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Der große Rotor

Noch immer kann ich nicht begreifen,
was selbst der Kirchhahn nicht mehr kräht,
dass, lass ich meine Blicke schweifen,
die Erde scheinbar stillesteht.

Die Bäume sich im Winde wiegen,
die Wolken trägt es rasch vom Fleck –
die Kimm indes ist nicht zu kriegen
von ihrer alten Stelle weg.

Man kann sie noch so sehr fixieren,
dass man beim Ruckeln sie erwisch:
Kein Wimpernzucken, kein Vibrieren –
wie ein massiver Eichentisch.

Wo die Experten uns doch lehren,
dass dieser Globus stets in Fahrt
und, seine Tage zu vermehren,
an Tempo nicht gerade spart.

Die Crux dabei: Der Schöpfung Krone,
der Herrscher über Meer und Land,
ist winzig sogar mit Melone
und sieht so weit wie‘n Floh im Sand.

An welchem Punkt der Naseweise
den Boden auch der Erde tritt,
er dreht sich stets mit ihr im Kreise
und kriegt die Drehung gar nicht mit.

So ähnlich mag’s ‘ner Laus ergehen,
die unterm Pelz des Bären pappt
und, ständ sie auch auf ihren Zehen,
nicht sieht, wie er durchs Dickicht tappt.

(Sofern die unerforschte Seele
der Laus ich nicht korrekt erfass,
ich ihrer Gnade mich empfehle,
dass mein Fell sie in Ruhe lass.)

Und dennoch ist da wer gewesen,
der sich davon nicht täuschen ließ
und statt im Kaffeesatz zu lesen,
rein logisch auf die Lösung stieß.

Groß schien mir stets nur und verwegen
der ewig forschende Verstand,
wenn allem Augenschein entgegen
er eine neue Wahrheit fand!

Blütenschau

Es pilgern ganze Völkerscharen
in Japan zu der Blütenpracht,
wie sie die Kirschen offenbaren,
wenn zeitig sie im Lenz erwacht.

Man lagert unter rosa Kronen,
bestaunt den reichen Baumbestand,
um ab und zu sich zu belohnen
mit einem Häppchen Proviant.

Soll diesen Brauch man ihnen neiden?
Um Picknick es dabei nicht geht:
Man will sich an der Schönheit weiden,
solang sie noch in Blüte steht.

‘s ist eher eine Trauerfeier
für dieses Lebens flücht’gen Glanz,
denn bald zerreißt den zarten Schleier
der Wind im wilden Totentanz.

Doch sind sie wirklich zu beklagen,
die dieses triste Los uns lehrn
und in des nächsten Frühlings Tagen
am selben Aste wiederkehrn?

Wie anders unser Menschenleben,
das sich doch für was Bessres hält:
Es kann sich einmal nur erheben
und bleibt so liegen, wenn es fällt.

Verkopft

Längst zähl ich zu den höchsten Kreisen,
sofern es nach dem Alter geht –
doch damit auch zum alten Eisen,
das fast nur noch aus Rost besteht?

Hab ich nicht geistige Intressen,
denen mit Freude ich mich weih
tagtäglich und meist weltvergessen,
doch mit dem Hirn noch voll dabei?

Da wär zum Beispiel die Lektüre,
der gern ich manche Stunde schenk,
dass sie in Welten mich entführe,
dern sonst ich nicht im Traum gedenk.

Da wären auch die Bilderwelten,
in Öl oder Pastell kreiert,
wie sie als Meisterwerke gelten,
die in Museen man studiert.

Und nicht zuletzt die Harmonien,
die meinem Ohr ich anvertrau,
der luft‘ge Flug der Melodien
auf klassisch-festem Unterbau.

So lief mir auch im Alltagsleben
noch immer alles wie geschmiert,
muss keinem Doktor Pfötchen geben,
der auf Demenz mich therapiert.

Indessen will ich hier am Ende
doch einen Mangel eingestehn –
ich habe nur zwei linke Hände,
was hin und wieder auch zu sehn.

Denn muss ich was zusammenbauen,
was schlichte Handwerkskunst verlangt,
sind sie so hilflos anzuschauen
wie’n Süffel, der nach Hause wankt.

Soll ich das auf mir sitzen lassen?
Höhlt steter Tropfen nicht den Stein?
Fing nicht ein Meister aller Klassen
auch irgendwann mal an ganz klein?

