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Mehr Sonne

Macht irgendwer sich darum Sorgen,
es möcht der Sonne was geschehn?
Sie kommt ja pünktlich jeden Morgen,
und nie hat man sie säumen sehn.

Sie steigt mit ersten Dämmerzeichen
behutsam übern Erdenrand,
um bald schon rosig zu bestreichen
den Himmel, der ihn überspannt.

Und wandert langsam von der Stelle,
bis sie am Mittag im Zenit,
wo sie in blendend weißer Helle
sich zu ‘nem Punkt zusammenzieht.

Doch mag sie da nicht lange sitzen,
die Hitze lässt ihr keine Ruh,
und leise wie auf Zehenspitzen
läuft weiter sie dem Westen zu.

Da liegt das Ziel der Tagesreise,
das Dunkel unterm Horizont,
das sie auf unsichtbare Weise
mit ihrem gleichen Licht besonnt.

In diesem Rhythmus immer weiter
wie seit Äonen schon vorher:
Der Tag mal wolkig und mal heiter,
doch niemals ohne Wiederkehr.

Ein Kunststück, sich da auszumalen,
dass diese Serie einmal reißt
und auf den innren Sonnenschalen
sie keine Kugel mehr umkreist.

Das aber haben Koryphäen
der Wissenschaft ihr prophezeit,
die tief in ihrem Herzen sehen
die Spuren der Vergangenheit.

Daraus die Zukunft auch erspüren
dank der Prozesse, die man kennt
und die‘s Inferno weiter schüren,
das brodelnd ihr im Busen brennt.

Und ihrer Wallung Hitzegrade,
sie halten damit gleichen Schritt
und teilen schließlich der Fassade,
der Hülle sich der Sonne mit.

Die ging, wer wollte es bestreiten,
nie sparsam um mit ihrem Gut
und lässt sich aus den Fingern gleiten
die aufgeheizte Strahlenflut.

Bist du Planet und auf der Pelle
ihr wie die Mücke ihrem Licht?
Dann fühl, wie aus der Feuerquelle
die Glut dich immer stärker sticht!

Und was da noch an Kreaturen
dir oben auf der Kruste kraucht,
hat auf den kochend heißen Fluren
sein Leben bald schon ausgehaucht.

Zuerst geht’s dem Merkur an’n Kragen.
Das hat der Gute nun davon,
so nah sich an den Kern zu wagen,
viel näher als ein Elektron.

Dann schlägt der Venus schwere Stunde –
so feurig ist der Sonne Kuss,
dass Runde immerzu um Runde
in Qualen sie sich winden muss.

Nun muss die Erde daran glauben,
die Nummer drei im Karussell;
die Grade stets sich höherschrauben,
bis sie ihr abgesengt das Fell.

Die Ströme dürsten und versiegen,
die Meere und die tausend Seen.
Es stirbt das Leben wie die Fliegen
und wird kein Hahn mehr danach krähn.

Der Weltenbrand, den ich entfache
hier auf poetischem Gefild,
hat nichts zu tun mit Panikmache,
wie höhren Orts man gerne schilt.

Er ist so sicher wie das Amen
von jeder Kirchenkanzel her
und auch in dem beschriebnen Rahmen,
als ob’s die Götterdämmrung wär.

Indes muss in Geduld sich üben
ein unerschrockner Defätist,
denn das Desaster kommt in Schüben
erst nach ‘ner größren Galgenfrist.

Noch tausend Millionen Jahre,
sofern der Augur sich nicht irrt,
kriegt sich der Stern nicht in die Haare
mit dem Geschmeiß, das ihn umschwirrt.

Das ist, um sich drauf einzustellen
in seiner ganzen Schwächlichkeit,
für Gottes findigen Gesellen
‘ne sagenhafte Vorlaufzeit.

Da kann er tüfteln und probieren
sein ganzes kurzes Leben lang,
bis schließlich sich die Flops summieren
zu seiner Söhne Forscherdrang.

Die pusseln dann verbissen weiter,
bis mal der große Wurf gelingt,
der einen auf der Himmelsleiter
ein gutes Stück nach oben bringt.

Ob allerdings die Menschenwesen
der Sonne Zorn dereinst entgehn,
darüber könnt ihr hier nichts lesen –
doch in den Sternen wird es stehn.

