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Sprechstunde

Lernt man nicht manchmal Typen kennen,
die einem auf den Senkel gehn,
doch der Impuls, gleich wegzurennen,
verpufft, weil vor dir Leute stehn?

Zum Beispiel an ‘ner Ladenkasse,
berühmt-berüchtigt ja für Staus,
da kommst du mit der Warenmasse
so schnell nicht aus der Schlange raus.

Und falls ein zäher Zeitgenosse
dir Löcher auf die Hucke spricht,
bewahrst bei jedem Wortgeschosse
du unverwüstlich dein Gesicht.

Dann ist der Engpass überstanden,
du wähnst dich von dem Quälgeist frei,
doch so, als wär er noch vorhanden,
fährt fort er mit der Löcherei.

Und bleibt dir weiter auf den Hacken
bis wo die Karren aufgereiht,
um deinen Euro einzusacken,
damit für andre sie bereit.

Du wendest ihm schon deinen Rücken,
sagst hastig höflich ihm noch Tschüs,
da prustet er dir mit Entzücken,
dass in die Richtung auch er muss.

Und zwei-, dreihundert Meter weiter
bekannte er dir schon so viel,
dass jeder Staatsgesinnungsleiter
daraus gewönne sein Profil.

Ich fragte mich, ob diese Zecke
mir ewig auf der Pelle blieb,
als plötzlich an ‘ner dunklen Ecke
ihn’s in ein Seitengässchen trieb.

Und mit den raschen Abschiedsworten:
„Hat mich gefreut ganz kolossal,
Herr X, Sie heute hier zu orten“,
er formvollendet sich empfahl.

Dies X mich weg vom Glauben brachte,
bei ihm sei wohl ‘ne Schraube los,
und blitzesschnell mir deutlich machte:
Ach, der verwechselte mich bloß.

Ein guter Grund, ihm zu verzeihen,
dass er vertraulich wie ein Kind,
und in das Fach ihn einzureihen
der Leute, die vergesslich sind.

Gnade der Geburt

Haus‘ eingepfercht ich in ‘nem Lager,
verschmacht ich wo in einem Loch,
von ständ’gem Hunger hohl und hager,
der keineswegs der beste Koch?

Muss ich in Staub und Dreck mich wälzen,
den Strahl der Dusche selbst entbehrn
und bis zur nächsten Pfütze stelzen,
mir Spülicht übern Hals zu leern?

Muss ich dem Eiseshauch der Nächte
in dünnen Decken widerstehn,
nicht anders als die Tundraflechte,
die Wärme findet unter Weh’n?

Muss ich, was in den Bauch zu kriegen,
der knurrend seinen Teil verlangt,
zwei Stunden Zahn der Zeit besiegen,
dass mit ‘nem Süppchen sie mir dankt?

Bin ich in unbekannten Breiten
ein Fremder, der sich hilflos fühlt,
dem Strandgut gleich, das die Gezeiten
ins Uferlose wo gespült?

Und wo den Tausenden Gefahren
entronnen nur mit knapper Not,
mir erst einmal mit Haut und Haaren
der Test fürs Fahrtenschwimmen droht?

Entschieden nein! All dem entgegen
und ohne mein Verdienst dabei
hielt fern von solchen Schicksalsschlägen
das Leben stets mich sorgenfrei.

Wie aber konnte das geschehen?
Bin ich eines Magnaten Spross,
dem, einst als Erbe ausersehen,
das Gold schon in die Windel floss?

Ach, einen Krösus als Erzeuger,
den braucht es nicht für so ein Glück
und auch nicht den Gesetzesbeuger,
der’s zwingt mit seinem Bubenstück.

Sei einfach mit Geduld und Spucke
in einem Erdenstrich geborn,
wo’s weder brennt dir auf die Hucke
noch abfriert deine bloßen Ohrn.

Und wo in milden Wetterlagen,
die selten nur der Hafer sticht,
ein jeder muss sein Päckchen tragen,
doch keins, dass er zusammenbricht.

