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Streitkultur

StreitkulturDie große Lust, sich totzubeißen,
liegt ihnen immer noch im Blut,
den Wesen, die sich Menschen heißen
als sinnverwandt mit herzensgut.

Lass über Meer und Erde streifen
den Blick von höh`rer Warte aus,
um aus der Ferne zu begreifen
den Bruderzwist im Hinterhaus!

Da wuseln sie zu Millionen,
die Körper käferhaft verkeilt,
im Schlachtgetümmel wie die Drohnen,
die pflichtgemäß der Tod ereilt.

Und eh sie sich den Garaus machen
zu mannigfachem Exitus,
zur Weißglut sie den Hass entfachen,
der derart sich entladen muss.

Da helfen Fäuste in die Fresse,
da hilft ein wohlgezielter Stich,
ein Angriff in der Pöbelpresse
auf „Hunde“, die ganz fürchterlich.

Auch Bomben bestens sich bewähren,
die Leidenschaft zu eskaliern –
im Maß, wie sich die Opfer mehren,
sie Gegenopfer produziern.

Ein Wahnsinn, der nicht mal Methode
im Oberstübchen wo verrät,
nur dass als böser Antipode
man blind sich an die Gurgel geht.

Exempel kann ich mir ersparen –
die Medien sind voll davon.
Man liegt global sich in den Haaren
vom Kreml bis zum Pentagon.

Und alle haben gute Gründe,
fundiert in der und jener Schrift:
Die Missetat gilt nicht als Sünde,
sofern sie nur den andern trifft.

Wobei dies „Anders“ notabene
so eng wie möglich ausgelegt,
zum Beispiel (das ich Swift entlehne)
wie man ein Ei zu köpfen pflegt.

Das Tier, dem kein Verstand gegeben,
verhält sich klüger allemal.
Es frisst nur, um zu überleben –
das andre ist ihm schietegal.

Fidele Rentner

Schön falschDas Bild, das sich die Leute machen
von einem, der schon pensioniert,
ist meistens schief und eh’r zum Lachen,
weil`s ihn zum Faulpelz karikiert.

Frühmorgens, wenn die Wecker krähen
das Arbeitsvolk zur nächsten Schicht,
kann er sich auf die Seite drehen,
denn dieser Ruf berührt ihn nicht.

Er kuckt erst mal den Traum zu Ende
und lässt die Lider noch verbleit,
verweilt auch wach noch im Gelände
der Liegenschaft geraume Zeit.

Und erst an Kaffee der Gedanke,
der jäh ihm in die Nüstern schlüpft,
bewirkt, dass mit missglückter Flanke
er endlich übern Rahmen hüpft.

Folgt Frühstück, Zeitung, Mittagshappen,
ein Nickerchen, weil Muße stresst,
dann geht er, sich `nen Kumpel schnappen,
mit dem es sich gut labern lässt.

Ist aber auch `ner frohen Runde
von Mitseniorn nicht abgeneigt,
vorzüglich wenn aus aller Munde
der Blumenduft des Bieres steigt.

Ein Fall, der selten nur gegeben.
Man liegt nicht auf der Bärenhaut.
Die Rente reicht nicht mal zum Leben,
zumal der Staat sie noch beklaut.

Und statt die Jahre zu genießen,
die doch als Lohn der Müh gedacht,
verdingt man sich zum Blumengießen
und Schließerdienst um Mitternacht.

Auch bademeistern geht bisweilen
man für bescheidnes Tagegeld
und Zettel hier und da verteilen,
was gleichfalls über Wasser hält.

Doch Spott, der immer überzogen,
damit er auch Gelächter weckt,
ist nie total herbeigelogen,
weil drin ein Körnchen Wahrheit steckt.

Das aber macht ihn so perfide –
er schildert sie als allgemein:
Aha, die Renten sind solide.
Lieb Vaterland, magst ruhig sein.

Jagdglück

JagdglückMal einfach nur im Lager lungern,
faul auf die Bärenhaut gestreckt,
hieß für die Menschen früher hungern –
das Kaufhaus war noch nicht entdeckt.

Wer täglich nicht mit spitzem Speere
sich selbst sein Frühstück angeschafft,
den hätte bald die Magenleere
zu seinen Ahnen hingerafft.

Doch hat dem Fortschritt es gefallen,
sich zu befrein vom Halali
und Homo nahrhaft zu bestallen
mit Schweinen und mit Federvieh.

Von da bis zu den Massenwaren
im Supermarkt Co Kommandit
war`s dann von vier-, fünftausend Jahren
nur noch ein winzig kleiner Schritt.

Hätt ich mir heut was jagen müssen,
was freie Wildbahn nur gewährt,
dann wär ich reich an Regengüssen
zumindest wieder heimgekehrt.

Doch anders als die Hominiden,
die sicher zimperlich nicht warn,
verkroch ich mich in meinen Frieden,
mir nasse Füße zu ersparn.

Wo wär ein Blutzoll noch zu zahlen,
dass Beute man nach Hause brächt?
Die Mammuts ruhen in Regalen,
entbeint, enthäutet, mundgerecht.

