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Mobil

MobilBisweilen wälzen sich noch Wagen
die asphaltierte Piste lang,
um Leute durch die Nacht zu tragen
mit ungebrochnem Tatendrang.

Oder, was weiß ich, auch nach Hause,
wo ihre Puschen deponiert
und man die Feierabendpause
mit einem Gruselfilm goutiert.

In jedem Fall, die Blechschatulle,
von jedermann geschätzt wie Gold,
gemütlich oder volle Pulle
die Menschheit durch die Gegend rollt.

Bequem, mit wetterfester Haube,
erreicht sie Ziele nah und weit –
daher der immobile Glaube
an ihre Unentbehrlichkeit.

Doch bringt sie leider auch Blessuren
bis hin zur letzten, die entseelt;
in unsern Städten, unsern Fluren
ruhn ihre Opfer ungezählt.

Und wie sie die Natur zerschnitten
mit tausend Wunden kreuz und quer,
dass Mensch und Tier darunter litten,
als ob’s nicht mehr die ihre wär!

Doch davon will man lieber schweigen,
nur ihres Nutzens eingedenk –
und sich trojanisch dankbar zeigen
für Daimlers Danaergeschenk.

Innovation

InnovationNun bin ich ja schon dreißig Jahre
an diese Bude angedockt,
die mir nicht nur die meisten Haare,
auch manchen Seufzer schon entlockt.

Der größtenteils indes gegolten
Erscheinungen der Außenwelt,
die mich nicht leben lassen wollten
so ungestört, wie’s mir gefällt.

Hier drinnen, muss ich ehrlich sagen,
da drückte weniger der Schuh
und förderte mein Wohlbehagen
die wandellose Friedhofsruh.

Doch heute in des Tages Helle
und nicht gehemmt von Damm und Deich,
schlug über mir ‘ne Mikrowelle
zusammen, ‘nem Kaventsmann gleich.

Gestiftet von ‘nem lieben Wesen,
das immer Gutes nur im Sinn.
Nun muss ich Instruktionen lesen,
damit ich nicht ersauf darin!

Was ich schon jetzt begriffen habe:
Geht es um Reis und um Ragout,
braucht’s mehr als nur die schlichte Gabe
des „Klappe auf und Klappe zu“!

Da ist ein Arsenal von Knöpfen,
mit denen klug sich’s reguliert,
was, wann, wie, wo in welchen Töpfen
man richtig mikroonduliert.

Und lang die Liste der Vergehen,
die enden in ‘nem Strafgericht –
da kann man Würstchen platzen sehen
und wie ‘nem Ei die Pelle bricht!

Da überschäumen tolle Tunken
mit hitz’ger Wut den Tellerrand,
da liegt, zum Häufchen eingesunken,
des Sauerbratens Leichenbrand!

So’n Apparat zu kommandieren
geht nicht mal eben hoppla hopp;
man muss ein Weilchen drauf studieren,
und selbst als aufgeweckter Kopp.

Drum lässt in diesen schönen Zeiten
man auf Gedeih sich und Verderb
vom Bruder Digitalis leiten,
dass man der Technik Himmel erb.

Doch bald werd selber ich begreifen,
wie sich’s korrekt erhitzt und grillt.
Der Dichter muss zum Fachmann reifen,
damit er seinen Hunger stillt!

Nur auf dem Musenticket reisen
bringt heute höchstens Kohldampf ein.
Im Leben muss man sich beweisen –
poetisch wie ein Sparverein.

Stillleben

StilllebenSäh mich ein alter Niederländer,
er hielt gewiss sich nicht zurück,
griff Leinwand sich und Staffelständer
und malte mich als Küchenstück.

Ein Tisch mit glattgewachster Decke,
die speckig glänzt im Kerzenschein,
mit Würfelmuster, ohne Flecke,
blitzblank geputzt und besenrein.

Darauf, auf zinnernem Tablette,
die Flasche mit dem Rebensaft,
aus wohlbekannter Anbaustätte
vom Mittelmeer herbeigeschafft.

Ein Glas, nach älteren Begriffen
bescheiden eher, ohne Zier,
steht gleich daneben, ungeschliffen,
doch mit dem feinsten Elixier.

Und rings um diese lichte Insel,
die sacht sich wiegt im Strom der Zeit,
bleibt unsres Meisters kund’gem Pinsel
nur noch das Lob der Dunkelheit.

Doch was an Leben fehlt dem Tische,
den nur der Stille Hauch umweht,
legt jener funkelnd und mit Frische
in seiner Stoffe Qualität.

