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Exil nebenan

Exil nebenanDer Schauplatz meiner Eskapaden
mir heut nicht zur Verfügung steht;
man hat da Eimer abgeladen,
Farbtöpfe, Pinsel, Malgerät.

Ihr seht, die Küche wird gestrichen –
als Ort auch, wo man dichten kann.
So bin ich denn mal ausgewichen
in dieses Zimmer nebenan.

Na klar, zum Wohnen und Verweilen
ist’s mir genauso lieb und wert,
doch mit den Strophen und den Zeilen
läuft’s nicht so gut wie da am Herd.

Es wird wohl an den Wänden liegen,
die irgendwie hier anders stehn,
den Lampen, die sich anders biegen,
mit ihrem Licht mir zuzusehn.

Der Stuhl auch oder besser: Hocker
gewährt mir nicht das Sitzgefühl,
mit dem ich sonst ganz leicht und locker
am Grabbeltisch der Musen wühl.

Am meisten aber ‘s Fabulieren
sich an dem Arbeitstisch hier reibt,
der so versifft ist mit Papieren,
dass nicht mal Platz fürs Kerzchen bleibt.

Was nützen Regeln und Talente,
wenn es an Schwung dir fehlt und Kraft!
Die halbe Miete ist Ambiente –
he, Meister Pinsel: Bald geschafft?

Großreinemachen

GroßreinemachenEin kurzer Blick: An Ort und Stelle
das alte Kücheninventar.
Vom Kochtopf bis zur Suppenkelle
steht alles stramm. Unwandelbar.

Das gilt natürlich für die Schränke,
für Waschmaschine, Herd noch mehr,
dern müde Glieder und Gelenke
der Bodenständigkeit Gewähr.

Ein Bild des Friedens und der Ruhe,
seit Ewigkeiten unverrückt –
wie eine mächt’ge Eichentruhe
mit Eisenschlössern rings bestückt.

Doch mag sie sich auch nicht bewegen,
sie mag auch nicht versteinert sein:
Längst frisst der Rost an den Beschlägen,
längst färbt der Staub sie schwärzlich ein.

Das hat mir lange schon gestunken –
doch mehr dem Auge als der Hand;
am Ende wär’s in Dreck versunken,
mein sauberes Schlaraffenland.

Und ewig dieses Magendrücken
und dies Gewissen, bös zernagt –
kurzum, gleich morgen Stühlerücken,
Großreinemachen angesagt!

Ein Maler kommt, es einzuspinnen
in Plastikfolie mit Fleiß,
lässt Farbe auf und ab gerinnen,
und es entpuppt sich – blendend weiß.

Lichtspiele

LichtspieleNun klappt der Himmel seine Pforten
mit tausenden von Lichtern auf,
dass er uns zeige allerorten,
was er verhehlt im Tageslauf

Da über blau verhängten Tiefen
sich grell gebreitet Sonnenglut,
die Sterne bergend, die da schliefen
den Fischlein gleich am Grund der Flut.

Und wie’s in ungetrübten Bächen
ja immer fröhlich blitzt und blinkt,
so funkeln nun die Himmelsflächen,
durch die das Bild der Sterne dringt.

So traulich wie aus dichten Zweigen
winkt warm dies Licht aus dunklem Raum –
als ob’s nach Äpfeln dufte, Feigen,
nach Weihnacht und nach Tannenbaum!

Ein Flämmchen hat nicht seinesgleichen,
wenn’s irgendwo im Finstern glimmt
und uns als Trost- und Hoffnungszeichen
so feierlich wie Kinder stimmt.

Im Dämmer auch der Kathedralen,
in gottgeweihtem Staub und Stein,
wie gern wir für ein Kerzlein zahlen
und seinen süßen Heil’genschein!

Bewahrn wir uns die Illusionen
vom milden Licht des Weltenbaus:
Die friedlich strahlenden Photonen –
des Kosmos Hölle speit sie aus.

Massentierhaltung

MassentierhaltungDa liegt er vor mir, dieser Haufen
zu Stein gewordner Symmetrie,
zementne Ställe, Futterraufen
fürs Feierabend-Menschenvieh.

Ich seh sie förmlich, wie sie hausen
in ihren Boxen DIN-A-X
und in den Krimi-Werbepausen
nach Nachschub flitzen („Käsesticks!“).

Es ist den beiden Menschenbeinen
mehr Freiheit immerhin gewährt
als Ochsen, Gäulen oder Schweinen
mit ihren viern – und noch ‘nem Stert!

Die braucht’s natürlich für die Wege,
die tausendmal am Tag man geht
für Körper- und für Geistespflege:
zum Kühlschrank oder Glotzgerät.

Ansonsten ist nicht mehr vonnöten,
da tut’s der Mensch dem Huftier gleich:
käut seine letzten Alltagskröten
und träumt im Stroh vom Himmelreich.

