Archiv der Kategorie: Stadt

Abendfrieden

images95P9ELDWWie einsam liegen nun die Straßen,
wie still im Häusermeer,
als ob die Menschen sie vergaßen!
Die Schritte hallen schwer.

Die Möwen, die da kreischend flogen,
die Krähen eben noch,
sind, was weiß ich, wohin gezogen,
verkrochen in ihr Loch.

Kein Täubchen pickt sich von den Steigen
geduldig noch die Krümel auf.
Die Elstern und die Amseln schweigen.
Die Nacht nimmt ihren Lauf.

Vom trüben Himmel droben schweben,
von Sternenschimmer matt geweißt,
die duft’gen Schleier aus Geweben,
die keine Hand zerreißt.

An Füßen, unbeschuht von Socken,
reibt schlangenzüngig ihren Schlund
die Kälte, eher feucht als trocken,
bis alles rot und wund.

Nun sind es nur noch wen’ge Tage,
bis Ochs und Esel wieder stiert
aufs Wunder jener alten Sage:
Die Jungfrau, die gebiert.

Ich würd so gern an Weihnacht glauben:
Ein Zeichen müsste dazu her!
Doch, Herr, bloß keine Friedenstauben –
ein Engel, bitte sehr!

Regentage

images7XI8TI4CSchon wieder Regen, Regen.
Aus allen Himmelsporn.
Und wie im Herbst, da fegen
dir Winde um die Ohrn.

Bei Regen aus dem Hause,
bei Regen auch retour.
Nicht eine Regenpause
in dieser Regenkur.

Im Pulsschlag der Fontäne,
die rhythmisch steigt und sinkt,
gehn Schauer nieder, jene,
nach denen man sich wringt.

Seht nur die Wolken jagen
im bleichen blinden Flug –
die kriegen wohl den Magen
nie Regens voll genug!

Der Lenz hat keine Eile:
Er hält sich noch bedeckt.
Vom Sonnenliebespfeile
ist erst Narziss erweckt

Auf traurigen Rabatten
inmitten von Asphalt,
den Pfähle nur beschatten
als öder Schilderwald.

Die Erde scheint zu schwimmen,
glänzt wie ein Regenfass –
da heißt es Höh’n erklimmen:
Hinauf denn zum Parnass

Dass ich mit trocknen Füßen
mich über Wasser halt.
Die Musen lassen grüßen:
O Kunst, Naturgewalt!

 

Gespenstisch

SchattenrisseIm Schoß der Nacht bewegten sich
die Wesen eilig fort,
eins nach dem andern, Strich um Strich
wie Schatten, ohne Wort.

Und sollten doch wohl Menschen sein
nach Größe und Gestalt,
Geschöpfe, deren Fleisch und Bein
gewöhnlich widerhallt.

So lautlos huschten sie dahin,
so leicht und ungesäumt,
dass ich nicht einmal sicher bin,
ob ich sie nicht geträumt.

Dies unbedingt ich wissen muss –
so schoss es mir durchs Hirn,
doch saß ich leider weit vom Schuss
mit meiner Denkerstirn.

Mocht ich den Hals auch noch so drehn –
vergeblich nachgeguckt!
Ich werd sie niemals wiedersehn.
Die Nacht hat sie verschluckt.

Nach der Reise

imagesRS45Q196So kommst du von der Reise wieder,
so trittst du in den Alltag ein.
Dein erster Eindruck lautet: bieder,
dein erster Wunsch: woanders sein.

Warum, zum Teufel, hat die Birne
nicht die Fassade weggeputzt,
die da mit flacher Klinkerstirne
der Baukunst guten Ruf beschmutzt?

Warum ist keine güt’ge Fräse
dem schwarzen Pamp zu Leib gerückt,
dass ich im Heimatblättchen lese:
„Deasphaltierungsplan geglückt“?

Und dieses Neonlichtgedröhne
beleidigt immer noch den Blick –
kein Volksbegehren für das Schöne
brach diesen Röhren das Genick?

An allen Ecken noch und Enden
das alte Propagandaspiel:
Konsumparolen, die dich blenden:
Der Supermarkt als Lebensziel!