Man hat Berufe und zu beißen
und einen Pfennig auf der Naht
und, falls denn alle Stränge reißen,
noch einen Obolus vom Staat.

Das Handwerk steht in voller Blüte,
die Industrie zieht ständig an,
dass selbst für vorgetäuschte Güte
sie leicht die Bußen zahlen kann.

Und diese kinderleichte Nummer
dir wirklich nicht einmal gelang,
dass dich aus ungebornem Schlummer
die Mutter in ein Eden sang?

Hast unbedacht es zugelassen,
dass man im Bombenschlag dich wieg
statt in gepflegten Altstadtgassen
zu Mozarts kleiner Nachtmusik?

Dann nimm es auf die eigne Kappe,
dass Not du leidest und Gewalt!
Europa schließt die Katzenklappe.
Die Logik war schon immer kalt.

Das große Haus

So lange ich hier auch schon wohne,
ich kenn nicht jede Mietpartei
und schert mich überdies die Bohne
des lieben Nachbarn Konterfei.

Von ein’gen nur, die in den Jahren
ich öfter auf der Treppe traf,
hab ein paar Fakten ich erfahren,
die mir geläufig wie im Schlaf.

Doch die sind leicht hier aufzuzählen,
dabei kommt kaum ein Dutzend raus,
drum denk ich, ohne euch zu quälen,
nenn sie ich euch fürs ganze Haus.

Und ohne wen bevorzuzugen,
beginn ich mit Familie Wang,
die einst, so weit die Füße trugen,
die Seidenstraße lief entlang.

Was immer auch sie denn bewogen
zu diesem schicksalhaften Schritt,
sie kam in dies Quartier gezogen
und Meister Kung, ihr Abgott, mit.

Die Singhs aus gleichfalls fernen Breiten,
es sei Europa denn das Maß,
auch irgendwann herein hier schneiten
vom Fuße des Himalajas.

Sie halten heilig ja die Kühe
nach ihrem alten Hindu-Brauch
und nehmen mangels Rinderbrühe
die von Geflügel gerne auch.

Dazu aus Rio diese Leute,
die fröhlich, aber ohne Knall,
doch wilder Leidenschaften Beute
im narrenfreien Karneval.

Cortés dann, Vater, Mutter, Söhne,
führn auf Hernando sich zurück,
der, dass mit Reichtum er sich kröne,
Kulturn zerstört und Menschenglück.

Die Sonnyboys der ersten Güte
sind aber Grants im dritten Stock –
den Schalk beständig im Gemüte
und den Revolver unterm Rock.

Erfrischend, wie sie Kindern gleichen,
naiv und ferne des Kalküls,
und dennoch um kein Jota weichen
vom Dünkel ihres Selbstgefühls.

Iwanows auch in diese Sphären
verschlug es auf der Lebensbahn,
die mehr als Marx wohl noch verehren
die Gottesmutter von Kasan.

Good afternoon!, tönt mir entgegen
gemessen britisch oft ein Gruß,
dem meiner, Höflichkeit zu pflegen,
folgt hochhannoversch auf dem Fuß.

Bis oben, wo die Treppen enden,
muss Herr Abebe immer rauf –
was andre aber lästig fänden,
stärkt ihn fürn Eritrea-Lauf.

Nicht grade schwer von Öl-Millionen,
doch mit ‘nem Burnus gut betucht,
Herr Kaid an tausend Tankstationen
‘nen Job als Oberzapfer sucht.

Treppauf, treppab die Nationen,
so wie der Zufall sie gewählt,
und unter allen, die hier wohnen,
Familie Meier auch nicht fehlt.

Und dieser ganze bunte Haufen,
dies menschliche Konglomerat,
muss ständig sich zusammenraufen,
dass sich und andern es nicht schad.

Nicht dass sie etwa boshaft wären
und ständig aufgelegt zum Streit –
mit Liebe und Respekt verkehren
in ihrem Heim sie jederzeit.

Und Sitten, die bei ihnen gelten
nach ihrer und nach Völkerart,
noch niemals sie in Frage stellten
in andrer Leute Gegenwart.