Geisterschiff

Mit ihren seidig samtnen Schatten
verhüllt die Nacht das Firmament.
Im Schimmer nur des Monds, im matten,
verloren ihr ein Lichtlein brennt.

Er hat es sich als schmalen Streifen
gebogen untern Bauch gehängt,
damit er sich bei seinem Schweifen
im Sternendickicht nicht verfängt.

Das kann ihm heut grad nicht passieren –
Millionen Sonnen machen blau;
sie müssen ihre Achse schmieren
der Drehung wegen, haargenau.

Die Finsternis der Himmelsweiten
hat völlig auch die See erfasst.
Wo plätschernd sich die Wellen breiten,
sieht weder Mole man noch Mast.

Nur eine watteweiche Masse,
die jegliche Kontur verschlingt,
dass wie bei einem Eichenfasse
der Blick nicht bis zum Boden dringt.

Wärn da nicht die Laternenpfähle
als stummer Fackelzug am Strand,
ich glaub, die anhaltlose Seele
hätt sich wer weiß wohin verrannt.

So schwebe ich auf leichten Sohlen
wie’n Kumpel einst zur Feierschicht,
da kommt mich lautlos überholen
ein weißes und ein grünes Licht.

Grad wie ein Steiger in der Grube
mit seinem Lämpchen an der Stirn,
um in der Kohle Kinderstube
sich nicht im Stollen zu verirrn.

Nur dass sie über Tage gleiten,
wo man bei Licht nur Wellen sieht,
doch Flöze jetzt auf beiden Seiten
in einem Meer von Anthrazit.

Ein Trawler nach der Tagesreise
auf Heimatkurs mit seinem Fang?
Dazu fährt er mir doch zu leise
und viel zu dicht am Strand entlang.

Die Ahnung hat mich nicht betrogen –
man lässt den Hafen Hafen sein
und zieht in elegantem Bogen
noch tiefer in die Bucht hinein.

Und immer sieht im Topp man tanzen
die beiden hellen Lichter nur,
von diesem Fahrzeug da im Ganzen,
Rumpf, Heck und Bug, nicht eine Spur.

Ein Sportler, der zur späten Stunde,
wenn ihm kein Wind die Segel bläht,
die pflichtgemäße Trainingsrunde
mit zugeknöpftem Motor dreht?

Ein Gast von ferneren Gestaden,
der einen Liegeplatz gebucht
und in des Dunkels schwarzen Schwaden
verzweifelt nach den Jachten sucht?

Womöglich gar ‘ne Schmugglerbande
mit heißer Ware im Gepäck,
dass kurz sie wo am Ufer lande –
gelöscht, gelöhnt und nix wie weg?

Mag’s ruhig ein Geheimnis bleiben –
das Wissen mindert die Magie.
So können die Gedanken treiben
im bunten Meer der Fantasie.

Mordskerl Mensch

Wenn wir die Leute reden hören
und selbst in der Erinn’rung wühln,
was gibt’s da nicht, sich zu empören
mit seinen edleren Gefühln!

Es wimmelt nur von Missetaten,
so schrecklich und so sonderbar,
dass in den Medien sie verbraten
und manches Mal als Krimi gar.

Da wird erschossen und erschlagen,
da wird erdrosselt und ertränkt,
lebendig wer zu Grab getragen
und tot wer in den Rauch gehängt!

Hier quält man Leben, neugeboren,
da prügelt jemand grün und blau
der ew’ge Liebe er geschworen,
die längst verhasste Ehefrau.

Man stiehlt, betrügt, bleibt in der Kreide,
beleidigt und wird handgemein
und schwört im Notfall tausend Eide,
dass sein Gewissen lupenrein.

Nie ist man seines Lebens sicher,
nie seines Eigentums gewiss,
denn nichts bedroht uns fürchterlicher
als so ein Menschenhirn mit Riss.

Verbrannte Erde, Witwen, Waisen,
Millionen, die ums Sein geprellt,
uns jeden Augenblick beweisen,
wie rücksichtslos es sich verhält.

Doch über einen Kamm zu scheren
darum das sämtliche Geschlecht,
kann wieder die Erfahrung lehren,
es wär so falsch wie ungerecht.

