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In meiner Oase

In meiner OaseDie Einsamkeit, die nicht gebunden
an Fluren, die kein Mensch begeht,
ich habe sie auch hier gefunden,
wo man sich auf den Füßen steht.

Gleich vor der Haustür ein Gedränge,
das dich verschlingt und dich verschluckt,
kaum hat’s dich aus des Flures Enge
hinaus aufs Trottoir gespuckt.

Meist Menschen, die die eignen Haxen
der schlichten Fortbewegung weihn,
doch Räder, Autos auch und Taxen,
die ihnen heiße Reifen leihn.

Kurzum, ich muss es nicht betonen:
Man hockt hier nicht in Abrams Schoß.
In diesen citynah’n Regionen
ist Tag und Nacht der Teufel los.

Doch kannst du diesen Lärm nicht riechen,
den Auswurf der Geschäftigkeit,
magst du auch hier dich wo verkriechen,
verborgen vor dem Ruf der Zeit.

‘ne Burg ist zwar nicht meine Klause
mit Mauern, die kein Laut durchdringt,
doch ein gestandenes Zuhause,
das Ruhe mir und Abstand bringt.

Wenn hinter mir die Tür verschlossen,
tauch ein ich in ‘ne andre Welt.
Da reit am liebsten ich den Zossen,
der fliegend Kurs Südosten hält.

Passendes Schuhwerk

Passendes SchuhwerkGegluckse, Juchzen, dumpfes Lachen –
und Totenstille wieder gleich;
als würden Frösche kurz erwachen
in ihrem sumpfig-seichten Teich.

Die Stadt liegt einsam und verlassen;
nur manchmal tönt noch da und dort
das Echo der lebend’gen Gassen
des lichten Tages leise fort.

In hunderttausende von Waben
zog sich der fleiß’ge Mensch zurück,
sich nach dem Nektarflug zu laben
an Glotze und Pantoffelglück.

Der Erst’ren mag ich gern entgleiten,
doch nicht dem filz’gen Fußgerüst,
obwohl, um Pegasus zu reiten,
man eher Stiefel tragen müsst.

He, he! Sollt’s etwa daran liegen,
dass er mich oft nicht weiterbringt
und statt beherzt dahinzufliegen
(falls das in Lüften geht) nur hinkt?

Ich werd ihn auf die Probe stellen,
der Sache geh ich auf den Grund –
und weh dem wiehernden Gesellen,
entpuppt er sich als krummer Hund!

Gleich morgen jag ich in die Flanken
ihm Sporen zur gewohnten Zeit.
Mal sehn, ob’s mir die Flügel danken.
Ich sing euch dann sofort Bescheid.

 

Musenstunde

MusenstundeMein Nachbar ist zu Bett gegangen.
Totale Stille auf dem Flur.
Die letzten Schritte, glaub ich, klangen
um, lass mich lügen, zwanzig Uhr.

Vier Stunden sind seitdem verstrichen,
die Ruhe sich beharrlich hält.
Nicht einmal Füße, die wo schlichen,
nicht mal ‘n Teller, der wo fällt.

Das gleiche Bild im Weltgeschehen.
Im Schlafe sich die Straße reckt,
die da vom Kopf bis zu den Zehen
unter der Fahrbahndecke steckt.

Und jene Flut metallner Käfer,
die tags sich über sie ergoss,
sie stört nicht mehr den Asphaltschläfer,
weil in Garagen sie zerfloss.

Gilt es die Stunde nicht zu nutzen?
Wohlan, hinauf zum Musenthron!
Da will ich gerne Klinken putzen
für des Poeten Mindestlohn!

Schon kann ich Pegasus erkennen,
da auf dem Weg zu mir im Ost.
Wie Feuer ihm die Flügel brennen –
schnell her, mein Pferd, und ab die Post!

Beim Zeus, er kommt nicht in die Hufe,
er tritt nur auf der Stelle dort!
„Gestatten: Sternbild von Berufe“.
Der Gaul hilft keinem Dichter fort.

Gastfreunde

GastfreundeDie gleiche Szenerie wie gestern,
vor-, vorvorgestern und, und, und…
Ich sitz bei meinen Musenschwestern
und pflege unsern Künstlerbund.

Denn wie sie’s immer schon gehalten:
Sie bringen Pegasus auf Trab
und steigen, göttliche Gestalten!,
in meiner dürft’gen Hütte ab.

Und so betretend meine Schwelle
und mein bescheidenes Gelass,
erheben sie zur Außenstelle
dasselbe gleichsam des Parnass.