Sie leben friedlich mit den Frauen,
die Glück und Leid mit ihnen teiln,
und zärtlich auf die Kinder schauen,
die fröhlich durch ihr Dasein eiln.

Respekt bezeigen sie den Alten,
zumal dem silbergrauen Haar,
die Weisheit in den Händen halten
als Schatz, der niemals größer war.

Doch Streit? Wie sollte der entstehen?
Hat jeder nicht sein Herz im Griff,
um nicht zum Äußersten zu gehen
selbst hier, auf diesem Narrenschiff?

Instinkte, sag ich nur, Instinkte –
die sind der Seele eingebaut,
und kaum, dass da ein Lämpchen blinkte,
entladen sie, was aufgestaut.

Das Lämpchen? Eines Volkes Ehre,
die einer zarten Pflanze gleicht,
der schon die allerkleinste Schwere
zum Knicken und Sichbiegen reicht.

Die ist nie völlig auszujäten,
wie sehr man gärtnert auch daran –
wer fühlt sich auf den Schlips getreten
und spielt sofort den wilden Mann.

Und plötzlich platzt in diesen Frieden
der Lärm von Aufruhr und Krawall,
der Geister ruft, die längst verschieden,
Posaunen vor der Feste Fall.

Der Hausordnung, die man stillschweigend
so lange eingehalten hier,
den bösen Stinkefinger zeigend:
Was braucht’s noch so ein Wischpapier?

Wird nun der Faustschlag zum Gesetze
und Zwietracht Hüt’rin der Moral,
dass man in blindem Hass verhetze,
die schön gegrüßt man doch einmal.

Und ist kein Ruhen und kein Rasten,
bis dieser Bau zusammenbricht
wie morsche Telegrafenmasten,
in die der Wurm sich Gänge sticht.

Längst liegt der Flur in Schutt und Asche
und Leichen unter sich begräbt,
bevor der Sani mit der Tasche
zum Flickwerk an Verletzten strebt.

Erst wenn an Trümmern und an Toten
man sattsam sein Genüge fand,
besinnen sich die Idioten
auf ihren letzten Rest Verstand.

Sondieren. Reden. Weiße Fahne.
Ein schwer verhandelter Vertrag
mit lauter Klauseln erster Sahne
für Frieden bis zum Jüngsten Tag.

Die Nachbarn, Tränen in den Augen,
sie sammeln ihre Toten ein.
Doch Tinte nicht noch Träne taugen –
bald werden beide trocken sein.

Am Tempolimit

am-tempolimit-tamara-de-lempickaMit Riesenschritten eilten wir,
die Länder zu durchmessen
und haben Kilometer hier
und da en masse gefressen.

Von gelbem Glibber war das Glas
der Scheibe überflossen,
von breiigem Insektenaas
als treuem Fahrtgenossen.

Die Straße flog uns jauchzend zu,
nur um vorbeizurasen –
verbissen blieb der Fahrerschuh
in seinen Gasextasen.

Wir folgten stur der schwarzen Naht,
die in die Flur gezogen,
doch Felder trennend, Frucht und Saat
und goldne Weizenwogen.

Nicht mal der rüde Radarblitz,
verdonnernd uns zu blechen,
vergällte unsern Aberwitz,
Boliden auszustechen.

– Hast du die Burg da grad gesehn?
Da oben die Ruine?
– Ich glaub, das war schon Nummer zehn,
die werden zur Routine.

Toledo so und so Madrid –
Paläste, Kathedralen.
Pamplona nimmt und Tours man mit,
die gleichfalls sich empfahlen.

Rouen verging uns wie im Flug
und Lille, Luik und Leiden –
das Motto, das uns heimwärts trug,
war „Kurz mal schaun und scheiden“.

Hat Regen unsern Lauf gehemmt,
die Finsternis der Nächte?
Als ob wer Kilometer schlemmt
an Sättigung je dächte!

Europa, ach, dies Wonneweib,
Phöniziens Strand entrissen,
ich streifte flüchtig seinen Leib
optischer Leckerbissen.