Mag Blut an drei Fassaden kleben,
das sich dem Auge nicht erschließt –
es steht ein Häuschen gleich daneben,
wo friedlich man die Blumen gießt.

Und nie auf die Idee gekommen,
den Nächsten übern Tisch zu ziehn –
ein Muster der natürlich Frommen,
die keinen Gott sich ausgeliehn.

Ums deutlich noch einmal zu sagen:
An Edelmut hat’s nie gefehlt,
und mancher hat sein Kreuz getragen,
von reiner Menschlichkeit beseelt.

Im Menschen, wie viel Wesenszüge
hat die Natur nicht kumuliert
und kunterbunt sie zum Gefüge
von Charakteren kombiniert!

Was für ‘ne Kollektion von Typen
bebildert nun ihr Musterbuch –
vom Popen bis hin zum Polypen,
von Friedensfürst bis Völkerfluch!

Das macht ihr niemals Kopfzerbrechen,
sie folgt nur ihrer Schaffenslust,
mit immer Neuem zu bestechen,
verbissen, blind und unbewusst.

Moral ist da nicht ihre Sache,
die steht auf einem andern Blatt –
der Mensch braucht sie, der willensschwache,
dass Schutz er vor sich selber hat.

Doch ist sie ihm nicht eingeboren
so wie der Hang zu Hass und Streit;
es haben Weise sie erkoren
als Wächt‘rin der Gemeinsamkeit.

Das aber bleibt auch stets ihr Mangel,
dass sie im Busen nicht gereift;
bei jedem größeren Gerangel
man auf die ganze Tugend pfeift.

Betrifft zum Mindesten die Massen,
die schwer sich tun mit dem Verstand,
die eher andre denken lassen,
und sei es noch so hirnverbrannt.

Wie aber kriegt den Gaunerhaufen
man klein wie jeden andern Dreck?
Soll man sich schlicht ‘ne Knarre kaufen
und pustet Stück für Stück ihn weg?

Das wär ja grade die Methode,
die man bei jenem doch verschmäht –
als ob man eine Fläche rode,
die man mit gleicher Frucht besät!

Lehrt eh‘r mit honigsüßen Lippen
man ihn die Freuden der Moral?
Man wird bloß an die Stirn sich tippen
bedeutsam: He, du kannst mich mal!

Doch selber muss man weiterwandern,
indem man seinen Kurs behält
und nicht mit Blick auf jene andern
auf krumme Wege noch verfällt.

Nur so besteht ‘ne kleine Chance,
dass andern man ein Beispiel gibt
und sich die fehlende Balance
zum Guten mehr und mehr verschiebt.

Ist, Leser, auch auf dich zu zählen?
Noch hält der Feind die Zügel fest.
Der Druck indes der sanften Seelen
ihn mit der Zeit erlahmen lässt.

Dir hat’s gefallen, zu begleiten
mich hier bei meinem Musenkult –
wie wollte da wer dir bestreiten
den langen Faden der Geduld?

Rotverschiebung

Euch zwei, drei Lesern, Advokaten
‘ner Kunst, die mählich Land verliert,
will ein Geheimnis ich verraten,
das nur noch euch wohl int’ressiert.

Ein Stimulans der Wortkaskaden,
der trockne Weiße und Rosé,
scheint meinem Magen eh’r zu schaden,
drum sag ich lieber ihm Ade.

Ein Testlauf mit der roten Rebe
recht vielversprechend schon begann;
wenn ich von dieser einen hebe,
falln die Beschwerden nicht mehr an.

Bis eben noch vor wen’gen Tagen
hat’s morgens mir im Bauch gewühlt,
der, ohne dass er vollgeschlagen,
sich wie ein Weinschlauch angefühlt.

So aufgebläht an allen Enden,
so prall zum Platzen bis zum Rand,
dass selbst die Haut rund um die Lenden
sich aus den Falten rausgespannt.

Dabei ein ständiges Rumoren,
als fände gleich ein Ausbruch statt,
dass froh ich war, wenn ungeschoren
die Nacht ich überstanden hatt.

Da kriegt den Roten ich zu fassen,
und schon war alles Schall und Rauch –
als wär die Luft herausgelassen,
wurd‘s wieder leichter mir im Bauch.

