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List der Schöpfung

Natürlich sind wir klein geraten,
sofern man uns am Globus misst,
und auch von andern Körperdaten
nichts Großes zu erwarten ist.

Wie aber konnte es geschehen,
dass nicht der Erde Kommandant
der mit den größten Ohrn und Zehen
geworden ist, der Elefant?

Hat die Natur in blindem Eifer,
weil einen Vormann sie gesucht,
den speerbewehrten Steppen-Streifer
mit größren Lappen Hirns betucht?

Mit denen er dann produzierte
das tödliche Verstandesgift,
bis schließlich er der Welt diktierte
Gesetze mit der Faustkeilschrift.

Die mählich zwar im Lauf der Zeiten
verschiedne Stadien durchlief,
doch ohne jemals zu bestreiten
den Geist, der sie ins Leben rief.

Es zieht sich wie ein roter Faden
durch das, was man Geschichte nennt,
bis auf nur wenige Dekaden
Gewalt, die kein Erbarmen kennt.

Da sind der Wilde mit der Keule
und der mit Hochkultur sich gleich:
Man haut dem andern eine Beule,
die groß genug fürs Schattenreich.

Und ist der Gegner erst gefallen,
das Weib verwitwet, Kind verwaist,
in seines Volkes Ruhmeshallen
man ihn als Superhelden preist.

Als ein Problem der Perspektive
erweist sich so die Menschlichkeit –
was Siegern Freude macht, naive,
schafft den Besiegten echtes Leid.

Muss man erst Rechenkünstler bitten,
mal unterm Strich zu kalkuliern
und zu beweisen unbestritten,
dass alle dabei nur verliern?

Wer heut geschunden und getreten,
ist morgen der schon, der bestimmt,
und zeigt dem Pein’ger ungebeten,
wie grausam süß man Rache nimmt.

Der Mensch, so geistig aufgerüstet,
dass fast er zu den Sternen fliegt,
sich immer noch der Dummheit brüstet,
mit der er selber sich bekriegt.

Ein Fehler der Natur, ich finde.
Am besten hätt sie lahmgelegt
zum Schutz der frischen Großhirnrinde
die kleine, die noch Früchte trägt.

So geht’s, wenn man ‘nem Allesfresser
die Welt als Weide überlässt –
er liefert schließlich sie ans Messer
und gibt ihr (und sich selbst) den Rest.

Weit besser wäre sie gefahren
mit Tiern, die sich an Gras erfreun
und statt ein Wildbret sich zu garen,
nur Trockenfutter wiederkäun.

Was soll ich aber groß noch klügeln?
Die Schöpfung hat es längst gemerkt
und sucht den Schnitzer auszubügeln –
indem sie tödlich ihn verstärkt.

Gottesfrieden

Man kann ihn fast mit Händen greifen,
den Weihnachtsfrieden im Moment;
die Spatzen’s von den Dächern pfeifen –
nun feiern fröhlich wir Advent!

Sobald die Wohn- und Arbeitsstätten
der Abenddämmer sacht umfängt,
entzünden sich die Lichterketten,
die man den Straßen angehängt.

Da baumelt denn ein großer Schlitten,
den Rentiermotor vorgeschnallt,
von einem Weihnachtsmann geritten
im weißen Neon-Winterwald.

Da hebt sich breit aus andern Sternen
von Bethlehem das Himmelslicht,
dass es sogar den Glaubensfernen
verheißungsvoll ins Auge sticht.

Und auch das Kirchlein um die Ecke
hat sich ein Diadem geliehn,
dass es die bleiche Stirn bedecke
mit Königen beim Niederknien.

Elektrisch alles gut gerüstet,
Gefühle wohlig aufgeheizt,
damit zu kaufen dich gelüstet,
was bisher kaum dich noch gereizt.

Doch dies hier nur mal so am Rande;
es steht auf einem andern Blatt.
Heut geht zu Wasser und zu Lande
ausschließlich es um Stille satt.

Das ist der unsichtbare Boden,
aus dem die Festtagsstimmung sprießt
und rundum bis zu’n Antipoden
man leiser die Leviten liest.

Doch was so hoffnungsvoll versprochen,
gilt Tage mal im höchsten Fall
und wird selbst dann schon oft gebrochen
von dem und jenem mit ‘nem Knall.