Es ist wohl alles so geblieben
wie neulich, als ich abgereist –
bloß um zwei Wochen fortgeschrieben,
an Zeit gealtert, nicht an Geist.

Selbst meine lumpige Gardine
wellt immer noch ihr fades Grau
und dümpelt an der rost’gen Schiene
zur kleinkarierten Maschenschau.

Des Urlaubs Sonnenstrahlen fallen
hier grell in jeden Winkel ein,
und überall sich Stäubchen ballen,
die sichtbar erst in diesem Schein.

 

Kalte Schulter

imagesWTR51VEMKalt hast du, Hamburg, mich empfangen,
obwohl ich dir doch immer treu,
gabst mir nicht Küsse auf die Wangen,
nein, Tritte in den Mors. Ahoi!

Wie anders soll ich es denn nennen,
dass, kaum auf deinem heil’gen Grund,
mir Tropfen übern Schädel rennen,
so schauderhaft wie ungesund?

Und dass du wie ein Hausverwalter,
der mit dem Haus auf Kriegsfuß steht,
grad jetzt den Himmelsheizungsschalter
so ziemlich bis auf Null gedreht?

Lässt du von Eifersucht dich leiten,
missgönnst mir, dass ich ungeniert
zu deinen Nies- und Nebelzeiten
ein bisschen Sonne mir spendiert?

Gefallen hat’s mir, zugegeben,
dass ich dem Herbst ein Schnippchen schlug
und wie ein Vögelchen mal eben
nach Süden zog im Charterflug.

November! Und die Leute lagen
mit nackten Bäuchen noch am Strand,
indes mein warmes Wohlbehagen
ich züchtig im Spaziergang fand.

Willst diesen Spaß du mir verübeln?
Das wäre, mit Verlaub, nicht fair.
Du lässt es gießen wie aus Kübeln,
als ob ich Vater Noah wär.

Hab ich denn jemals dich gescholten,
verleugnet gar dich irgendwann?
Du hast mir stets als Gott gegolten –
so nimm auch jetzt mich gnädig an

Da aus der Fremde heim ich kehre
als flüchtig dir verlorner Sohn.
Ruhm sei, Hammonia, dir und Ehre –
mir zehn Grad mehr, als Finderlohn!

Lieber schlafen

imagesZMM3LSCCDie Mauern starren nass und kalt
und schwitzen Neon aus.
Auf Dächern der Antennenwald:
ein Gipfelkreuz fürs Haus.

Im Nebel schwimmt die Himmels-Au,
von Sternen unbesät.
Kein Mond weilt wo in ihrem Blau,
kein Vogel noch so spät.

Aus Luken dämmert trüb und dumpf
ein bläulich blinder Schein:
Die Dünste aus dem Quotensumpf
der Bildschirm-Metzelein.

Dem Auge winkt nur dann und wann
ein Licht noch lebhaft zu,
treibt irgendwer sein Blechgespann
wo zur Garagenruh.

Der Pegel da, vom Flaschenhals
sinkt er zu Boden hin!
Ich dichte schneller – schneller, falls
ich vorher unten bin.

Das heißt am besten mach ich Schluss
und komme ihm zuvor.
Kein Mensch muss dichten und ich muss?
Ich hau mich jetzt aufs Ohr.

Noch keine Löcher

NochimagesZAQAFAXS keine Löcher, Flecken, Risse –
und schnurgerade Fensterreihn!
‘ne makellose Baukulisse,
und kann so jung doch nicht mehr sein.

Ich hock ja selbst schon dreißig Jahre
im Ausguck hier im dritten Stock
und mit dem Augenlicht befahre
mir vis-à-vis den Häuserblock.

Zumindest wenn ich kurz mich löse
vom Blatt, das eben ich betint,
und sinnend in die Weite döse,
damit sich da das Weitre find.

Wie kann man bloß so gut sich halten?
Mir kommt es jedenfalls so vor,
als wär da alles noch beim Alten –
vom Fundament zum Regenrohr.