Am nächsten Morgen heißt es wieder:
Nun fix mal auf die Koppel raus!
Da brennt man dir was aufs Gefieder
und schickt dich abends tot nach Haus.

Nach so ‘nem wahren Hundeleben
frisst du der Rente Gnadenbrot.
Brauchst keinem Pfötchen mehr zu geben –
nur Charon noch, dem Mann im Boot.

Heute musenfrei

Heute musenfreiAls wär heut weiter nichts geschehen,
dreht sich die Erde in die Nacht;
man hört noch ihren Atem gehen,
doch schon zum bloßen Hauch verflacht.

Mit ihrem Tagewerk zufrieden,
entschlummert sie zur sel’gen Ruh
und deckt was kreucht und fleucht hienieden
auch mütterlich mit Sternen zu.

Dies Vorspann nur – und nun zur Sache:
Zumindest einer hockt hier noch,
der, dass die Muse ihm erwache,
sich in die Falle nicht verkroch.

Wir ham’s ja alle wo gelesen
(wohl wissend, dass Gedrucktes wahr):
Nur ausgesprochen scheue Wesen
den Künsten der Parnass gebar.

So muss ich wirklich öfter warten,
bis meine Schwester nicht mehr schweigt
und mir den dorn’gen Weg zum Garten
der blüh’nden Liederbeete zeigt.

O wie ich dann zur Hacke greife,
dass mir dies Wunder auch gelingt
und nach ‘ner tierisch kurzen Reife
mir schon die Frucht entgegenspringt!

Dann lächelt sie wohl auch bisweilen,
wenn ich mich wieder mal verhau
und statt der hübschen Blumenzeilen
nur Quecke krieg und Bärenklau.

Doch ohne mich groß anzupflaumen,
dass ich ein echter Schussel sei,
leiht sie mir ihren grünen Daumen
zum Wohle meiner Gärtnerei.

Dann solltet ihr’s mal sprießen sehen,
o Fülle und o Fantasie!,
und alles doch geordnet stehen
zum Bild vollkommner Harmonie.

Ach, wenn nicht ihre Hilfe wäre,
was brächt mein eigenes Bemühn?
Der höchste Stolz der Dichterehre –
statt Rosen graues Immergrün!

Ja, grade heute lässt die Gute
mich launisch wieder mal im Stich,
dass ziemlich elend mir zumute,
weil hier nur einer werkelt: ich.

So also sieht es auch, ihr Lieben,
betütert mich die Muse nicht.
Sagt, ist es in den Wind geschrieben,
sagt, riecht’s entfernt noch nach Gedicht?

Aussicht

AussichtWie ungern würd im nächsten Leben
ich flattern nur als Schmetterling,
nur trunken über Blüten schweben,
bis mich ein flotter Vogel fing.

Wie wenig würd es mir behagen,
kröch bäuchlings ich nur hin und her,
um fetten Mäusen nachzujagen,
bis ich des Habichts Beute wär.

Auch wünschte ich mir keine Flossen,
mit denen ich durchs Wasser hetz,
bedroht von größ’ren Artgenossen,
von Angel, Reuse oder Netz.

Kein bisschen könnte mich erwärmen
des Froschs versumpfte Lebenswelt:
ein Teich, umtanzt von Mückenschwärmen;
ein Storch, der ihn im Schnabel hält.

Und soll der Himmel mich bewahren,
mich dermaleinst als Huhn zu sehn –
gerupft bald, um im Topf zu garen,
wenn nicht am Spieße mich zu drehn.

Als Aussicht eines künft’gen Lebens
sei auch der Haushund mir versperrt:
Ein treuer Sklave, der vergebens
am Zügel seiner Knechtschaft zerrt.

Auch würd ich wenig darauf geben,
käm ich als Löwe auf die Welt,
womöglich hinter Gitterstäben
oder im luft’gen Zirkuszelt.

Als Grashalm selbst auf üpp’gen Auen
wär mir die Lebenslust vermiest
der Mäuler wegen, die da kauen,
was ihnen grün entgegensprießt.

Und schließlich hab mit Buchen, Eichen
genauso wenig ich im Sinn –
die dämmern ja, lebend’ge Leichen,
Jahrhunderte nur vor sich hin.

Nach einem Dasein ich mich sehne,
das friedlich und von Ängsten frei –
und dass nicht Hase noch Hyäne,
geschweig’ denn Mensch ich wieder sei!

Kleiner Unterschied II

Kleiner UnterschiedJa, ja, ihr müsst euch nicht bemühen,
ich weiß schon, was ihr sagen wollt:
Dieselben Sterne sind’s, die glühen,
derselbe Mond ist’s, der da rollt.

