaut.

Und sollt mir dennoch mal gelingen
ein Satz in schönem Redefluss,
mir Worte prompt entgegenklingen,
bei denen ich schlicht passen muss.

Denn Übung macht auch hier den Meister,
und grade auf dem Sprachgebiet,
wo aus des Buchs Papier und Kleister
nur mäßig man Vokabeln zieht.

Gut lutherisch aufs Maul zu schauen
dem Volk, empfiehlt es sich auch hier,
und aus Gesprächen aufzubauen
sein täglich wachsendes Brevier.

Im Laden, wo ich Haushaltswaren
„quería“ öfter, „gerne hätt“,
hat sich bewährt schon dies Verfahren
vom „Eimer“ bis zum „Bügelbrett“.

Doch heut, als ich in erster Güte
mit ‘ner Kassiererin parliert,
fragt deutsch sie plötzlich: „Eine Tüte?“ –
da sieht man doch: Wer wagt, verliert.

Frühlingsgäste

FrühlingsgästeDie Sonne schiebt schon Überstunden,
das wurde jetzt ans Licht gebracht –
leckt sie doch ihres Tages Wunden
inzwischen erst so um halb acht.

Und das, obwohl in die Pedale
seit Längrem sie schon stärker tritt
und ihre Mittagsvertikale
mit 20 Grad erglüht im Schnitt.

Was haben da nicht ihre Strahlen
bewässert schon an dürrer Flur,
dass aus den Ästen, toten, kahlen,
schon hier und da ein Blümchen fuhr!

Mit goldnen Bommeln übergossen
jetzt grade die Akazie steht,
ihr ganzer Schopf ins Kraut geschossen,
wie Hirtenhunde er umweht.

Und wo ums Brachfeld da gezogen,
ums blühende, ein Maschenzaun,
kam heut der Sittich angeflogen
und holte Gras, sein Nest zu baun.

Am Abend selbst die Lüfte strichen
so lind noch wie im Sommer fast –
da hat sich bei mir eingeschlichen
ein Mückentier als Frühlingsgast.

Gern hätt ich wieder rausgeschmissen
den ewig plärrnden Störenfried –
doch raubte lange in den Kissen
den Schlaf mir noch sein Wiegenlied.

Historisches Ausflugsziel

Historisches AusflugszielJetzt bin ich da, wo der Wandale
vorzeiten auch sein Glück gesucht
und statt Hotel- und Flugpauschale
nur Kampf und Feuersbrunst gebucht.

Doch solche ungeschlachten Brüder
man schon nach kurzer Zeit vertrieb,
worauf sich allerdings noch rüder
ins Gästebuch der Gote schrieb.

Der schlug hier ein die gier’gen Krallen
und wollte gar nicht wieder weg.
Doch über diesen herzufallen,
kam bald ein Trupp mit Marschgepäck.

‘ne Meute echter Wüstensöhne,
die mutig sich ins Meer gestürzt,
dass ihre schnöde Raublust kröne
ein Boden, der nicht sandgewürzt.

Die wollten lange Zeit nicht weichen
und hielten an der Bleibe fest,
so dass die Spur von ihren Streichen
sich heute noch erkennen lässt.

Dann ballten sich in span’schen Händen
die Lande wieder nah und fern.
Seitdem sah ihren Glanz man spenden
die Sonne keinem fremden Herrn.

Die Erben jener Finsterlinge
sind heute friedlich hier zu Gast:
Touristen ohne Axt und Klinge –
nach all dem Blut ein Wunder fast!

Mummenschanz

Bunte VögelWas Menschen so Geschichte nennen,
das ist ein ew’ges Kappenfest.
Mit Kopfputz und Geklingel rennen
die Brüder, die man herrschen lässt.

Da wird in feierlicher Runde
‘ne Krone wem aufs Haupt gedrückt,
und schon ist er in aller Munde
zum Kreis der Götter aufgerückt.

Da tritt sein väterliches Erbe
ein Knabe an aus Fürstenstand
und fördert gleich das Pelzgewerbe,
das ihn mit Hermelin umwand.

Der Papst, sich Majestät zu geben,
trägt zwar Kothurnen nicht zur Tracht,
doch lässt er überm Scheitel schweben
‘ne Mütze, die ihn größer macht.

An Herz und Geist gerad die Kleinen,
die hochgespült der Zufall blind,
sie wollen mehr nach außen scheinen,
als von Natur sie wirklich sind.

Was könnte da wohl besser passen
als Putz und Flitter aller Art,
mit denen man die dumpfen Massen
auch optisch ausgezeichnet narrt?

Der rote Faden, der die Zeiten
durchzieht in eher dunklem Grau,
das ist der Potentaten Schreiten
in ihrer blut’gen Modenschau.