Denn ohne noch erst abzuwarten
die lärmende Silvesternacht,
mit Böllern sie und Krachern starten
schon jetzt zur Winterabwehrschlacht.

Die Brüder mögen wohl nicht meinen,
so zeigten sie der ganzen Welt,
wie Gegensätze sich vereinen,
die man für unvereinbar hält.

Und tun es doch in meinen Augen
von Matutin bis Angelus,
dass ich nun einmal Honig saugen
aus dieser Ruhestörung muss.

Was dulden klaglos wir? Geläute,
helldröhnend aus dem Turmgestühl,
weil es von Kind an uns erfreute
mit eingebläutem Gottgefühl.

Wir mussten uns daran gewöhnen,
dass dieser harte, kalte Klang
von allen uns bekannten Tönen
am nächsten noch dem Engelssang.

Und dass wann immer wir ihn hören,
er uns nicht ruft nur, Gott zu ehrn,
nein, auch Gefahren zu beschwören
wie Flut und Feuer, die verzehrn.

Da braucht‘ es viele, viele Jahre
an seligem Dornröschenschlaf,
bis eines Sonntags nach Lätare
der Kuss uns der Erkenntnis traf.

Und kaum war ihr vom Leib gerissen
das Feigenblatt, das keusch sie trug,
sah nackt und bloß man das Gewissen
‘ner Kirche, der es selten schlug.

„Profit und Macht“ war die Parole
auch für den Klerus jederzeit
und zu dem Zweck ihm die Pistole
als Waffe und als Geld geweiht.

So sind dem süßen Ruf der Glocken,
mit denen man nach Seelen fischt,
von alters her auch kurz und trocken
Kanonenschläge beigemischt.

Verwöhnter Pegasus

Das Öfchen liefert seine Wärme
auf bloßen Knopfdruck höchst bequem,
im Übrigen dazu als Therme,
die Kühle pustet, je nachdem.

In Sommer- wie in Wintertagen
weiß dieser Klimaflüstrer Rat –
spendiert der Stube Wohlbehagen
mit eingebautem Thermostat.

Kaum noch zu glauben, dass vorzeiten
wir hilflos allem ausgesetzt –
dem Frost mit seinen Widrigkeiten,
der Hitze, die mit Schweiß benetzt.

Kamine? Holz- und Aschestätten
mit eingeschränkter Feuerkraft.
Die Glut, die da gebraucht wir hätten,
hat’s höchstens bis zum Bauch gebracht.

Der Reiche hat ein Kohlebecken
zur Seite sich noch angesteckt
und ließ so auch den Hintern schmecken
der Wärme wohligen Effekt.

Indessen der, den Gottes Gnade
sich auserwählt zum armen Tropf,
zog wollne Socken um die Wade
und nachts ‘ne Mütze übern Kopf.

Und dennoch gab es Unentwegte,
die ihrer Feder nicht entsagt
und was im Innern sie erregte
poetisch dem Papier geklagt.

Dabei galt’s nicht nur zu entbehren
ein gut geheiztes Domizil,
nein, auch der Finsternis zu wehren,
die große Leuchte, sie entfiel.

Die Kerze, die in meiner Zelle
romantisch mir ins Auge sticht,
war damals oft die einz’ge Quelle
für eine Handvoll trübes Licht.

Doch hat die Fantasie gelitten,
verkümmerte die Schaffenskraft?
Das Bäumchen, tausendfach beschnitten,
stand umso mehr in vollem Saft.

Jetzt hör ich einige schon lästern:
Wohlan denn, süffiger Poet,
schraub deinen Lichtbedarf auf gestern
und stell auf null dein Heizgerät!

Wird deiner Kunst zugutekommen,
die träge auf der Stelle tritt
und längst den Holzweg schon genommen
zum klassisch-lyrischen Verschnitt!

Den Ratschlag nehm ich gern entgegen;
mir selbst ja auf den Zeiger geht,
ein Ei dem andern gleich zu legen,
sodass kein Hahn mehr danach kräht.

Will also beim Gedichte-Kreißen
stets darauf achten, dass sie rund
und statt der braunen nur und weißen
auch eine Menge kunterbunt.

Doch ohne Wechsel der Methode!
Die Wärme nebst dem Schummerlicht,
ganz losgelöst von jeder Mode,
mir noch das dickste Ei verspricht.

Wie? Ja, ihr könnt mich Weichei schelten,
das gilt mir wie ein Luther-Furz!
Doch haust ihr selbst in offnen Zelten
asketisch nur mit Lendenschurz?

