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Kleines Bekenntnis

Kleines BekenntnisAm Firmament die trauten Lichter
im rauen Hauch Gewölks erstickt;
der Himmel wie ein einz’ger Trichter,
aus dem die schwarze Tiefe blickt.

Was soll der Nacht ich abgewinnen,
wenn sie nicht funkelt und nicht blinkt;
wie meinen Musenfaden spinnen,
wenn mir kein Stern ‘nen Schimmer bringt?

Da heißt’s die eignen Kräfte sammeln
und höh’re Hilfe gern entbehrn –
aus voller Brust, und sei’s nur Stammeln,
sein schluchzend Herz nach außen kehrn.

Doch wem und was soll ich bekennen?
Das Feld der Liebe liegt ja brach,
und keine Leidenschaften brennen,
nicht einmal ältere noch nach.

Auch will ich Augustin nicht gleichen,
der Gott als Sünder sich bekannt
und noch die kleinsten Kellerleichen
demselben groß und breit genannt.

Doch liegt mir daran, zuzugeben,
was ich bisher verhehlt der Welt:
dass dieses müß’ge Rentnerleben
mir manchmal auf die Nerven fällt.

Am Tag erled’ge ich die Dinge,
wie sie im Haushalt stets getan;
zur Abendunterhaltung singe
ich Lieder mir als eigner Schwan.

Doch ist nicht Dichten so wie Golfen
ein Zeitvertreib gesetzter Herrn,
die lendenlahm und unbeholfen
sich gegen die Verrostung sperrn?

Wie gerne schlüg ich meine Zeilen
nicht ungelenk ins Blaue nur,
bloß um ein Steckenpferd zu reiten,
das angesehen und à jour!

Am liebsten wäre mir, sie schafften
in tausend Herzen es hinein,
um da wie Kletten anzuhaften
und ihnen Ohrwurm stets zu sein.

Das würd ein wenig mich versöhnen
mit dem Retour zum Kinderspiel:
Die Welt verbessern und verschönen –
ach, auch für Rentner noch ein Ziel!

Auf Etiketten achten

Auf Etiketten achtenWenn ich doch seine Kunst erreichte,
so innig und so delikat,
die Pinselführung, diese leichte,
die Töne fein, doch niemals fad!

Ein Meister unsrer alten Zeiten,
dem gern ich nachgeeifert hätt:
Da seh ich rot und schwarz sich breiten
den Namen auf dem Etikett.

Man hat ihn einem Wein gegeben –
sei’s, weil Int’resse er erregt,
sei’s, weil der stolze Herr der Reben
zufällig just den gleichen trägt.

Wie immer auch, der gute Tropfen
macht seinem Schöpfer alle Ehr;
den Keller damit vollzustopfen,
fürn Kenner keine Schande wär.

Im Übrigen hab ich befunden
in Colmar mich vor Jahr und Tag –
vor der Madonna, die umwunden
dornröschengleich im Rosenhag.

Womit nun endlich auch die Frage
geklärt wär, was geschrieben steht:
„Schongauer, Martin“. Beste Lage
für Traube und für Malgerät.

So möge er uns stets erhalten
lebendig im Gedächtnis sein –
wenn nicht als Meister unsrer Alten,
so wenigstens als guter Wein.

Rentner-Stillleben

Rentner-StilllebenDas Wetter: keine Eskapaden;
auch sonst nichts, was der Rede wert.
Den Tag geschaukelt ohne Schaden,
zumindest hier am heim’schen Herd.

Zum Einkauf kurz mal raus gewesen
und frischen Proviant gefasst;
viel Kaffeetrinken, Schmökerlesen,
auch Nachrichten mal abgepasst.

Und nachgeguckt, ob eingegangen
an Post was von Bedeutsamkeit –
auf analogem Weg, dem langen,
oder in Elektronenzeit.

Sonst auf dem Bärenfell gebettet,
von allerlei Motorn umröhrt;
nein, Wäsche zwischendurch geplättet
und dabei Händel zugehört.

Ein Auszug aus dem Rentnerleben,
der keine Überraschung birgt.
So oder ähnlich ist das eben,
wenn man am Tuch der Muße wirkt.

Man wird ja nicht mehr angetrieben,
ist auf Gelassenheit gepolt.
Was heute ungetan geblieben,
wird…irgendwann mal nachgeholt.

Das gilt nicht weniger fürs Dichten.
Bevor es mir Beschwerden macht,
will lieber ich darauf verzichten.
Man sieht sich, tschüs. Und gute Nacht!

