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Alte Glaubenssache

Alte GlaubenssacheWie einzigartig diese Bauten,
die sich der Pharao erschuf
und die bis da noch nie erschauten
Ägypter, Bauern von Beruf!

Unsterblichkeit ihm zu gewähren,
wollt stark er sie, unantastbar,
dass mit der Priester heil’gen Lehren
er sicher in den Himmel fahr.

Um droben sich aus Kosmosfernen
des Nillands Glück und Wohl zu weihn,
selbst Gott dann unter Göttersternen,
auf Erden bergend sein Gebein.

Noch ragen sie, die Pyramiden,
an die er felsenfest geglaubt,
wenn auch in trügerischem Frieden –
erbrochen alle und beraubt.

Und was vom Körper noch geblieben
nach vier Millennien Liegezeit,
zerfressen ist es und zerrieben,
dass keine Seele es mehr freit.

Im guten Glauben ja gestorben,
dass er den Sternen sich verbind,
hat er die Weisheit nie erworben,
dass Sonnen nur aus Feuer sind.

Doch hätt sie gar sein Fuß betreten
als Gott, gewesener Despot,
die Hölle hätt er sich verbeten:
Dann lieber Mensch, dann lieber tot!

Ein Stundenplan

Ein StundenplanBedeckter Himmel, dunkle Wolken.
Kein Wetter für ‘ne Ausflugstour.
Der Sonneneuter ausgemolken,
der Strahlenfreund auf Hungerkur.

Da heißt es brav die Bude hüten
und sich der Heizung anvertraun,
vielleicht auch über Büchern brüten,
die Zeit mit Schmökern totzuhaun.

Auch könnte häufiger man üben
sich in des Brauens schwarzer Kunst,
dass man in Schlucken und in Schüben
den Riecher taucht in Kaffeedunst.

Wahlweise Tee. Allein das Kochen
ist schon ein kleiner Zeitgewinn.
Und hat man erst den Duft gerochen,
bleibt man auch möglichst lange drin.

Kriegt man ‘nen Magen mal, ‘nen flauen,
man eine Füllung ihm verpass.
Doch lange und genüsslich kauen –
das bringt doch auch schon wieder was.

Na, und wenn alle Stricke reißen,
dann gibt’s ja noch das Bügelbrett.
Zur Wäsche greif, zur bunten, weißen,
und mache glatt zwei Stunden wett!

So in der Häufung der Momente
zeigt sich der Abend auf einmal –
das heißt das lyrische Ambiente,
dem Wind und Wetter piepegal.

Kleiner Fortschritt

Kleiner FortschrittZum Wechsel bin ich nicht geboren,
das Gleichmaß sagt mir eher zu,
und mehr als stets was um die Ohren
lieb ich die Muße und die Ruh.

Was Bessres könnt ich mir nicht denken
als, wenn die Uhr schon zehnmal schlägt,
mich in mein Innres zu versenken,
um zu erfahrn, was es bewegt.

Und daraus wieder aufzutauchen
mit einer zündenden Idee,
die auch für Verse zu gebrauchen,
damit sie nicht verlorengeh.

Der kurze Sinn der langen Worte:
Die Uhr, sie schlug; die Zeit war reif.
Ich sitz am angestammten Orte
und geistig in die Ferne schweif.

Um mich herum die schönste Stille.
Man hörte eine Nadel falln.
Aufs Blatt gerichtet die Pupille,
lass Laute ich den Pinsel lalln.

Natürlich alles noch beim Alten,
beim Umfeld, das mich inspiriert:
Der Nektar, mich in Form zu halten,
der Dämmer, der den Raum regiert.

Ein Wandel nur zu meinem Schmerze,
den heut ich nicht beheben kann –
statt einer wohlgenährten Kerze
schaut kläglich mich ein Teelicht an.

Ein kurzer Gruß

Ein kurzer GrußHallo, hier meldet sich der Rentner
aus seinem sonnigen Exil,
wenn auch wie’n Kohle-Doppelzentner
ihn Finsternis schon überfiel.

Was doch bei aller Wärmewonne
im Grunde auch in Ordnung geht –
um Mitternacht noch immer Sonne,
das wär ja ‘n Dauergrillgerät!

O einz’ge Leserin, so wisse,
dass mir die Gegend hier gefällt,
so sterneweit von der Kulisse,
die mich seit Jahrn gefangen hält.

