Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Erwünschte Sangeslust

Erwünschte SangeslustGern würd ich mal vom Stapel lassen
‘nen Hymnus, der die Seele ölt
und den man stets mit „Hoch die Tassen!“
am Siedepunkt der Stimmung grölt.

So irgendeine schlichte Weise,
die sangesfreud’ge Herzen rührt
und die in gleichgestimmtem Kreise
das Leben eines Ohrwurms führt.

Doch werd den Trick ich nie beherrschen,
da denk ich viel zu kompliziert –
und viel zu schlecht von diesen Ärschen,
die auf ‘ne Wurmkur abonniert.

So bleib ich denn bei meinem Leisten
und such nicht Massen zu erfreun,
wär froh, wenn mich die Musen preisten,
was immerhin ja auch schon neun.

Begeisterung ist, wie wir wissen,
nicht nur mit Kennerschaft gepaart –
wie viele sah ich hingerissen
von Kitsch und Nippes mancher Art.

Doch nie hab jemand ich getroffen,
der so von wahrer Kunst erfüllt,
dass er vor Rührung stockbesoffen
Sonette in die Welt gebrüllt.

Doch! Einmal ist es vorgekommen,
und ich war selber involviert.
Auf Kreta, weiß ich noch verschwommen,
ist die Geschichte mir passiert.

Wir hatten die Touristenziele
des Tages hinter uns gebracht
und schlürften in der Herbergsdiele
noch einen letzten Drink zur Nacht.

Da hat es sich dann so ergeben,
dass wir mit Leuten uns vereint,
die auch dem Saft geharzter Reben
an lausch’gen Abenden nicht feind.

Symposion griechisch. Saufgelage.
Doch irgendwie auch musisch halt:
So etwa Hamlets Schicksalsfrage
im Chor bis morgens durchgelallt.

Anhaltende Störgeräusche

Anhaltende StörgeräuscheDer Dichter wird wohl Ruhe brauchen,
damit er fleißig brüten kann
und ihm aus dem Gehirne rauchen
die Geistesblitze irgendwann.

Hat man nicht häufig sagen hören,
dass er sich gern verklausuliert
und, dass Banausen ihn nicht stören,
in Wüsten gar eremitiert?

Doch muss er unter Menschen bleiben,
was als Normalfall anzusehn,
wird ihm des Hammers buntes Treiben
ganz sicher auf den Amboss gehen.

Dem Nachbarn, der die Wand behämmert
zu mehr Ambiente und Komfort,
es in der Regel wenig dämmert,
dass er auch trifft so manches Ohr.

Darüber müssen wir nicht streiten.
Wir haben’s alle selbst erlebt.
Auch die, die Pegasus nicht reiten,
erstarren, wenn die Hütte bebt.

Doch was, wenn selbst die schönsten Klänge
dir plötzlich auf die Nerven falln –
die engelssüßen Chorgesänge,
die von der Kirche rüberhalln?

Hab eben es erfahren müssen:
Ein Sanctus und Magnifikat,
sie stören bei den Musenküssen,
die hier und heute man schon hat.

Ein Trauerfall

Ein TrauerfallBeim Kirchlein schräg mir gegenüber,
da gab’s ‘nen großen Auflauf heut,
ich fensterlte mal flüchtig rüber
und sah den Vorplatz voller Leut.

Das konnte dies und das bedeuten,
doch nichts, was an der Messe lag.
Man hörte ja kein Glockenläuten
wie sonst am Sonn- und Feiertag.

Man mochte an ‘ne Trauung denken,
die diesen Andrang produziert –
zwei, die sich ihre Schwüre schenken,
eh sich der Höhenflug verliert.

Doch wurde wer zu Grab getragen,
was diese Stille gut erklärt –
statt Hochzeitskutsche Leichenwagen
als dauerhafteres Gefährt.

Der schlug dann unter meiner Nase
den Weg nach links zum Friedhof ein
und diese ganze Metastase
gestauter Autos hinterdrein.

