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Ausflug zum Sonntagsmahl

Ausflug zum SonntagsmahlEin Städtchen wo in Küstennähe.
Am Mittag, und die Sonne scheint.
Da liefert man sein Wohl und Wehe
‘ner Schenke aus. Zu viert. Vereint.

Erst muss man sich ‘nen Platz ergattern,
das ist schon eine Heldentat.
Dann hockt man Kopf an Kopf mit Vattern –
des Stuhlbeins wegen im Spagat.

Und statt dass man gemütlich klönte,
schrie seinem Nachbarn man ins Ohr,
weil ja von überall her dröhnte
der Gäste A-capella-Chor.

Da muss man es ein Wunder nennen,
dass man bekam, was man bestellt –
was an den Kellnern lag, die rennen
geschickt durch jedes Minenfeld.

Zu winzig für die leckren Proben
der Küche sich der Tisch erwies.
Doch pfiffig hin- und hergeschoben
kein Teller wo ins Leere stieß.

Dann hat mit angelegten Armen
man sein Gericht sich einverleibt,
so wie auf manchen Hühnerfarmen
dem Flügel auch kein Spielraum bleibt.

Um es mit einem Wort zu sagen:
Man saß ein bisschen angeschmiert.
Doch der, um den es ging, der Magen –
der hat sich köstlich amüsiert!

Goldene Gaben

Goldene GabenHeut ist der Tag der heil’gen Weisen,
der Kön’ge aus dem Morgenland,
die zünftig auf Kamelen reisen,
Vehikeln für den Wüstensand.

Einst kamen Kaspar und so weiter,
von ihrem guten Stern geführt,
ans Ende seiner Strahlenleiter,
wo sie die Krippe aufgespürt.

Und brachten diesem winz’gen Knaben,
der da in Windeln eingerollt,
die stolze Fracht der Königsgaben
von Weihrauch, Myrrhe und von Gold.

Ob diese er zu schätzen wusste,
erscheint zumindest zweifelhaft,
denn Milch war’s, was er haben musste,
den mütterlichen Lebenssaft.

Und auch in seinen Mannesjahren,
wie jedes Kind inzwischen weiß,
verschmähte Güter er und Waren
und sang der Armen Lob und Preis.

Doch hatte er nichts einzuwenden,
wenn man Bedürft’gen etwas gab –
nicht weil sie einst als Kön’ge enden,
doch sonst vielleicht am Bettelstab.

Die kleinen Weisen heutzutage,
die sammeln gehn fürn guten Zweck,
die sind von echtem Königsschlage –
sie haben’s Herz am rechten Fleck!

Kurzfristig verschoben

Kurzfristig verschobenEin Bergdorf stand heut auf der Liste,
das längst besuchen wir gewollt;
so wartete ich auf die Kiste,
die mich dahin kutschieren sollt.

Der Tag war wie dazu geschaffen,
dass raus man in die Hügel fuhr,
um unverhohlen zu begaffen
den prallen Busen der Natur.

Die Sonne hatte schon am Morgen
den Himmel blitzeblank gefegt,
so dass wir ohne Regensorgen
im Freien hätten uns bewegt.

(Wenn man das stundenlange Sitzen
auf ‘ner Terrasse, die besonnt,
und Häppchen zwischendurch stibitzen
noch sich bewegen nennen konnt!)

Doch diese prächt’ge Perspektive
für ‘nen genießerischen Tag
und meine Freude, die naive,
erhielten plötzlich einen Schlag.

Der Wagen, mich zu transportieren
mit zwei Personen im Verein,
war plötzlich angefüllt mit vieren –
‘ne fünfte passte nicht mehr rein!

Ich schluckte die Enttäuschung runter,
erholte mich vom ersten Schreck
und sagte mir, schon wieder munter:
Die Berge laufen ja nicht weg.

Feste Obergrenze

Feste ObergrenzeDass mir auch auf die Zunge rutschen
die frommen Sprüche, höchst profan,
hab ich ein Mittel, leicht zu lutschen
und wirksam wie ein Talisman.

Die zwei, drei Leser, die mich kennen,
verstehen diesen Wink sofort:
Ein Gläschen nur, und munter rennen,
Gedanken meinem Dööts an Bord.