Tja, aber doch nur die Fassade,
so kontert nüchtern der Verstand.
Dahinter hausen Wurm und Made –
die Zeit baut immer nur auf Sand.

Sie treibt die Menschen durch das Leben,
so wie die Blätter jagt der Wind,
die groß und grün am Zweig noch eben
und schon verfault am Boden sind.

Konnt ich denn je dahintergucken?
Nur Luken, leblos, trüb erhellt.
Doch nicht auch Löcher, die verschlucken
bisweilen die „gewohnte“ Welt?

Im Hintergrund, im unsichtbaren,
in diesem „stillen Kämmerlein“,
da war es wohl in all den Jahren
so unverändert nur zum Schein.

Die Menschen kamen und sie gingen,
bepackt mit ihrem Hab und Gut,
sich eine Bleibe zu erringen,
so wechselhaft wie Ebb und Flut.

Und alle ein Gesicht sie hatten,
Gemüt, Charakter, Geisteskraft –
für mich indes warn es nur Schatten,
Phantome in der Nachbarschaft.

Ich seh ja nur die harte Schale,
den Kern nicht, den sie einverleibt,
so dass das Sein mir als Totale
da drüben stets ein Rätsel bleibt.

Muss ich als treuer Mönch der Mauern
nicht folgern dann im Umkehrschluss:
Hier sieht man (säh man!) mich versauern
in meinem Haus als taube Nuss?

Ach, wie mir heut

timeAch, wie mir heut im wahrsten Sinne
die Zeit verrinnt sekundenschnell,
weil in der Spüle Abflussrinne
beharrlich tropft des Hahnes Quell.

Ich bring das Pochen nicht zum Schweigen,
sie weigert sich, die Armatur,
als wollt sie Chronometern zeigen
gewachsen sich als Wasseruhr.

So nehm ich’s von der guten Seite –
dass es die Stille noch betont,
die, wenn das Musenross ich reite,
am sichersten mit Zeilen lohnt.

Das Pflaster liegt entleert von Leuten,
von Autos der Asphalt befreit,
nur die vom Herbst bereits verstreuten,
die Blätter bilden noch sein Kleid.

Geräusche sind dem Ohr erstorben.
Kein Motor, Mensch, kein Regen – nichts.
Dafür hat sich das Aug erworben
den stillen Lärm des Neonlichts.

Wo sind die Vögel nur geblieben?
Auf einmal hört man sie nicht mehr.
Im engsten Kreise ihrer Lieben,
ein Zaun von Zweigen ringsumher …

Und auch der Wind hat Ruh gegeben.
Die Bäume stehen starr wie Stein.
Ganz leicht sieht man ihr Laub nur beben –
das wird gewiss vor Kälte sein.

Selbst diese dröhnenden Insekten,
im Tiefflug querend oft die Stadt,
die Helikopter sich versteckten
am Boden unterm Flügelblatt.

Der Feuerwehr, der Peterwagen,
der Ambulanzen Wehgeschrei,
die lange noch im Wettstreit lagen –
verebbt, verklungen und vorbei.

(Verschwiegner auch, in Hinterzimmern,
wird weiter Politik gemacht,
der Armen Elend zu verschlimmern.
Parole: Deutschland, gute Nacht!)

Doch immer fällt in die Gedanken
ein Tropfen, winzig von Gewicht.
Wo alle Laute längst versanken –
ich hör ihn und ich hör ihn nicht.

Ich schau zur Uhr. Der große Zeiger,
er hält mit dem Getröpfel Schritt.
Nun ja, weiß Gott kein Teufelsgeiger,
doch pizzicato furchtbar fit.

So nimmt die Zeit mich in die Zange
und flüstert doppelt mir ins Ohr:
Noch bist du, aber nicht mehr lange.
‘nen Klempner bräucht ich für das Rohr.

Mondlos

IchimagesGSEUM45C kann dir keinen Mond vermelden,
Romantik gaukelnd, Leserin,
und auch die Stern gewordnen Helden
zog’s heut nicht an den Himmel hin.