Der Bruder und die tausend Schwestern,
natürlich bleiben die sich gleich,
sind selbst auch sie nicht die uns gestern
gestrahlt vom hohen Himmelreich.

Doch werden sie nicht drunter leiden,
dass wieder sie ‘nen Tag verlorn,
sie können ewig weiter weiden
und ewig weiter ungeschorn.

Die Schafe aber, die hienieden
das Bittergras der Erde kaun,
gehn ein bald in den letzten Frieden,
um weiß der Teufel was zu schaun.

Da drüben diese Hausfassaden:
wie Zeit, in Glas und Stein geprägt,
und hängt doch schon am seidnen Faden
ein jedes Herz, das da wo schlägt.

Das ew’ge Gleichmaß unsrer Tage,
die Stunde, die nur heimlich flieht,
verschweigen, dass die Lebenswaage
beständig uns zu Boden zieht.

Und eines Tags, die Sterne rollen,
der Mond glüht wieder rosig frisch,
ist der Poet im All verschollen.
Ein Weinfleck trocknet auf dem Tisch.

Nachbar Noah

Nachbar NoahDa liegen friedlich sie und schnarchen
sich von des Tages Sorgen frei
in ihren fest vertäuten Archen
fernab vom Immobilienhai.

Und keine Sintflut kann sie schrecken,
kein Blitz, der aus den Wolken fährt,
kein Donner sie aus Träumen wecken,
der sie das große Fürchten lehrt.

Die städt’schen Fluten eher nippen,
Naturgewalt ist zahm und matt;
kein Schiff zerschellt hier an den Klippen,
keins landet auf dem Ararat.

Die einzigen Erschütterungen,
die Angst bereiten und Verdruss,
entstehn, wenn höher sich geschwungen
die Miete, die man löhnen muss.

Was allerdings nach fester Regel
sie rhythmisch immer wieder tut,
indem ihr Spiegel und ihr Pegel
nach oben rückt in Richtung Flut.

So füllt der Hai sich seine Scheuer –
Tribut, dass er nicht tödlich beißt
und dieses Archenabenteuer
mit weitem Rachen nur umkreist.

Das Gute nur bei allen Lasten,
wie sie beharrlich sich erhöhn:
Ich halt’s wie Noah mit dem Kasten
und trink ihn mir mit Trauben schön.

 

Farbwechsel

FarbwechselBaron von Crailsheim, hab die Ehre!
Visitenkarte: Kabinett.
Ob ich den Zutritt ihm verwehre?
Geschmack macht Eitelkeiten wett!

Ein Müller-Thurgau, dröge Sorte,
in einem Beutel aufgebockt,
kam heut mir an die Musenpforte
der Küche, wo ich grad gehockt.

Ich hab ihn reserviert empfangen
und von der Seite erst beschielt,
weil meines Weines Farbverlangen
zurzeit ins Rötliche mehr spielt.

Doch soll man nicht zu kleinlich denken –
der Gaumen fäll das Urteil hier:
ob ihm das Gastrecht sei zu schenken,
ob man hinaus ihn expedier.

Und auch das Hirn soll bei der Sache
noch sprechen ein gewicht’ges Wort:
ob denn die Fantasie erwache
in seinem Oberstübchen dort.

Nach ein’gen Gläsern, die ich wegen
just dieser Frage nur probiert,
muss ich erkennen, dass der Brägen
wie auch die Kehle ihn goutiert.

Doch muss die Lyra drunter leiden?
Nun, was des Safts Ertrag betrifft,
magst du, Geneigte, selbst entscheiden –
lies einfach diese Niederschrift!

Nachwachsen

NachwachsenMit einem Mal ist es verschieden,
das Kerzchen, unbeachtet fast,
und aus dem wächsern-weißen Frieden
reckt sich des Dochts verkohlter Ast.

Was hab ich ihm nicht zu verdanken,
der kleinen Flamme treuem Wirt,
wenn nächtlich ich auf morschen Planken
durchs Meer der Fantasie geirrt!

So wie in Finsternis ein Feuer
den Weg uns weist zum sichren Strand,
so war es Stütze mir und Steuer,
damit ich immer Boden fand.

Doch nicht in ungewisser Weite
stand fest und segensreich es da,
es glomm mir ja direkt zur Seite,
rechts vor mir und zum Greifen nah.

Und nicht wie an der fernen Küste
der Leuchtturm nur die Richtung leiht –
mein Lichtlein stillte auch die Lüste
nach Wärme und Behaglichkeit.

Ist es auf ewig mir verloren,
dies Flämmchen, still und musenfromm,
dass ich nie wieder ungeschoren
in des Poeten Hafen komm?

Ein neues rasch ich mir erwähle
als meiner Fahrten Schirm und Schild –
auch dies der Glut in meiner Seele
sich stets verzehrend Ebenbild.