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Erleichtert liegt

ErleichtertSternenhimmel-300x200 liegt im Abendfrieden
die Stadt, zerschlagen, ausgebrannt.
Geparkt die Möchtegern-Boliden.
Die Stille klingt wie auf dem Land.

Wenn’s ein paar Fenster wen’ger wären,
in denen trüb ein Lichtlein welkt,
man könnt es auch als Schein erklären
vom Kuhstall, wo noch einer melkt.

Der Straße graue Tummelwiese
verödet und verlassen jetzt,
als hätte ‘ne Bewegungskrise,
was sonst so rüde drüberhetzt.

Kein Auto blökt sein Missbehagen,
kein Schwein quiekt quasselnd in die Welt.
Mensch und Maschine fortgetragen
und artgerecht wo abgestellt.

Nicht mal der Wind mag sich noch mucken,
der doch so gern die Wipfel zaust,
dass sie sich immer tiefer ducken
vor seines Atems Pressluftfaust.

Noch tiefre Stille würd’s bedeuten,
käm jetzt ein Laut von irgend her
wie Krähen, Bellen oder Läuten –
doch nur von fern und ungefähr.

Egal. Wie eine Käseglocke
schließt schwarz der Himmel alles ein.
Doch seht, es schneit! Die erste Flocke!
Ach, Quatsch! Das muss die Venus sein!

Abendruh

WieimagesL9US8KQC still! Das Lüftchen selber ist zu hören,
das raschelnd durch die Blätter geht.
Wär’s nicht ein Baum, ich könnte schwören,
da murmelt wer sein Nachtgebet.

Nix los mehr auf den Bürgersteigen.
Entseelte Steine, tot und kalt.
Nur selten noch durchbricht das Schweigen
‘ne Sohle, die wie hundert hallt.

Und diese breite Asphaltschiene,
für Reifen eigens ausgelegt?
Die ewig graue Leidensmiene,
auch wenn sie keine Last mehr trägt.

Fassadenlicht wie Schinkenstücke
in Mauersülze eingebracht.
Unmöglich, dass man sie verrücke?
Nein, manchmal an- und ausgemacht.

Im Himmelsshop sind die Regale
von Sternen völlig leergeräumt.
Er hat was von ‘nem Wartesaale,
der über toten Gleisen träumt.

Und die im Abendwind oft schwanken,
die Peitschenmasten, Halme bloß,
versunken stehn sie in Gedanken,
die Neonähre regungslos.

Wo sind die Vögel, die Migranten,
die weit gereist nicht ohne Not?
Schon längst die Flügel sie entspannten,
denn nächtlich herrscht ja Flugverbot.

Von irgendwo ein leises Pochen.
Ich lausche. Hab ich mich vertan?
Nein, lauter nun, ununterbrochen –
jetzt weiß ich’s, ach, der Wasserhahn!

O wie mit tausend sanften Lippen
die Stille zu Gehör sich bringt,
nur leicht die Seele anzutippen,
dern Saite umso stärker schwingt.

Und doch, das große Ungeheuer,
die Tatzen friedlich ausgestreckt,
die Stadt träumt schon vom Abenteuer,
zu dem das Morgenrot sie weckt.

Es ist ein trügerischer Frieden:
Er hält nur bis Bürobeginn.
Dann, goldne Frucht der Hesperiden!,
der alte Wettlauf um Gewinn!

Nur dass sich einstmals Rittersleute
geschwungen auf ihr edles Ross,
damit nach Kämpfen reiche Beute
in dero Satteltaschen floss.

Heut sind’s die Broker und die Bänker
mit hundert Pferden unterm Steiß,
die sich als Börsenschlachtenlenker
gekrallt den ganzen Erdenkreis.

Auch ohne sich vom Fleck zu rühren,
denn heute ist der Drachenhort
giral und leicht zu überführen
gedankenschnell von Ort zu Ort.

Weicheier, die am Ofen hocken?
O nein, Raubritter unterm Strich!
Denn was sie scheffeln und verzocken
ist wirklich abenteuerlich.

Man sieht: Bis auf die Kleidermode
gibt’s keinen Wandel auf der Welt.
Der Mensch, meschugge und marode,
will immer nur das Eine: Geld.

Wie kann man aus dem Kopf ihm schlagen
ein Ideal, das materiell?
Schon Sokrates stellt’ solche Fragen
und büßte es mit seinem Fell.

Desgleichen der in Stroh geboren
in einer kalten Winternacht,
mit dessen Armut unverfroren
die Christpartei Reklame macht.

(Bedenkt man ihre Krämerseele,
ein wundersames Phänomen!
Hat sie womöglich gar Kamele
dressiert, durchs Nadelöhr zu gehn?)

Doch was hab ich denn an Rezepten?
Wenn’s schon den Besten nicht gelang,
wie so ‘nem unscheinbarn Adepten
mit mittelmäß’gem Leidensdrang?

