Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Kreativschiene

KreativschieneGemütlich schlurfen wir die Tage
des unbewussten Daseins hin,
gesättigt geistig, ohne Frage
an höhren oder tiefren Sinn.

Der Fuß hält sich getreu an Wege,
die ihn seit Ewigkeit geführt,
nicht anders als im Wildgehege
der Fuchs auf seinem Pfade schnürt.

Mechanisch schnappen unsre Hände
sich den und jenen Gegenstand
und wissen oft nicht mal am Ende,
wozu sie ihn denn just verwandt.

Erstarrt das Ganze in Routine –
wie ‘n Zug, der nur die Richtung fährt,
die seine Krupp- und Thyssenschiene
ihn peinlich zu befolgen lehrt.

Und wenn wir aus dem Fenster glotzen
aufs Leben, das vorüberjagt,
sehn wir von Grün die Fluren strotzen,
an dem das Bunt der Kühe nagt.

Vielleicht dass wir ein Reh erspähen,
‘nen Reiher, der auf Landung sinnt –
das Höchste, das wir uns erflehen
von Klotho, die den Faden spinnt.

Doch halt! Jetzt kann ich mal verkünden
‘nen Ausbruch aus dem ew’gen Trott,
bei dem trotz meiner Tafelsünden
mir gnädig half der Küchengott!

Denn da ich ungern nur bereite
Gerichte mir am heim’schen Herd,
bestückte er ‘ne Zeitungsseite
mit ‘nem Rezept, das lesenswert.

So sah man mich den Löffel heben,
dem Ei zersplittern das Genick
und Salz dazu, Öl, Knoblauch geben,
bis alles durchgerührt und dick.

Am Ende musst ‘s Aioli werden,
verderben konnte man es nicht.
Das einfachste Gemisch auf Erden –
und schmeckte mir wie ein Gedicht.

Schlafökonomie

SchlafökonomieDu hast den Teller leergegessen,
den letzten Bissen weggeputzt
und darfst dich nun mit Wesen messen,
die stets den Mittagsschlaf genutzt.

Macht Spaß, die Beine auszustrecken,
dass man die Sofalehne spürt,
und sich wie ’n Dachs im Bau zu recken,
der Schlummer nur im Schilde führt.

Gibt es ein größeres Behagen
als dies, das die Natur uns schenkt?
Sich kurz mal in die Büsche schlagen,
in seichte Träume nur versenkt?

Das A und O: Den Wecker stellen.
‘ne halbe Stunde ist erlaubt.
Denn in den „Widrigenfalls-Fällen“
uns Morpheus in die Arme raubt.

Da kann ich aus Erfahrung sprechen.
Bin öfter schon mal eingenickt,
wenn wo auf weichen Liegeflächen
kein Zeiger mir die Zeit getickt.

Nehmt dies wie Salomonis Sprüche
als schlichte Lebensweisheit hin –
als Moritat aus meiner Küche,
die Mörderisches nicht im Sinn.

Ich will’s zum Dogma nicht erheben
mit Siegel päpstlich und mit Brief –
wenn hundemüde auch soeben,
weil ich, wer weiß, tagsüber schlief?

 

Schwer im Bilde

Schön im BildeVon mir nur kann ich ja berichten,
weil mich ja nur ich halbwegs kenn –
wie dass ich da in Fremdgeschichten
mit meinem Griffel mich verrenn?

Die eigne Seele auszuloten
ist Arbeit schon im Überfluss,
da lass ich lieber doch die Pfoten
von andrer Leute Ödipus.

Heißt aber nicht, dass die Fassade
geflissentlich ich ignorier
und jedem Bänker mit Pomade
‘ne weiße Weste attestier.

Da fiel mir neulich wer ins Auge,
als ich mal wieder ferngesehn,
der war so glatt wie Seifenlauge
und in der Ölkunst ein Mäzen.

Der hat „den Bürgern“ übergeben
ein Bild, das zig Millionen schwer,
dass hundert Arme mussten heben,
was sonst nicht aufzuhängen wär.