Doch was ich hastig nur erhascht,
vom Zufall aufgefangen,
hat mich so freudig überrascht,
um mehr noch zu verlangen.

Die Schöne hast die Lust geschürt,
sie stiller anzubeten –
der Schwager, der den Knüppel rührt,
soll künftig kürzer treten!

Verschämte Not

verborgenes-leidMan sieht sie nicht, die Arbeitslosen,
ha’m ja kein Schildchen am Revers
und ganz normale Hemden, Hosen
von irgendeiner Stange her.

Sind auch am Schritt nicht zu erkennen
und auch nicht sonst am Habitus,
das heißt sie gehen und sie rennen
wie jeder gehn und rennen muss.

Sie knirschen auch nicht mit den Zähnen
und rollen mit den Augen nicht
und tragen keine Löwenmähnen
und Beutelust im Angesicht.

Auch wenn sie dies und jenes sagen
und wir hörn ihnen einmal zu,
dann ist’s nicht aus der Art geschlagen,
sie reden grad wie ich und du.

Sie lungern nicht an Straßenecken,
und lauern nicht in finstren Parks,
man sieht sie nicht die Fäuste recken
und „Mussolini!“ schrein und „Marx!“.

Sie gehen stille ihrer Wege
und manchmal wohl geschäftig auch
zu Bäcker, Bank und Körperpflege
nach allgemeinem Bürgerbrauch.

Sie tragen kein besondres Zeichen,
kein Kainsmal auf gefurchter Stirn,
dass Ausgestoßenen sie gleichen,
die einsam durch die Menge irrn.

Sie schwimmen in des Tages Wellen
wie Fische im vertrauten Schwarm –
wer würde diesen Netze stellen,
nach Reich gesondert oder Arm?

Mit unsichtbaren Gitterstäben
hat dennoch man sie eingefasst –
wie lebten sie ein freies Leben
unter des Mangels steter Last?

Du fragst: Was war denn ihr Verbrechen?
Noch herrscht ja Recht in diesem Land!
Ach, längst die Bosse es ja sprechen,
der Staat gab’s heimlich aus der Hand.

Wo Geld das höchste Glück uns gaukelt,
vergrößert sich das Elend bloß.
Noch schweigt das Volk, begöscht, verschaukelt –
doch einmal bricht der Sturm dann los!

Ungeschminkt

ungeschminktO mögen es die Kritiker bezeugen:
Was ich geschrieben, gab sich immer schlicht.
Die Wörter, nun, die musst ich freilich beugen,
doch sie „flektieren“ wollt ich möglichst nicht.

Und habe stets in Ehren auch gehalten,
was meine erste Stummheit einst besiegt –
der Muttersprache liebevolles Walten,
das in die Kinderträume mich gewiegt.

Kein welsches Wort entschlüpfte meinen Lippen
und auch von Albion keines ohne Not –
mir reichten stets die guten alten Schrippen
und statt blasierter Bagels Bauernbrot.

Das sei’s auch schon an Beispielen gewesen,
ihr kriegt ja täglich selbst davon genug.
Auf jedem Superposter könnt ihr’s lesen –
der Slogan clever, doch nicht immer klug.

Und jeder Sender bläst’s euch in die Ohren
und nebelt euch damit den Brägen ein.
Allein die Schwätzer schon, „Moderatoren“,
ihr Englisch, ach, das Ende vom Latein!

Am schlimmsten treiben’s die Computerfritzen,
die manisch gleichsam alles anglisiern
und so mit ihren trüben Geistesblitzen
die eigne Ignoranz illuminiern.

Nein, dies Gewese finde ich zum Lachen –
wie Leutchen, die vorm Doktor dicke tun
mit Assmer, Hämmerrieden und so Sachen,
mit tockzisch, Männerpause und irrmuhn.

Nie wollt mit einer Floskel ich euch blenden,
sann nie auf des Exotischen Effekt,
gab Frucht, die heimisch, euch mit vollen Händen
als Hausmannskost, die immer herzhaft schmeckt.