Habt ihr nicht auch dem Lauf der Zeiten
euch unwillkürlich angepasst
und würdet schwerlich rückwärts schreiten
zu Tagen größrer Müh und Last?

Das letzte Urteil überlasse
man doch der Musen feinem Ohr!
Ich fürchte nur, auf dem Parnasse
hat durchaus Sinn man für Komfort.

 

Traumreise

Tief eingetaucht in meine Kissen,
der Federn Fülle nicht zu missen
und nicht der Decke warme Haut,
hab ich mich Träumen überlassen,
die alles in ihr Auge fassen,
was das Gedächtnis überschaut.

Da stand ich oben auf der Brücke
und starrte in die Nacht hinaus,
in diese große grelle Lücke
aus Blitzlicht und aus Sturmgebraus.

Die See, sie schäumte und sie kochte
wie völlig außer Rand und Band.
Ich hörte, wie das Herz mir pochte.
„Voraus“, schrie einer, „Helgoland!“

Die Muck hielt krampfhaft ich umklammert,
schlang ständig Kaffee in mich rein.
Der Bestmann nur, der hat gejammert:
„Gott, diesmal haut’s uns kurz und klein!“.

Mit stetem Stöhnen und mit Stampfen
schob die Maschine uns voran –
jetzt nur nicht stoppen: weiterdampfen,
sonst holt uns der Klabautermann!

Und ständig diese Schrecksekunden,
wenn jäh im Gischt der Bug verschwand
und nach gefühlten ew’gen Stunden
sich wieder aus den Wellen wand.

Es dachte keiner jetzt an Schlafen –
nur unser Alter, Jakobeit.
Der fand noch einen Hafen
in seiner langen Fahrenszeit.

An Backbord, wen’ge Meilen weiter,
rang noch ein Trawler mit der Flut,
im Zwielicht wie ein Geisterreiter,
ein Schatten ohne Fleisch und Blut.

Dann jäh ein Schlag. Und Stille wieder –
als wär der Horrortrip vorbei
und ruhten unsre steifen Glieder
lebendig oder tot am Kai.

Doch lag im Bett ich warm geborgen,
von einer Tür geweckt, die schlug
und mich befreite von den Sorgen
in diesem wahren Höllenspuk.

Als weiter zu mir ich gekommen,
hab ich als Erstes, noch verschwommen,
den blauen Ozean gewahrt.
Hat er den Traum mir eingegeben,
um vorteilhaft sich abzuheben
von meiner ersten Meeresfahrt?

Dumm gelaufen

Ein graues Band, zieht sich die Straße
hier ohne Schnörkel durch das Nest,
bis von dem flotten Wanderspaße
ein Kreisel sie verschnaufen lässt.

Die sonst ihr auf der Nase tanzen,
die Reifen mit dem Gummiduft,
verpusten sich im großen Ganzen
in brenzliger Garagenluft.

Kam alles schon zum Stehn und Stocken,
kaum dass sich noch ein Lüftchen regt,
und auch der Küster hat die Glocken
vorübergehend stillgelegt.

Auch draußen, grade gegenüber,
wo Kate sich an Kate reiht,
wird mit dem Abend immer trüber
das freundliche Fassadenkleid.

Das Meer ist ohnehin erloschen.
Kaum sank die Sonne in die Nacht,
hätt man mit tausend goldnen Groschen
ihm nicht ein Fünkchen mehr entfacht.

Die lieben Nachbarn, denen Bohren
und Hämmern liegt im Naturell,
sie lassen heute ungeschoren
mein leidgeprüftes Trommelfell.

So hock ich still in meiner Kammer,
zufrieden bis zum letzten Zeh,
und suche meinerseits den Hammer,
das heißt die zündende Idee.

Nie war ich besser wohl gerüstet,
dass endlich mich Apoll bekränzt:
Allein den Wein ihr sehen müsstet,
der hell in der Karaffe glänzt!

Und dann das Flämmchen, das sich leise
und langsam in die Kerze müht,
dem Wachs entringend eine Schneise,
an deren Ausgang sie verglüht.

Ach, pfui, ich sollt es schöner sagen!
Sie strahlt ja noch so heiter her,
als ob für all mein Wohlbehagen
der Tüpfel auf dem i sie wär!

