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Nachwehen

NachwehenNennt Bauchweh es und –schmerzen, -grimmen,
was immer es für Wörter sei’n,
im Endeffekt sie alle stimmen
im Schmerzempfinden überein.

Als rein lokale Variante
sagt’s einer so und einer so,
die Qual indes ist ‘ne Konstante
und frei von jedem Sprachniveau.

Wer wird sich auch in Namen üben,
sein Leiden schön zu definiern,
wenn rhythmisch sich in kurzen Schüben
die Muskeln krampfhaft kontrahiern?

Und überhaupt wird wenig scheren
den Schmerzensmann die schnöde Welt,
weil seiner Eingeweide Gären
ihn pausenlos in Atem hält.

Ähnlich den Mystikern vorzeiten,
dern Blick tief in ihr Selbst gelenkt,
lässt diesen er ins Innre gleiten
und sich in seinen Bauch versenkt.

Wo allerdings den Gottesfunken
mit Sicherheit er nicht entdeckt,
nur Höllenpein, die siegestrunken
die Eisenfaust zum Magen reckt.

Und trotz des oben grad Gesagten
der Dichter hier an Worten feilt?
Erseht daraus, dass den Geplagten
das Übel neulich schon ereilt.

 

Pausenzeichen

PausenzeichenIst’s denn schon Zeit, um Schluss zu machen,
dass man den Stift beiseitelegt
und auch die andern Siebensachen
an Ort und Stelle wieder trägt?

Die Flasche: Noch nicht leergetrunken.
Ein Säulenstumpf noch überm Grund,
in dem sich tummeln Licht und Funken,
als wär’s des Weines Geisterstund.

Die Kerze: Noch nicht ausgeflackert
ihr Flämmchen auf dem weichen Rumpf.
Noch zappelt es und schwitzt und ackert
verbissen gegen Stiel und Stumpf.

Der Bogen: Noch nicht vollgeschrieben
mit allen Versen, die er fasst,
wie’n Esel, der davongetrieben
nur mit der Säcke halber Last.

Das Umfeld also noch vorhanden,
wie es der Poesie gefällt,
um einen Musencoup zu landen,
der alles in den Schatten stellt.

Wo sind die Haken und die Ösen,
dass man die Arbeit unterbricht,
um lieber sich vom Blatt zu lösen,
das doch so vieles noch verspricht?

Den Hauptgrund will ich schnell noch nennen,
dann aber nichts wie weg zur Ruh:
Man sitzt und sinnt, die Stunden rennen –
und plötzlich falln die Augen zu!

 

Turmbau

TurmbauDa sitz ich wieder weltvergessen
und brüte meine Verse aus,
um sie in Strophen einzupressen
als Ziegel für ein Musenhaus.

Der Bau ist schon sehr weit gediehen
was weiß ich bis zu welchem Stock,
weil täglich in die Arbeit knien
mein Stift sich und mein Skizzenblock.

Und das seit soundso viel Jahren,
seitdem den Grundstein ich gelegt,
um ein Gebäude hochzufahren,
das deutlich meine Handschrift trägt.

Doch ging’s mir nicht um Sensationen,
Rekorde, Monumente gar –
vom Spaß allein ließ ich mir lohnen
den Schaffensdrang, der es gebar.

Solange der noch ungebrochen
sein Herzblut in die Zeilen steckt,
ist nicht das letzte Wort gesprochen,
nicht abgeschlossen das Projekt.

So liegt wohl noch in weiter Ferne
das Richtfest vor dem Zapfenstreich,
geht‘s doch vielleicht bis an die Sterne,
dem alten Turm zu Babel gleich.

Zu welchen Hirngespinsten, irren,
sich da die Eitelkeit versteigt!
Wie leicht die Wörter sich verwirren,
hat jener Bau doch grad gezeigt!

 

Spätes Fundstück

Spätes FundstückHeut dacht ich, dass ich mal erkunde
‘ne Gegend, die mir unbekannt,
und drehte also meine Runde
gezielt in Richtung Stadtteilrand.

Den Friedhof wollt ich nämlich suchen,
der jener Reisenden Quartier,
die ihre letzte Kreuzfahrt buchen
im Kirchlein gegenüber hier.

Doch dann die übliche Geschichte,
wenn man ‘ne Örtlichkeit nicht kennt:
Man kriegt ein Schildchen zu Gesichte
und dennoch in die Irre rennt.