 

Geleitzug

GeleitzugAls grad ich aus dem Fenster schaute,
nur einfach so und vor mich hin,
sah ich die Straße, die vertraute –
und jäh ‘nen großen Fisch darin.

Ja, einen von der Riesensorte,
der gerne mit Gorillas schwimmt,
das heißt mit Bodyguard-Eskorte,
adrett auf Reih und Glied getrimmt.

Er also sicher in der Mitte,
geschützt wie’n Steinzeit-Unikat,
und rings (nur fähige und fitte)
die Bulln auf ihrem Blaulicht-Krad.

Und schon vorbei die Karawane,
Sekunden währte nur der Spuk –
es düst mit einem Affenzahne
wer weiß wohin der bunte Zug.

Der muss an keiner Ampel halten
und treibt die Schafe aus dem Weg –
so sah ich ‘nen Gewalt’gen walten
mit allem Pomp und Privileg.

Ich konnt ihm nicht ins Auge blicken,
zu weit war ich von ihm getrennt.
Doch wer denn sonst macht solche Zicken,
wenn nicht der höchste Präsident?

So einen kann man nur beneiden;
sein Abgang selbst wird einmal stark:
In Schwarzrotgold wird man ihn kleiden,
ein Adler hüten seinen Sarg!

Kürzer treten

Kürzer tretenOh, alles kann man kürzer sagen –
doch gilt das auch für ein Gedicht?
Informationen übertragen –
so dröge ist sein Zweck doch nicht.

Zwar will es etwas uns verkünden,
doch nicht als Fakt wie’n Paragraf
und auch nicht wie ein Herr von Pfründen
dem frommen Volk im Kirchenschlaf.

Es will sich nur der Dinge freuen,
nicht nüchtern und nicht salbungsvoll,
ein Sträußchen bunter Blumen streuen
ins strenge Lebensprotokoll.

Sollt aber dies ihm kurz gelingen,
dann zügle es der Verse Lauf!
Euch reicht es schon mit meinem Singen?
Hurra, dann höre ich jetzt auf!

Störenfriede

StörenfriedWohl zigmal hat die Uhr geschlagen,
ich hab es aber nicht gehört.
Ein Reimwort lag mir auf dem Magen.
Brauch wohl ‘ne Kuckucksuhr, die röhrt.

Ein Wunder, dass so weltvergessen
ich überhaupt hier hocken kann!
Die Gegend habe ich gefressen
(des Lärmes wegen) dann und wann.

Nicht nur, dass die normalen Kisten
hier in der City grad sich scharn,
nein, hier verlaufen auch die Pisten
für Flitzer, die mit Blaulicht fahrn.

Und sei das Licht auch noch so leise,
umso gewalt’ger dröhnt das Horn –
und kaum verklungen diese Weise,
beginnt da hinten sie von vorn!

Am liebsten würd ich mir verstopfen
die derart malträtierten Ohrn;
doch wär mit so ‘nem Abstellpfropfen
ja auch das Telefon verlorn!

Das ist der Stoff für Trauerspiele:
Mach, was du willst, es ist verkehrt.
Selbst in ‘nem andren Domizile,
wer weiß, was da dir widerfährt!

Du musst dich in dein Los ergeben,
in alles auch, was trüb und trist.
Der wunde Punkt, das ist das Leben;
es juckt, bis es zu Ende ist.

Technik total

Technik totalWie nicht die Übersicht verlieren –
politisch, technisch, wie man will?
Entwicklung heißt, sich komplizieren;
wann steht der Fortschritt jemals still?

Und immer kürzre Intervalle
von der zu dieser Novität.
Als Kunde sitzt man in der Falle:
Wer nicht gleich zugreift, kommt zu spät.

Dafür gibt’s weitere Funktionen
und, heißt es, mehr Bedienkomfort,
‘nen Führer auch durch die Versionen,
dick wie ‘s Brevier vom Herrn Pastor.

Wenn man denselben dann nach Wochen
verzweifelt aus den Händen legt,
ist keineswegs mehr ungebrochen
der Spaß, den man für Neues hegt.

Die Möglichkeiten, die da stecken,
uns meistens eh nicht int’ressiern,
so dass wir viele erst entdecken,
wenn wir das Prachtstück ausrangiern.

Ich sag es endlich mal präzise:
Ein Smartphone hab ich neuerdings
und damit auch die große Krise –
so was bedient man nicht mit links.

Die schöne Verskunst lass ich liegen,
den Musenacker unbestellt,
doch Finger über Tasten fliegen –
erfolgreich wie La Manchas Held!

