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Abendlied

AbendliedHätt ich’s nicht tausendmal beschworen,
weiß Gott, ich pfiff’s euch wieder zu –
das Lied der Nacht, die just geboren
aus Dämmerung und Abendruh.

Doch will ich nicht den Mond besingen,
wenn er sich groß mit Licht auch sträubt,
so wenig wie die Engelsschwingen,
die ganz mit Sternengold bestäubt.

Kein Wörtchen auch von jener Kühle,
die dampfend aus den Mauern steigt,
dass sie die Straßen überspüle
mit einem Dunst, der frostig schweigt.

Und auch den Wind soll nicht beschreiben
die Feder, die ich heute führ,
der flau vom fleiß’gen Blättertreiben
jetzt nicht mehr rüttelt an der Tür.

Noch wen’ger will ich davon schwätzen,
dass kaum ein Auspuff wo noch pafft
und Autos nicht mehr heimwärts hetzen
mit zügelloser Pferdekraft.

Ja, auch der Vögel nicht gedenken,
die ihre Flüge eingestellt
und keinen müden Piep mehr schenken
der kalten, sonnenlosen Welt.

Geschweige Menschen denn beschwören,
dern Schritte hier und da noch halln,
die umso deutlicher zu hören,
da jäh sie in die Stille falln.

Nein, nein, ich will euch heut nicht quälen
mit Sprüchen, die schon so ‘nen Bart,
und euch die Zeit, die kostbar, stehlen
für ‘ne poet’sche Butterfahrt.

Da wir nun einmal Nacht schon haben
und mörderisch gespannt ihr seid,
will ich nach seltnen Versen graben
im Schutze dieser Dunkelheit.

Schon kommt mir einer auf die Schippe,
den, Jesses!, ich noch nie gesehn:
„Als Sokrates würd mit Xanthippe
allmählich ich jetzt schlafen gehn.“

Ein Schmuckstück. Doch herbeigezogen
wie an des Kairos schopf’gem Haupt.
Na, nichts für ungut; bleibt gewogen,
dem, der euch so die Nerven raubt!

Illusion II

Illusion2Ach, wie sie so zum Gotterbarmen
mit feuchten Augen auf mich schaut,
möcht ich den Bildschirm glatt umarmen,
sie lieb zu trösten wie ‘ne Braut.

Behutsam ließ die Hand ich gleiten
über ihr Haar, das sanft sich wellt
und ohne Stürme und Gezeiten
ihr seidig auf die Schulter fällt.

Und ihre Tränen würd ich küssen
mit Lippen voller Zärtlichkeit,
so dass sie schon versiegen müssen
vor Ablauf ihrer Trauerzeit.

Doch kaum dies unbewusst erwogen,
von jäher Neigung übermannt,
hat man sie mir auch schon entzogen
und andre Szenen zugesandt.

Und wie ich noch so sitz und säume,
beschwörend dieses Angesicht,
zerstört der Rat die schönen Träume:
„Verpass die nächste Folge nicht!“

Da sauste ich aus Wolke sieben
und schlug im Sessel wieder auf;
die Knochen waren heil geblieben,
im Herzen nur, da ging was drauf.

Wie den Verstand nur so entweihen
fürn Traumgesicht, für ein Phantom,
der Elektronen Gaukeleien
in der Regie von Volt und Ohm?

Die in uns Illusionen wecken
wie’n Zauberer mit seinem Hut,
in dem ganz unverkennbar stecken
Kaninchen, die aus Fleisch und Blut.

Ja, dass wir gar zu sehen kriegen
Gestalten, die geräumt das Feld
und längst in Eichenbrettern liegen,
die jetzt bedeuten ihre Welt!

In diesem flüchtigen Geflimmer,
das sich nicht Rast noch Ruhe gönnt,
bewahrn die Bilder sich für immer –
so wirklich, dass man heulen könnt.

Leistungsgesellschaft

LeistungsgesellschaftNur wer das Höchste kann vollbringen,
wer sich ins Zeug zu legen weiß,
wird Ruhm und Ehre sich erringen,
der Sonderleistung goldnen Preis.

Du hast ‘nen Weltrekord errungen?
Schon spricht das ganze Land davon:
Dreitausend Mal im Kreis gesprungen –
gewaltig; ab ins Pantheon!

Ein andrer schlug in 15 Stunden
901 Minuten tot
und hat sich nicht mal groß geschunden.
Den holte sich Cartier ins Boot.

Beim Wettbewerb im Erbsenzählen
hat niemand etwas vorgemacht
‘nem Amtmann, der es ohne Quälen
auf 32 Sack gebracht.

Mit Hängebacken Trübsal blasen
konnt einer so unendlich trist,
dass in zweihundert Blumenvasen
spontan der Strauß verkümmert ist.