Auch er muss mit der Zeit ja gehen,
dass er nicht Jüngerschaft verlier,
und nicht so kleinlich mehr drauf sehen:
„Was ist denn das für ein Quartier!“

Ich will dem Berge nicht bestreiten,
dass reicher er an Pomp und Pracht,
doch etliche Bequemlichkeiten
stehn nicht einmal in seiner Macht.

Die Damen scheinen es zu schätzen,
wenn’s auch zu sagen sie sich ziern,
dass selbst in ihren dünnen Fetzen
im Winter sie bei mir nicht friern.

Kamin und Scheite? Nicht vonnöten.
Nur Heizungsrippen, steif und stumm,
die sich zwar nicht romantisch röten,
doch Wärme streuen ringsherum.

Anstatt der Flammen, züngelnd, zischend,
anstatt des Spans, der knirscht und knackt,
glüht hier ein Lichtchen, das erfrischend
gedämpft an seinem Dochte zwackt.

Auch Nektar heißt’s hier nicht entbehren,
wenn auch nicht echt nach Götterart,
doch nach den Flaschen, die sie leeren,
trifft sie der Unterschied nicht hart.

So plaudern wir ‘ne ganze Weile
an meines Heims Elekroherd,
bis unvermittelt, Zeus!, zur Eile
das Trüppchen treibt sein Flügelpferd.

Und schon sind sie davongeflogen,
kaum dass sie noch Adieu gehaucht,
und neunfach fühl ich mich betrogen
um diese Muse, die man braucht

Um sich was Feines auszudenken,
das kunstvoll man in Zeilen gießt,
es einem Publikum zu schenken,
das es begeistert lobt und liest.

Nur Leergut hat man hinterlassen
an Buddeln, Gläsern und so fort;
jetzt erst einmal ‘nen Feudel fassen
und rundherum klar Schiff an Bord!

Weg mit den Resten und den Flecken –
anstatt des Stifts herrsch nun das Tuch!
Den Barden morgen wieder wecken,
am Abend, wenn sie zu Besuch!

Ausweg

AuswegAn allen Ecken, allen Enden
macht sich in Fetzen Schnee noch breit.
Noch hält die Erde nicht in Händen
des Frühlings bunt geblümtes Kleid.

Der Frost hat noch mal zugeschlagen
mit winterlicher Urgewalt –
wie’n Boxer in des Gegners Magen,
genauso tückisch und so kalt.

Er bläst mich durch die morschen Ritzen
des Altbaus so verbissen an,
dass ich am Ende nur noch flitzen
und dicke Socken holen kann.

Er treibt mir Schauer übern Nacken –
verbrannte Erde: Gänsehaut,
dass vom Genick bis zu den Hacken
es vor dem Knochenmann mir graut.

Er lässt mich Trost im Roten suchen,
dass er die Glieder mir durchglüh –
und mit ‘nem spött’schen „Pustekuchen!“
mein Musenpferd ich ent’re: Hüh!

Das hat ‘ne wärmende Schabracke
und Hufe, die mit Spikes bestückt,
so dass die klirrende Attacke
dem Sibirjaken hier missglückt.

Um zum Parnassus aufzusteigen,
ist immer irgendwo ein Pfad.
Man muss sich nur geduldig zeigen,
dann geht es aufwärts, Grad für Grad.

Nachtstück

NachtstückMal wieder eine dieser Nächte,
in denen man zum Dichter wird –
man fühlt geheimnisvolle Mächte,
und Pegasus steht angeschirrt.

Es ist so still, dass aus dem Schweigen
sich Stimmen lösen geisterhaft.
Da heißt es in den Sattel steigen,
dass lyrisch man sich Luft verschafft.

‘s ist Sonntag. Die Geschäfte ruhen,
bewacht von strengem Neonlicht.
Gefährte, flink auf Gummischuhen,
hört man seit elf Uhr dreißig nicht.

Die Decke übers Ohr gezogen,
der Wolken flauschigen Flanell,
hat um die Sterne uns betrogen
der Himmel – ach, ihn fröstelt schnell.

Um wie viel tiefer wird das Dunkel,
wenn uns kein Licht von oben brennt
und unser Blick, gewöhnt Gefunkel,
sich fängt im Wattefirmament!

Die dürren Äste: Scherenschnitte,
die nur als Standbild angelegt.
Der steife West zur Tagesmitte
woanders sich in Büsche schlägt.

Die Nacht verhofft wie eingefroren
und doch gespannt wie vor dem Knall.
Ich geb dem Musengaul die Sporen –
und bring ihn lieber in den Stall.