Statt hinter aufgeputzten Wortfassaden
das Elend der Gedanken zu verhülln,
wollt ich im klaren Quell der Musen baden
und seine Weisheit mir in Verse fülln.

Doch wird nicht jeder meine Meinung teilen –
das Fremdwort hat ja seinen eignen Reiz:
Es hilft, das schlappe Ego aufzugeilen,
dass forsch es wieder seine Flügel spreiz.

Mag sein, dass ich aus eben diesem Grunde
nur ein, zwei treue Leserinnen zähl:
Ich wuchre dennoch nicht mit einem Pfunde,
das ich, hélas!, zu haben gar nicht hehl!

Keine Romanze

keine-romanze-terbrugghenDie du schon lange meinem Lied gewogen,
was immer auch an Weisheit es enthielt –
hat nicht der Wunsch dich, Les’rin, oft betrogen,
dass auch die Liebe eine Rolle spielt?

Die Zeilen, die dein Auge abgeschritten,
sie müssten schon nach Kilometern zähln –
und fanden Herzen nicht, die Sehnsucht litten,
und keine Lippen, die sich Küsse stehln?

Gern will ich dieses Manko eingestehen:
Davon bracht ich nur wenig zu Papier.
Du lächelst Nachsicht? Nein, nicht aus Versehen.
Aus gutem Grunde ja verkniff ich’s mir.

Denn wenn ich dies und das in Verse kleide,
damit es glänz in lyrischem Gewand,
ich die Gefahr nach Möglichkeit doch meide,
dass es zur Wahrheit wird aus zweiter Hand.

Wie könnten ihre Schläge glaubhaft klingen,
wenn nicht die Zunge weiß, wovon sie spricht?
Will sie denn irgendetwas „rüberbringen“,
dann fehle an Erfahrung es ihr nicht!

Doch habe lange ich nichts mehr empfunden,
was ‘ne Notiz in Amors Chronik wert.
Geschlossen sind die alten Liebeswunden,
und auch das Blut vergaß wohl, wie es gärt.

Der Alterstrampelpfad zum Hagestolze:
Verlassen plötzlich auf der Lebensbahn,
weil spröder man und kantiger von Holze,
so wie es Charon braucht für seinen Kahn.

Trotzdem kann meine Tage ich genießen.
Und abends mach ich mir darauf ‘nen Vers.
So mögen sie denn ruhig weiterfließen –
es sei denn, einz’ge Les‘rin, wie wär’s?

Das Kastell

das-kastell_castell_de_santueriJe weiter wir auf dieser Piste fahren,
hülln desto dichter uns die Büsche ein.
Steineichen nur, vereinzelt und in Paaren,
bezeichnen vage uns den Wegesrain.

Der Asphalt, der hier ohnehin voll Schrunden
und teils gefährlich aufgeworfen liegt,
ist plötzlich wie ein Hautausschlag verschwunden,
von der Natur, der stärkeren, besiegt.

Dann knirscht’s auf einmal körnig unterm Reifen,
weil seinen Fuß in Sand er senkt,
indes Jasmin, Johanniskraut zum Greifen
die Augen nicht vom Steuer lenkt.

Jetzt in die letzte Kurve eingebogen –
und aus der Tunnelenge jäh befreit,
ist wie ein Vögelchen davongeflogen
der Blick in einem Nu fast inselweit.

In welche Höhe sind wir hier geraten!
Da über uns nur noch das Felsennest,
die Flucht- und Zwingburg grauser Potentaten,
heißt ihrer Mauern schreckenloser Rest!

Einst hat den ganzen Platz sie eingenommen
und argusäugig Feld und Flur bewacht,
um wie der Shaitan übern „Hund“ zu kommen,
der da im Tale unten Zicken macht.

Dann ließ man die gekrümmte Klinge kreisen
und nahm gespaltne Schädel als Tribut –
nicht ohne seinen Schlachtengott zu preisen,
der wundersamerweise mild und gut.

