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Manöver

ManöverAuf unserm Staatsschiff, wie ich glaube,
das protzig seine Segel bläht,
bestimmt den Kurs die Steuerschraube,
an der die Alte gerne dreht.

Der Henker weiß, wohin wir treiben!
Das Eldorado sei ihr Ziel,
wir würden uns die Augen reiben:
Ich trau ihm nicht, dem ganzen Spiel.

Ay, ay, an Bord die Offiziere,
die wissen schon, wohin es geht –
im Gegensatz zum Passagiere,
der’s höchstens aus den Sternen rät.

Soll ich euch sagen, was ich denke?
Die flunkert nicht, wenn sie so spricht.
Sie müht sich ja um Goldgeschenke.
Nur eben für den Fahrgast nicht.

Hinter so’m Dickschiff, weiß doch jeder,
steht, und noch überm Kapitän,
der Eigner, also hier der Reeder –
und der will die Penunse sehn.

Da mag sie noch so sehr beteuern,
sie segelte am Winde hart,
um das Gemeinwohl anzusteuern:
Für den geht sie auf große Fahrt!

Die Beutestücke unsrer Reise
falln immer dem Magnaten zu.
Der teilt sie nach des Löwen Weise –
9/10 ich, 1/10 du.

Die Helfershelfer seiner Pläne,
die profitiern ein bisschen mit.
Der Käptn und die Brückenszene,
die machen keinen schlechten Schnitt.

Die aber in Kabinen hocken,
laut, ohne Tageslicht und klein,
missbraucht man, um sie abzuzocken
fürs „Privileg“, dabei zu sein.

Und hilft kein Maulen und kein Motzen,
der Kurs erwecke Übelkeit.
Es bleibt nichts andres als zu kotzen –
ein Jammer, der zum Himmel schreit.

Kleine Möwe, flieg zur Brücke rauf,
bring der Alten, beste Grüße!, dieses Wort:
Selbst die Blinden einst erwachen,
und dann gibt es bannig Zoff an Bord.

Schufterei

SchuftereiDas will mir so’n Berufsbild scheinen,
auf das man nicht studieren kann.
Berichtigt mich. Ich möchte meinen,
da braucht es eh’r ‘nen Selfmade-Mann.

Investor kann man wohl nicht lernen.
Man wird es oder wird es nicht.
Gebäude kaufen und entkernen:
In keinem Studienfache Pflicht.

Vermutlich ist so’n Mensch geboren
für dieses schwierige Metier –
so wie fürs Fleisch die Karnivoren,
so er fürs dicke Portemonnaie.

Und dieses immer prall zu halten,
den Bogen hatte früh er raus:
Das Taschengeld von seinen Alten
trug zinsfroh er der Bank ins Haus.

(Musst er sich Bontjes drum verkneifen?
I wo, war keineswegs der Fall!
Er braucht’ nur kräftig zuzugreifen
bei seinen Kumpels überall.)

Dass Arbeit auch das Geld verrichte,
wenn es nicht faul im Sparstrumpf liegt,
ist was statt Mathe und Geschichte
er von der Schule mitgekriegt.

Man nimmt es lieber aus der Lade
und wählt ein lohnendes Objekt,
das, auch mit steuerlicher Gnade,
mehr einbringt als man reingesteckt.

Am lukrativsten sind die Sachen,
die sich um Stein und Erde drehn.
Mit Bau’n und Buddeln Reibach machen,
das kann im Grunde schief nicht gehn.

So danken wir den Investoren
den Fortschritt, den man dringend braucht:
Hier’n Baumarkt, da, im Grün verloren,
ein Schornstein, der für jene raucht.

Hier’n Einkaufszentrum, das inmitten
sich eines früh’ren Dorfs erhebt,
da ein Hotel, das unbestritten
die Landschaft irgendwie belebt.

Natürlich auch Büropaläste
in bester Lage, Innenstadt,
und tilgend die histor’schen Reste
für immer vom Katasterblatt.

Heißt: Kubisch-funktionale Formen
ersetzen das vertraute Bild,
wobei statt der ästhet’schen Normen
nur des Profits Primat noch gilt.

In Stadt und Land hört man erschallen
der Abrissbirne Glockenschlag
und Gläub’ger auf die Knie fallen
vor ihrem Götzen, dem Ertrag.