 

Rückspiegel

RückspiegelWie’s üblich ist zum Jahresende,
hab Inventur auch ich gemacht
und hab durch meines Hirnes Hände
das ganze Zeug zu Buch gebracht.

Mein Einduck: Völlig gleiche Lage
wie die zwölf Monate zuvor.
Gewinn, Verlust hält sich die Waage.
Es ist der Wandel, der verlor.

Da waren wieder Katastrophen,
naturgeborn von Zeit zu Zeit,
wenn aus des Globus ries’gem Ofen
es Feuer allverzehrend speit.

Vulkanausbrüche, heft’ge Beben
und Flut, die alles überspült –
der Erde wundes Innenleben,
das chronisch ihr im Pelze wühlt.

Da waren auch die Grausamkeiten,
die auf des Menschen Konto gehn:
Massaker, Mord in allen Breiten –
hier konnt die Welt sich einig sehn.

Und für die Umwelt gilt das Gleiche:
‘s ist weiter schlimm um sie bestellt.
Hier pflanzt man lärmend eine Eiche,
für die man da zwei stiekum fällt.

Auch hat der Frieden nicht gelitten
mehr als im letzten Rechnungsjahr:
Paar tausend, die sich totgestritten,
was im fatalen Rahmen war.

Obwohl doch hier und da Missionen
man militärisch losgeschickt,
das heißt in Krisenregionen,
die schön mit Waffen vorgespickt.

Doch dass man endlich mal verteile
das Brot gerechter als bisher,
zeigt’ wieder keiner große Eile –
drum nahm der Reiche sich noch mehr.

So bleibt denn alles schön beim Alten,
wie sehr auch mancher drüber klagt,
weil überall die Mächt’gen walten,
die nur die eigne Fresslust plagt.

Parole: Bloß am Ruder bleiben;
den Kurs bestimmen, der was bringt.
Erfolge auch ins Logbuch schreiben,
wenn die Erwartung längst schon sinkt.

Um gute Arbeit vorzutäuschen,
beschreit man noch den kleinsten Dreck.
Das Volk, mit sel’gen Schnarchgeräuschen,
es liegt im Tiefschlaf unter Deck.

So tuckert er denn fröhlich weiter,
der Seelnverkäufer von ‘nem Kahn,
kein Lotse auf der Jakobsleiter,
der Kapitän ein Liederjan.

Die Sache damit abgeschlossen.
Ergebnis: Wieder Status quo.
Auch ich reit’ noch den Musenzossen –
das allerdings, das macht mich froh.

 

Herbstlich

HerbstlichO Bäume, wieder nackt und bloß!
Die meisten Blätter sind gefallen,
verstreut von einem blinden Los,
dass sie verwaist im Winde wallen.

Wie zeitig tritt die Dämm’rung ein
und wirft ihr altersgraues Linnen
um jeden First und Pflasterstein
und lässt zu Schatten sie gerinnen!

Und auch wie frisch es wieder ist!
Grad an der Hose Eingangstüren
am Bein ein feines Frösteln frisst,
das bis zum Schenkel noch zu spüren.

Ein dichter Wolkenpelz umschlingt
das kleine Mondgesicht der Sonne,
die atemlos nach Fassung ringt
wie’n Goldfisch in der Regentonne.

Doch nicht genug der Hiobspost:
Heut gilt’s, die Uhren umzustellen,
dass Dämmer, Dunkelheit und Frost
noch rascher sich dem Tag gesellen.

Auf einmal gibt’s kein Halten mehr,
die letzten Dämme sind gebrochen –
der Sommer ohne Wiederkehr,
ein Steinwurf bis zu’n Winterwochen.

Wer jetzt noch auf der Vorratsschau
und fleißig für den Winter sammelt,
hält morgen schon den stolzen Bau
zum Schlaf verriegelt und verrammelt.

Längst sind die Vielgereisten weg,
der Sommersonne nachgeflogen
in einem ungeheuren Treck,
den hunderttausend Flügel zogen.

Was immer fröhlich, blühend, bunt –
sie trugen’s fort auf ihren Schwingen
und ließen nichts dem Dichtermund
als triste Elegien zu singen.

Such ich mir deshalb auch ‘ne Ruh
wie zwischen Eicheln die und Nüssen
und klapp so lang die Li(e)der zu,
bis Zephir mich und Aura küssen?

Trifft mich die Witt’rung gar so bös,
dass sie an Flucht mich denken ließe
und ich von einem Ort mich lös,
den ich nur sommertags genieße?

Gewiss nicht; bin ich doch von Stand
rein vogelmäßig sozusagen
und nähre mich von diesem Land
in warmen wie in kalten Tagen.