Und auch die Wirkung ist die gleiche –
er düngt das Feld der Fantasie,
so dass ich Lieder, versereiche,
auf ihrem fetten Boden zieh.

Auch diese hier noch frischen Zeilen
entspringen dem besagten Quell,
den Wassern, die Gebrechen heilen
und Dichter kürn genauso schnell.

Die Rebe hab ich lang gemieden
und ihr Bukett auch nicht vermisst,
doch schließ ich gerne mit ihr Frieden,
wenn sie mir so bekömmlich ist.

Will schnell noch mal die Kehle netzen
mit einem Schlückchen ganz bewusst –
hm, gar nichts daran auszusetzen,
macht eher auf das nächste Lust!

Der Handwerker kommt

Ob sie nun hämmern, klopfen, bohren,
verreisen oder grade breit,
sie haben stets was um die Ohren,
das heißt als Rentner niemals Zeit.

So sagt man wohl im Allgemeinen.
Doch weit gefehlt, was mich betrifft.
Ich bin nicht ständig auf den Beinen,
leb still wie in ‘nem Damenstift.

Wie wäre da an Muße Mangel?
Ich hock den lieben langen Tag
wie ’n Petri-Jünger bei der Angel –
geduldig ohne Fangertrag.

Es fände mich an Ort und Stelle,
wer immer sich hierher verirrt –
den Knaben treulich an der Quelle,
wo seinen Pegasus er schirrt.

Das ist sehr hilfreich in dem Falle,
in dem man wen zu sich bestellt –
nicht nötig, dass man erst noch walle
mit Flügelschuhen durch die Welt.

Man hockt ja eh in seiner Stube
wie Vogelbrut in ihrem Nest
und Gäste, Dame oder Bube,
nicht vor der Türe schmoren lässt.

Doch kann es umgekehrt geschehen,
dass einer dir ‘ne Nase dreht
und trotz „Bis morgen. Wiedersehen!“
partout nicht auf der Matte steht.

Besonders bei den Handwerksleuten
kommt mir das unter dann und wann –
warum, das weiß ich nicht zu deuten,
doch weiß ich, dass es nerven kann.

Ein Beispiel: Meine Fernsehkiste
ließ schnöde mich im Stich einmal
und sandte statt der Sendeliste
mir nur die Botschaft „Kein Signal“.

Das kann kein Laie wieder richten,
da braucht’s ‘nen Typen von der Zunft –
schnell die in Frage kommen sichten
und dann Termin, Zusammenkunft.

Doch erst mal wen zu fassen kriegen,
das ist schon eine Kunst für sich!
Auf Telefon und E-Mail fliegen
die Brüder hier nicht sonderlich.

Man reagiert vielleicht nach Tagen,
vielleicht auch an Sankt Nimmerlein –
doch aus dem Grunde zu verzagen,
renkt keinen Bildschirm wieder ein.

Drum gehen die Versuche weiter,
bis so ‘n Experte reagiert
und als der Bilder Wegbereiter
die Kiste endlich repariert.

Erleichterung auf alle Fälle,
läuft alles wieder einwandfrei,
doch käm er schneller, der Geselle,
wär keine Bitterkeit dabei.

An alten Häusern steht bisweilen:
Behüt mich Gott vor Sturm und Brand!
War damals schon, anstatt zu eilen,
der Zimmermann ein Bummelant?

Strandersatz

Ein bisschen hat jetzt eingezogen
der Sommer seinen stolzen Schwanz;
die Hundstagshitze ist verflogen
samt Mücken im Moriskentanz.

Gefallen ist das Thermometer,
und sei’s auch nur um zwei, drei Grad –
ein Anfang, aber wenig später
läuft schon der Herbst im Hamsterrad.

Der Strand, wo eben Menschenmassen
sich an der Brandung noch erfrischt,
er liegt jetzt einsam und verlassen
im rauen Atemzug der Gischt.

Verschwunden sind die Badegäste,
die jedes Sandkorn okkupiert –
Sardinen, Leib an Leib gepresste,
in Sonnenölen konserviert.

Nur hier und da noch ragt der Schatten
von Anglern aus dem Ufersaum,
im letzten Dämmerlicht, im matten,
verschwimmend mit dem Meeresraum.