Ganz unbestickt wölbt sich die Decke
der Kuppel über die Kontur
der Dächer dieser Weltenecke,
die Hamburgs Staatsschiff stets befuhr.

Kein Wind. Die bunten Flaggen hängen
wie Schlachthausvieh so tot am Mast.
Nichts bläst den Straßenbaumgestängen
die letzte Schütte Laub vom Ast.

Und in die Schatten, die grundieren
dies stille Bild urbaner Nacht,
sieht feinen Dunst man sich melieren,
der sie ein bisschen grauer macht.

Die meisten Lider schon geschlossen
und vor den Fenstern zugeklappt.
Nur hier und da noch unverdrossen
ein Lichtlein trüb im Dunkeln tappt.

Kaum stören Autos noch den Frieden,
und wenn, dann in gedämpftem Ton.
Ja, wüsste man sich nicht hienieden,
man glaubte sich wer weiß wo schon.

Nichts rührt und regt sich auf den Gassen.
Die Stadt: Des Himmels Ebenbild
mit ihren trägen Häusermassen,
aus denen nur noch Schweigen quillt.

Mehr kann ich dir nicht bieten heute.
Verzeih mir, dass ich trotzdem schrieb!
Doch so ‘ne Stille wie ‘n Geläute,
die ist mir grade sonntags lieb.

Wie feierlich ist mir zumute,
nur weil’s der siebte Wochentag!
Mein Ross dann von parnass’schem Blute
besonders gern ich zäumen mag.

Erst wenn das Marktgeschrei verklungen,
die Börsen im Gesäß verstaut,
wird in den Sattel sich geschwungen
zum Sitz der keuschen Musenbraut.

Vielleicht wär’n lieber dir gewesen
paar Strudel in dem Versefluss?
Schön, dass du trotzdem fortgelesen.
Zum Dank mach ich jetzt endlich Schluss!

Zackig

WieimagesEWZKFGJ4 zackig sich die Flaggen strecken –
im Gleichschritt, falls das Bild erlaubt,
als würde wer die Arme recken
zum Einheitsgruß fürs Oberhaupt.

Doch da wir Wind- und Wetterkenner,
kommt uns das gar nicht spanisch vor:
Der Herbststurm ist ein Dauerbrenner,
der rüttelt jedes Jahr am Tor.

Am Himmel schwarze Wolken jagen,
in denen bleich der Vollmond treibt,
von einer Strömung fortgetragen,
die ruhig und beständig bleibt.

Elsheimers Mond, so muss ich denken,
der aus den Schatten sich befreit,
den Flüchtenden sein Licht zu schenken,
dass sicher er zum Nil sie leit.

Wie oft ist er dabei gewesen,
wenn spät noch wer geschäftig war!
Aus manchem Nachtstück kann man’s lesen,
in dem wie hier der Mond der Star.

Der Maler auch ist aufgeblieben
und hat zum Himmel aufgeschaut
und hat die Farben fein verrieben,
gegilbt, geschattet und geblaut.

Wie konnte der Poet da schlafen?
Gedichte schuf er ohne Zahl,
die dieser Stimmung Nerv wohl trafen
wie „Füllest wieder Busch und Tal …“.

Nun, mit Natur kann ich nicht dienen,
zumindest hier am Boden nicht,
wo Bauten das Terrain verminen
mit ihrem groben Putzgesicht.

Romantik mag woanders keimen,
die Stadt mit andrer Elle misst:
„Gestalt“ muss auf „Funktion“ sich reimen,
„human“ auf „Wenn’s bezahlbar ist“.

Nur gut, dass an die höh’ren Sphären
des Menschen hohle Hand nicht reicht,
sonst möcht’s auch dort nicht lange währen,
bis die Natur der Walze weicht.

Der Mond, würd also er posieren
gemeinsam mit dem Häuserbrei,
er könnt an Schönheit nur verlieren –
drum streicht er eilig auch vorbei.

Da seh ich ihn auch schon verschwinden,
ein Dachstuhl ist sein Nachtquartier.
Gleich wird sich nichts mehr von ihm finden –
sein Heute nur noch auf Papier.