Jetzt blaut der Himmel, wie in Erz gegossen.
Die goldne Mittagssonne lacht und loht.
Millionen Gräser sind ins Kraut geschossen.
O wie viel Frieden über so viel Tod!

Mein Reisekamerad

mein-reisekameradAls ob ich mich beeilen müsste,
weil alles Schöne hier fragil,
durchflog von Küste ich zu Küste
die Insel im Touristenstil.

Besuchte gleich die alten Stätten,
auf die seit Jahrn ich abonniert,
um neu mein Herz an sie zu ketten,
bevor’s an andre sich verliert.

Doch gab’s genug nicht zu entdecken,
was bisher meinem Blick entging?
An allen Enden, allen Ecken
ein neues Wunder mich empfing.

So diese ländlich schmalen Wege,
von Feldsteinmäuerchen gesäumt,
wo in der Mittagsglut man träge
sich durch Orangenhaine träumt.

Oder von Mandeln einen Garten,
der sich in eine Senke schmiegt,
dass dir der Knospen Grün, der zarten,
wie frisches Moos zu Füßen liegt.

Dann auch, vereinzelt nur am Rande,
das schüttre Haupt azurumloht,
noch nicht verkohlt vom Sonnenbrande,
doch schon verbeult: Johannisbrot.

Und weithin sah man Wiesen wogen,
der Gräser sandig seichte See,
von Mohn so flammend überzogen
wie Tropfen Bluts im Büßerschnee.

Und konnt das Aug ins Ferne schweifen
und größre Flächen überschaun,
sah‘s überall die Früchte reifen,
die tausendfach hier anzubaun.

Doch halt, dass ich nicht Stunden schwätze –
was sag ich? Eine Ewigkeit!
Doch Dinge, wie nur ich sie schätze,
die tret ich lieber nicht so breit.

Hab ich nicht wie zum Heiligtume
wen auf die Insel mitgelockt,
dass jemand sänge ihr zum Ruhme,
wenn mir einmal die Zunge stockt?

Doch konnt er sich für nichts erwärmen,
wofür mein Herz in Flammen stand.
Da hört ich schließlich auf zu schwärmen
und liebte still dies schöne Land.

Aus der Werkstatt

aus-der-werkstattWie immer, Leser, willst du wissen,
was ich im Augenblick so treib.
Nun gut. Ich habe angebissen.
Du sollst nicht zappeln. Drum: Ich schreib.

Hab erst vor wenigen Minuten
mir das Papier zurechtgelegt.
Den Kuli auch, sein Blau zu bluten,
wenn mit der Nase er drauf schlägt.

Und hab wie üblich mich vermessen,
das Herz zu kräuseln und das Hirn,
Ideen ihnen auszupressen,
um Pegasus davorzuschirrn.

Es ist mir noch nicht recht gelungen:
Obwohl ich schon bei Strophe vier,
die ich ganz ohne Änderungen
in einem Zuge niederklier.

Doch diesem Lauf der Minenspitze
kam kein Gedanke hinterher –
ich warte noch auf Geistesblitze
wie’n Jäger mit dem Schießgewehr.

(‘ne Mühe, der ich deinetwegen,
Vernünftler du, mich unterzieh,
da dir wohl mehr am Sinn gelegen,
indessen mir an Fantasie.)

Nun hat sie endlich Frucht getragen,
im siebten Anlauf, recht gezählt:
Mein Faden heute: Wohlbehagen,
das mir beim Schreiben niemals fehlt.

Du hast mich, glaube ich, verstanden.
Der Weg, sagt Lessing, ist das Ziel.
Im Tappen und im Suchen fanden
wir immer schon genauso viel.

Das wär es eigentlich gewesen.
Den Dichter kennt man nur durchs Lied.
Doch darfst du ausnahmsweise lesen,
was nach dem Zeugungsakt geschieht.

Erschöpft am Geist mehr denn am Leibe,
sehn ich mich nach des Schlafs Genuss.
Dann ist es Träumen, was ich treibe,
oh, selig nach dem Musenkuss!