Ich muss das erst mal überschlafen,
auch trügerisch bleibt Ruh ja Ruh.
Vielleicht fliegt mir beim Zähln von Schafen
– ein schwarzes, oh! – die Lösung zu!

Stiller Abend

DerimagesT6CVRHIY Abend ist so still gekommen,
auf einmal war er einfach da.
Ich hab ihn gar nicht wahrgenommen,
da riss mich dieses Tütata

Der Feuerwehr aus meinen Träumen,
und wie ich dann so aufgeguckt,
sah ich schon tausend Lichter schäumen
im Wipfel, der im Winde zuckt

Jener Platane mir vor Augen,
die mächtig ihre Krone spreizt,
der Sonne Strahlen einzusaugen,
mit denen dort die Straße geizt.

So treuherzig sah diese Stille,
so sanft und friedlich sah sie aus,
doch tückisch blitzte die Pupille
der Fenster gelb aus jedem Haus

In diesen düsteren Fassaden,
die nicht ein Fünkchen Bunt erhellt,
vom Grau der Klinker überladen,
das ungesehn ins Auge fällt.

So flohn gedankenlos Gedanken
durchs Labyrinth des Hirns dahin
und stießen dennoch bald auf Schranken –
den eingefleischten Dichtersinn

Der losgelöst vom Weltgebäude
sich auf die Zeilen konzentriert,
die mit verbissner Schaffensfreude
dem Blatt er auf die Blöße schmiert.

Der Straße nächtliche Signale,
die nie verstummen, hört er nicht.
Wie’n Elektron in seiner Schale
kreist um den Kern er, ums Gedicht.

Was wär von da auch zu gewinnen?
Nicht der berühmte Blumentopf.
Das bisschen Kosmos! Doch hier drinnen
mehr als ‘ne Welt: die Welt im Kopf.

Mein Blatt

MeinimagesMMHE6K1H Blatt, noch ungefurcht von Zeilen,
liegt wie ein Acker unbestellt,
der Hände harrend, zu durcheilen
ihn mit den Samen dieser Welt.

Da hör zum Glück ich auch schon schweben
den Deus in Theatertracht,
denn, ohne Flachs!, erdröhnt soeben
ein Feuerwerk mit aller Macht.

Und reißt mit seinen Donnerschlägen
den Geist mir aus der Lethargie,
der sich dem Schlummer schon entgegen
mehr neigte als der Poesie.

Der Feuerblumen bunter Reigen
ist leider meinem Aug verwehrt,
dem sich nur diese Mauern zeigen,
die’s blicklos jede Nacht befährt.

Doch sie allein schon dort zu wissen,
dort hintern Dächern irgendwo,
lässt mich nicht allzu sehr vermissen
das Neutrum vom Spectaculo.

Und einmal unter uns gesprochen:
Was soll mir damit groß entgehn?
Bin ich denn nicht ein alter Knochen,
der so was tausendmal gesehn?

Hier greift der dritte Satz von Gossen,
dass sich der Nutzen reduziert
von Dingen, die gehäuft genossen,
bis er am Limes sich verliert.

Schon seltner nun die Schüsse hallen,
verklingt der Schau Begleitmusik,
gleich werden sie ins Koma fallen,
nachdem die letzte Kugel stieg.

Aus, Ende. Und im Handumdrehen
kräht auch kein Hahn schon mehr danach.
Dies schreiben heißt Erinn’rung säen.
So liegt mein Acker nicht mehr brach.

Kein Mond

Keinimages9AI9F3VA Mond begrast die Himmelsweide,
kein Stern erblüht an ihrem Grund,
‘s ist finster wie auf Moor und Heide
zur allertiefsten Geisterstund.

Mit ihrem spärlichen Gefunkel
scheint selbst die Stadt so düster nicht.
Laternen glimmen aus dem Dunkel
wie Glühwürmchen mit Neonlicht.

Und auch des Himmels dumpfes Schweigen
macht die urbane Nacht nicht mit.
Es reißt nicht ab der Lebensreigen,
auch wenn er manchmal kürzer tritt.

Man hört noch hin und wieder Fetzen
von Worten, Schritten, Fröhlichkeit,
Passanten, die sich heimwärts schwätzen,
verkürzend ihre Wegezeit.

Man hört noch hin und wieder Wagen,
die rascher rolln, entspannter halt
als tags, da sie im Wettstreit lagen
mit Tausenden um den Asphalt.

Man hört noch manchmal Melodien
aus Fenstern, halb geöffnet, schalln,
die desto weitre Kreise ziehen,
je mehr sie aus dem Rahmen falln.

Man hört noch ab und zu Sirenen,
die kreischend sich ‘ne Gasse kehrn,
weil Hilfsbedürft’ge sie ersehnen,
doch jeder Lockung sonst entbehrn.