Die Leute langsam sich zerstreuten.
Beschleunigend nur ihren Schritt
die wen’gen, die den Marsch nicht scheuten
und gingen zum Begräbnis mit.

Die Pforte war schon bald geschlossen,
der Platz miteins wie leergefegt.
Die Glocken schwiegen unverdrossen.
Ein Herz, das nicht mehr weiterschlägt.

Häusliche Lautmalerei

Häusliche LautmalereiO, andre Völker, andre Sitten?
Da hämmert wer noch wo und klopft,
indes die Nacht schon vorgeschritten
und Wermut in die Stille tropft.

Doch nicht genug der Hammerschläge,
die hemmungslos zur Unzeit falln –
als Frucht der späten Wohnungspflege
noch weitre Laute widerhalln.

Mal knallt ein Gegenstand zu Boden,
mal schrammt ein Stuhlbein übern Grund,
als gäb mit seinen Klangmethoden
Xenakis sich hier fröhlich kund.

Doch kakophon, naturbelassen,
nicht in der Richtung Kunstgenuss.
Nur Krach, sich an den Kopf zu fassen,
Vampirbiss anstatt Musenkuss.

Es wird die kleinen Kinder wecken,
nachdem es ihren Traum zerstört,
in dem sie untern Kuscheldecken
den schweren Schritt der Angst gehört.

Es wird der Großen Nerven rauben,
die nach des Alltags Last und Müh,
ihr Körnchen sich wie Friedenstauben
erpicken aus dem Filmmenü.

Vom Dichter wolln wir gar nicht reden,
der halb um den Verstand gebracht
und sich auf dieses Höllen-Eden
auch keinen rechten Reim gemacht.

Echter Feiertag

Echter FeiertagDas halbe Land ist auf den Beinen.
Ein Tag, den Heiligen geweiht.
Man picknickt mit den lieben Seinen
und macht sich in Tavernen breit.

Auch ich, um’s hier gleich klarzustellen,
entzog mich dieser Sitte nicht
und ging, mich Freunden zu gesellen,
um vierzehn Uhr auf Mittagschicht.

Ein Plätzchen irgendwo im Freien,
von andern Feiernden umringt,
mit Blick auf Meer und Leckereien,
die unser Tisch kaum unterbringt.

‘ne Tellermasse, ‘ne amorphe,
wie Waben um die Flasche klebt,
die wie ein Kirchturm auf dem Dorfe
sich hoch aus dem Gewimmel hebt.

Mit dem Vergleich, verehrte Christen,
sei das Sakrale abgehakt –
das wohl auch jene nicht vermissten,
die neben mir ihr Huhn benagt.

Hab ich denn jemand seufzen hören
Sankt Pepe, Peter oder Paul?
Sie wälzten, würde ich beschwören,
Sankt Pulpo bestenfalls im Maul!

Doch gilt’s der Heil’gen zu gedenken,
weil dieses Wunder sie vollbracht:
‘nen Extrasonntag uns zu schenken,
der rot aus dem Kalender lacht!

Brauchtumspflege

BrauchtumspflegeMan geht mit spitzen Hexenhüten
heut Abend modisch aufgeputzt,
die man zum Tanz der Troglodyten
an diesem einen Tag benutzt.

Ach, selig diese süßen Kleinen,
die leicht zum Guten man verlockt
und deren tönern Kindesbeinen
so viele Lügen aufgebockt!

Da lässt man sie auf Besen reiten
mit treibstofffreier Zauberkraft,
in wallend schwarzen Kutten schreiten
wie Teufel auf der Wanderschaft.

Und impft das Spuk- und Schauerwesen
so drastisch in ihr junges Blut,
dass lebenslang sie nicht genesen
von diesem frühen Bildungsgut.

Nicht dass sie an Gespenster glauben,
wenn sie entschlüpft den Kinderschuhn,
doch lassen den Verstand sich rauben
von andern Pseudo-Geistern nun.

Doch stopp, wir wolln den lieben Lütten
den Spaß ja schließlich nicht vergälln,
um mit dem Bad sie auszuschütten,
bevor sie selbst ihr Urteil fälln!