Jetzt winkt da aus der grauen Grube,
die in das Säulenhaupt gesenkt,
nur noch der Zipfel in die Stube
der Mütze, die das Feuer schwenkt.

Indes der Säulenschaft von innen
in zartes Himbeer-Rot getaucht,
den Dichter wärmstens zu besinnen
auf die Mysterien, die er braucht.

Nun aber mal genug geschwafelt –
komm endlich auf den Punkt, Poet!
Parnassisch wird erst dann getafelt,
wenn’s Gastgeschenk dir wohlgerät!

Verstehe. Nur noch rasch verschnüren
und ihm ein Sprüchlein angehängt,
damit man’s an der Musen Türen
mit Neugier freudig schon empfängt.

Doch stellt euch vor: Nicht eine Zeile
fällt mir noch ein, ‘s ist wie verhext –
ich pussel schon ‘ne ganze Weile
umsonst an diesem blöden Text!

Kurz vor dem Ziel ‘ne Schreibblockade,
das hat mir grade noch gefehlt:
Kein Lorbeer und kein Festmahl, schade.
Doch was ich morgen schreib, das zählt!

Halb zog sie ihn

Dass sich die Menschen unterscheiden,
das hab ich auch schon mitgekriegt.
‘ne Menge davon mag ich leiden,
‘ne andere mir nicht so liegt.

Ich will euch mal ein bisschen quizzen
nach denen, die ich gerne mag!
Na, glaubt ihr es denn schon zu wissen?
Genau – die von dem stillen Schlag.

Die nicht so viele Worte machen.
Die sagen, was zu sagen ist.
Die lieber schweigen, statt mit flachen
Sentenzen zu erhöhn den Mist.

Doch Wunsch und Wille sind zwei Dinge,
die man nicht einfach steuern kann –
man tappt dem Zufall in die Schlinge,
das heißt, dem Falschen irgendwann.

Du hebst dich morgens aus dem Bette,
erklärter Feind des Redeschwalls,
und hast statt Ruhms wie eine Klette
das reinste Plappermaul am Hals!

Und bla und bläh, die Wortkaskaden,
sie prasseln dir so um die Ohrn,
dass eins, zwei, drei den roten Faden
der frohen Botschaft du verlorn.

Ja, selbst das höllische Getöse,
mit dem der Wasserfall uns schreckt,
hat unsre biedere Souffleuse
zu toppen sich zum Ziel gesteckt.

Verkümmert ihre sanften Töne,
fortissimo aus voller Brust:
Solln alle hören, wie ich dröhne
im Überschwang der Lebenslust!

So hock mit ihr an manchen Tagen
ich, in mein Pokerface gehüllt,
doch mit ‘ner Menge Mulm im Magen,
wenn jäh sie nach dem Kellner brüllt.

Dann rutscht das Herz mir in die Hose,
ich wünschte weg mich meilenweit,
da jene in Walküren-Pose
noch einmal nach Bedienung schreit.

Ihr sagt so leicht: Dann schieß die Alte
doch kurz entschlossen auf den Mond!
Ach, wärn da nicht die Sachverhalte,
dass man sie lieber doch verschont.

Auf diesem und auf jenem Felde
hat sie als nützlich sich bewährt,
so dass ich ehrlich hiermit melde:
Die Gute ist nicht ganz verkehrt.

Es ist ihr Herz, das sprengt die Kehle
gelegentlich mit Donnerhall –
ein Fleckchen nur auf ihrer Seele,
die lauter wie ein Wasserfall.

Schmutziges Geschäft

Wie fern dem Lyriker sie liegen,
die Wörter, die vulgär man nennt –
doch kann er auch das Kotzen kriegen,
wenn ihm was untern Nägeln brennt!

Man stell sich vor in diesem Falle
(ein Beispiel unter vielen nur),
der Staat erklärt als Pillepalle
den Chemo-Krieg mit der Natur!

Erinnert euch, was schon als Kinder
ihr in der Schule eingepaukt:
Der Tier- und auch der Umweltschinder
ist eine Type, die nichts taugt.

Drum gilt der Gans, vom Fuchs „gestohlen“,
dass er sich weidlich von ihr nähr,
ein Mitleid bis zum „Jäger holen“
mit seinem Piff-Paff-Schießgewehr.

Und auch: Am Weg nicht Blumen rupfen,
lasst Raute und Kamille stehn,
sie helfen gegen Schmerz und Schnupfen
und sind so prächtig anzusehn!