Und was für Lobeshymnen hallten,
als dieses Meisterstück gelang:
5015 Haare spalten
in einem einz’gen Arbeitsgang!

Den Vogel aber abgeschossen
hat mit den Stellen der von π –
der zählt seit Jahren unverdrossen,
und enden wird er, wetten?, nie!

All diese ausgemachten Helden,
wie man sie feiert und hofiert!
Was aber habe ich zu melden,
das man mit Ahs und Ohs quittiert?

Verzicht auf Pausen ich und Pofen
und knie mich voll ins Dichten rein:
250 000 Strophen,
die sollten doch zu wuppen sein.

Heißt: Schlappe 100 Jahre weiter
am Ziel ich meiner Wünsche wär –
auf des Erfolgs stabiler Leiter
als erster Zeilenmillionär!

Heilige Pädagogik

Heilige PädagogikWen hätte lieber man zum Vater
als Jesus, der seit alter Zeit
in diesem wüsten Welttheater
das Muster gibt der Menschlichkeit?

Der lehrte, seinen Feind zu lieben,
und Petrus drum das Schwert entwand;
der Sündern, die schon abgeschrieben,
verständnisvoll zur Seite stand?

Der segensreich den Armen, Schwachen
hat Hand und Hilfe stets geliehn,
geheilt, um ihnen Mut zu machen,
gescherzt, getröstet und verziehn?

Der „Lasst die Kindlein zu mir kommen,
denn ihrer ist das Himmelreich“
zum Staunen aller Pseudofrommen
gefordert völlig „chancengleich“?

Sich den als einen vorzustellen,
der seine Lütten manchmal bläut,
kam nicht den übelsten Gesellen
in ihren schmutz’gen Sinn bis heut.

Das bleibt der Kirche vorbehalten,
die dank des Drahts zum Heil’gen Geist
selbst ihres Meisters Wolln und Walten
nach Gusto übern Haufen schmeißt.

Hat eben erst sein „Stellvertreter“
mal wieder öffentlich getan –
der Stuhlbefugte von St. Peter,
der Seelenhirt‘ vom Vatikan.

Merkt auf, ihr Männer und ihr Frauen,
der Papst gewährt Dispens euch jetzt:
Ihr dürft die Gören auch mal hauen,
wenn’s ihre Würde nicht verletzt!

Den Widerspruch indes zu lösen,
Dogmatik erst studieren geht,
der hat ja Haken auch und Ösen
wie die vertrackte Trinität!

Auf einer Linie etwa läge,
was ja auch logisch nicht bestäch,
wenn man bei solcher „Kinderpflege“
vom „Heil’gen Rabenvater“ spräch.

Reichlich arm

Reichlich armDer Reiche: bestens angesehen
bei jedermann landauf, landab,
weil, was wir alle uns erflehen,
ihm niemals die Dukaten knapp

Und er von allen Lebenszielen
(sofern man flüchtig nur vergleicht)
nach Meinung wenigstens der vielen
das höchste zweifellos erreicht.

Wie das? Würd jeder nicht beschwören,
es käm nicht an auf Prunk und Pracht,
und möge dir die Welt gehören,
dass Geld allein nicht glücklich macht?

Und preist nicht auch die Christenlehre
die Armut als das höh’re Gut,
damit man den Erlöser ehre,
dem nichts zu eigen als sein Blut?

Wie wolln wir eine Welt erbauen,
die besser als die heut’ge ist,
solang wir durch ‘ne Brille schauen,
die nur den Eigennutz bemisst?

Da können noch so viel wir ringen,
am Ende siegt die Tiernatur,
dieselbe zu Verstand zu bringen
wär wie des Kreises Quadratur.

Lässt man der Gier die Zügel schießen,
hält ein System man nur in Schuss,
dass Wen’ge Überfluss genießen,
die Mehrheit aber darben muss.

Pervers nur ist, dass sich Parteien,
die diesen Zustand zementiern,
nach außen hin dem Volkswohl weihen,
indem sie mit ‘nem C sich ziern!

Womit sie sich doch nahtlos fügen
in eine Kirchentradition,
wie sie mit Heucheln und mit Lügen
schon immer sprach der Lehre Hohn.

Solln Hass wir drum im Herzen tragen?
Nein, Mitleid für den Reichen bloß.
Ist denn nicht er grad zu beklagen,
dass auch sein Hemd einst taschenlos?

 

Abendstille

AbendstilleEin seltner Vogel, meine Güte!
Was der da noch zu flöten hat!
Kommt eigentlich nicht in die Tüte
jetzt im November. Ich bin platt.