Szenenwechsel

Auf und davonOktober. Und vor Augen halten
will ich mir meine Doppelwelt:
Hier Blätter, die schon Rost entfalten,
da Sonne, die den Sommer hält.

Spagat erfolgt in wen`gen Tagen,
wenn mich die Flügel, längst gebucht,
an jene Küsten-Costa tragen,
die wohl berühmt, doch nicht verrucht.

Tourismus, sicher. Doch in Massen
nicht, wie von anderswo man`s kennt,
da wo die Strände kaum noch fassen
die Pelle, die sich rosig brennt.

Nicht hektisch und nicht überlaufen,
nicht lärmend und nicht überdreht,
kein Tischtanz und kein Komasaufen,
kein Koberer, der dich verlädt.

Doch ohne Stich auch ins Mondäne,
der typisch ja für Bäder just –
Casinos, Clubs und Luxuskähne
nebst Kettchen vor der Heldenbrust.

Nein, einfach nur ein Fleckchen Erde,
das dem und jenem wohl gefällt,
der aus der großen Menschenherde
sich gern ein bisschen abseits stellt.

Nun seid ihr sicher drauf versessen,
zu wissen, wo dies Fleckchen liegt –
ach, im Moment hab ich`s vergessen;
na da, wohin mein Flieger fliegt!

Nachrichtensperre

NachrichtensperreAch, habt ihr`s noch nicht aufgegeben
am Morgen, just vom Schlaf erquickt,
die Hand an diesen Knopf zu heben,
der Töne in die Stille schickt?

Was wollt ihr von der Kiste wissen,
die unablässig plärrt und schwätzt
und aus dem sanften Ruhekissen
euch in den rauen Alltag hetzt?

Die wohlsortierten Neuigkeiten,
die tief in Träumen ihr verpasst,
dass ihr vom großen Buch der Zeiten
kein Jota euch entgehen lasst?

Wo aber in den Kurzberichten,
die man gewichtig psalmodiert,
lässt sich tatsächlich Neues sichten,
das so zum ersten Mal passiert?

Es sind die ewig gleichen Sachen,
die ewig monoton geschehn
und umso mehr Furore machen,
als ihre Spuren rasch verwehn.

Die News von heute: Ladenhüter,
die, kunterbunt zur Schau gestellt,
für unsre schlichteren Gemüter
so frisch wie aus dem Ei gepellt.

Halunken, die den Frieden stören,
und Krater, die Verderben spein –
man muss nicht erst ins Radio hören,
um jederzeit im Bild zu sein.

Doch davon einmal abgesehen –
an der Gewohnheit haltet fest.
Am besten auf „Musik“ gleich drehen,
die fröhlich euch erwachen lässt!

Mehr als genug

Mehr als genugSo`n Bursche hat genügend Knete,
dass es für tausend Jahre reicht,
und wenn die Welt zu Tisch er bäte,
er speiste locker sie und leicht.

Was soll er mit `nem Reichtum machen,
der ihm gewährt auf Lebenszeit
und der, selbst wenn die Börsen krachen,
ihm sicheren Gewinn verleiht?

Zuerst muss er den Leuten zeigen,
wie prächtig seine Hütte ist
und dass, um auf den First zu steigen,
der Weg nach Kilometern misst.

Als Zweites dann den Luxusschlitten,
der so viel feinen Sprit verzehrt,
dass von den Kosten unbestritten
man monatlich `nen Bauch ernährt.

Dann lässt den Gaumen er beeiden,
nur Haute Cuisine zu akzeptiern
und jede Art von Kost zu meiden,
die Prolos um den Bart sich schmiern.

Die Urlaubsreisen möglichst teuer –
Bahamas, Tonga – weit vom Schuss,
dass er des Grandhotels Gemäuer
nicht mit Mallorca teilen muss.

Und auch in allen andern Dingen,
da lieg ich sicherlich nicht schief,
will seinen Goldberg er bezwingen
mit Botten fein und exklusiv.

So stelzt er stolz und selbstzufrieden
durch seine sorgenfreie Welt,
die, weil sein Alter reich verschieden,
er für sein gutes Erbe hält.

Sein Füllhorn wird sich niemals leeren,
und lebte er in Saus und Braus.
Doch wie viel mehr müsst er entbehren,
gingen die Wünsche ihm mal aus!

Beim Schmökern

Beim SchmökernSchon ist der Mond vorbeigesegelt
und hab ihn flüchtig nur erhascht,
in meinen Sessel faul geflegelt,
in meinem Taschenbuch genascht.

Auch sitzend will ich dazu stehen:
Oft fesselt mich so`n Lesestoff,
dass meine Blicke Streife gehen
nur in den Seiten statt im Off.

Spricht ja beredt für die Lektüre,
mit der ich meine Muße stopf:
“Kompendium der Maniküre”,
“Das Kuckucksei als Wiedehopf”.