Gut, dass nur tote Gegenstände
auf diesen Schöpfungen zu sehn:
Betracht ich meine Dichterhände –
was wär an Falten fotogen?

Hoch hinaus

Hoch hinausNun, die bedeutendsten Figuren
auf diesem ganzen Erdenball
sind Investoren, deren Spuren
von großem Eindruck überall.

Nicht dass sie Kuhlen hinterließen,
zwar sichtbar, doch wie Füße klein,
nein, Häuser, die zum Himmel schießen,
den Babyloniern nah zu sein!

Und zwar so hoch, dass sie verdunkeln
die Sonne uns am lichten Tag –
was mehren soll, wie manche munkeln,
des Architekten Reinertrag.

Politiker, seit ew’gen Zeiten
dem Kolossalen sehr geneigt,
mit Steuergeldern gern bestreiten,
was sich an Folgekosten zeigt.

Raff der Investor Geld in Haufen,
sie kommen damit gut zurecht;
Leuchtturmprojekte, die verkaufen
im Wahlkampf nämlich sich nicht schlecht.

Konsens herrscht also, zuzupflastern
Natur, zum Bauland degradiert,
und den zu rühmen in Katastern,
der mit dem Bagger gern hantiert.

Erbau’n, verkaufen und vermieten:
der Investoren Lebenstraum
vom Glück der steigenden Renditen
für Fläche und genutzten Raum.

Dass Lebensraum sie so vernichten,
der Wesen angestammten Platz,
sie meinen, locker es zu richten –
mit ein paar Blümchen als Ersatz!

Der Bürger, der im Angesichte
des steinernen Kolosses wohnt,
begreift sehr schnell, dass die Geschichte
für ihn sich auch nicht grade lohnt.

Ließ sonst er gern die Blicke schweifen
bis weithin übers Häusermeer,
muss Fernsicht er sich nun verkneifen,
ein Riesenklotz kommt ihm da quer.

Und während so des Städters Kehle
stets wen’ger Luft zum Atmen hat,
erfrischt der Bauherr seine Seele
am weiten Strand von Trinidad.

Doch was, wenn jemand seiner Güte,
das heißt nur auf Profit bedacht,
der Insel unberührte Blüte
zum Opfer seiner Baulust macht?

Wahrscheinlich würd er sich empören,
dass man sein Paradies ihm klaut,
obwohl im Paradies-Zerstören
er selbst doch reichlich vorgebaut.

Und wenn verbraucht einst das Gelände
und nichts mehr bleibt zum Betoniern?
Was soll’s! Dann wird er halt am Ende
in Dachbegrünung investiern!

Phasenweise

PhasenweiseDenn frisch gewagt, ist halb gewonnen –
ein neues Lied stimm ich hier an,
kaum dass das alte ich begonnen,
das rasch zu Versen mir gerann.

Der Mond hat mich dazu getrieben,
der lang nicht meine Nacht geteilt,
doch heut im Kreise seiner Lieben,
der Sterne wieder mal verweilt.

Wie hohl indessen seine Wangen,
wie bleich am dürren Leib die Haut,
die ich in ros’gem Gelb noch prangen
beim letzten Rendezvous geschaut!

Er kann es nun einmal nicht lassen:
Andauernd diese Licht-Diät –
nur halbe Ladung Sonne fassen,
auch wenn der Bauch nach mehr ihm steht.

Sich immer irgendwas verkneifen,
das macht doch keinen richtig froh.
Wann wird er je ihn bloß begreifen,
den Auf-und-ab-Effekt „Jojo“?

Nur ein paar schlappe Wochen weiter,
dann hat er wieder drauf den Speck –
und unser Mond, kein’ Deut gescheiter,
er hungert ihn sich wieder weg!

Doch wolln wir uns mal ehrlich fragen:
Gleicht er den Menschen nicht so weit,
dern voller oder leerer Magen
auch ewig so im Widerstreit?

 

Beste Lage

Beste LageDer Rote, den ich heut genieße,
wie zärtlich er die Kehle küsst,
statt dass nur rasch und rau er fließe
als nie zu stillendes Gelüst!

Natürlich wollt ihr gerne wissen,
was das denn für ein Tropfen sei
und wo ein solcher Leckerbissen
auf Bacchus’ Erde denn gedeih?

Nun, da ich keine Werbung schalte
im Handwerk, das ich hier betreib,
verzeiht, wenn ich’s für mich behalte
und flüsternd nur „Sizilien“ schreib.

Des Ätna Feuer in den Adern
und dennoch auch bukolisch mild –
doch will ich hier nicht groß salbadern,
was euren Durst ja auch nicht stillt.