Was braucht Soldaten es und Waffen,
die Welt allmählich zu zerstörn?
Man kann’s auch per Rendite schaffen.
(Hiergegen, Raffkes, gern empörn!)

 

Rundgang

RundgangEin kleiner Rundgang kann nicht schaden.
Bewegung. Na, Sie wissen schon.
Und frische Luft. Die Lungen baden.
Kein Internet. Kein Telefon.

Nicht mal in ländlichem Gefilde:
Zum Hauptbahnhof paar Schritte nur.
Und doch strömt herbstlich feuchte Milde
aus diesem Torso der Natur.

Ein bisschen abseits jener Pfade,
auf denen der Verkehr sich staut,
den man bisweilen hört so grade
wie eines Echos fernen Laut.

In diesen stillen Seitengassen,
wo’s Auto lieber ruht als fährt,
hat man den Pflasterstein gelassen
und nicht getiegelt und geteert.

Da ist’s mir wie in Kinderjahren,
als der Asphalt noch nicht in Schwang
und von den Straßen, kaum befahren,
das Surrn der Reifen kräft’ger klang.

Man konnt es schon von Weitem hören,
wenn so ‘ne Karre sich genaht,
und ließ sich kaum beim Spielen stören,
nur kurz mal von der Fahrbahn trat.

Schön, so was grade hier zu finden,
wo man im Leben nicht dran denkt –
Idyll mit Kopfstein und mit Linden,
das auch Erinnerung noch schenkt!

Wie viel im Lauf der Zeit wir ließen,
was einmal teuer uns und wert!
Drum rasch die Reste noch genießen,
bevor ‘n Investor sie verzehrt!

 

Alttiere

AlttiereMillionen und Millionen Arten
besuchen diesen Erdenball,
doch nur ganz wen’ge wollen warten
und fliehn nicht wieder Knall auf Fall.

Dem Affen scheint’s hier zuzusagen,
er hält es 50 Jahre aus,
stopft sich Bananen in den Magen
bis zu den ersten Zeichen Graus.

Ein Grautier schon von Kindesbeinen,
berüsselt und mit Runzelhaut,
der Elefant, so will mir scheinen,
lebt länger noch als Terranaut.

Durch die Savanne seht ihn stampfen,
dass selbst den Löwen es erschreckt,
und 80-jährig Gräser mampfen,
wenn Karnivoren längst verreckt.

Ein Dauergast ist auch der Rabe,
den wird so schnell man nicht mehr los –
wohl weil er dank der Weisheitsgabe
gebrütet einst auf Odins Schoß.

Ja, mit dem Vlies aus schwarzer Seide
und seinem würdevollen Gang
gleicht wirklich er, bei meinem Eide!,
‘nem Richter 90 Jahre lang.

An Alter ihm noch überlegen:
der Papagei, das Plappermaul –
gewiss des schrillen Fummels wegen,
der Ohs ihm sichert und Gekraul.

Wer kann den bunten Vogel toppen?
Wen hält’s hienieden länger fest?
Hört zu, und ohne euch zu foppen:
Das Tier, das ihr Silvester esst!

Nun, das mit Schale und mit Scheren
sich rosig durch die Tiefen zwackt.
Dem Hummer kann man’s nicht verwehren,
dass manchmal er die 100 knackt.

Und sollte es am Wasser liegen?
‘nem Mitbewohner dieser Flur,
dem Stör, den wir nach Zentnern wiegen,
schlägt 150 gar die Uhr.

Was mag ihm so viel Spaß bereiten,
dass in dem salz’gen Sud er schwimmt
und manchmal nur beim Wellenreiten
auch süßen untern Kiel sich nimmt?

Wir werden es wohl niemals wissen,
der Störfall bleibt uns rätselhaft.
Gewiss nicht, dass als Leckerbissen
dem Menschen er Genuss verschafft!

So wird auch jenes Tier nicht denken,
das träg sich wälzt durchs eis’ge Meer,
wenn in den prallen Speck ihm senken
die Feinde den Harpunenspeer.

Der Eskimo auf karger Scholle,
geht, auch wenn’s reichlich tranig schmeckt,
dem Grönlandwale an die Wolle,
zeigt auch vor Greisen kein’ Respekt.

Der aber, kann er Land gewinnen,
wird eines langen Lebens froh
und mag sich manchmal gar entsinnen
entfernt der Schlacht von Waterloo.