Wo aber sind sie abgeblieben,
die hier gehaust mit Sack und Pack
und ihrem ganzen Schwarm von Lieben
zum Schmausen und zum Schabernack?

Hat sie der Kater überkommen
nach übermäß’ger Fröhlichkeit,
dass Wolle sie zur Hand genommen
und stricken nun am Winterkleid?

I wo! Man muss die Feste feiern,
so wie sie falln – das Motto zählt!
Und notfalls auch an stillen Weihern,
wo es an bunten Vögeln fehlt.

Noch immer steht die Sonne Pate,
doch jetzt mit abgeschwächter Kraft:
Man sitzt bis spät vor seiner Kate
und plaudert mit der Nachbarschaft.

Und schwärmt auch in die Strandlokale,
die eins sich an das andre reihn,
zu einem zünft’gen Abendmahle
in wohlig weichem Lampenschein.

Auch draußen sieht Gestalten schweigend
versammelt man an manchem Tisch,
die Köpfe übern Teller neigend
mit Tapas oder Tintenfisch.

Und wie in Andacht tief versunken
vor ihrem üppigen Gericht,
wird da gegessen und getrunken,
als gäbe es das Jüngste nicht.

Sie haben recht, die guten Leute,
was hätten sie zu fürchten noch?
Gott? Der macht keinem Angst mehr heute.
Dann eher wohl ‘nen schlechten Koch!

Kirche und Kasino

Es trennt sie nur nach Gottes Wille
ein Streifen Asphalt und Beton –
das Kirchlein mit der Keuschheitsbrille
von diesem sünd’gen Spielsalon.

Weit offen stehn der beiden Tore,
den Quell zu zeigen ihrer Kraft –
dort ein Marienbild im Chore,
hier ‘n Tresen für den Gerstensaft.

Und beide zu gewissen Stunden
versammeln Gäste am Altar –
die Kneipe mit den Daddelkunden,
die Kirche mit der Christenschar.

Auch werben sie auf ihre Weise,
dass ihr Bemühen Früchte trag –
die Erstere mit Leuchtschrift, leise,
die Letztre, wumm, mit Glockenschlag!

Obwohl verschieden von Gefieder
und unterschiedlich von Revier,
schmettern doch gern sie ihre Lieder
mit Inbrunst da so gut wie hier.

Ein Schlückchen kann man nicht verwehren,
der Süffel führt es gern zum Mund,
doch auch der Priester, Gott zu ehren,
im Alten und im Neuen Bund.

Auch das Ambiente, dieser Dämmer,
von Kerzen feierlich erhellt,
umnebelt unsre Gotteslämmer
genauso wie die Zockerwelt.

Gewinnerwartung da wie drüben.
Doch hier kriegt gleich man den Betrag,
da in Geduld sich müssen üben
die Frommen bis zum Jüngsten Tag.

Das sind doch wohl Gemeinsamkeiten,
die hier wie dort der Dümmste rafft
und zweifellos den Weg bereiten
für diese gute Nachbarschaft.

Die sicherlich noch besser wäre,
besuchte man sich manchmal auch –
der Spielboss, dass er in sich kehre,
der Pfaff, dass er ins Leben tauch.

Doch selbst wenn dieser es gern wollte,
ihn zwingt ein Großer zum Verzicht,
dem immer schon Respekt er zollte –
denn Gott, so weiß der, würfelt nicht.

Nach den Ferien

Jetzt ist es wieder still geworden
am Strandrevier hier gleich ums Eck,
kein Ziel mehr ganzer Menschenhorden
mit Sonnenschirm und Grillbesteck.

Im Dämmer sieht man Möwen fliegen,
die lange diesem Ufer fern,
und kleine weiße Bojen wiegen
sich friedlich unterm Abendstern.

Befreit von Tausenden Gestalten
der endlos lange Meeressaum;
nur zwei da noch, die Händchen halten,
der Welt entrückt in Zeit und Raum.

Nein, noch ein Angler etwas weiter,
der stumm an seiner Rute wacht,
ob nicht ein fetter Wellenreiter
sich schmatzend an den Köder macht.

Der Kiosk mit den Süßigkeiten
hat die Markise schon gerefft –
geschlossen für drei Jahreszeiten,
denn ohne Sommer kein Geschäft.