Heut kriegt ich wieder Möbel-Stücke.
Wenn diesmal mir das Ding gerät,
die Bude ich mir damit schmücke
als selbstgemachte Novität!

Ach, schon die Skizze zur Montage
war dunkler als ein Bibelwort
und brachte eher mich in Rage
als mein Gemurkse weiter fort.

Ich habe hin und her gegrübelt,
gewendet alles und gedreht,
bis ungebohrt und ungedübelt
sie dastand, die „Möbilität“!

Hat mich auch reichlich Zeit gekostet
und ebenso ‘ne Menge Schweiß.
Heißt das demnach, ich bin verrostet?
Nehmt lieber Verse als Beweis!

Kunst mit Ausstrahlung

Jetzt einfach nur den Kopf mal heben
und drüben auf die Wand geschaut –
mit einem Bild hab neues Leben
ich ihrer Strenge anvertraut!

Das gibt sich eher zwar verhalten
mit seinem ländlichen Motiv,
doch aus dem Mauerwerk, dem kalten,
den letzten Rest von Wärme rief.

Man sieht ein hüg’liges Gelände,
im Vordergrunde leicht geneigt,
das hinten, am verschwommnen Ende,
in mäßig hohe Lagen steigt.

Mit reifen, rötlich-gelben Ähren
wogt vorn ein Meer von Korn im Wind,
da Nebelschleier fern verklären
die Hänge, die bewaldet sind.

Und um die Sphären zu zerteilen,
läuft mittendurch ein breiter Weg,
auf dem die Schatten grad verweilen,
steht ihre Sonne doch schon schräg.

Und nirgends eine Menschenseele.
Kein Bauer, der zu schaffen hat.
Kein Wandrer, den‘s mit trockner Kehle
wohl dürstet nach ‘ner Lagerstatt.

Ein Gutshof nur mit finstren Mauern
von Leben kündet irgendwie
und dass da wo im Winkel kauern
die Herrschaft und das liebe Vieh.

Zypressen ihm zur Seite ragen
als Wächter seiner Einsamkeit,
und in die Büsche eingeschlagen,
versinkt er fast in Raum und Zeit.

Gern würd ich meine Rappen zäumen,
zu wissen, wo dies Fleckchen liegt,
das sich bei Tage schon in Träumen
wie auf dem Feld der Weizen wiegt.

Wohin indes die Schritte lenken?
Die Landschaft hat des Südens Flair,
doch alle Höhen, alle Senken,
sie gleichen sich da doch zu sehr.

Der Künstler auch, der dies Ambiente
so stimmungsvoll ins Bild gebannt,
ist mir bei all seinem Talente
von Namen leider nicht bekannt.

Das muss ich deshalb schon beklagen,
weil ihm zu danken es mich drängt,
da mehr als optisches Behagen
sein Oeuvre meinen Tagen schenkt.

Man muss nur etwas nähertreten,
dann spürt sofort man auf der Haut,
dass nach der Art von Heizgeräten
sich da ‘ne Menge Hitze staut.

Zwar hat noch nie mich hingerissen
der Anblick, den ‘ne Heizung bot –
doch diesen mag ich nicht mehr missen
mit seinem warmen Infrarot.

Gern im Abseits

Es gibt sie noch, die weltvergessen
im Winkel hausen wie ein Tier,
Poeten, die, vom Vers besessen,
nichts brauchen als ein Blatt Papier.

Und auf den kümmerlichen Fetzen,
der spindeldürr und federleicht,
sie doch ein Denkgebäude setzen,
das rauf bis zu den Sternen reicht.

„Luftschlösser!“, wird wohl mancher lästern –
o dass er sich des Wortes schäm!
Es wohnt sich bei den Musenschwestern
doch sicher auch sehr angenehm.

Was für ein prächtiges Ambiente,
und was fürn edler Sängerkreis!
Und ist der Gute schon in Rente,
logiert er gar zum Sonderpreis.

Wie sollte er die Welt da missen,
wo alles sich um Knete dreht
und ohne Skrupel und Gewissen
der Mensch sich meist am besten steht?

Und wo sie sich zu schlachten pflegen
aus ihrem niedrigsten Instinkt,
zum Beispiel eines Glaubens wegen,
der mit der ew’gen Wonne winkt?

