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Dosengift

Dosengift‘s ist wieder mal ein Gift entsprungen,
man weiß nicht recht, von welcher Art,
die Alten haben’s nicht besungen,
es ist ein Gift der Gegenwart.

Zum Glück gibt’s Ämter und Instanzen,
die ziemlich zeitnah reagiern
und so im Großen und im Ganzen
das Zeug nicht aus dem Blick verliern.

Doch wenn wir Bürger gerne wüssten,
ob’s uns auch an die Nieren geht,
erscheint ein „Sprecher“, sich zu brüsten,
dass „keinerlei Gefahr besteht“.

Den gleichen Spruch in gleicher Lage
hat man schon häufiger gehört,
so häufig, dass er ohne Frage
auch künftig Sicherheit beschwört.

Wir Menschen sind doch nicht Mimosen,
so wird uns jeweils suggeriert,
dass bei den toxisch winz’gen Dosen
Wunder wer weiß was gleich passiert.

Die Weisheit wär noch abzukaufen,
wenn’s bei dem einen Male blieb –
doch Gift für Gift wächst an zum Haufen,
wie man ihn Ratten nur verschrieb.

Die Folgen: nicht zu überblicken.
Nur eines stimmt mich dabei froh:
Auch die uns mit den Dosen spicken,
Politiker erwischt es so.

Wortgefecht

WortgefechtDie Sterne stehen ruhig Posten;
wie’n Dieb der Mond vorüberschleicht.
Ich sitze, meinen Wein zu kosten,
so lang bis Mitternacht verstreicht.

Den Kugelschreiber in der Rechten
dem Blatt schon auf die Brust gesetzt,
versuch ich, Siege zu erfechten,
für die der Helikon mich schätzt.

Bisweiln verhalt ich, zu erlauschen,
was flüsternd mir die Nacht verrät –
dann hör ich, wie die Räder rauschen,
wenn’s durch asphaltne Pfützen geht.

Sonst tote Hose auf den Gassen;
kein einz’ger grölender Passant,
der, seelisch Wasser mal zu lassen,
sich an die ganze Stadt gewandt.

Des Lyrikers ersehnte Stille
ist in die City eingekehrt,
die nicht einmal ‘ne späte Grille
mit ihrer schrillen Brunst beschwert.

Die beste Basis für die Siege,
von denen oben ich schon sprach,
und mit der Strophe hier ich liege
doch schon ganz gut dem Anschein nach.

Ein Hieb noch mit der Tintenklinge –
und voll getroffen: Aus der Spaß!
Sechsmal kein Ende ich erzwinge:
Der siebte aber, ja, der saß!

Verssuche

VerssucheDer Mond ist schon zur Ruh gegangen,
nur noch die Sterne blieben wach.
Sie recken ihren Hals, den langen,
und blinzeln auf die Erde schwach.

Nein: Keine Sterne mehr zu sehen,
nur noch des Monds geschwellter Leib,
um den wie Fetzen Tuches wehen
die Wolken so zum Zeitvertreib.

Nein: Wolken übern Himmel jagen,
verwischen schwarz das Firmament,
das kaum noch Sterne scheint zu tragen,
kaum noch ein Licht, das heller brennt.

Nein: Aus dem trüben Teich der Sterne
sticht glänzend groß der Mond hervor –
so wie ‘ne mächt’ge Stalllaterne
vom dämmerdunklen Scheunentor.

Na ja, die Kurve gleich zu kriegen,
hat man den Grundvers erst gelegt,
das hieße doch im Kampfe siegen,
bevor man noch Bataillen schlägt.

Ein bisschen Mühe muss es kosten,
damit es für die Musen reicht:
„Die Sterne stehen ruhig Posten;
wie’n Dieb der Mond vorüberschleicht.“

Für ein Gedicht kein gutes Ende –
doch hatt ich andres ja im Sinn.
Am besten ich noch mal verwende
die beiden Zeilen – als Beginn.

Pfingstwunder

PfingstwunderWie gerne hätt ich mehr berichtet
und was, das aus dem Rahmen fällt –
doch Wunder hab ich nicht gesichtet
und nichts, was man so dafür hält.

Die Tage sind im Nu verronnen.
Es hat geregnet, Wind geweht.
Des Mais berühmte Wärmewonnen
verschaffte mir ein Heizgerät.