Vor allem aber: Leib und Leben
der Menschen sind das höchste Gut,
das wir bei jeglichem Bestreben
zu schützen haben – absolut.

Den Lütten kann man es noch sagen,
sie glauben ja den Großen blind,
bis einmal selbst zu hinterfragen
die Dinge sie imstande sind.

Dann werden sie sehr schnell schon merken,
was hinter solchen Sprüchen steckt,
wie sie bei allen frommen Werken
die Heuchelei sich ausgeheckt.

Bei Weitem liegen an der Spitze
nebst unsern Pfaffen, „Gott befohln!“,
Politiker, die ihre Sitze
sich gern mit solchem Streusand holn.

Der aber meist so fein gemahlen,
dass ihn die Augen gar nicht spürn
und bei den nächsten Hirtenwahlen
die Schafe ihre Schlächter kürn.

Und diese Dummheit macht sie dreister
noch in dem schmutzigen Metier,
dass sie agiern als Herrn und Meister
nach Gusto über Wohl und Weh.

Die öffentlich sie gern vertreten,
Prinzipien von hohem Sinn,
sind ihnen eher ungebeten
nach dem geglückten Machtgewinn.

Dann mögen sie sich gar erfrechen,
sich zu entlarven vor der Welt
und alle Schranken zu durchbrechen,
die selbst sie einmal aufgestellt.

Vernunft und Fakten abgeschaltet,
gibt nur der Wille noch Befehl,
wie seinen Einfluss man entfaltet
für die Partei plus Klientel.

Und während sie „Gemeinwohl!“ brüllen
und „Umwelt vorneweg!“,
gestatten üppig zu vergüllen
die Felder sie mit Rinderdreck.

Und noch eins drauf: Die Schafsvertreter
befragen ihren Hütehund –
der knurrt, dass jeder Unkrautjäter
sich einmal reißt die Finger wund.

Ein Fall für die Chemiegiganten:
Ein Mittelchen noch toppt den Mist,
das nur peniblen Kaffeetanten
nicht blitzeblank geheuer ist.

Es sei nicht, faseln sie, erwiesen,
dass es total bedenkenlos –
und folgen so den Expertisen
von ein paar Wichtigtuern bloß!“

Doch hat die Vorsicht nicht geboten
gerade auf polit’schem Feld,
Gefahren erst mal auszuloten,
eh man sich blindlings ihnen stellt?

Das muss doch wohl auch anders gehen,
entscheidet der Parteityrann:
Solln sie das Zeug doch weiter säen,
bis man das Gift beweisen kann!

Erst muss das Kind in’n Brunnen fallen:
Und sind die Schäden offenbar,
ist der Empörteste von allen
er, der „schon immer skeptisch war“.

Er selber fühle sich betrogen,
so lamentiert er sich heraus –
nicht wahr, doch auch brillant gelogen;
und so was zählt im Hohen Haus.

Ja, aus der ganzen fiesen Nummer
schlägt er noch kräftig Kapital:
Zeigt werbewirksam seinen Kummer
beim Pflichtbesuch im Krankensaal.

Gewissensbisse? Fehlanzeige.
Die Macht bewahrn um jeden Preis –
dies Motto spielt die erste Geige
wie sonst auch im Kollegenkreis.

Nur dass die nicht die Pauke hauen –
die Flöte blasen sie diskret;
wobei, in Hameln nachzuschauen,
auch alles übern Deister geht.

Keine Rentenlüge

Wie lustig ist das Rentnerleben,
wenn’s nur den rechten Platz erhascht
und statt am Apfelbaum zu kleben,
des Südens süße Früchte nascht.

Ich muss mich gar nicht viel bewegen,
und schon ist dieses Bild real –
zehn Schritte hinterm Haus gelegen:
das nächste kleine Strandlokal!

Was, Strand? Heißt das in Meeresnähe
mit garantierter Abendglut? –
Ja, da sich strecken, heißt die Zehe
taucht wirklich beinah in die Flut.

An der auch ein paar Büsche lecken –
zwar hemmend nicht den Blick zur Bucht,
doch mit dem Wall, den sie bedecken,
ein Bollwerk gegen ihre Wucht.

Aus deren dunkelgrünem Grunde
noch immer feurig sich erhebt
Hibiskus, der die Dämmerstunde
mit stillem Fackelschein belebt.