 

Muse und Milieu

Muse und MilieuWas für ‘nen Roten ich da schmecke!
Ach, nicht was ihr euch dabei denkt.
Vom Supermarkt hier um die Ecke,
für ein paar Euros, fast geschenkt!

Und trägt doch auf der Gürtelschnalle
die Herkunft deutlich als „Bordeaux“
und, noch eins drauf in diesem Falle,
die noble Lage des „Château“.

Mit einem Wort, er ist mir teuer,
weil meinen Wünschen er entspricht
und an dem Gaumenabenteuer
mein mürber Beutel nicht zerbricht.

Ihr seht, ‘s ist alles noch beim Alten:
Der Tropfen, feierlich geweiht
den Göttern, die die Kunst verwalten
im hochgeschlossnen Musenkleid.

Das Flämmchen, das ein Stück daneben
graziös auf seinem Dochte tanzt,
ein Lichtlein an die Hand zu geben
dem Herrn, der neue Zeilen pflanzt.

Und ringsherum, grad frisch gestrichen,
der Küche altbewährtes Flair –
doch nicht mehr gräsig und verblichen,
nein, rein wie Venus aus dem Meer.

Sollt irgendetwas mir gelingen,
so liegt’s an diesem Drumherum;
versagen meine Geistesschwingen,
bin ich zum Fliegen halt zu dumm.

Fortschritt Fahrradfahren

Fortschritt FahrradfahrenDie Meinung scheint sich zu verbreiten,
dass Mann und Frau so ziemlich gleich
und Letztre anders als vorzeiten
dem Ersteren das Wasser reich.

Doch dabei scheint es auch zu bleiben –
ein Credo, das die Lippe käut,
um bloß es in den Wind zu schreiben,
der es als heiße Luft verstreut.

Man muss nur auf die Löhne schauen,
schon sieht man das Prinzip dabei:
Ein Ei für unsre lieben Frauen,
für unsre braven Männer zwei.

So geht das auch mit Positionen –
die Frau krebst eher unten rum;
in höchsten Chefetagen thronen
sich Kerle meist den Hintern krumm.

Das ändert sich nicht von alleine,
da braucht’s ein höheres Dekret,
das macht der Gleichbehandlung Beine
und nimmt die Sünder ins Gebet.

O Hermes, du beschwingter Bote,
der Händler und der Diebe Gott,
verhilf uns zu ‘ner Frauenquote,
mach Fairness und Talente flott!

Und wenn du dann dem Wirtschaftsleben
Impulse wunderbar verliehn,
magst auch dem geistlichen sie geben,
dass sie am gleichen Strange ziehn.

Denn während in den sel’gen Himmeln
viel Fraun als heilig hochgeehrt,
bleibt ihnen hier beim Glockenbimmeln
das Amt der Priesterin verwehrt.

Es hinken ja die Klerikalen
stets hinterher dem Weltniveau,
weil Gottes Mühlen langsam mahlen –
die alten Säcke wolln es so.

Drum lasset uns die Hände falten,
dass Einsicht sie erleuchten mag –
recht zügig unsre Staatsgewalten,
die Kirche bis zum Jüngsten Tag!

P. S.
Der Fortschritt, sei er noch so träge,
kommt mit den Jahren doch voran:
Selbst in der Wüste bahnt er Wege,
lässt Frauen Fahrrad fahrn – mit Mann.

Versmaß

VersmaßIst denn der Mond schon aufgegangen?
Oh, fragt was Leichteres mich heut.
Mit Wolken alles dicht verhangen,
kein Fünkchen, das da Licht verstreut.

Doch vom Gefühl her würd ich sagen,
dass es schon ziemlich spät sein muss.
Kaum hier und da noch mal ein Wagen
in des Verkehrs verdünntem Fluss.

Kaum noch mal eines Menschen Kehle
im dumpfen Straßenplauderton,
kaum die ‘ner großen Säuferseele,
die heimwärts rollt mit tausend Phon.

Und ringsherum auch dieser Kasten,
in dessen Schublade ich haus,
scheint mir schon feierlich zu fasten
mit Stille wie ‘ne Kirchenmaus.

Aus meiner Ruhe hat seit Stunden
kein schriller Anruf mich geweckt,
nicht mal ‘n „Verzeihung, falsch verbunden“ –
als wär das Telefon defekt.

Na ja, mögt ihr vielleicht jetzt denken,
die Zeichen deuten schon auf Nacht,
doch können erst Gewissheit schenken,
wenn ein Beweis auch beigebracht.

Auch daran soll es euch nicht fehlen:
Hab ich denn kein perfektes Maß?
Ich muss nur meine Verse zählen
und weiß, wie lange ich hier saß!