Nun fragt mich bloß nicht, was für einer!
Hab ja die Töne nur gehört,
ein Piepen, fein und immer feiner,
bis ‘ne Sirene es gestört.

Wie’n Habicht, der von Gier entfesselt
sich hungrig auf die Beute stürzt,
kommt da so’n Blaulicht angekesselt,
das ihm die Arie abgekürzt.

Dann hat’s die Stimme ihm verschlagen.
Die Nacht nun wieder mäuschenstill.
Kein Sänger und kein Krankenwagen,
der diesem an die Gurgel will.

Ein hoher Vollmond kreuzt den Himmel,
die Venus leuchtet ihm am Heck,
in diesem trüben Sterngewimmel
der einzig richtig helle Fleck.

Und vor den fröstelnden Fassaden,
an denen längst schon Dunst gedieh,
schwebt in der Finsternis ein Schwaden
wie eine ferne Galaxie.

So was von Ruhe und von Leere;
totales Schweigen, Totentanz.
Wenn wenigstens ein Piepmatz wäre –
ja, sei’s drum, selbst ‘ne Ambulanz!

Einsame Klasse

Einsame KlasseDer hat ja schwer was auf dem Kasten!
Der weiß ja mehr als Hans und Franz!
Wo andere im Dunkeln tasten,
hat er den Durchblick voll und ganz.

Tagtäglich ragt er vor der Klasse
dem rhodischen Kolosse gleich
im Glanze seiner Wissensmasse,
gewaltig und gebärdenreich.

Ein Heer von Schülern, das sich ducken
in Demut vor dem Riesen muss,
der ohne nur ein Wimpernzucken
wirft Fakten in den Redefluss.

„Die Römer, da und da geschlagen,
indessen siegten da und da,
und zwar nach so und so viel Tagen,
gezählt ab urbe condita.“

Auch in mehr friedlichen Belangen
kennt er sich selbstverständlich aus:
„Wenn sie mal grad das Schwert nicht schwangen,
die Sense dann des Ackerbaus.“

Wie lebhaft weiß er zu erzählen
vom Feld, gefurcht in einer Flucht,
und von dem Brauch, nicht zu verfehlen
das Opfer seiner Erstlingsfrucht!

Und wie die Bäume sich vermehren,
wenn sie in Liebeslust erblühn,
obwohl zwei Häuser oft verwehren,
dass sie sich ungehindert grün.

Und so mit allen Dingen weiter:
Kaum eine Wissenslücke klafft.
Er ist kein blinder Glaubensstreiter:
ein Mann der breiten Wissenschaft.

Mit so viel Schmalz im Hirn da oben,
was Wunder, dass ihn Stolz befällt
und er sich göttlich dünkt erhoben
über ‘ne schülerhafte Welt.

Ist ihm nicht klar, dass all sein Wissen
vorm Richterstuhl einst blöd und blass?
Schon hör sein Echo ich, beflissen:
„Als Oberlehrer weiß man das!“

Herbstlich

HerbstlichO Bäume, wieder nackt und bloß!
Die meisten Blätter sind gefallen,
verstreut von einem blinden Los,
dass sie verwaist im Winde wallen.

Wie zeitig tritt die Dämm’rung ein
und wirft ihr altersgraues Linnen
um jeden First und Pflasterstein
und lässt zu Schatten sie gerinnen!

Und auch wie frisch es wieder ist!
Grad an der Hose Eingangstüren
am Bein ein feines Frösteln frisst,
das bis zum Schenkel noch zu spüren.

Ein dichter Wolkenpelz umschlingt
das kleine Mondgesicht der Sonne,
die atemlos nach Fassung ringt
wie’n Goldfisch in der Regentonne.

Doch nicht genug der Hiobspost:
Heut gilt’s, die Uhren umzustellen,
dass Dämmer, Dunkelheit und Frost
noch rascher sich dem Tag gesellen.

Auf einmal gibt’s kein Halten mehr,
die letzten Dämme sind gebrochen –
der Sommer ohne Wiederkehr,
ein Steinwurf bis zu’n Winterwochen.

Wer jetzt noch auf der Vorratsschau
und fleißig für den Winter sammelt,
hält morgen schon den stolzen Bau
zum Schlaf verriegelt und verrammelt.

Längst sind die Vielgereisten weg,
der Sommersonne nachgeflogen
in einem ungeheuren Treck,
den hunderttausend Flügel zogen.

Was immer fröhlich, blühend, bunt –
sie trugen’s fort auf ihren Schwingen
und ließen nichts dem Dichtermund
als triste Elegien zu singen.

Such ich mir deshalb auch ‘ne Ruh
wie zwischen Eicheln die und Nüssen
und klapp so lang die Li(e)der zu,
bis Zephir mich und Aura küssen?