Nicht immer glücklich (siehe oben),
dafür jedoch in großer Zahl,
dass für die Schweine ich im Koben
noch Reste habe jedes Mal.

Beim zweiten Gläschen sie schon purzeln
wie Eicheln herbstlich mir ins Hirn,
dass ich vom Wipfel bis zur Wurzel
so voll mich fühl wie eine Stirn.

Ich müsste zwanzig Arme haben,
damit ich diese Früchte pack
und allesamt als Göttergabe
in meine Musentruhe sack.

Und wenn ich nun zum nächsten griffe
und endlos sich die Flut ergießt?
Ach, die Natur kennt da so Kniffe –
an mir sich niemand überliest!

Beim dritten Gläschen, müsst ihr wissen,
ist er auch schon vorbei, der Spuk.
Dann bin ich reif fürs Ruhekissen –
und mit mir der Gedankenflug.

Neujahrsgedanken

NeujahrsgedankenHat er verheißungsvoll begonnen,
der erste Tag im neuen Jahr?
Als Herold ungezählter Wonnen,
die jede einzeln wunderbar?

Nun, ruhig ist er schon gewesen,
denn schließlich war er arbeitsfrei.
Und mancher schwang wohl seinen Besen
zum Kehraus nach der Feierei.

Das Wetter fand ich ganz passabel.
Zwar lachte heut die Sonne nicht,
doch auch der Regen hielt den Schnabel
und fiel nicht aus der Wolkenschicht.

Ein wenig kühler, will mir scheinen,
war’s doch als gestern noch bei Tag –
es fröstelte mich an den Beinen,
wenn ich so auf dem Sofa lag.

Von bösen Omen nicht die Bohne.
Kein schwarzer Kater ließ sich sehn.
Kein Käuzchen, das mit hohlem Tone
die Jahre zählt, die noch vergehn.

So kann man keine Schlüsse ziehen,
so bleibt die Zukunft rätselhaft.
Werd summend ich in Blumen knien?
Schmeck ich sokratisch Bilsensaft?

Wozu indes soll ich mich sorgen?
Es bleibt doch alles wie bisher.
Ist nicht der Schnee, der Schnee von morgen,
der gleiche wie von gestern der?

 

Schnellzugvögel

SchnellzugvögelHat alles seine beiden Seiten.
Der Süden glänzt mit Sonne satt,
dass selbst man noch in Winterzeiten
genug davon bei Tage hat.

Doch darf man auch nicht unterschlagen,
dass einen ‘s Zittern gleich befällt,
packt erst das Meer den Stern beim Kragen
und zerrt ihn in die Unterwelt.

Und da, wie alle hier beteuern,
das Klima mild und frühlingshaft,
gibt’s, um die Bude zu befeuern,
auch keine Heizung, die was schafft.

Im besten Fall ‘ne Wärmequelle,
für die man einen Stecker braucht,
damit elektrisch auf die Schnelle
asthmatisch dir ein Schornstein raucht.

Und da dies dürftig nur dem Zwecke
dient häuslicher Gemütlichkeit,
erlebt die gute alte Decke
aus Wolle wieder ihre Zeit.

Ich glaub, der Zug der Pensionäre
zweimal im Jahre, hin und her,
dass der noch zu verbessern wäre –
so denk und dichte ich mal quer!

Man müsste einen Dreh erkunden,
der diesen Wechsel leichter macht:
Im Süden nur die Sonnenstunden,
im Norden die beheizte Nacht.

 

Vor meinem Geburtstag

Vor meinem GeburtstagDer heil’ge Abend sozusagen
vor meiner eigenen Geburt:
Die Heizung knistert Wohlbehagen,
so ähnlich wie ‘ne Katze schnurrt.

Mein Stall ist dicht und fest verschlossen,
lässt Wind und Wetter nicht herein.
Hab mir ein Tröpfchen eingegossen,
das funkelt schön im Kerzenschein.

Ich muss nicht in ‘ner Krippe liegen;
die Koje für den müden Geist
wird mich hernach in Träumen wiegen,
aus denen mich kein Strohhalm reißt.

Zwar fehlt es mir nicht an dem Sterne,
der Wandrern Richtung gibt und Sinn –
hell strahlt die Venus als Laterne,
doch führt zu mir sie niemand hin.

