Zum Jahr der Ratte

Als Junge musst ich in den Keller,
wenn oben die Kartoffeln rar,
und holte sie nur umso schneller,
als es da kalt und finster war.

‘ne Kerze hatte ich zum Leuchten,
dern Flämmchen zitterte sich zag
den halben Gang entlang, den feuchten,
bis zu dem richtigen Verschlag.

Dann klaubt ich eilig aus dem Kasten
ein Dutzend schrumpeliger Knolln,
um rasch nur wieder rauszuhasten
aus diesem unheimlichen Stolln.

Man sagte, dass auch Ratten hausen
unter dem ganzen Trödelkram,
und immer hatt ich Muffensausen,
wenn ich ein Rascheln wo vernahm.

Wäre in China ich geboren,
was sicherlich auch ehrenhaft,
dann wär ich nicht so eingeschworen
auf diese strikte Gegnerschaft.

Als da man vor wer weiß wie lange
sich Sternenbilder ausgedacht,
hat neben Tiger, Pferd und Schlange
man auch die Ratte eingebracht.

Die musste dann auch nicht mehr weichen
aus der erlesnen Zwölferschar,
und jetzt steht gar in ihrem Zeichen
das ganze neue China-Jahr.

Dass man sie in die höchsten Sphären
für alle Ewigkeit versetzt,
kann uns darüber nur belehren,
wie sehr man in dem Land sie schätzt.

Anstatt ihr Schlimmes nachzusagen,
dass man sie meidet wie die Pest,
scheint man ihr Wesen zu ertragen
und gar als clever gelten lässt.

Ich aber, auf der Stippvisite
zum unterird‘schen Nahrungsquell,
ich hatte Schiss nur, mir geriete
der Fuß auf einmal an ihr Fell.

Angst kann sie mir nicht mehr erregen,
zumal jetzt Licht im Keller brennt.
Und ich hab nicht mal was dagegen,
wenn man mich Leseratte nennt!

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