Jetzt hab das Meer ich um die Ecke,
das rauschend mich in Träume wiegt,
die grenzenlose Wasserstrecke,
an die sich fern der Himmel schmiegt.

Darüber stets in weitem Kreise
die Sonne, die nach Westen schaut,
wo sie am Ende ihrer Reise
zur Nacht sich ihre Hütte baut.

Und wo ihr schon entgegenstrecken
die Berge ihre starke Hand,
sie hinterm Rücken zu verstecken
im faltenreichen Felsgewand.

Dort ist sie jetzt schon längst verschwunden,
und Sterne schimmern matt im Saal.
Nun enden meine Musenstunden.
Mach’s gut! Ich meld mich wieder mal.

Routinesache

RoutinesacheAls heute ich zum Licht erwachte,
war alles Samstag ringsherum.
Ich weiß nicht, was ich dabei dachte,
ich machte nur den Buckel krumm

Mich aus den Federn zu erheben
und einzusteigen in den Zug,
der unterm Motto „Wacher leben“
sich in vertraute Büsche schlug.

Nachdem des Frühstücks Haltestelle
ich mit zufriednem Bauch passiert,
beguckte ich noch auf die Schnelle
das Kirchlein, das den Platz regiert.

Doch dass da so viel Leute standen,
erregte meine Neugier gleich –
ob sich zur Ehe grad verbanden
zwei Liebende, zum Himmelreich?

Die Kutsche, sie davonzutragen,
sah ganz und gar nicht danach aus:
ein schwarz lackierter Leichenwagen,
der frischen Toten flücht’ges Haus.

Den Mann da vorne am Altare
beneide ich nun wirklich nicht.
Ob Wiege, Brautbett oder Bahre –
breit ist das Spektrum seiner Pflicht.

Des Lebens wechselhaften Szenen
weiht ruhig er sein ernstes Wort.
Mir würden schon die Augen tränen,
schrie da ein Baby immerfort!

 

Ein bisschen Verskunde

Ein bisschen VerskundeLängst hat der Samstag angefangen.
So sitz ich denn seit gestern schon,
mir Zeilen aus dem Quell zu langen,
der heilig ist dem Helikon.

Ist gar nicht einfach mit dem Fischen,
Geduld braucht’s und ‘ne Menge Zeit,
um schließlich nicht bloß aufzutischen
den Beifang der Bequemlichkeit.

Denn so ein Vers wird rasch gefunden,
der rhythmisch schreitet und sich reimt,
und meist doch nicht als Kunst empfunden,
gedrechselt vielmehr und geleimt.

Ein Sinn soll auch noch darin stecken,
damit der Leser denkt: Genau!
Das heißt Verstand und Herz ihm wecken
genauso wie der Lesefrau.

Entscheidend auch die Wahl der Worte:
lebendig, klangvoll, stilgerecht,
con brio mal, mal mezzoforte,
so ähnlich wie beim Tongeschlecht.

Fehlt nur noch die gewisse Würze
fürn unverwechselbarn Genuss –
die aber in der Küchenschürze
nun mal verborgen bleiben muss.

Mein Grundrezept für Dichtprodukte.
Garant auch für den Meisterlohn?
Ach, mancher Sternekoch schon schluckte,
weil er verpfuscht die Kreation!

Ziemlich untypisch

Ziemlich untypischMir scheint, bin wieder mal der Letzte,
der hier im Hause noch nicht ratzt.
Wo eben die Musik noch fetzte,
allein mein Plastikpinsel kratzt.

Ja, der Poet in seiner Kammer –
an sich schon ein poetisch Bild,
vor allem, kommt dazu der Jammer,
der seinem Dichterelend gilt.

Doch kann mit Letztrem ich nicht dienen,
denn meine Klause hat Komfort.
Von Sonne winters noch beschienen,
durchglüht sie auch ein Heizungsrohr.

Der Wind pfeift mir nicht durch die Ritzen,
das Dach ist dicht und „waterproof“;
ich kann hier warm und trocken sitzen
und notfalls so, wie Gott mich schuf.

Und muss auch keinen Hunger leiden,
nach harten Krusten mich verzehrn,
kann Supermärkte stets beweiden,
von ihren Früchten mich zu nährn.