Ein kleiner Hinweis nur: Die Mütze,
die Magiern Respekt verleiht,
ist, Mitra, auch des Pfaffen Stütze,
wenn er nach seinem Götzen schreit.

Küstennaher Seniorentreff

Küstennaher SeniorentreffHeut auf der Palmenpromenade.
Wie herrlich noch die Sonne schien!
Zwei, drei Susannen da im Bade,
dem Möwen nur ihr Auge liehn.

Am Strand indes noch viele Liegen,
gebogen unter Leibeslast,
wo mittagsmüd man und verschwiegen
Teutonenblässe Braun verpasst.

Wer aber Sand und Welln verschmähte,
nahm seinen Sitz am Ufer ein
bei „Rudi“ oder „Tante Käthe“ –
konnt notfalls auch ein Spanier sein.

Normales Urlaubsambiente?
Familien, kind- und kegelfest?
Von wegen! Alles roch nach Rente,
auf Meilen nach Seniorennest.

Plissierte Haut mit spitzen Knochen,
Gewölbe- oder Hängebauch.
Die Damen flöten hochgestochen,
die Herrn trompeten Schall und Rauch.

Den ganzen Fundus der Gebrechen
trägt ungeniert man hier zur Schau
und lässt sich eh’r von Mücken stechen
als zu kaschiern den Körperbau.

Und das ist nach den Strandgesetzen
kein strafenswerter Tatbestand,
denn Licht und Luft sich auszusetzen,
braucht’s möglichst wenig an Gewand.

Ästhetik ist nicht zugelassen,
da schafft kein Richter Remedur –
man mag die nackte Plautze hassen,
beleidigt ist das Auge nur.

Ich ließ nur ungern mich so sehen
als Wrack, das an der Zeit zerschellt –
doch soll ja Strandgut nicht verschmähen,
das raue Volk der Küstenwelt.

Wirklich die Krönung

Wirklich die KrönungDer Schöpfung selbsternannte Kronen,
jetzt hocken sie an Heim und Herd,
sich mit Entspannung zu belohnen
fürn Tag, der an den Kräften zehrt.

Und da die Hausmusik veraltet
wie Halma oder Blindekuh,
man still zumeist die Fäuste faltet
und schaut den Serienmördern zu.

Nichts ist ja besser für die Nerven
und macht sie wieder drahtseilfit
als Killer, die die Messer schärfen.
„Gleich nach der Werbung“: Gurgelschnitt.

So ist die Glotze, viel verspottet,
ein Spiegelbild des Lebens nur –
der Mensch, der sich so gern vergottet,
‘ne jämmerliche Witzfigur.

Die plustert sich mit bunten Fummeln
und schreitet wie ein Pfau daher,
um optisch sich hinaufzuschummeln
in Sphären, die bedeutungsschwer.

Und das ist noch das kleinste Übel –
die Mehrheit ist nicht eitel bloß,
sie kippt auch gern den ganzen Kübel
der Bosheit in des Nächsten Schoß.

Ja, häufig kramen sie die Knarre
aus irgendeinem Loch hervor
und spieln auf dieser Blitzgitarre
das Lied vom Tod ins taube Ohr.

Da wär ein Schöpfer tief gesunken,
hätt er sich so ein Werk erdacht –
gekrönt von Mördern und Halunken
in Biedermeierbürgertracht!

Blasphemischer könnt man nicht lästern
ein Wesen von so hoher Kraft,
als dass man mit den Brüdern, Schwestern
ihm bucklige Verwandte schafft!

Wärn Fische, Flöhe oder Quallen
am Busen der Vernunft gestillt,
sie würden gleichfalls drauf verfallen:
Gestatten, Gottes Ebenbild!

Um sich genauso auszuhecken
‘nen Masterplan für nach dem Tod –
lever du roi: Gott wird uns wecken
„und hilft uns frei aus aller Not“.

Da müsst ein Christus lange sterben,
bevor er so ein Pack erlöst!
Das Fell sollt er ihm lieber gerben,
das Fleisch, das da im Fette döst!