Der Bolzplatz, maschendrahtumgeben,
ist voll von Flutlicht noch erhellt,
doch mag kein Arm sich mehr erheben,
der übers Netz die Bälle prellt.

Wo sind sie hin, die Badehosen,
Bikinis, Tangas und so fort,
die ungezählten Leichtmatrosen
mit nur dem Nötigsten an Bord?

In ihren Hafen eingelaufen,
wo sittsam man den Leib verhüllt –
das Badezeug auf einen Haufen
zur Wäsche in den Korb geknüllt.

Doch eh ans Ende wir gelangen,
sei ihrer nicht zuletzt gedacht –
der ausgelassnen kleinen Rangen,
die diesen Wirbel erst entfacht.

Kaum schlossen sich der Schule Pforten,
da nahmen sie schon bei der Hand
die Eltern, die mit süßen Worten
sie schmeichelten zum Badestrand.

Wie fröhlich haben manche Stunde,
von Pult und Paukern weit entfernt,
sie da Natur- und Menschenkunde
in unbeschwertem Spiel gelernt!

Und wie sie hüpften, wie sie sprangen,
dass es wie ’n steter Wettlauf schien,
um jene Lebenslust zu fangen,
die sie sich aus dem Leibe schrien!

Doch auch die längsten Sommerferien
mit vielen Wochen Sonnenschein,
sie münden selber in Iberien
am Ende in den Alltag ein.

Die Luftmatratzen, Gummiringe,
mit denen man aufs Meer sich traut,
und all die tausend andern Dinge
sind trocken wieder und verstaut.

Und unsre muntren Strandrabauken
in ihre Klassen eingekehrt,
wo den Pythagoras sie pauken,
fürs Leben, wie man sie belehrt.

Doch könnt Geraden man und Kreise
nicht ziehn genauso elegant
gemäß des Archimedes Weise
schlicht mit dem Stöckchen in den Sand?

So würde ja an luft’gen Plätzen
den Kleinen Weisheit eingeflößt –
die lernten, eine Kunst zu schätzen,
bei der man auch auf Muscheln stößt.

Raumaufteilung

Hat als gewohnte Arbeitsstätte
man ein Büro, egal wie groß,
dann auch ‘ne Schar Kollegen, nette,
und einen dicken Aktenstoß.

Doch selbst wenn die Kollegen nerven
und dieser Stoß nimmt überhand,
muss man sich nicht ins Wasser werfen,
es sei denn wo am Urlaubsstrand.

Nein, bitte immer hübsch dran denken,
wie vorteilhaft ein solcher Raum,
wo Arme wir und Beine schwenken
so frei wie einen Ladebaum.

Es ist ja jedem zugemessen
(sonst mit den Arbeitsschützern sprecht!),
und sei es gegen Chefint’ressen,
‘ne Fläche, wie sie artgerecht.

Na, und auch sonst: Man muss mal müssen,
entfernt sich, husch, von seinem Platz
und kommt zurück nach den Ergüssen
und schreibt zu Ende seinen Satz!

Auch zwischendurch mal Kaffee trinken
ist ‘ne Gewohnheit, die nicht stört,
und Börsenkurse drum nicht sinken,
weil Meier auf sein Tässchen schwört.

Ja, sollte dich der Jieper quälen
nach einem Wölkchen Nikotin,
kannst du dich vom Computer stehlen
und Posten vor der Tür beziehn.

Mit einem Wort, ‘ne Menge Pausen
versüßen dir den Arbeitstag,
und pünktlich kannst du heimwärts sausen
und nimmst die Deinen in Beschlag.

Dann ist schon wieder Wochenende;
der Leib, vom Joch der Pflicht befreit,
genießt die eigenen vier Wände
und macht sich auf dem Sofa breit.

Wir wolln den Urlaub nicht verschweigen,
dem freudig wir entgegenschaun
und wo am Schluss wir dazu neigen,
für immer in den Sack zu haun.

Das muss man sich vor Augen halten,
wenn man damit einmal vergleicht
die paar verwegenen Gestalten,
denen ein Bruchteil davon reicht.

Sie brauchen nichts als ‘ne Kabine,
wo alles dicht an dicht gedrängt
und vieles (außer ‘ner Gardine)
platzsparend von der Decke hängt.