Mit einem Wort, mich zu beflügeln,
kommt mir die Rebe grade recht
von ihren sonnetrunknen Hügeln,
wo Tyros’ Söhne schon gezecht.

„Schon fühl ich höher meine Kräfte…“,
wie Goethe sprach voll Dynamit,
dass ich mich an die Verse hefte
des alten Schäfers Theokrit

Und selbst auf dieser winz’gen Weide,
der Küche kachligem Geviert,
demselben nicht die Fülle neide
der Strophen, die er komponiert.

Denn grad im Fortgang dieser Flasche,
die unaufhörlich sich vertropft,
schwillt immer mehr des Waidmanns Tasche,
in die er seine Beute stopft.

Ich nehm dies als ein gutes Zeichen,
dass er ‘ne sichre Hand gewährt,
und werd das Zeug nicht eher streichen,
als bis es sich von selbst geleert.

Noch bleibt ja Zeit zu diesem Ziele,
noch steht die edle Flüssigkeit
hoch überm gläsern-runden Kiele
ich schätze mal drei Fingerbreit.

Das reicht ja noch für zwei, drei Zeilen,
selbst wenn ich zügig sie verzehr
und, ohne groß mich zu beeilen,
mit Sicherheit noch fürn paar mehr.

Doch will ich euch nicht weiter quälen
mit meinem Schaffens-Alphabet
und geh jetzt lieber Schäfchen zählen –
auch ich ein Pastoral-Poet.

Gastfreunde

GastfreundeDie gleiche Szenerie wie gestern,
vor-, vorvorgestern und, und, und…
Ich sitz bei meinen Musenschwestern
und pflege unsern Künstlerbund.

Denn wie sie’s immer schon gehalten:
Sie bringen Pegasus auf Trab
und steigen, göttliche Gestalten!,
in meiner dürft’gen Hütte ab.

Und so betretend meine Schwelle
und mein bescheidenes Gelass,
erheben sie zur Außenstelle
dasselbe gleichsam des Parnass.

Auch er muss mit der Zeit ja gehen,
dass er nicht Jüngerschaft verlier,
und nicht so kleinlich mehr drauf sehen:
„Was ist denn das für ein Quartier!“

Ich will dem Berge nicht bestreiten,
dass reicher er an Pomp und Pracht,
doch etliche Bequemlichkeiten
stehn nicht einmal in seiner Macht.

Die Damen scheinen es zu schätzen,
wenn’s auch zu sagen sie sich ziern,
dass selbst in ihren dünnen Fetzen
im Winter sie bei mir nicht friern.

Kamin und Scheite? Nicht vonnöten.
Nur Heizungsrippen, steif und stumm,
die sich zwar nicht romantisch röten,
doch Wärme streuen ringsherum.

Anstatt der Flammen, züngelnd, zischend,
anstatt des Spans, der knirscht und knackt,
glüht hier ein Lichtchen, das erfrischend
gedämpft an seinem Dochte zwackt.

Auch Nektar heißt’s hier nicht entbehren,
wenn auch nicht echt nach Götterart,
doch nach den Flaschen, die sie leeren,
trifft sie der Unterschied nicht hart.

So plaudern wir ‘ne ganze Weile
an meines Heims Elekroherd,
bis unvermittelt, Zeus!, zur Eile
das Trüppchen treibt sein Flügelpferd.

Und schon sind sie davongeflogen,
kaum dass sie noch Adieu gehaucht,
und neunfach fühl ich mich betrogen
um diese Muse, die man braucht

Um sich was Feines auszudenken,
das kunstvoll man in Zeilen gießt,
es einem Publikum zu schenken,
das es begeistert lobt und liest.

Nur Leergut hat man hinterlassen
an Buddeln, Gläsern und so fort;
jetzt erst einmal ‘nen Feudel fassen
und rundherum klar Schiff an Bord!

Weg mit den Resten und den Flecken –
anstatt des Stifts herrsch nun das Tuch!
Den Barden morgen wieder wecken,
am Abend, wenn sie zu Besuch!

Weitermachen

WeitermachenVersteht den Zauber dieser Stunde:
In schwarzen Flor gehüllt die Nacht
und auf dem feingewirkten Grunde
Millionen Perlen angebracht

Die endlos goldne Funken sprühen –
wie Sonnenstrahlen auf dem Meer,
bevor im Dämmer sie verglühen
oder in See, vom Winde schwer.

Der Mond natürlich, die Laterne
in seiner bleichen Knochenhand,
wie er da sucht im Wust der Sterne
nach seiner Piste unverwandt.