Doch geht der Abend schon zur Neige
und Schatten fällt auf meinen Geist –
wird besser sein, dass ich nun schweige,
da er in andre Träume reist.

Stillvergnügte Poesie

Stillvergnügte PoesieDer Eindruck hat sich mir verdichtet:
Poeten liegt der gute Ton.
Zwar von Gemüt und Geist belichtet,
verschmähn sie dumpfe Aggression.

Ausnahmen kaum von dieser Regel.
Fast nur Tyrtaios‘ Schlachtgeschrei;
erinnert euch: Spartanerflegel,
frustriert von seinem Haferbrei.

Auch Pindar. Doch die Kampfesweise,
die er besang mit dunkler Glut,
war die des Sports, und Lorbeerpreise
bekränzten Siege ohne Blut.

Villon vielleicht noch von der Sorte,
doch kämpferisch für sich privat:
Ein Bein stets an der Kerkerpforte,
eh’r Fluchtstratege denn Soldat.

Mehr Leute hab ich nicht auf Lager
und kenn doch manchen Lebenslauf.
Gewaltausbeute also mager.
Da sind die Maler besser drauf.

Es findet in der Kunstgeschichte
sich ja so mancher Finsterling,
der dem verdienten Hochgerichte
mit mächtig Dusel nur entging.

Kurzum, die einfühlsamen Musen
bestimmten mich zur Poesie,
kaum dass aus vollem Babybusen
ich fröhlich nach der Zitze schrie.

Die, die zur Staffelei geboren,
sie krähen wohl auf andre Art,
was nur sensible Götterohren,
nicht mal die Mütter je gewahrt.

Doch lassen wir das Spekulieren.
Fakt ist: Ich habe das Talent,
mit pp. Pinsel zu jonglieren,
wohl in der Wiege schon verpennt.

Und hab den Strohhalm gern ergriffen,
den mir Apollo hingestreckt,
mich nach Pierien einzuschiffen,
wo man auch Dichtern zollt Respekt.

Da fand ich keine Stürme wüten,
die trägen Wellen aufzuwühln,
und hübsche Nereiden hüten
Delphine, die sich glücklich fühln.

Das war so recht nach meiner Mütze –
und kaum war ich von Bord an Land,
baut‘ ich als Bleibe mir und Stütze
‘nen wetterfesten Unterstand.

Und mocht so gern da schließlich leben,
dass ich nicht mal zu sagen wüsst,
was ich als Wohnsitz, Haupt- und Neben-,
dem Steuerviz erklären müsst.

Nun hab ein Hüttchen ich hienieden
und bei den Musen ebenso.
In beiden von der Welt geschieden,
werd ich des Friedens doppelt froh.

Altes Erbe

Altes ErbeDer Völker ewig gär’nde Säfte,
aus denen Hader quillt und Hass,
erfordern starke Ordnungskräfte –
Bewachung für ein Pulverfass.

Noch immer stimmt die alte Lehre
vom allgemeinen Zoff und Zank,
wenn nicht der Arm des Staates wäre
als leidlich sichre Friedensbank.

Im Massenauflauf gut zu sehen,
wo man das Recht in Anspruch nimmt,
für seinen Glauben einzustehen –
und Andersgläubige vertrimmt!

Die Mehrheit dieser Menschenwesen
wurd mit lokaler Milch gestillt –
was sie als Kind gehört, gelesen
als wahr und heilig ihnen gilt.

Und das auch noch in einem Maße,
das nichts mehr mit Vernunft gemein:
Sie massakriern nur zu dem Spaße,
um Helden in Walhall zu sein.

Des Kinderglaubens blinder Eifer,
der noch zur Logik nicht erblüht,
erfüllt auch, wenn der Mensch schon reifer,
sein ungehobeltes Gemüt.

Man könnte dieser Dummheit spotten,
wärn nicht die Folgen so fatal –
die stete Lust, sich auszurotten –
und immer für ein Ideal!