So wären wir denn nun am Ende
mit der Aktion Methusalem?
Ach, wenn sich doch noch einer fände!
Natürlich, bin ich denn plemplem?

Wie sollte sie ich denn vergessen,
für biblisch’ Alter doch bekannt?
Die längste Laufzeit ward gemessen
ja an der Schildkröte. Per Hand!

Die Riesin, Gangart: zuckel, zuckel,
was gut zu ihren Jahren passt,
hat oft schon auf dem breiten Buckel
250 – welche Last!

Limit erreicht. Und wo dazwischen
bezieht der Homo Position?
Gewiss nicht bei den großen Fischen,
nur an den Hummer reicht er schon.

Doch statt dass Freude er empfände,
mit zu den Ält’sten zu gehörn,
scheint 100 ihn als Lebensende
im Grund des Herzens zu empörn.

Denn der Beteuerung zum Hohne,
sein Ziel sei das Elysium,
bringt unsrer Schöpfung Dornenkrone
am liebsten seinesgleichen um.

Anstatt in Ruhe zu verzechen
die Zeit, die rasch genug verstreicht,
bemüht er Schießen, Hau’n und Stechen,
dass er sie gar nicht erst erreicht.

Der Erde einz’ger Kostverächter.
Ein Berserker im Paradies.
Ein geistgestützter Rundumschlächter,
der sich noch niemals zähmen ließ.

Demnach ein Tier? Dass Gott bewahre!
Sinkt denn das Tier auf dies Niveau?
Es raubt sich nicht die Lebensjahre.
Denn sterben muss man sowieso.

Maestro

MaestroEr hebt den Taktstock. Totenstille.
Fängt an zu fuchteln: Klang erglimmt –
nach des Maestro Wunsch und Wille
Musik und Musikant gestimmt.

Mit schwenkbar gut geölten Armen
peitscht er Signale in den Saal,
derer die Geigen sich erbarmen
und auch die Pauken Mal für Mal.

Die Bratschen branden in den Reigen,
die Celli jubeln, die Oboen,
Fagotte, Hörner wolln nicht schweigen,
so wenig wie das Saxophon.

Die eifersücht’ge Klarinette,
auch sie hält nicht mehr hinterm Berg,
da alles brünstig um die Wette
sein Herzblut gibt für dieses Werk.

Wie sie nach seiner Pfeife tanzen
und seine Grillen orchestriern,
die mit subtilsten Tonbalancen
den Komponisten koloriern!

Am Ende Taumel der Gefühle.
Kadenz. Finale. Tutti. Schluss.
Kurz Stille. Dann vom Fan-Gestühle
Gejauchze bis zum Überdruss.

Der Meister, ganz in Schweiß und Hitze,
das Haar, genialisch lang, verklebt,
wie riss er wieder mal vom Sitze
den Bürger, der nach Höh’rem strebt!

Der Zauberstab, den er geschwungen,
dass mit der Harmonie es klapp,
hängt wie mit ausgepumpten Lungen
nun schlaff von seiner Hand herab.

Wie oft muss er sich nicht verbeugen!
Wie viele Bravos im Applaus!
Ihm seine Klasse zu bezeugen,
zwingt ihn das Volk zu zig Kotaus!

So lässt er gerne sich verehren,
genießt er Dirigentenruhm,
indes die Jahre sich ihm mehren
zu immer reif’rem Künstlertum.

Wie er es liebt, den Stock zu fassen!
Doch dann die letzte Partitur –
‘ne Passacaglia auf den Gassen!
Getragen. Und Trompeten nur.

Vollmond

VollmondWie ich verträumt und in Gedanken
zum Himmel einfach mal so schau,
seh ich in Wolkenbänken schwanken
den vollen Mond, als wär er blau.

Mal taucht er halb nur aus den Wogen,
mal thront er auf ‘nem Wellenkamm,
doch da er Ölzeug angezogen,
durchweicht es ihn nicht wie ein Schwamm.

Wie feist er glänzt in seinem Kleide!
Und wie heroisch er sich hält,
dass so allein auf finstrer Heide
ihn nicht die nackte Angst befällt!

(Sein Schicksal möchte ich nicht teilen
und lebte ich in Ewigkeit:
als Zeiger nur im Kreise eilen
als Zeiger der verlornen Zeit.)