Zum Beispiel. Oder auch Romane
histor’scher und aparter Art:
“Die Kirchenmaus in der Soutane”,
“Der Schlüssel mit dem Rauschebart”.

Versteht sich, dass bei solchen Themen,
die größtenteils noch unverbraucht,
der Geist, und wenn die Preußen kämen,
tief in den Wälzer eingetaucht.

Was hat ihn jetzt ans Blatt geknetet,
dass kaum ihm noch ein Auge wert
der Mond, der glänzend majestätet,
wie mit dem ganzen Hof er fährt?

Victor Hugo mit seinen Zeilen
hat aus dem Häuschen mich gebracht.
Warum dann noch an meinen feilen?
Ein Meister, der mich sprachlos macht.

Anachronismus

AnachronismusNoch haben hier und da gehalten
sich Menschen in geringer Zahl,
die nach der Art der Steinzeit-Alten
ihr Leben fristen recht frugal.

Denn was sie brauchen zu dem Zwecke,
gibt ihnen die Natur direkt –
mal Nahrung um die nächste Ecke,
mal nichts, was ihr Bedürfnis deckt.

Auch für Geräte und für Waffen
die Stoffe der verschiednen Art,
und die, um Schurze sich zu schaffen,
in denen man die Scham bewahrt.

Doch muss ich wohl konkreter werden
und sagen, wer so obsolet:
Nun, für Fossilien hier auf Erden
in diesem Fall der Buschmann steht.

Ihn brachte mir `ne Sendung näher,
die hinter die Kulissen blickt,
indem sie `nen Reporter-Späher
noch in den letzten Winkel schickt.

Der düste also voll Kanne,
die ganze Technik mit an Bord,
auf wüster Bahn durch die Savanne
zum dörflichsten Bestimmungsort.

Da durft er mit den Leuten tanzen,
auf Gnus und seltne Vögel gehn,
mit Pfeilen schießen oder Lanzen
und Fas`riges zum Faden drehn.

Und kriegte so im Schnellverfahren
`nen Eindruck jener Lebenswelt,
den seinen Fernsehkuckerscharen
er filmisch vor die Nase hält.

Wie mir, der mit gespitzten Sinnen
gesehn den Beitrag und gehört.
Ein hartes Los im Busch da drinnen –
nur hat das Handy mich gestört!

Wir Königskinder

Wir KönigskinderDen Nachbarn grade gegenüber
hab ich seit Wochen nicht gesehn;
nicht weil die Stimmung plötzlich trüber,
nein, nur als Zufall zu verstehn.

Und dennoch, wollt`s mir nicht verübeln,
da auch der Zufall manchmal irrt,
beginn allmählich ich zu grübeln,
woran es liegt, dass es nichts wird.

Wir streifen ja nicht durch die Steppe
in namenlosen Weiten hin –
ein Haus, ein Flur und eine Treppe,
mehr ist für unsereins nicht drin.

Dass wir Begegnungen entbehren
mit dem, der um die Ecke lebt,
lässt höchstens dadurch sich erklären,
dass er in jener sich vergräbt,

Wenn endlich er sie überwunden,
die Arbeit im Kollegenkreis,
und sich für seine Mußestunden
geborgen in der Bude weiß.

Wir wolln die Ruhe ihm nicht stören,
aus der die nöt’ge Kraft ihm fließt,
doch weiß ich, einfach so vom Hören,
dass gern er draußen sie genießt.

Auf dem Balkon mit Töpfen, Schalen,
dass einer Blumenschau er gleicht,
gleich neben meinem eher kahlen –
sieht man ihn ebenfalls. Vielleicht.

Keine Extrawurst

Keine ExtrawurstDer weitaus eitelste Geselle
auf dieser ganzen Erdenwelt
ist der, der einzig sich für helle
und ergo für unsterblich hält.

Nein, nein, ihr seid auf falscher Fährte,
habt ihr den Pfau jetzt in Verdacht,
das alte Beispiel, das bewährte –
doch hier geht`s nicht um Federpracht.

Auch nicht um Hörner und Geweihe,
Gesäße, prächtig angeschwolln,
nicht um die eindrucksvollen Schreie
der Tiere, die sich paaren wolln.

Um Homo geht`s, um unsresgleichen,
der sich verbittet Balz und Brunft,
um Göttern um den Bart zu streichen,
Verwandten gleichsam durch Vernunft.

Ein Humbug, der seit Olims Zeiten
ihm seine Nichtigkeit verklärt
und die, die für den Glauben streiten,
noch heut mit seiner Hefe nährt.

Doch aus dem Kopf nicht rauszukriegen,
weil`s ihn mit Extraelle misst,
dass ungleich Fröschen er und Fliegen
dem ird`schen Los enthoben ist.

Vom Stammbaum aber, fest verwurzelt
in der Entwicklung tiefstem Grund,
ist nie und nimmer noch gepurzelt
ein Lebewesen bis zur Stund.

Mag er, die ihn an jenen schweißen,
die Ketten noch so sehr verschmähn –
wie`n Käfer muss ins Gras er beißen,
wie`n Köter vor die Hunde gehen.