Und wo sie in gewalt’gen Werken
jahraus, jahrein rund um die Uhr
das Wachstum und die Wirtschaft stärken
bis zur Vernichtung der Natur?

Er fühlt sich besser aufgehoben
in seinem Wolkenkuckucksheim
als unten, wo die Stürme toben
in einem Meer aus Schaum und Schleim.

Da mach sich gerne wer zum Narren
und hasche nur nach Schall und Rauch –
man wird ihn bald schon so verscharren
wie jeden andern Narren auch.

Der Dichter aber will nicht horten,
was seiner Kunst und Müh Gewinn:
ein reicher Schatz von goldnen Worten –
den gibt er gerne jedem hin.

Glaubenssache

Noch immer füllt sie ihre Bänke,
sobald vom Turm die Glocke tönt,
und führt die Herde an die Tränke,
so wie vom Hirten sie’s gewöhnt.

Ich hab sie täglich ja vor Augen
und auch das hölzerne Portal,
das offensteht, um einzusaugen
die Schäfchen in den Vortragssaal.

Die meisten kreuzen da die Schwelle
gemessen, weil die Zeit nicht drängt,
doch mancher sich auch auf die Schnelle
noch husch! durch Tür und Angel zwängt.

Dann hob schon an die Feierstunde
mit Halleluja und Latein
und unser säum’ger Kirchenkunde
fängt sich verstohlne Blicke ein.

Der Pfarrer aber wird sich denken:
„Weiß Gott, spät kommt Ihr, doch Ihr kommt!“
und würd in keinem Fall verschenken
‘ne Stimme, die der Sache frommt.

Mag ihn auch der Leibhaft’ge zwacken,
dass ihm ein böses Wort entfährt,
er muss doch kleine Brötchen backen,
damit sein Tempel sich nicht leert.

Was warn das noch für sel’ge Zeiten
für diese strenge Priesterzunft,
als alles ließ sich willig leiten,
und sei’s entgegen der Vernunft!

Sie haben schlimm gehaust auf Erden
und jedes Wässerchen getrübt –
und heut als Hüter sich gebärden
‘ner Tugend, die sie nie geübt.

Wer jetzt da noch vor Kanzeln kauert,
als wär es vor der Weisheit Thron,
zeigt einen Geist, der eingemauert
im mächt’gen Turm der Tradition.

Die Reise zur Krippe

Lasst uns den roten Teppich breiten
zum Stall bis wo die Krippe steht:
Es kommen aus der Wüste Weiten
Besucher höchster Majestät!

Drei Royals aus dem Morgenlande,
die einem andern Königskind
trotz fehlender Familienbande
von Herzen sehr gewogen sind.

Auf Knien gar sie es begrüßen,
Respekt, den nie sie wem gezollt,
und deponiern zu seinen Füßen
Odeurs, erlesen, sowie Gold.

Heut ist der Weg für diese Herren
auch ohne Leitstern sonnenklar,
da stehn ja schon die Straßensperren
als Hinweis auf dem Trottoir!

Auch sonst ist manches anders heute
als seinerzeit in Bethlehem –
der Prunk, den damals man nicht scheute
scheint eitel uns und unbequem.

Zwar laufen heute unsre Weisen
auch weiterhin in bunter Tracht,
doch nur, ums Auge abzuspeisen,
das keine Unterschiede macht.

Und Goldgeschenke gleich in Klumpen
samt Räucherwerk der feinsten Art?
Das heil’ge Trio lässt sich lumpen
und nur nicht an Kamellen spart.

Auch dieser Ritt auf den Kamelen,
der schließlich Wochen dauern muss,
kann ihren Hintern nicht mehr quälen
dank Auto, Bahn und Omnibus.

Ich weiß so sicher das zu sagen,
weil ich sie sah auf ihrer Tour;
sie standen auf ‘nem Kleinlastwagen,
der just vor meiner Nase fuhr.

Und boten mir da ein Spektakel
auf ‘nem Podest mit Baldachin,
als wärns Figurn im Tabernakel,
die von Madame Tussauds entliehn.

Ein bisschen Putz, ein bisschen Pappe:
Die Illusion, sie ist perfekt.
So wie von jeher auch Attrappe
der Glaube, der dahintersteckt.