Er kämpft sich durch. Naturgewalten
diktiern Geschwindigkeit und Bahn.
Mal zu verschnaufen, anzuhalten:
nicht vorgesehn im Schöpfungsplan.

So mag er wohl dem Menschen gleichen,
der zwanghaft rennt in seiner Spur,
indes die Stunden ihm entweichen,
die eh schon knapp bemessen nur.

Ich glaube, wenn die Wahl ich hätte,
zu kurven ewig, aber blind,
oder zu weiln an einer Stätte,
wo sterblich meine Freuden sind

Wär sicher mir das Letztre lieber:
ein Glück, das kurz, doch intensiv –
und eingeschmuggelt als Kassiber
in einen Schlaf, unendlich tief.

Indem ich derlei noch so denke,
kommt mir der Wandrer aus dem Blick –
verschluckt von einer Wellensenke,
verschwunden hinterm Straßenknick.

Statt seiner geht die nächste Frage
mir auf am Seelenhorizont:
Ob meine wen’gen Erdentage
auch wirklich wunderbar besonnt?

Kommando

Kommando„Und jetzt: Das Ganze stillgestanden!
Und rührt euch!“ (Mal auch: Schnarchverein!).
So macht er nach und nach zuschanden
die Bänder, die ihm Stimme leihn.

Doch sollt den Burschen ich benennen,
der sich den Unterhalt erbrüllt,
und mag ich noch so sehr drauf brennen,
mein Brägen sich in Schweigen hüllt.

Ich kenn ihn nur vom Hörensagen.
Ich war nicht Schütze Arsch beim „Bund“.
Hier steht’s (ich habe nachgeschlagen):
Spieß, Schleifer oder Säuselmund.

Die frischen nimmt er, die Rekruten
ins martialische Gebet
und lässt sie in der Mangel bluten,
die er mit wilder Wollust dreht.

So als Sadist und Leuteschinder
prädestiniert für die Armee,
so wär er auch, mit Frack und Binder,
ein Wirtschaftsboss von Kopf bis Zeh.

Wo liegt der Unterschied beim Drillen?
Sei es das Heer, die Industrie –
a) geht’s drum, Konkurrenz zu killen,
b) um die Menschmaschinerie.

Denn nur wenn man zum Aufbegehren
den Willen erst einmal zerstört,
die Lämmer Macht und Reichtum mehren
der wen’gen, denen viel gehört.

Doch will ich nicht vom Thema weichen.
Mir ist’s um den Profos zu tun,
in dessen Kehle ohnegleichen
vulkanisch die Befehle ruhn.

Die kann er aus der Hüfte schießen
fast ohne Ansatz, piff und paff,
dass deshalb längst schon nicht mehr sprießen
die Gräser im Kasernenkaff.

Kann jemand größ’rer Machtentfaltung
sich rühmen auf der weiten Welt?
Von andern fordern Form und Haltung,
dieweil man selbst wie’n Köter bellt?

Was für ein Nichts, das aufgepustet
(dem Ochsenfrosch gleich bei Äsop)
den Rest Verstand schon weggehustet
aus seinem Weichhirnbiotop!

Und doch, man schämt sich, es zu sagen,
Symbol für unsre Wirklichkeit:
Des Daseins größtes Wohlbehagen
blüht dem, der alles überschreit!

Nicht Wissenschaft und Nächstenliebe,
die so viel Gutes tun auf Erd’,
nein, dieses lärmende Getriebe
von Show, Pop, Sport ist Goldes wert.

Doch eben nur für kurze Dauer.
Das Leben hält nicht ewig vor.
Und selbst so’n Prolo, selbst so’n Bauer
zirpt irgendwann im Käferchor.

Das wird dem Schreihals gar nicht munden –
‘ne Friedhofsecke, still und stumm;
und die er grade noch geschunden,
die trampeln nun auf ihm herum!

Auf Pirsch

Auf PirschEin Wechsel, den ich ewig kenne:
Der Tag, der sich in Nacht verkehrt.
Wo eben noch die Dachantenne,
herrscht Finsternis, die Sterne nährt.

Zu trüben Funken angeblasen:
Laternen, krumm, am Straßenrand,
grad so wie ihre Vettern, Basen –
die Lichter in der Häuserwand.