Trifft mich die Witt’rung gar so bös,
dass sie an Flucht mich denken ließe
und ich von einem Ort mich lös,
den ich nur sommertags genieße?

Gewiss nicht; bin ich doch von Stand
rein vogelmäßig sozusagen
und nähre mich von diesem Land
in warmen wie in kalten Tagen.

Ich werfe keine Blätter ab.
Lass mich zum Schlummer nicht verleiten.
Mein Pegasus, der bleibt auf Trab.
Hat nicht der Herbst auch schöne Seiten?

Nachklang

NachklangSoll ich euch einmal was verraten?
Komm grade aus dem Hospital,
wo unter Pilln und Apparaten
ich mich dem Äskulap empfahl

Der würdevoll mit grauen Ecken
persönlich sich ans Bett bemüht,
Vertraun und Ehrfurcht zu erwecken
beim Kranken, dem wer weiß was blüht.

In ruhig fließenden Sentenzen
aus unfehlbarem Göttermund
tat er der Krankheit Grund und Grenzen
und seinen schönen Heilsplan kund.

Den weisungsmäßig auszuführen
er seinem Hilfskorps überließ,
das wen’ger göttliche Allüren
als edlen Eifer mir bewies.

Ein ganzer Schwarm von Amoretten
umkreiste mich den ganzen Tag,
als ob sie nur den Auftrag hätten
mich zu erfreun, wie ich da lag.

Mit Instrumenten in den Händen,
die wunderlich wohl von Gestalt,
doch wussten sie sie zu verwenden
so meisterlich wie Putten halt.

Aus Gummi eins, das wie ‘ne Klette
an beiden Enden spitz und rau,
das schlang man mir wie ‘ne Manschette
um meines Armes Oberbau

Um lang an einer Schnur zu lauschen,
indes ich kunstverständig schwieg,
obwohl ich selbst nicht mal ein Rauschen
erhascht von seiner Sphär’nmusik.

Sie ließen immerhin mich wissen
der beiden Saiten Schwingungszahl,
dass in mein stilles Krankenkissen
die Ahnung eines Tons sich stahl.

Ein Röhrchen auch, aus Glas gegossen,
das vorne eine Nadel trug,
kam öfter auf mich zugeschossen
in seinem raschen Wespenflug

Und tauchte tief in eine Vene,
verweilend dort gedankenvoll,
bis ihm aus dieser Hippokrene
mein Dichterblut entgegenquoll.

Bisweilen ließen sie auch schwanken
‘ne Flasche hoch zu Häupten mir,
die, tropf, tropf, tropf, mir armem Kranken
im Takt verströmt ihr Elixier.

Es war ein wundersamer Reigen,
ganz einzigartig, ungeprahlt,
so wie die Hölle einst mit Geigen
der alte Meister Bosch gemalt.

Die liebsten, segensreichsten Wesen,
wie man nur im Spital sie sieht –
und doch, gerettet und genesen,
die einz’gen Engel, die man flieht!

 

Wechselwarm

WechselwarmGeschrieben hab ich und geschrieben,
dass ein Tag in den andern floss
und mir fast unbemerkt geblieben,
wie wild dahin, die Zeit, sie schoss.

Nun lagert ja schon der Oktober
sein Laub in rauen Mengen ein
und braucht dazu nicht mal ‘nen Schober –
die Straße nur, den Pflasterstein.

Wie glitschig pappen da die Blätter
auf lippenfeuchtem Untergrund –
sie Opfer auch der wend’schen Wetter,
die grün sie hauen oder bunt.

Ein grauer, greisenhafter Nebel
sich reglos unterm Himmel hält.
Die Götter haben schon den Hebel
fürn Winterfahrplan umgestellt.

Und immer früher sieht man lecken
die sachte Flut der Dunkelheit
da, wo des Tages Füße stecken
in seinem luft’gen Sonnenkleid.

Und wenn ich an die Kühle denke,
dann fang ich an zu frösteln gleich,
als ob ich Gletscherwasser tränke,
das Gegenteil von warm und weich.

Im Auf und Ab der Jahreszeiten,
wie Korken tanzen wir da mit.
Und doch ‘ne Gnade, so zu gleiten,
so unbewusst im gleichen Schritt!

Man sieht sich ja nicht älter werden,
nimmt draußen wahr den Wechsel nur
als wiederkehrende Gebärden
‘ner stets sich gleichenden Natur.

Und diese Stürme, dieser Regen?
Am warmen Herd bei Kerzenschein
träum ich dem Frühling mich entgegen
mit Chianti- und Burgunderwein.

Selbst nach dem Flämmchen, Pustekuchen!,
der stärkste Wind vergebens fischt.
Es hilft mir still, mich selbst zu suchen –
bis jäh es von allein erlischt.