Zur Auswahl viele Wege standen,
doch ging ich stets dem falschen nach,
den Hügel hoch, die Kräfte schwanden,
bis mir das Chassis schier zerbrach.

Nicht eine Spur von Gottesacker.
Ich wieder runter und zurück.
Es dämmerte und Sterngeflacker
bezog den Himmel Stück für Stück.

Indes von oben aus betrachtet
dem Auge nichts so leicht entrinnt:
Da lag er, nach dem ich geschmachtet,
fast da gleich, wo der Weg beginnt!

Und dennoch erst erreicht am Ende
‘ner mühevollen Wanderschaft.
Wär ich Poet, wenn ich’s nicht fände
in höchstem Grade sinnbildhaft?

Paarbildung

PaarbildungSich in ‘nen Menschen zu verlieben,
ist keine Kunst, das kann ich auch.
Hat mit Natur zu tun und Trieben
und mit Gefühl der Marke Bauch.

Doch hat da ja gewisse Schranken
die Erstgenannte auch gesetzt,
dass man im Wunschflug der Gedanken
nicht nach der falschen Beute hetzt.

So soll man auf dem Teppich bleiben
und nicht nach frischen Früchten schieln,
mit welken Gliedern zu umleiben
die, die noch nicht in Fäule fieln.

Indes mit ihren Theorien
sie selbst sich oft auch widerspricht –
man kann den Ketten ja entfliehen,
wenn beiderseits man sie zerbricht.

So sieht man manchmal Liebesleute
von sehr verschiednem Reifegrad,
wo keines vor der Kluft sich scheute
und mutig in die Ehe trat.

Ein seltner Fall ganz ohne Frage,
doch auch real und nicht plemplem –
und Strohhalm für die alten Tage
von Olim und Methusalem.

Meist aber Grillen nur, verwegne.
Man tritt sich nur die Füße krumm.
Wenn ich ‘ner Schönen mal begegne,
dreh ich mich auf der Stelle um.

 

Schmucksachen

SchmucksachenMuss man denn gleich von Nippes sprechen?
Mir macht er Freude nun einmal,
auch wenn sich Welln an ihm nicht brechen,
der Leuchtturm da auf dem Regal.

Der Schaft ist weiß mit blauen Streifen,
um den sich eine Leiter schwingt,
um bis zur Kuppel auszugreifen,
wo nächtlich die Laterne blinkt.

Na ja, bei diesem Schlichtmodelle
das Feuer keine Pause kennt.
Ein Kerzenlicht verbreitet Helle
von Kopf bis Fuß – Advent, Advent!

Doch nicht zum Spaße nur, von wegen!
Er steht da nicht von ungefähr.
Es kommt ein Kahn ihm ja entgegen.
Aus Holz. Und auch so blau wie er.

Und diesen will er sicher leiten
bis in den angepeilten Port –
wenn auch für Klippen und Gezeiten
mein Schrank kein ausgemachter Ort.

Ein Stühlchen auch, auf dessen Lehne
‘ne Möwe hockt, die fein geschnitzt,
dient mir als Sinnbild für die Szene,
wenn Fahrensmann zur Ruhe sitzt.

Nennt’s maritime Kultobjekte,
gebt es als Kitsch zu Protokoll –
ich widme gern sie dem Respekte,
den meinem Hafen ich hier zoll.

 

In der stillen Stunde

In der stillen StundeMein Flämmchen flackert um sein Leben
so ungestüm, verzweifelt, wild,
um fort von diesem Schwall zu streben,
der mächtig aus dem Heizer quillt.

Daneben ungerührt die Flasche,
den Glasleib noch von Wein beschwert,
aus der von Zeit zu Zeit ich nasche,
dass sie im Hirn mir weitergärt.

Allmählich ist die letzte Ecke
des Raums mit warmer Luft getränkt,
was meinem dichterischen Zwecke
ein wohliges Ambiente schenkt.

Gesteigert noch von jenem Lichte,
das trübe aus der Küche glimmt
und in dem edlen Leuchtverzichte
nur wenig mir vom Dunkel nimmt.

Auch draußen Stille unterm Himmel.
Kein Laut, der aus dem Rahmen fällt.
Das Kirchlein drüben hat’s Gebimmel
für heute gnädig eingestellt.