Ein schmeichelhafter Ausdruck: Lichter!
Ein Schimmer nur, der nichts durchdringt.
Das Dunkel, ach, wird immer dichter,
das nach und nach ihn ganz verschlingt.

So wie die Fahrbahn schon versunken
im schwarzen schwärenden Morast,
der mit Geschäften und Spelunken
die ganze Straßenschlucht umfasst.

Von nichts und niemand aufzuhalten.
Es kommt so, wie es kommen muss –
da der Naturgesetze Walten,
hier mein poet’scher Impetus.

Wenn draußen sich die Stadtkonturen
im Dämmer immer mehr verliern,
durchstreif ich meines Hirnes Fluren
nach Worten, die Gedichte ziern.

Und wie der Jäger seine Flinte
und seinen Hund als Helfer hat,
so spritz auch ich nicht meine Tinte
ganz ohne Waffen auf das Blatt.

Ein Kerzlein flackert mir zur Seite,
das stöbert die Gedanken auf,
die kommen dann in voller Breite
der Flasche vor den feuchten Lauf.

Nun heißt es rasch und sicher schießen,
damit man schön auch was erlegt,
und jeden Treffer kurz begießen,
was weitere zu fördern pflegt.

Was ist das für ein Glücksempfinden,
wenn Knall auf Fall der Schuss gelingt
und in der Küchenluft, der linden,
still aufs Papier ‘ne Strophe sinkt!

Und ist der Rebensaft verschossen,
blas Vers-Tod ich nach meiner Pirsch,
die Strecke musternd unverdrossen,
ob untern Hasen auch ein Hirsch.

Doch darf man nicht zu viel verlangen.
Das Jagdglück ist mal so, mal so.
Heut tätschelt’s freundlich dir die Wangen
und morgen kneift’s dich in den Po.

Warum auch nur auf Beute gucken,
da man den Kribbel besser kriegt,
wenn man, indes die Finger jucken,
geduldig auf der Lauer liegt!

Den Stift im Anschlag. Bangen. Hoffen,
dass gut man seinen Sitz gewählt.
Und dann das Blatt, so weiß und offen –
und doch wie häufig schon verfehlt!

Wahrheiten

Wahrheiten„O saeculum, o litterae,
es ist ‘ne Lust, in dir zu leben!“
Wenn ich die Frontfrau recht versteh,
soll’s überall nur Wohlstand geben!

Doch mag sie’s ständig auch beteuern
in zwanghaft psychopath’scher Art,
sie kann auf Dauer nicht bescheuern
ein Volk, das sich Verstand bewahrt.

Was schenken uns die nackten Zahlen,
gesammelt vom Statistikamt?
Der Wahrheit Beigeschmack, den schalen,
der nicht der Heuchelei entstammt.

In diesen gottverdammten Jahren,
da diese Rotte uns regiert,
hat ohne Scham man an den Haaren
Gewinne nur herbeizitiert

Um so den Eindruck zu erwecken,
als kämen jedem sie zugut,
obwohl doch nur die Reichen stecken
den Beutebruch sich an den Hut.

Heißt: Zehn Prozent in diesem Laden
haben’s so dick wie Dagobert
und können in ‘nem Pool sich baden,
der ‘s halbe Volksvermögen wert.

Und wie in diesem Pfuhl gestiegen
des Eigners warmer Wasserstand,
so mussten nasse Füße kriegen
die armen Schlucker um den Rand.

Die Fakten! Doch die Akrobaten,
die uns mit allen Tricks regiern,
jonglieren gerne mit den Daten –
und manche ganz eskamotiern.

(Das mag die Frontchristfrau entlasten,
so war es immer ja schon Brauch –
und sie dreht nur den Leierkasten
wie ihre Vorklugscheißer auch.)

Der Abstieg für die große Masse:
negiert, verschwiegen, Asche drauf!
Wer eh schon hat, macht weiter Kasse.
Wer eh nichts hat, der füllt sie auf.

Wie’n Warenhaus, nicht auszumalen!,
das alles führt und alles hat,
und wo die Armen doppelt zahlen
und für die Reichen gibt’s Rabatt!

Die ahnungslosen brechtschen Kälber,
die blindlings ihrem Schlächter traun,
wann merken sie denn endlich selber,
dass die sie nur in Stücke haun?