Guter Vorsatz

Noch mangelt es mir zwar an Themen
für diesen alten Neujahrsbrauch,
sich etwas Gutes vorzunehmen
und eisern es zu halten auch.

Doch gibt es sicher tausend Sachen,
die förmlich nach Veränd’rung schrein
und mir kein Kopfzerbrechen machen,
weil ich den Klotz nicht spür am Bein.

Eh‘r könnten mir die Meinung geigen
die Leute, die im Stilln empört
und doch aus Höflichkeit verschweigen,
dass ein bestimmter Tick sie stört.

Nein, ich muss selber überlegen,
wo so ein Wandel wünschenswert,
um meinem Naturell entgegen
zu bessern, was mich nicht beschwert.

Nun bohre ich nicht in der Nase
und grabe nicht nach Ohrenschmalz
noch kipp ich in die Blumenvase,
was nicht mehr reinpasst in den Hals.

Und, meine Güte, wenn ich schnarche,
dann hört das ohnehin kein Schwein,
weil anders als auf Noahs Arche
ich ungepaart, das heißt allein.

Am eh’sten könnte ich mir denken,
dass meine Verse euch zu lang,
und gut es wär, sie zu beschränken
entgegen meinem Schwafeldrang.

Ja, die Idee kann mir gefallen,
die mach ich mir zum Vorsatz gleich,
und der Leibhaft’ge soll mich krallen,
wenn nur ‘nen Deut ich davon weich!

Hier also noch in alter Weise
ein Dutzend fast dahingestreut,
geh morgen ich auf Musenreise
und frage, ob der Schwur sie freut.

Seelenpflege bitte

Wer machte denn schon gute Miene
zu diesem ew’gen Ritual –
der Wasch- und Dusch- und Putzroutine
vorm Eintritt in das Morgenmahl?

Die Knochen noch vom Schlummer träge,
der Kopf noch nicht von Träumen leer,
brauchst erst einmal du Körperpflege,
auf dass dich nicht der Dreck verzehr.

Und wenn du frisch wie neugeboren
erneuert bist an Haupt und Glied,
dann hast du nicht nur saubre Ohren,
nein, auch ‘nen Bärenappetit.

So halbwegs konnte dich beleben
das Wasser schon mit Ach und Krach,
doch wenn die Kaffeedüfte schweben,
dann wirst du erst so richtig wach.

Dies Thema hat auch ohne Frage
schon früh die Forschung intressiert,
die nachwies, wie viel Lebenstage
man bei dem Ritual verliert.

Was doch noch niemand abgehalten
von dieser Reinheitsprozedur –
wie immer, wenn Gelüste walten,
die uns gegeben von Natur.

Wie? Dann zurück noch mal das Ganze!
„Kultur“ wär besser wohl gesagt:
heißt, aufzuzäumen stets vom Schwanze,
den Gaul, dem‘s mehr von vorn behagt.

Der Mensch der alten Jägerhorden,
nahm der denn Seife sich zur Brust?
Man ist ja eh nicht alt geworden
und scheute solchen Zeitverlust.

Erst als man sesshaft auf der Scholle
sein erstes Boudoir gebaut,
schor man vom Pelz sich weg die Wolle,
die sich zum Biotop gestaut.

Und wie hernach im Lauf der Zeiten
den Körper die Kultur entdeckt,
mocht man ihm weiter nicht bestreiten
die Wohltat, die im Wasser steckt.

Nur einmal riss es noch ‘ne Lücke
in diese schöne Tradition –
zur Zeit der lockigen Perücke
als Putz für die Respektsperson.

Da glaubte selbst man in Palästen,
vom Waschen würde man nur krank,
dass unter all den weißen Westen
der ganze Leib zum Himmel stank.

Doch musste wer die Nase rümpfen?
Gab’s Wässerchen nicht andrer Art?
Vom Zopf bis runter zu den Strümpfen
wurd an Parfümen nicht gespart.

Und obendrein nahm man an Paste,
an Rouge und Puder so viel Gramm,
dass schließlich Pinsel, Stift und Quaste
vereinten sich zum Badeschwamm.

Wie aber lautet meine Lehre
aus dem Gewäsch von Sauberkeit?
Wenn mit dem Körper doch nur wäre
die Seele auch vom Schmutz befreit!