Die Brandungswellen hinterm Hause
falln tosend mir nicht mehr ins Ohr
tinnitisch gleichsam, machen Pause
so wie ihr Chef, der Wind, zuvor.

Ja, um das Glück zu komplettieren
an diesem musenträcht’gen Flair,
gehn jetzt sogar auf allen vieren
die Nachbarn mäuschenstill umher.

Wettlauf mit der Zeit

Gegen die ZeitSo wild entschlossen zu genießen,
was schwindend noch das Sein gewährt,
seh ich die Tage rasch verfließen
und wie im Fluge aufgezehrt.

Wie soll man sich dagegenstemmen?
Was hält den Kuckuck in der Uhr?
Klock sieben morgens Austern schlemmen,
verknüpft mit ‘ner Champagner-Tour.

Dann Sonnenbummel wo am Wasser,
dass man die Beine sich vertritt,
damit so gegen zwei der Prasser
für Tafelfreuden wieder fit.

Und wenn die Wampe vollgeschlagen
mit Vor- und Haupt- und Nachgericht,
ist auf ein Nickerchen fürn Magen
das Sofa erste Bürgerpflicht.

Erhebt man frisch sich dann vom Dösen,
flitzt auf die Piste man erneut –
zum Plaudern und Problemelösen
als durst’ger Tresentherapeut.

Die Augen sich da wem verdrehen?
Nun, ist ironisch ja gemeint.
Vom Gaumenspaß mal abgesehen
auch mir das alles fad erscheint.

Doch ehrlich: Wie wir auch gestalten
den Tag aus der und jener Sicht –
die Zeit, sie ist nicht aufzuhalten.
Nur auf Papier, nur im Gedicht.

Schöne Lichtspiele

LichtspieleWas gibt es Größres als die Helle,
wie sie das kleinste Licht gewährt?
In tiefster Finsternis die Quelle,
die Zuversicht und Hoffnung nährt!

Da thronen sie auf ihren Ständern,
die Wachsgebilde, aufgereiht
auf Drei-, und Fünf- und Siebenendern
wie Flammen, einem Gott geweiht.

Da sind die grünen Fichtenarme,
die in die heil’ge Nacht gestreckt,
wie dicht und duftend von dem Schwarme
der Weihnachtskerzen sie bedeckt.

Da glänzt an seinem Ehrentage
der Friedhof, in den Schein getaucht
der feierlichen Totenklage,
die windgeschützte Zungen braucht.

Und auch, im Schoß des Ozeanes,
am ausradierten Horizont,
das Lebenszeichen eines Kahnes,
der mit Laternkraft besonnt.

Vom Sternenhimmel ganz zu schweigen,
der uns mit Ehrfurcht stets erfüllt,
als ob in seinem Feuerreigen
die Gottheit selber sich enthüllt‘.

Erbärmlich, unscheinbar dagegen
auf meinem Pult der Flimmerwicht –
und doch genug, mich anzuregen
zu manchem glühenden Gedicht!

 

Echt unwahrscheinlich

Echt unwahrscheinlichAn Freunden, die hier in der Nähe,
gehn wohl auch viele auf ein Lot;
so unverdrossen ich auch spähe,
kaum einer nur, auch ohne Not.

Die paar Gestalten, die ich kenne,
sind ja im Umkreis weit verstreut,
und wenn ich auf ‘ne Sause brenne,
wird sie per Handy eingebläut.

Doch wundersam des Zufalls Wege!
Da stapf ich heut am Strand entlang,
von Sonne trunken schon und träge
und von der Möwen Schlachtgesang

Und seh doch auf der Promenade,
genüsslich in ‘ne Bank gedrückt,
‘nen Urlaubsfreund beim Sonnenbade,
der seelisch offenbar entrückt!

Wie schön, ich hocke mich daneben,
und schon wird frisch drauflos geschwätzt.
Um uns die fleiß’gen Jogger schweben,
Seniorenpaare, ungehetzt.

Da kommt wie’n Teufel aus der Kiste
ein Schatten mir ins Kreuz geweht –
ein Freund aus dieser Urlaubsliste,
der nun leibhaftig vor mir steht!

Wie geht das an mit diesen beiden,
dass ich sie treff zur gleichen Zeit?
Den Fall kann wohl nur Gauß entscheiden:
Mysterium der Wahrscheinlichkeit!