Ach, einmal wird es ihnen dämmern,
dass alles nur ein schöner Schein
und sie die Ob’ren nur behämmern
mit ihrem Tarn-Politlatein.*

(*Die Kälber werden weiter trotten
‘ne Weile wohl noch dämlich hier,
doch mag man ihrer Schwäche spotten:
Sind sie nicht eines Tages Stier?)

Denn abgesteckt sind schon die Trassen,
die Weichen lange schon gestellt,
dass künftig wen’ge mehr noch prassen,
die Mehrheit mehr ins Elend fällt.

Der lange Marsch der Billiglöhne
kommt ja im Alter einst zur Ruh –
dann, Rententöchter, Rentensöhne,
drückt’s richtig euch die Gurgel zu!

Die Armut weiter auszubreiten,
gelingt perfekt dem Hohen Haus –
und stellt ihm selbst für alle Zeiten
das beste Armutszeugnis aus!

Warum indes die ganzen Lügen?
Der vielen Stimmen wegen nur,
die’s braucht, die Leute zu betrügen
‘ne weitere Legislatur?

Wenn so auf Kreuze sie versessen,
auf ew’ges Herrschen wohl bedacht,
wie können sie dann nur vergessen,
dass auch Freund Hein gern Kreuze macht?

Barbier

BarbierEr ist Friseur und kennt die Welt.
Mit wem hat er nicht schon geplappert!
Die Strähne, schnipp, die Locke fällt.
Er labert und die Schere klappert.

Politikern geht er ans Haupt.
Da muss er immer fix was schneiden.
Mit ihnen redet er geschraubt.
Die hohen Herren mögen’s leiden.

Für Künstler gilt ein andrer Stil.
Die lassen gern die Mähne flattern.
„Nur Spitzen kürzen, doch nicht viel!“
Mit ihnen auch gebüldet schnattern!

Und ja mit den Poeten bloß!
Da muss man seine Worte wägen.
Doch nach der Art des Figaros
ist er um diese nicht verlegen.

Mal hat er auch ‘nen Musikus,
womöglich gar ‘nen Dirigenten,
den just er so beschneiden muss
wie jene Strophe-3-Patienten.

Wie rhythmisch regt er dann die Hand –
als ob er einen Taktstock schwänge.
Und säuselt süßlich im Diskant:
„Gewiss, nur wenig von der Länge.“

Da bricht ein Sänger ihm ins Haus,
der röhrt sich jetzt durch alle Sender.
„Nur färben. Alle Töne Blaus!“
Gebalz mit einem Sechzehnender.

Hat er nicht sogar schon toupiert
den – Diskretion, nur Zaunpfahlwinken! –
Den X, der seinen Skalp verliert
in so ‘nem alten Cowboy-Schinken?

Dazwischen aber, welch Kontrast,
des Handwerks rühriger Kollege –
ein biedrer Bäcker, der nicht passt
in dieses Große-Tier-Gehege.

Was der für kleine Brötchen backt!
Na ja, nicht jedem kann’s gelingen.
„Heut tüchtig Mehl schon eingesackt?“
Die Blicke kreuzen sich wie Klingen.

Ach, könnt er doch dem Meisterbrief,
da an der Wand dem Dokumente,
den Zusatz geben: „Und aktiv
in Sonderheit für Prominente.“!

Da mondgleich jene er umkreist
den lieben Tag mit Kamm und Schere,
was Wunder, dass er selber gleißt
im Glanz geborgter Künstlerehre!

Von Kopf bis Fuß ist er gestylt.
Ein Kunstwerk, das auf Stelzen wandelt.
Und modisch weit vorausgeeilt
den Herrn, die haarig er behandelt.

Wenn einer so durchs Leben springt
und sich nicht sorgt ums sel’ge Ende,
was, wenn das Totenglöckchen klingt,
dass es ihm Grabesgrüße sende?

Wird er wie wer, der distanziert
bewertet seines Daseins Nutzen,
nur achselzuckend resigniert
und ohne Wort die Platte putzen?

Er wird zum letzten Mal sich schönen,
ein Eauchen da, ein Gelchen hier,
und sterbend wie einst Nero stöhnen:
„O welch ein Künstler stirbt mit mir!“

Und dann der Grabstein, groß, gediegen.
Darunter leiht ihm nun Gehör
Gewürm. Geduldig und verschwiegen.
Was will man mehr als Coiffeur!