An draußen mocht ich gar nicht denken.
Von Frühlingssonne keine Spur.
Auf allen Park- und Wiesenbänken
statt Liebespaaren Wasser nur.

Auch sonst von Schnäbeln nichts zu sehen:
Die Enten, ungefüttert nun,
beleidigt in die Binsen gehen,
wo sie an Grün sich gütlich tun.

Dann lieber in der Bude bleiben –
ein Tässchen Kaffee, Buch zur Hand,
und wenn’s dich juckt, die Nase reiben
so ganz privat und unerkannt.

Doch weiß ich nicht, woran’s gelegen
(war’s diese Stille weit und breit?),
dass ein Gefühl sich wollte regen
von irgendeiner Festlichkeit.

Na, typisch für die Feiertage –
was ist daran verwunderlich?
Der Geist des Weines, beste Lage,
kommt dann doch immer über mich!

 

Schöne Feiertage

Schöne FeiertageBis Pfingsten nur noch zehn Minuten.
Auf Mitternacht der Zeiger kreist.
So seh den Samstag ich verbluten.
Ein neuer Tag, ein neuer Geist?

Jetzt ist die Grenze überschritten.
Kein Knall indes zerriss die Ruh.
Bin sanft darüber weggeglitten –
mit Pinsel, Kerze und „Fitou“.

Auch draußen alles noch beim Alten.
Fassaden, Bäume, Neonlicht,
gewohnt, die Normen einzuhalten.
Und niemand, der mit Zungen spricht.

Noch immer flüstert leis der Regen
sein feierliches Nachtgebet
dem Pflaster und Asphalt entgegen,
der halb schon unter Wasser steht.

Doch halt! Dies Plätschern, unverdrossen,
sollt dies vielleicht das Zeichen sein
für jenen Geist, der „ausgegossen“,
den Jüngern Flügel zu verleihn?

Ist es dem Himmel zuzutrauen,
dass Schauer er vom Stapel lässt,
um eine Kirche drauf zu bauen,
die gleich von Anfang an durchnässt?

Nun, die Geschichte mag uns lehren,
dass jene nicht gebaut auf Sand.
Die weiße Taube konnt sich nähren,
weil stets sie wo ein Körnchen fand.

Es muss an andren Gründen liegen,
dass just zu diesem Gründungsfest
dir Tropfen um die Ohren fliegen
wie Wespen um ein Wespennest.

Ja, so weit geh ich gar zu glauben,
dass unser Wetter, wie’s auch sei,
von irgendwelchen Daumenschrauben
himmlischer Folterknechte frei.

So ist’s ein Tag wie jeder neue,
dem dichtend ich entgegensann –
und mich als Rentner nicht mal freue,
dass zweimal lang ich schlafen kann!

 

Dienstverrichtung

DienstverrichtungWie er sich MACHT in seiner Robe,
wie er sich hebt zur Majestät –
der Täter schrumpft schon zur Mikrobe,
bevor’s um seine Ketten geht.

Man steht vor seinem Richterstuhle
wie vor des Höchsten Strafgericht,
dass hier wir dort um Gnade buhle
der Böse, der Gesetze bricht.

Und der Gewalt’ge hockt erhaben
über des sünd’gen Volkes Haupt
und muss nicht lang nach Gründen graben,
warum an seine Schuld er glaubt.

Wie schön, im Rock der Staatsorgane
gemischte Strafen zu verteiln
und unter Gottes Eid und Fahne
im Recht von Sieg zu Sieg zu eiln!

Wenn der, Verhandlung abgeschlossen,
sich abseilt von Justitias Thron,
dann ist ihm frisch ins Blut geschossen
ein reiches Quantum Glückshormon.

Die Riege seiner faulen Kunden
ließ seinen starken Arm er spürn,
indes ihn selber, ungebunden,
nur Wege zur Beförd’rung führn.

Eindeutig die verteilten Rollen:
Hier Sünde, da Gesetzesmacht.
„Das Gute (Paulus!) hab ich wollen,
das Böse aber meist vollbracht.“

Das schwarze Nachthemd, das der Richter
als Ausdruck guten Schlafes trägt,
zeigt auch dem übelsten Gelichter,
wo’n ruhiges Gewissen schlägt.