Das spielte er bescheiden runter:
„Es gibt noch Höheres als Geld.
In diesem Sinn spendiert mitunter
ein Kunstwerk meine Bank der Welt.“

Ein Edelfisch ganz ohne Gräten?
Dem Braten trau ich nicht so recht.
Woher denn alle die Moneten?
Geheimnis im Finanzgeflecht.

 

Musikeinlage

MusikeinlageDas Meer hör ich hier nächtlich rauschen,
die Brandung, wie sie steigt und fällt,
doch kann im Haus auch oft erlauschen,
was dies noch in den Schatten stellt!

Musik. Im Wohnhaus. Keinem Schuppen,
der jedem Pauker offensteht,
dass er mit seinen Schülergruppen
zum Kunstgenuss auf Streife geht.

Privat. Ganz ohne Eintrittspreise.
Und sozusagen l’art pour l’art:
Getrommel auf ‘ne Landsknechtsweise –
der Klang der drohenden Gefahr!

Und angespornt von diesen Schlägen,
die auf das Fell frenetisch falln,
sich Hacken im Stakkato regen,
die hämmernd von der Decke halln.

Da muss ich an Flamenco denken,
der hier geläufig jedem Bein,
zumal sich auch die Kehln nichts schenken
und pausenlos Hosianna schrein.

Wie aber soll ‘ne Schau ich schätzen,
die so fanatisch und furios,
auf diesen meinen bill’gen Plätzen –
mit offnen Ohrn, doch augenlos?

Die Antwort wurd Minuten später
unmissverständlich mir verpasst:
Aus Tänzern wurden Leisetreter,
aus Trommeln schon Triangeln fast!

So trug die Kunst man nicht zu Grabe,
doch auf den Nachbarn Rücksicht nahm –
dass auch die schöne Dichtergabe
allmählich wieder zu sich kam.

Angenehme Wartezeit

Angenehme WartezeitNachmittäglich noch war geschlossen
der Ort, an dem wir avisiert,
so dass wir diese Zeit genossen,
die man beim Warten sonst verliert.

Ein Weg durch schattige Platanen
kam uns zum Rasten grade recht,
um etwas Ruhe abzusahnen
aus diesem üpp’gen Blattgeflecht.

Der Maler, der nur wen’ge Schritte
entfernt im Pinselstrich verharrt,
war ziemlich bis zur Leibesmitte
zu seinem Denkmal schon erstarrt.

Doch wie viel länger hat gestanden
dies Ungetüm von Gummibaum,
den Stämme schlangenhaft umwanden
bis weit noch überm Straßenraum!

Und stets dabei Passanten gucken –
doch nur verstohlen und diskret.
Bescheiden in die Bank sich ducken,
indes die Zunge Spott entlädt.

Wie rasch da die Minuten liefen,
viel rascher noch als Wolken ziehn,
bis unsichtbare Kräfte riefen
die Lästernden zum Ortstermin.

‘ne kleine Immobiliensache,
nur fünf Minuten fürs Papier.
Und Jungs und Mädchen da vom Fache
genauso aufgekratzt wie wir!

Schön gekünstelt

Schön gekünsteltEs gibt ja Leute, die benutzen
wie ’n Kleiderschrank die Sprache fast,
das heißt um sich herauszuputzen,
wie ’s grade zu dem Anlass passt.

So, wenn mit einem Kind sie sprechen,
dass halb sie sich in Lumpen hülln
und Babylaute radebrechen,
die jenem nur das Hirn vermülln.

Und treffen sie auf junge Leute,
gehn sie denselben um den Bart
just mit dem Kidsjargon von heute,
der nicht mit „cool“ und „ätzend“ spart.

Dem braven Höker um die Ecke,
dem werfen sie auch schon mal zu
ein Fremdlingswort, damit er schmecke
des Kunden feinen Geistesgoût.

Gezierter noch hört sie parlieren
mit Meister Klinge, mundgewandt,
um übern Löffel zu balbieren
den, der’s Balbieren erst erfand.