Und unterm himmlischen Geschehen,
das in erhabnen Sphären spielt,
lässt sich ein Stückchen Erde sehen,
das träge schon nach Träumen schielt.

Die meisten Lider sind geschlossen
in der Fassade Steingesicht,
nur hier und da noch ausgegossen
Gevierte mit getrübtem Licht.

Mit diesem Dunkel, aufgezogen
wie ein Gewitter aus dem Nichts,
ist auch die Wirklichkeit verflogen
zu einem Bild des Weltgerichts.

Muss man nicht umso schneller dichten,
von banger Ahnung so bedrängt?
Papier will auf Papier ich schichten,
bis man die Bäume höher hängt!

Nachtlied

NachtliedIm Haus hier alles stumm geschaltet.
Mensch und Gerät, sie ruhn zur Nacht.
Mein Stift nur, der noch nicht erkaltet,
unhörbar die Geräusche macht.

Die Nachbarn, jünger noch an Jahren,
sind schon zum Schlafen abgetaucht,
denn früh heißt’s in die Puschen fahren,
weil irgendwo ein Chef sie braucht.

Doch der Maloche schon entbunden,
kann ich noch etwas müßig gehn
und ganz entspannt in diesen Stunden
den Nachtdienst am Parnass versehn.

So hock ich, um das Bild zu wechseln
vom ew’gen Griechisch und Latein,
heut Abendmahl beim Versedrechseln
in der Poeten Bambushain

Und schlürf mit lieben Gleichgesinnten
ein Schälchen Reiswein ab und zu,
den Pinsel tunkend in die Tinten,
dass Zeichen er und Wunder tu.

Seht selbst, was dabei rausgekommen –
die Strophen liegen euch nun vor;
und bitte lasst, ihr Musenfrommen,
sie freundlich ins geneigte Ohr.

Ich hoffe, dass mit diesen Zeilen
ich irgendwie ins Schwarze traf.
Obwohl…ich musste mich beeilen –
auch Dichter brauchen ihren Schlaf.

 

Ferne Nähe

Ferne NäheDie ich da gestern schon gesehen
und viele Jahre schon zuvor –
die Häuser drüben stehen, stehen,
nie schwätzend, aber immer Ohr!

Kein schöner Blickfang: Mauern, Mauern,
Beton und Ziegel, Grau in Grau.
Vier Stockwerke, die reglos kauern
und ohne Ausdruck: Billigbau.

Mit wie viel Liebe ich euch hasse,
mit wie viel Hass ich euch verehr:
Tagtäglich diese finstre Masse,
allnächtlich dieses Lichtermeer!

Mal stürzen Schauer sich wie Brecher
auf diese Klippen, die bewohnt,
mal geistert über ihre Dächer
zyklopenäugig hin der Mond.

Mal breitet sein gebläutes Laken
der Himmel ihnen übers Haupt,
mal sieht man da die Sonne staken,
mit einem Kranz von Gold belaubt.

Kein Wandel sonst, nur tote Hose;
Paroli jedem Sturm der Zeit.
Im Schlaf das Ganze, in Hypnose.
Nur Wände, schweigend lang und breit.

Bisweilen öffnet sich ‘ne Luke
und zeigt ‘ne menschliche Kontur;
doch kaum gefragt, wer denn da spuke,
klappt zu sie wie ‘ne Kuckucksuhr.

Distanz? So an die fünfzig Meter –
was ja fast null Entfernung ist,
die nur ein schlapper Teppichtreter
als rühmenswerten Weg bemisst.

Des ungeachtet Welten trennen
uns von dem Nachbarn im Quartier,
von dem wir die Fassade kennen,
doch weiter nichts im Jetzt und Hier.

Und ist doch Zeit- und Weggenosse
auf dieser Nonstop-Erdenfahrt
und spielt die gleiche Lebensposse
im kurzen Stück der Gegenwart.

Vielleicht in irgendwelchen Fernen,
in denen sich der Urlaub lohnt,
vielleicht, dass wir da kennenlernen
Frau X, die gegenüber wohnt!

So ist das mit den Städtern eben:
Fast auf den Hacken man sich steht
und möcht um Gottes Willn doch leben
in völl’ger Anonymität.

Geht mir ja auch so, unbestritten.
Drum bleibe weiter stumm und still
der Bau, wo unhörbar inmitten
der Mauern man Kontakt nur will.

Dass er sich an den Hut doch stecke
Mischpoke, die mich eh nicht juckt!
Nun ja, den Hals ich schon mal recke,
wenn sie da aus dem Fenster guckt.