Poetisch ist wohl nur die Stunde –
da ganz in Schweigen liegt die Welt
und aus der Seele stummem Munde
noch hier und da ein Verslein fällt.

An den Kriterien gemessen
erring ich Ehre nie und Ruhm.
„Hat ‚warm und trocken‘ stets gesessen!
‘ne schöne Kunst – aus Spießertum!“

Nachschubprobleme

NachschubproblemeAuf einmal wurd ich wieder munter,
stieg in die Schuh, beim Bett geparkt;
die Sonne ging am Kap schon unter,
ich in den nächsten Supermarkt.

Der Ausflug hatte gute Gründe:
Mein flüss’ger Vorrat war erschöpft,
was, zugegeben, meine Sünde,
da alle Buddeln ich geköpft.

Tyrannenwerk gewissermaßen ?
‘ne Psyche, die so um sich schlägt,
dass keinen lässt sie mit sich spaßen,
weil selbst sie nicht zu lachen pflegt?

Dass da ein Trieb dahintersteckte,
erscheint mir doch sehr zweifelhaft.
Natürlich, dass der Wein mir schmeckte –
wie jeder bessre Traubensaft!

Nein, hehrer war mein Unterfangen,
nicht schnöde Lust bracht es hervor –
denn permanent parnassisch klangen
die Musen mir mit „Sing!“ im Ohr.

Wer wird sich denen widersetzen?
Was Götter fordern, ist Gebot.
Und ihnen nach dem Mund zu schwätzen,
hilft ja der Nektar, weiß und rot.

Zum Glück war er noch auf, der Laden.
Ich schnapp die Flasche mir – und weg!
Ließ meine Fantasie drin baden
ausschließlich, äh, zu diesem Zweck!

 

Teilweise still

Teilweise stillNoch ist der Tag nicht ausgeklungen,
obwohl das Ende schon in Sicht.
Die Stille hat sich eingesungen
und nur mit einer Stimme spricht.

Wie’n Gleis, das längst nicht mehr befahren,
verliert im Nichts sich der Asphalt.
Am Kirchlein drüben offenbaren
die Türen ihre Schließgewalt.

Wir müssen nicht am Frieden sparen.
Grad abends herrscht da Überfluss.
Genauso wie an Essenswaren
von Nudeln bis zum Negerkuss*

Auch steht uns ständig zu Gebote,
was an Getränken so gefällt;
zum Beispiel Wein wie dieser rote,
der heute mir die Stange hält.

Und Sonne satt an jenen Tagen,
die unter Winter hier firmiern,
befördert nur das Wohlbehagen,
am Fuß von Palmen zu spaziern.

Am Meer, das raunend sich und rauschend
aufs willenlose Ufer wälzt
und, sich zu flachen Bogen bauschend,
mit schaum’gen Borten es bepelzt.

Dies muss der einz’ge Eindruck bleiben,
denn Finsternis ist seine Fracht.
Ob darin wohl auch Boote treiben,
Vertriebene in Flut und Nacht?

*Aus ethischen Gründen geschwärzt.

 

Kurz vor Mitternacht

Kurz vor MitternachtDes Tages letzte Staffelstunde
biegt in die Zielgerade ein.
Paar Schritt noch auf dem Ziffernrunde,
dann streift die Zwölf ihr Zeigerbein.

Das Publikum ging meist schon pennen
und suchte seine Träume auf.
Int’resse fürn Routinerennen
nicht so wie beim Silvesterlauf.

Das große Schweigen der Tribüne.
Die Einsamkeit der Aschenbahn.
Er kämpft für sich, der Zeitenhüne,
doch nagt auch mit ‘nem Affenzahn.

Bin ich denn heute gar der Letzte,
der zusieht, wie er rastlos rennt?
Zumindest einer, der ihn schätzte
als Streiter stets, der konsequent.

Das Zielband Mitternacht zerrissen,
und er stürmt weiter ohne Halt.
Kein Läuferlohn im Ruhekissen,
kein Korken, der dem Sieger knallt.

Ein bisschen kann ich nachempfinden,
wie jener sich wohl fühlen muss,
da mir hier auch die Stunden schwinden
in dunklem, unbemerktem Fluss.

Ich hock im dämmerigen Zimmer,
in das sich kein Besuch verirrt.
Von draußen nur Laternenschimmer;
‘ne Motte nur, die mich umschwirrt.