Und diese Dinge, die da kleben
wie fette Fliegen an der Wand,
man muss geschickt zu ihnen schweben,
sonst kriegt man sie nicht in die Hand.

Wie wir wohl aus der Wäsche schauten,
hätt unsern Auslauf man halbiert!
Doch so ‘ne Crew von Astronauten
ist nicht auf Luxus abonniert.

Im Wahnsinnstempo sie da jagen
in ihrem Sternensonderbus,
dass wie ein Treck von Kinderwagen
die Formel 1 erscheinen muss.

Und zwar in einer solchen Höhe,
dass unterm Mikroskop man nur
die Wesen, kleiner noch als Flöhe,
entdeckte auf der Erdenflur.

Bringt ihre Kapsel sie auf Zinne?
Ein Blick nach draußen macht sie wett:
„Geräumigkeit“ im wahrsten Sinne,
das ganze All als Himmelbett.

Was wird indessen überwiegen?
Der Augenschein der Nichtigkeit
von Menschen, die sich da bekriegen
in immerwährndem Bruderstreit?

Oder der Wunsch, zurückzukehren
auf diesen scheinbar festen Halt,
den Fuß erneut zu spürn, den schweren,
auf Pflaster, Schotter und Asphalt?

Sie werden beides wohl empfinden,
doch sprechen’s nicht ins Mikrofon,
um nicht mit Galle zu verbinden
die zukunftsweisende Mission.

Ein weitrer Schritt, sich zu befreien
aus diesem großen Narrenschiff,
wo alle durcheinanderschreien
und keiner kriegt es in den Griff?

Mal angenommen, es würd klappen:
Man landet wo mit letztem Sprit –
und nähme doch die Narrenkappen
auf seiner langen Reise mit!

Literaturförderung

Ich werd nichts Neues euch verraten,
wenn ich mir die Bemerkung leist‘,
dass mancher unsrer Literaten
beflügelt seinen müden Geist

Mit dem und jenem Muntermacher,
der ihm die schwere Zunge löst
und sich entfalten lässt zum Kracher,
was friedlich noch im Brägen döst.

Der Apfel Tells, der ohne Made
der Brüder Freiheitsdrang geweckt,
er lag vor Schiller in der Lade
als fauliges Geruchsobjekt.

Ein Aufputschmittel, das indessen
nicht überall Beachtung fand –
im Allgemeinen hat Rheinhessen
nebst Pfalz und Mosel man verwandt.

Dies ist der Punkt, um zu gestehen,
dass ich durchaus dies Laster teil
und mit Rioja gut versehen
von einem Vers zum nächsten eil.

Doch heißt es sich zum Maß bequemen,
denn wenn zu viel man davon nippt,
lässt sich die Fantasie nicht zähmen
und schließlich aus den Latschen kippt.

Das wird ja jeder selber fühlen,
der diese Mittel inhaliert,
indem er mit dem Kopf, dem kühlen,
grad wie ein Doktor sie dosiert.

Doch will ich auch gerechterweise
bemerken, dass wohl dann und wann
ein Säufer mit nur Schnaps als Speise
Gewaltiges verströmen kann.

Warum indes die trocknen Strophen?
Ich nenn euch mal den tiefren Grund:
Herr Lessing, keiner von den Doofen,
gab ‘ne prekäre Weisheit kund.

„Zu viel“, sprach er, „kann man wohl trinken,
doch niemals trinkt man wohl genug.“
Da lass ich glatt den Pinsel sinken
mitsamt dem halb geleerten Krug!

‘nen Freibrief für extreme Süffel
mit Ambition auf den Parnass
quittier ich mit ‘nem strengen Rüffel,
denn der Konsum wär mir zu krass.

Wie wär den Damen wohl zumute,
die mit dem Musen-Amt bestallt,
käm plötzlich wer in die Redoute,
der schwankend Dithyramben lallt?

Sofern nur etwas angeheitert,
man ließ wohl fünfe grade sein,
doch hat sich’s schon zum Rausch erweitert –
raus, Lümmel, aus dem Lorbeerhain!

Von dieser Regel ausgenommen:
Villon, der Vagabund und Dieb.
Ein Horror allen Kirchenfrommen,
den Göttern aber herzlich lieb!