Im Schulterschluss an seiner Seite
ein Strauch, der schon zu schlafen schien:
Längst seine Blüten er verschneite,
die weißen, duftend – Nachtjasmin.

So könnte schier man satt sich sehen
an diesem Zipfel der Natur,
würd sich der Kellner nicht verstehen
auf Früchte aus der Meeresflur.

Er brachte Steinbutt auf dem Teller,
zwei handbreitgroße Stück Filet,
fast fangfrisch aus dem Vorratskeller
am rauen Fuß der Küstensee.

Die unverzüglich Gnade fanden
vorm Auge, das ja mit uns isst,
und eh sie noch am Gaumen landen,
die Güte des Geschmacks bemisst.

Der Anblick hielt, was er versprochen,
und seinen Ruf als Speisefisch
der Butt, der nunmehr seit Epochen
ein gern gesehner Gast am Tisch.

Gesellschaft, die in höchstem Grade
willkommen unserm müß’gen Freund,
der Tag für Tag hier am Gestade
nach seltenen Genüssen streunt.

Der Einkauf selbst, den wir zu Hause
nur widerwillig absolviern,
weil öd der Weg von unsrer Klause
und Regen geht uns an die Niern,

Der ist hier von ganz andrer Güte:
Man schlurft am Strand ein hübsches Stück,
packt seinen Käse in die Tüte
und schlurft im Sonnenschein zurück.

Na ja, was soll ich noch erzählen?
Die Weisheit hat ja schon so’n Bart
für euch, die ihr, euch fortzustehlen
vom Job, schon selbst im Süden wart!

Im Allgemeinen zwei, drei Wochen,
fürs nächste Mal gespart den Rest –
wogegen mich ununterbrochen
hier die Pension jetzt wohnen lässt.

Genügend Zeit, um zu genießen,
was so ein Kurztrip unterbricht.
Doch ließ ich auch die Zügel schießen,
zum bunten Hund würd ich hier nicht.

In diesen segensreichen Breiten
ist ja der Vögel Sammelplatz:
Zuhauf sie unter Palmen schreiten –
beschwingt von ihrem Rentensatz!

Falscher Glanz

Geh bis zum Hals in Sack und Asche,
zerknirscht ich und im Büßerkleid,
wenn, Scheidemünzen in der Tasche,
ich einmal übern Jordan schreit?

Nie hab auf gutem Fuß gestanden
mit Pluto ich, dem Geber-Gott,
des Pfoten immer Nieten fanden,
griff er für mich in seinen Pott.

Woher die Knete also kriegen,
um mir Paläste zu erbaun,
die, so unnahbar wie verschwiegen,
geschützt von ‘nem Elektrozaun?

Nicht einmal für ‘ne Nummer kleiner,
‘ne Villa reichte mein Salär,
damit zumindest etwas feiner
als Hinz und Kunz behaust ich wär.

Ja, selbst ein Häuschen wo im Grünen,
‘ne hübsche Hecke ringsherum,
versagte sich dem Wunsch, dem kühnen,
weil – nun, ich sagte schon, warum.

Zur Miete musst ich also wohnen
in einem Stadt-Etagenhaus,
ein Malepartus für Millionen
knapp oberhalb des Plattenbaus.

Und ähnlich ist es auch gelaufen
bei jedem anderen Bedarf –
wenn es mir einfiel, was zu kaufen,
dann kalkulieren erst mal scharf!

Mein Leben einmal überschlagen –
nichts, was gewöhnlich Eindruck macht,
so dass die Leute von mir sagen:
Der Bursche hat’s zu was gebracht!

Doch wenn man nur mit goldner Elle
des Schicksals weite Spanne misst,
wo bleiben dann die tausend Fälle,
für die sie zu gediegen ist?

Sind denn nicht auch des Geistes Gaben
der Achtung und der Ehren wert,
wenn etwa sie poetisch traben
auf Pegasus, dem Musenpferd?

Das wird wohl niemand mir verneinen –
doch mit dem Vorbehalt zumeist:
Wenn auch in Münzen und in Scheinen
der Gaul als trächtig sich erweist.

Da bin ich in den Arsch gekniffen –
kein Schwein wird heut von Lyrik satt,
da man nach anderen Begriffen
sein Weltbild sich gezimmert hat.

