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Letzte Aussicht

Eins dieser kleinen Rituale,
die ich seit Jahr und Tag schon pfleg:
Ich blicke auf die Magistrale,
bevor ich nachts mich schlafen leg.

Damit mein ich die Asphaltpiste,
die breit sich durch das Städtchen zieht
und auch den Block, in dem ich niste,
mit Lärm und CO2 versieht.

Jetzt liegt sie mit entspannten Krallen
und ruht sich von sich selber aus.
Ich lass mich in den Sessel fallen
und guck durch die Balkontür raus.

Mein erster Blick fällt auf die Seite
genau mir gegenüber grad
und stößt da noch in voller Breite
aufs alte Fischerhausformat.

Da wohnen aber kaum noch Leute,
man trät sich auf die Füße nur.
Die meisten Katen schon bestreute
die Zeit mit ihrer staub’gen Spur.

Den Kopf ein wenig rechts gewendet,
kommt mir ein Kirchlein ins Visier,
das mit dem Glockenschlag versendet
die besten Grüße zum Brevier.

Dann füllen sich die kahlen Bänke,
auf die man so viel Hoffnung setzt,
dass man der Ewigkeit gedenke
in diesem flücht’gen Hier und Jetzt.

Dahinter weiter auszugreifen,
dem schärfsten Auge nicht gelingt.
Drum lass den Blick zurück ich schweifen,
damit er nach Linksaußen dringt.

Da liegt, Minuten vor dem Schließen,
ein gut besuchtes Nachtcafé,
aus dem noch grell die Lichter fließen,
wenn ich auch keinen Gast mehr seh.

Zumindest nicht auf der Terrasse.
Nein, da kommt einer noch, allein!
Doch wie ich näher ihn erfasse:
Der Kellner. Holt die Stühle rein.

Nicht grade Sehenswürdigkeiten,
von denen man nur träumen kann;
doch sachte in den Schlaf zu gleiten,
den Anblick ich sehr lieb gewann.

Heut aber heißt’s, ein Schnupftuch borgen,
das mindestens zwei Meter misst,
weil es (ich reise übermorgen)
für lange Zeit der letzte ist.

Bald seh ich andere Fassaden
vorm Schlafengehen ringsumher,
die mich zu andren Träumen laden.
Doch wenn’s so weit ist, davon mehr.

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Gnade der Geburt

Haus‘ eingepfercht ich in ‘nem Lager,
verschmacht ich wo in einem Loch,
von ständ’gem Hunger hohl und hager,
der keineswegs der beste Koch?

Muss ich in Staub und Dreck mich wälzen,
den Strahl der Dusche selbst entbehrn
und bis zur nächsten Pfütze stelzen,
mir Spülicht übern Hals zu leern?

Muss ich dem Eiseshauch der Nächte
in dünnen Decken widerstehn,
nicht anders als die Tundraflechte,
die Wärme findet unter Weh’n?

Muss ich, was in den Bauch zu kriegen,
der knurrend seinen Teil verlangt,
zwei Stunden Zahn der Zeit besiegen,
dass mit ‘nem Süppchen sie mir dankt?

Bin ich in unbekannten Breiten
ein Fremder, der sich hilflos fühlt,
dem Strandgut gleich, das die Gezeiten
ins Uferlose wo gespült?

Und wo den Tausenden Gefahren
entronnen nur mit knapper Not,
mir erst einmal mit Haut und Haaren
der Test fürs Fahrtenschwimmen droht?

Entschieden nein! All dem entgegen
und ohne mein Verdienst dabei
hielt fern von solchen Schicksalsschlägen
das Leben stets mich sorgenfrei.

Wie aber konnte das geschehen?
Bin ich eines Magnaten Spross,
dem, einst als Erbe ausersehen,
das Gold schon in die Windel floss?

Ach, einen Krösus als Erzeuger,
den braucht es nicht für so ein Glück
und auch nicht den Gesetzesbeuger,
der’s zwingt mit seinem Bubenstück.

Sei einfach mit Geduld und Spucke
in einem Erdenstrich geborn,
wo’s weder brennt dir auf die Hucke
noch abfriert deine bloßen Ohrn.

Und wo in milden Wetterlagen,
die selten nur der Hafer sticht,
ein jeder muss sein Päckchen tragen,
doch keins, dass er zusammenbricht.

Man hat Berufe und zu beißen
und einen Pfennig auf der Naht
und, falls denn alle Stränge reißen,
noch einen Obolus vom Staat.

Das Handwerk steht in voller Blüte,
die Industrie zieht ständig an,
dass selbst für vorgetäuschte Güte
sie leicht die Bußen zahlen kann.

Und diese kinderleichte Nummer
dir wirklich nicht einmal gelang,
dass dich aus ungebornem Schlummer
die Mutter in ein Eden sang?

Hast unbedacht es zugelassen,
dass man im Bombenschlag dich wieg
statt in gepflegten Altstadtgassen
zu Mozarts kleiner Nachtmusik?

Dann nimm es auf die eigne Kappe,
dass Not du leidest und Gewalt!
Europa schließt die Katzenklappe.
Die Logik war schon immer kalt.

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Schlussbild

SchlussbildDen ganzen Tag hat es gegossen,
als ob es nie mehr enden wollt;
so wie aus Kübeln ist’s geflossen,
in Wellen übern Rand gerollt.

Die Güsse schlugen auf das Pflaster,
Fontänen spritzend übern Stein,
und fielen doch nicht durch das Raster
der Fugen in die Erde rein.

‘ne Handbreit Wasser hatte immer
man unter seinem Lederkiel –
und über Stunden keinen Schimmer,
wann dieser Pegel endlich fiel.

Wer dächte da an Sommerfrische,
ein Sonnenbad mit Meeresblick?
Vereinsamt die Tavernen-Tische,
die Pfützen darauf fingerdick.

Und dann der Blitz aus heitrem Himmel:
Die Wolkendecke jäh zerriss
und aus dem wüsten Dunstgewimmel
sich der Azur ins Freie biss.

Ein schmaler, schmächtiger Geselle,
der sich indes nicht lang besann
und Breite sich erwarb und Helle,
bis er den ganzen Raum gewann.

Da traute sich der Schreiber dieses
(ich lass mal den Beamten raus)
aus seiner Tiefe des Verlieses
doch noch ins Licht der Welt hinaus.

Das war in dem Fall ‘ne Terrasse,
vom Regen noch ganz blank und rein –
in meine offne Kaffeetasse
ergoss sich nun der Sonnenschein.

Und auch der grad noch ausgeschlossen,
der Blick auf eine blaue See,
ich hab besonders ihn genossen,
weil ich auf Unverhofftes steh.

Vor allem aber, weil er heute
zum letzten Mal für lange Zeit
mich mit dem schönen Flair erfreute
der Anmut und der Heiterkeit.

Vertreibung aus dem Paradiese
für morgen Abend fest gebucht:
Ein Kerl, der auf der Wolkenwiese
das Weite Richtung Norden sucht.

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