Nicht mal ‘nen König oder Weisen
mit Grüßen aus der Mongolei,
obwohl bequemer doch das Reisen
als damals für die heil’gen drei.

Dagegen muss ich nicht verzichten
auf Ochs und Esel mir zur Seit.
Doch sind sie draußen mehr zu sichten
und machen überall sich breit.

Nun ja, es lässt sich nicht verschleiern:
Geburtstag ohne Festbezug.
Doch warm und trocken ihn zu feiern –
ist das nicht Wunder schon genug?

Immer Meer

Immer MeerNoch immer scheint es mir ein Wunder,
als hätt mich Zauberei versetzt,
dass ich statt bei der Nordsee-Flunder
bei Austern und Sardinen jetzt.

Ich hör das Meer im Rücken rauschen,
wenn nächtlich ich die Ohren spitz,
als würde ich der Elbe lauschen,
an deren Strand ich gerne sitz.

Bloß dass ich hier der Wogen Nähe
nicht hin und wieder nur mal such:
Schon wenn ich nur die Nüstern blähe,
spür ich erfrischend ihrn Geruch.

Die See liegt täglich mir zu Füßen,
und nirgends hat das Auge Halt;
kein Land, von ferne es zu grüßen,
kein Fels, der seine Faust ihm ballt.

Nur diese bodenlose Weite,
die nicht die Tiefe ahnen lässt –
die dunkle, unsichtbare Seite,
der nach dem Komma ries’ge Rest.

Wir schöpfen ja von seinem Himmel,
so wie er auch die Möwen lohnt,
den Rahm nur ab aus dem Gewimmel,
das runter bis zum Grunde wohnt.

Doch nun mal weiter nicht geklügelt,
Schluss mit dem geist’gen Höhenflug!
Hör ich das Meer nicht ungezügelt?
Natur hat Poesie genug.

Auch Schafe zählen

Auch Schafe zählenEuropa ist ‘ne feine Sache,
zumindest doch von Fall zu Fall.
So hocken Jüte und Walache
jetzt friedlich ja in einem Stall.

Und können sich da frei bewegen,
nach Lust und Laune rumspaziern,
bei Sonnenschein und Sturm und Regen
und wenn die Beine fast gefriern.

Doch jene, die den Stall behüten,
die haben noch den meisten Spaß.
Sie lassen jeden Mist vergüten
sich nach des Eigners Extramaß.

Und da ja nun aus allen Landen
man emsig wandert kreuz und quer,
besagte Eigner niemals fanden
besagten Stall von Schafen leer.

Gesund ha’m längst sie sich gestoßen,
gesichert ihren goldnen Schatz,
und pofitieren nun im Großen
von ihrem größren Futterplatz.

Die Schäfchen aber wandern weiter
und suchen ihr bescheidnes Grün
am Fuße einer Hühnerleiter,
wo Frust und Bitterkeit nur blühn.

Und immer größer wird die Herde,
die um das Nötigste gebracht.
O dass doch ein Europa werde,
das nicht nur Wölfe fetter macht!

Flohzirkus

FlohzirkusDa strahlt er mitten überm Meere
Zufriedenheit behäbig aus,
als ob zu Füßen ihm nur wäre
ein einz’ger großer Augenschmaus.

Der Zustand scheint ihn nicht zu scheren,
in dem sich der und der Bereich,
er muss die Erde überqueren
und findet überall sie gleich.

Na gut, aus der enormen Höhe
nimmt er ja nur das Gröbste wahr,
Globalstrukturen und nicht Flöhe
wie diese Tier- und Menschenschar.

Und wenn, dann säh er nur Gewusel,
Gekrabbel ohne Ziel und Zweck,
als stünden alle unter Fusel
und hätten alle einen weg.

Das wär noch das geringste Übel,
dass man aufs Saufen nur erpicht
und hauptbeschäftigt mit dem Kübel,
in den man seinen Bauch erbricht.

Doch diese Hektik hat hienieden
durchaus und leider ihren Sinn:
Sie dient dem Krieg und nicht dem Frieden
und nur persönlichem Gewinn.

Die kurze Sicht: fürn Mond ein Segen,
der ja nur ewig abwärts schaut.
Sonst würd es Ekel ihm erregen,
der ihm die ganze Tour versaut.