Doch einmal wird er rausgerissen
aus seinem Paragrafenreich,
weil mit den Jahren arg verschlissen
und mürbe sein Talar zugleich.

Statt aber neu ihn einzukleiden,
schickt ihn sein Dienstherr in Pension
und lässt ihn auf der Pfründe weiden,
die ihm gebührt als Salomon.

Da wird er nicht vor Hunger sterben –
doch mit der Macht ist’s nun vorbei,
zu retten oder zu verderben,
schuldig zu sprechen oder frei.

Kein Mensch scheut mehr sein strenges Walten
noch fürchtet seinen scharfen Spruch.
Man könnt ihn selbst für einen halten –
zu Diebstahl fähig und zu Bruch.

Gesülze

GesülzeVom Lufthauch hin- und hergetrieben,
das Flämmchen auf dem Docht sich regt.
Sein Schicksal ist in Wachs geschrieben –
ich hoff, nicht auch, was mich bewegt!

Heut etwa ‘ne Delikatesse
(so pries sie jedenfalls sich an),
die in der Näh von Brie und Bresse
im Supermarkt man finden kann.

‘ne Sülze, die in einem Glase
recht appetitlich sich gemacht;
ich aber fiel fast auf die Nase,
als glücklich ich sie heimgebracht.

Längst war das Datum abgelaufen,
das ihrer Haltbarkeit gesetzt;
ich Trottel hätt sie müssen kaufen
vor einem Jahr und nicht erst jetzt!

Zur Ehrenrettung muss ich sagen:
So winzig war der Tag notiert,
so dunkel da aufs Blech geschlagen,
da hätt ein Luchs kapituliert.

Kann des Verdachts mich nicht erwehren,
dass der verehrte Produzent,
um seinen Absatz zu vermehren,
auch manchmal trickst im Sortiment.

Ich also, Sülze unterm Arme,
zum Shop zurück und reklamiern.
„Dann gern ‘ne andre aus dem Schwarme“,
kulant Ersatz sie offeriern.

Und freud’gen Schrittes zum Regale,
wo jene Traube er gepflückt,
strebt Kunde jetzt zum zweiten Male,
zum zweiten Mal zum Glas gebückt.

Doch durch Erfahrung nunmehr schlauer,
sucht er am Deckelsaum gezielt,
was dieser Bries- und Brägenbauer
von dessen Daseinsdauer hielt.

Ach, dieser Fliegendreck von Lettern,
mit dem der Rand gesprenkelt war,
wie musste er ihn niederschmettern,
erkannt er Monat erst und Jahr!

Das Sorgenkind, das er erworben,
Geschwister hatte hier zuhauf,
und alle waren sie verdorben,
so stand’s in ihrem Lebenslauf.

Was soll aus diesem Fakt man schließen,
dass hier nur Ladenhüter sind?
Dass Menschen Sülze nicht genießen –
oder wie ich genauso blind?

So oder so kein gutes Zeichen.
Drum, Bürger, kritisch stets geguckt:
Besehen, prüfen und vergleichen,
vor allem, wenn was klein gedruckt!

P. S.

Das gilt gewiss in diesen Landen
nicht minder für die Politik.
Auch hier Hautgout von Schmu vorhanden –
faule Versprechen in Aspik.

Geisterstunde

Geisterstunde‘s ist Mitternacht, und keine Geister
ringsum zu sehen und zu hörn;
und ich, zum Glück, bin auch kein Meister,
sie tollkühn selber zu beschwörn.

Gespenstisch immerhin die Stille,
in die die Kammer eingetaucht,
als ob da ein geheimer Wille
zu dunklen Plänen sie noch braucht.

Den Flur auch fühle ich im Nacken
wie einen Panther, sprungbereit,
mich jäh mit einem Satz zu packen –
o Rachen dieser Dunkelheit!

Von Nachbarschaft kein Lebenszeichen.
Kein Lachen, kein erstickter Laut,
nicht einmal Schlurfen oder Schleichen –
Geräusche völlig abgebaut.

Sollt man nicht wenigstens erwarten,
wie’s doch nach zwölf zu gehen pflegt,
dass aus der Träume wildem Garten
die Nachtigall des Schnarchens schlägt?