Man sieht sogar in seltnen Fällen
(wie grade jetzt in dem Moment!)
ein Feuerwerk die Nacht erhellen,
das keusch in allen Farben brennt.

Und selbst der Dichter, Teil des Ganzen,
gibt hier und da noch einen Laut –
indem er brütet über Stanzen
und leis an seinem Kuli kaut.

O diese Stadt aus toten Steinen,
sie atmet, pulst und rührt sich doch!
Sie ist kein Himmel, will ich meinen,
doch auch, gottlob!, kein schwarzes Loch!

Will denn die Schöne

WillimagesLZ1Q3YQN denn die Schöne gar nicht schlafen?
Es scheint, sie wandert noch umher.
Mal hört man ihren Schritt vom Hafen,
von ferner mal und mal von näh’r.

In unbestimmten Intervallen
‘n Auto oder ‘n ganzer Treck.
Motorn, nicht auf den Mund gefallen,
sie brummeln mir den Frieden weg.

Von dem Kulturverein da drüben,
des Fenster immer offen stehn,
in kurzen, windgestützten Schüben
Gespräche in die Ohren wehn.

Und plötzlich, auf den Schwanz getreten,
ein Hund, der seinen Jammer heult.
Die Stille platzt aus allen Nähten,
gespannt, zerrissen und verbeult.

Dann jagen, halbwegs schon vergessen,
Sirenen wieder zum Spital,
dem Notfall sicher angemessen,
sensiblen Lauschern doch zur Qual.

Auch Blaulicht resoluter Wagen
mit Kurs auf ein Verbrechen meist,
dass stroboskopisch Unbehagen
Sensible aus den Träumen reißt.

Dann wieder Schimpfen, Silbenfetzen,
Wortwechsel, schwellend zum Taifun,
bei dem sich zwei verbal verletzen,
bevor sie’s mit den Fäusten tun.

Ein Häufchen übermüt’ger Zecher
von kakophoner Fröhlichkeit
sein Lied bis über alle Dächer
begeistert in den Abend schreit.

Zum bösen Spiele gute Miene,
die macht man nur, wenn’s schnell vergeht.
Doch Pustekuchen: ‘ne Maschine
brummt droben noch ihr Nachtgebet.

Mag sie denn immer weiter tappen,
die Schöne, ohne Rast und Ruh –
ich geh mir meine Rebe schnappen,
die hält mir schön die Ohren zu.

Ausschau

WieimagesCTY899D4 gern ich einst nach draußen schaute,
die Ärmchen auf der Fensterbank,
und dieses Große, Lange, Laute,
die Straße mir zu Füßen sank.

Aus hoher Warte sie zu sehen,
nahm, was bedrohlich, ihr bereits:
Das Aug’ konnt auf Safari gehen
für jeden unbekannten Reiz.

Und mit des Kinds naivem Staunen
begaffte ich dies weite Feld,
als wär’s mit Alben und Alraunen
und nicht mit Stein und Staub bestellt.

Ob Laster, Roller, Lieferwagen,
ich folgt ihm lange mit dem Blick,
bis schließlich ihn davongetragen
der rätselhafte Straßenknick.

Und dann, der alles weichen musste,
weil fest in ihrem Gleis sie fuhr,
die Straßenbahn, die selbstbewusste,
die frei sich klingelt ihre Spur!

Und all die wandelnden Gestalten,
wie putzig nahmen sie sich aus,
die, wusste ich, für Große galten,
und winzig waren wie ‘ne Maus!

Auch was sie an Geschäften trieben,
die Leute rings erfuhr ich so,
es war ja an die Wand geschrieben:
Konditor, Krämer, Figaro.

Doch wo mag das Geheimnis liegen
‘ner Straße, deren Lärm verklang,
wenn sich nicht grad den Hals verbiegen
so Lütte voller Wissensdrang?

Da drüben auf der andern Seite
seh oft im bleichen Dämmerlicht
geduckt in eine Fensterbreite
ein stummes Frauenangesicht.

Was mag sie an die Brüstung locken?
Ihr Mann vielleicht, der wie bewährt
zu dieser Zeit trotz Stau und Stocken
vom Arbeitsplatz nach Hause kehrt?

Vielleicht. Man kann es ja nicht wissen.
Meist sind die Dinge so banal.
Doch hat in dem Fall angebissen
längst meine Fantasie nun mal.

Wie kann man nur so kläglich kauern,
so unscheinbar und wesenlos,
als läg auf diesen dunklen Mauern
noch dunkler sie, ein Schatten bloß!

Mir gleicht sie einer Haremsdame,
die ihrer Haft sich still empört
und traurig stiert auf die infame,
die Welt, die ihren Schrei nicht hört.

Ach, wie wir immer noch durchstreifen
bewundernd manches Maurenschloss,
dass tausend Schnörkel uns ergreifen,
doch eine Träne nicht, die floss!