Den Gipfel aber aller Possen
erklimmen sie bei Witwe x,
die a. u. c. Latein genossen
beim Lehrergatten Pingelix.

Der kommen, wenn die Chance sich bietet,
sie mit dem Allerweltszitat:
„Mens sana“, das allein vernietet
mit ihrm Gedächtnisapparat.

Na ja, wohl keine Einzelfälle.
Denn Eitelkeit sich gern verkennt
und hält sich gern mal auf die Schnelle
für das geborne Sprachtalent.

‘ne Marktfrau selbst, die ihre Rüben
mit schriller Stentorstimme preist,
sie würd sich im Belcanto üben,
wär da ein Prinz, der um sie kreist.

Der gute alte Doktor Luther
hätt heute seine liebe Not –
das Volksmaul, wie’s geerbt von Mutter,
ist halbwegs schon zur Kunst verroht.

 

Reine Terminsache

Reine TerminsacheWeil wir im Frühling uns befinden
und fortgeschritten schon das Jahr,
heißt’s von ‘nem Brauch sich zu entbinden,
wie er dem Winter heilig war.

Da schlich als Beuteltier zur Tonne
ab neunzehn Uhr man frühstens sich
und warf als letzten Gruß der Sonne
den Müllsack zu, die schon verblich.

Doch jetzt, da jener längst zu Ende
und ringsum blüht schon der April,
nimmt später man in seine Hände,
was man im Haus nicht dulden will.

Denn neu geregelt hat die Fristen
der Staat als höchster Abfallherr,
dass, seine Bude zu entmisten,
das Zeug man in den Kübel sperr.

Erst abends, wenn sich durchgeschlagen
bis neun die müde Küchenuhr,
darf frei man zum Container tragen
die Sachen für die Müllabfuhr.

Verständlich ja in diesen Breiten,
wo sommers spät die Sonne sinkt
und in den heißen Tageszeiten
die Kiste sonst zum Himmel stinkt.

Bin gestern mal mit voller Tüte
zu diesem Sammelplatz gedüst –
da stand, von ähnlichem Gemüte,
ein Herr, der mich verschmitzt gegrüßt.

 

Glücksschmiede

GlücksschmiedeDer nimmt den Hammer in die Pranke
und drischt auf eine Mauer ein,
dass unterm Trommelschlag sie wanke,
bis er zerbricht, der Ziegelstein.

Und der vergreift sich an der Schere
und stutzt der Leute Federkleid,
dass er des Schopfes Wildwuchs wehre
mit seiner Fingerfertigkeit.

Ein andrer, der mehr wortbeflissen
und Weisheit aus Folianten rafft,
verteilt in hirngerechten Bissen
dieselbe an die Schülerschaft.

Auch gilt es den hier zu erwähnen,
der auf Gesetze sich versteht
und, sie von Fall zu Fall zu dehnen,
Klienten kundig rechtsberät.

Vier Strophen nun und vier Personen
auf einen Nenner hier gebracht,
weil durch die Bank sie sich nicht schonen
und eifrig ihren Job gemacht!

Von wem und was indes getrieben?
Wo fand der Hammer sein Motiv?
Wo dieser Bursche, der gerieben
Adepten ans Katheder rief?

Es ist der Ehrgeiz, der die Leute
so eisern bei der Stange hält,
die stete Aussicht auf die Beute,
die nur vom Baum des Fleißes fällt.

Und so verdrehen und verrenken
sie alle sich auf ihre Art,
den Paktolos auf sich zu lenken,
der Gold in seinem Bett bewahrt.

Dem Mammon Treue sie erweisen
im Vierundzwanzig-Stunden-Kult:
Ein einziges Gebet von Preisen,
von Pflichten, Auslobung und Schuld.

Da hat es doch der Dichter leichter,
dem seine Kunst nie Früchte trug,
und ob sie tiefer oder seichter,
an seinen Versen schon genug.