Ja, selbst die Piste der Boliden,
die Durchgangsstraße vis-à-vis,
sie schloss wohl einen Königsfrieden
heut mit der Autoindustrie.

Nur hier mein Schauplatz der Gesänge
zeigt nach wie vor des Lebens Spur –
des Küchenkosmos Sphärenklänge:
Gebrumm der Heizung, Tick der Uhr.

Nach dem Sturm

Nach dem SturmGrad schossen noch die Feuergarben
Fontänen gleich zum Himmel auf,
zum Strauß sich weitend glüh’nder Farben,
zerfallend noch im schönsten Lauf.

Grad dröhnten noch die Böllerschüsse
fast ohne Pause in die Nacht,
weil diese optischen Genüsse
noch eindrucksvoller, wenn es kracht.

Nun ist der Funkenflug verloschen,
der letzte Donnerschlag verhallt,
die letzte Garbe ausgedroschen,
an der sich Kugeln bunt geballt.

Und wie nach des Gewitters Wüten
die Welt am Schweigen sich erquickt,
so übt sich nun in tiefstem Brüten
das Firmament, so weit man blickt.

Da denk ich so bei meiner Rebe,
die lautlos mir die Kehle netzt:
Ja, wenn es ein Nirwana gäbe,
dann wär es diese Stille jetzt.

Nicht dass ich Feuerwerke hasste,
weil eitel Flitter sie und Tand;
doch immer schon mir besser passte,
wenn ausgestanden Lärm und Brand.

Und wäre diesem großen Frieden,
der des Spektakels Erbe ist,
ein Schlückchen ab und zu beschieden –
am Ende würd ich noch Buddhist!

 

Hörbuch

Hörbuch2Was hat in seinem Wissensdrange
der Mensch nicht alles spitz gekriegt,
und ist doch vieles, was schon lange
im Dunkeln unbehelligt liegt.

Noch offen, wenn ich mich nicht täusche,
ist die, gewiss von großem Wert,
Kulturgeschichte der Geräusche,
die uns der Laute Wandel lehrt.

Die müsste wer mal vor sich nehmen,
der mit Phonetik gut vertraut
und diesen Laut-und-leis-Extremen
historisch auf die Finger schaut.

Warn dermaleinst vielleicht die Glocken
das Lärmigste in Stadt und Land,
das Volk zum Gottesdienst zu locken,
zu warnen auch bei Sturm und Brand?

Und kommt vielleicht an zweiter Stelle
der morgendliche Hahnenschrei
als Herold erster Tageshelle
und dass es Zeit zum Placken sei?

Und dann das Rumpeln und das Knarren
als Echo eines stein’gen Stegs,
wenn reifbeschlagne Bauernkarren
mit Kraut und Rüben unterwegs?

Vernehmlich auch das Hundebellen,
das bis zum nächsten Dorfe drang,
wo selbst noch in den sichren Ställen
die Viecher furchtsam auf Empfang.

Doch glaub ich, das Gebrüll der Bullen
noch alles andre überstieg;
dagegen warn die Schweine Nullen
mit ihrm Gegrunze und Gequiek.

Der Ruf des Kuckucks, Gänseschnattern,
die Kirmes mit Gejohl und Schwof,
die Hühner, die in Panik flattern,
zeigt sich der Fuchs auf ihrem Hof.

Das wär so meine Blütenlese
an Klängen der Vergangenheit,
so eine Art von Anamnese
für dieses chron’sche Ohrenleid.

Der Pegel ist seitdem gestiegen –
wie, wüsst ich gern in Dezibel.
Maschinen in den Lüften fliegen
wie einst der Engel Gabriel.

Und auf den Straßen röhrn Motoren,
da kommt kein Sechzehnender mit,
und balzen so aus vollen Rohren
zwölf Stunden Tag für Tag im Schnitt.

O Bagger du, o Presslufthammer,
zweihundert Jahre alt noch kaum,
wie machtet ihr zur Folterkammer
seither den öffentlichen Raum!

Die Studie her – nach Zeit und Ländern,
den Fortschritt hörbar auch zu maln!
Natürlich wird sie dran nichts ändern –
doch zeigen, welchen Preis wir zahln.