Im Pantheon der Geistheroen
ist somit auch kein Plätzchen frei,
und für den Eintritt hab, den hohen,
ich den Nobelpreis nicht dabei.

Wird man denn wenigstens mir danken,
dass redlich ich, gesetzestreu,
und ohne nur einmal zu wanken
seit je die krummen Wege scheu?

Ach, Hoffnung eines alten Narren,
der gegen Mühlenflügel ficht!
Die heut nur so vor Reichtum starren
fragt man nach weißer Weste nicht!

Scheint mir ein Brauch, der nachgeblieben
noch aus der Kirche Tyrannei –
das Erbe, sterbend ihr verschrieben,
sprach jeden Schuft von Sünde frei.

Geld, Ehre, Macht, am besten alle,
vereint in einer einz’gen Hand,
schon ziehst du in die Ruhmeshalle
der Größten ein im Vaterland.

Das ist (verschließt euch, Gaußsche Ohren!)
‘ne Größe, die nicht variiert –
sie hängt an diesen drei Faktoren
so wie mit Tischlerleim fixiert.

Vor dieser Trias mich verbeugen?
Da seh ich nichts als Eitelkeit,
gewalt’ge Blasen zu erzeugen,
die platzen mit der Lebenszeit.

Kein Mensch kann übern Schatten springen,
den die Natur ihm angehängt.
Ich freue mich, mein Lied zu singen –
dem Vogel gleich, der Grillen fängt.

Gut gelaufen

Ich hab das große Los gezogen.
Europa ist mein Vaterland.
Auf dieser Erde Waag‘ gewogen
des Wohlergehens Unterpfand.

Von seiner Fülle stets zu zehren,
das Schicksal gnädig mir beschied,
solange meine Jahre währen
vom Wiegen- bis zum Klagelied.

Der Krieg war eben erst zu Ende,
als ich auf festen Füßen stand
und die zerschossnen Häuserwände
mehr seltsam als bedrohlich fand.

Die Kinderseele, voll Vertrauen,
dass da nichts Böses hintersteckt,
sie ahnte wohl schon, dass mit Bauen
Ruinen man zum Leben weckt.

Und während in den weitren Jahren
sie wuchs zugleich mit der Statur,
vermochte stets sie zu gewahren
den Fortschritt unsrer Baukultur.

Geschlossen bald, verheilt die Wunden,
geschlagen noch vor ihrer Zeit,
und Land und Leut, so wüst geschunden,
im Schauraum der Vergangenheit.

Ob bar gekauft, ob abzuzahlen:
Ein Kühlschrank wurde angeschafft
und, beste Bohnen sich zu mahlen,
‘ne Mühle mit Elektro-Kraft.

Schon diente auch die Waschmaschine
der Hausfrau als Erleichterung
und schenkte Schlüpfer und Gardine
die Sauberkeit mit Trommelschwung.

Die Kneipenglotze, meist zum Zwecke
der kollektiven Fußballschau,
sie füllte bald die Zimmerecke
des Bürgers mit bewegtem Grau.

Und dann, der Gipfel der Begierde
bei diesem Tanz ums Goldne Kalb,
ein Auto als Laternenzierde,
geteilt mit Oma halb und halb.

Die Produktion auf vollen Touren,
man brauchte dringend jeden Mann.
In langen Arbeitsämterfluren
traf kaum man eine Seele an.

Na ja, den Rest könnt ihr euch denken.
Es blieb nicht immer so perfekt,
und wenn wir mal auf heute schwenken,
ist manches schauderhaft direkt.

Indes in diesem ew’gen Frieden
den Schulabschluss ich mir ersaß,
der sich mit Goten und Gepiden
noch lang in meine Träume fraß.

Der Lohn der Angst im Klassenzimmer,
speziell im Hals der Mathe-Kloß:
Zu guter Letzt ein Platz für immer
in der Behörde sichrem Schoß.

Zum Krösus kann man’s da nicht bringen,
beim Fiskus jeder Heller zählt,
doch an den wirklich nöt’gen Dingen
hat’s mir zumindest nicht gefehlt.

Gesättigt also und zufrieden
hab ich den Dienst schon längst quittiert
und hock als Rentner noch hienieden,
bis mich der Schnitter liquidiert.

Ein Leben auf der Sonnenseite.
Und falls ihr nach den Gründen grabt:
Europa, Asien, jede Breite –
der pure Zufall. Schwein gehabt!