Ich werfe keine Blätter ab.
Lass mich zum Schlummer nicht verleiten.
Mein Pegasus, der bleibt auf Trab.
Hat nicht der Herbst auch schöne Seiten?

Bei den alten Göttern

Bei den alten GötternBis an den Rand gefüllt die Schale
des Monds mit goldnem Nektarglanz
als würd’gem Trank beim späten Mahle
der Götter jenes fernen Lands.

Und wie mit unsichtbaren Händen
behutsam man dieselbe hält,
um keinen Tropfen zu verschwenden,
der ungeschlürft zu Boden fällt!

Ich seh sie da am Himmel wandern
(ein Dach verschluckt sie mir zuletzt)
von einem Göttermund zum andern,
der nippend sich die Lippen netzt.

Das ist heut sicher kein Gelage;
beim Trinken geht’s gesittet her,
denn an so manchem andern Tage
sah ich die Schale auch schon leer.

Oder zur Hälfte ausgetrunken,
dass nur ein blässlich trüber Rest,
der seitlich auf den Grund gesunken
erinnert noch ans Götterfest.

Der Mond schleppt, Ganymed, den Becher
allabendlich im Göttersaal
vom einen zu dem andern Zecher
mit Säften aus dem Tempe-Tal.

So können wir an ihm erfassen
die Stimmung im Elysium –
ob nüchtern oder ausgelassen,
bedröppelt oder dideldum.

Heut jedenfalls, so will mir scheinen,
ist feierlich man dort gestimmt,
weil jeder einen Schluck, nur einen,
bedächtig aus der Schale nimmt.

Wollt ihr nicht einmal Mäuschen spielen
und sehn, was wirklich da passiert?
Die Tickets gibt’s zu allen Zielen
beim Dichter hier, der auch kassiert.

400 000 Kilometer,
die sind doch kaum der Rede wert
für so ‘nen weltgewandten Städter,
der nach Exotik sich verzehrt!

Na bitte! Kaum an Bord gegangen
(„Willkommen bei Air Pegasus!“),
hat auch die Landung angefangen –
ganz sanft statt à la Ikarus.

Da soll mich doch der Affe lausen –
hier tobt nun wirklich nicht der Bär!
Nicht Götter, die genüsslich schmausen;
wohl Krater, aber kein Krater.

Wie trostlos alles, gottverlassen!
O Mensch mit deiner Fantasie,
die glaubt, dein eignes „Hoch die Tassen!“
teilt gleich die ganze Galaxie!

Zurück nun wieder auf der Erde:
Die Poesie gestürzt vom Thron?
Ihr Platz, der bleibt am Götterherde –
was wär sie ohne Illusion?

Kurze Unterbrechung

Kurze UnterbrechungDer Mond: Wie lange nicht besungen!
Auch heut sah ich ihn flüchtig nur;
hat schnell sich übers Dach geschwungen,
und schon verlor sich seine Spur.

Er mochte wohl Modell nicht sitzen
der Hand, die nur in Zeiln geübt
und, statt Pigmente zu verspritzen,
das Blatt mit bloßer Tinte trübt.

Nicht mal Ersatz hat er gelassen.
Kein Fünkchen glimmt am Firmament.
Gewölk nur, das auf tristen Trassen
in ungewisse Fernen rennt.

Nur von der Straße zuckt bisweilen
bengalisch es herauf zu mir
von Einsatzwagen, die da eilen
mit Blitz und Donner durchs Quartier.

Wenn Licht und Lärm so plötzlich schwellen,
fährt mir der Schreck durch Mark und Bein.
Doch bald schon glätten sich die Wellen,
und tiefer noch kehrt Stille ein.

Die Feder aber, die geschwiegen
in diesem lähmenden Moment,
ich lass mit Schwung sie wieder fliegen
über mein hölzern Pergament.

Doch schon ‘ne schnöde Strophe später
geht leider ihr die Puste aus,
und langsam nur noch, Zentimeter,
verschiebt die Spur sich ihres Blaus.

Hat sie womöglich mehr gelitten,
sensibel, wie sie nun mal ist,
unterm Radau der Sheriff-Schlitten,
den wohl kein Dezibel mehr misst?

Würd man wie einst aus Holz sie bauen
anstatt aus diesem Plastikschrott,
ich würd ein wenig darauf kauen,
und, hü!, mein Pegasus, und hott!

Sie ändern aber sich, die Zeiten,
und vornean die Technik mit.
Poeten, die auf Pferden reiten,
wie hielten sie mit jenen Schritt?