Fast sprachlos

Fast sprachlosDie Sprachverwirrung Marke „Babel“
ist allenthalben hier präsent,
da oft mit ganz verschiednem Schnabel
Tourist versehn und Resident.

Die Ladys und die Gentlemänner,
die von Britannien hergesandt,
ha’m als geborne Englischkenner
unweifelhaft die Oberhand.

Sie sind in größter Zahl zu finden
in dieser Küste Hinterland,
doch weigern sich, das Hirn zu schinden
mit Lauten, die ihm unbekannt.

Franzosen? Auch nicht schlecht vertreten
in dieser Volksmenagerie,
um eine Sonne anzubeten,
die heißer noch als im Midi.

Doch auch nicht scharf drauf zu verlassen
der Zunge eingeschliffnen Schlag,
um sich dem Fremdwort anzupassen,
wie sehr es auch verwandt sein mag.

Und dann die deutschen Pensionäre –
oft rührend ums Idiom bemüht,
doch dank der nord’schen Geistesschwere
nur stammelnd, was im Brägen glüht.

Was hier auf span’schem Grund und Boden
der Gast meist unverfälscht bewahrt,
sind Kommunikationsmethoden
nach Kauderwelsch- und Pidginart.

Doch nun zu dir, du Kritikaster,
des Finger nur auf andre zeigt:
Bis frei du von dem Stammel-Laster,
dem du die Meinung grad gegeigt?

Gewiss nicht, wenn ich’s offen sage,
da würgt sich manches kläglich raus,
was lieber ich zu Markt nicht trage
aus meinem dürft’gen Gaumenhaus.

Doch Mühe würd ich nicht bestreiten
dem polyglott gestimmten Geist –
vielleicht dass ihm in spätren Zeiten
der Faden nicht so schnell mal reißt.

Thema Vanitas

Thema VanitasSofern du, Les’rin, meine Zeilen
mit Neugier schon seit Läng’rem liest,
erübrigt sich’s, dir mitzuteilen,
dass vieles da zusammenfließt.

Oft hab ich die Natur beim Wickel,
weil ihren Geist man nie ermisst
und selbst der kleinste Nasenpickel
ein Wunder an Erfindung ist.

Doch auch der Mensch mit seinen Macken
ist mir willkommenes Objekt,
um am Schlafittchen ihn zu packen,
bis er zum Hals in Strophen steckt.

Auch nehm ich manchmal auf die Schippe,
was faul in unserm Staat ich find,
und dass an seiner Futterkrippe
mehr Satte als Bedürft’ge sind.

Ein breites Spektrum der Betrachtung,
in das mein Eifer sich versenkt
und meiner lyr’schen Tagesschlachtung
stets ‘ne gefüllte Kumme schenkt.

Doch reicht es, einfach zu zersplittern
den spröden Knochenbau der Welt,
und nicht dahinter auch zu wittern,
was sie im Grund zusammenhält?

Ist Selbstsucht dieser rote Faden,
der das gesamte All durchzieht,
die Galaxien und Sternnomaden
und ihren ganzen Schotterschiet?

Dass eins nur auf des andern Kosten
gewaltsam Oberhand gewinnt
und dies auch wieder, Auslaufposten,
im nächsten Höllencrash zerrinnt?

Und dass der Winzling auf der Erde,
der nach ‘nem Gott sich glaubt geprägt,
in diesem ew’gen Stirb und Werde
ganz nach dem Universum schlägt?

Die Skala seiner stärksten Triebe,
sie nährt ja grade den Verdacht –
die polygame Eigenliebe
zu Reichtum, Renommee und Macht!

Da tritt er in des Kosmos Stapfen
in seinem blinden Eigensinn,
um ähnlich Unheil zu verzapfen
gar bis zur Selbstvernichtung hin.

Und denkt nicht, dass nur wen’ge Jahre
in einem Winkel hallt sein Schritt.
Das bisschen Zeit nimmt auf der Bahre
in alle Ewigkeit er mit.