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Bunter Aufmarsch

Bunter AufmarschGrad kam mit Waren schwer beladen
ich aus ‘nem Einkaufsparadies,
als ich von Meister Zufalls Gnaden
auf einen Zug Protestler stieß.

Die bogen brüllend um die Ecke
genau in diese Straße ein,
auf der auch ich noch eine Strecke
marschieren musst, daheim zu sein.

Da lief ich also Seit an Seite
mit einer aufgebrachten Schar
und wusste nichts von jenem Streite,
durch den ihr Herz verwundet war.

Erregte Rufe und Parolen!
Das hallte durch die Häuserschlucht!
Ich stand und lauschte unverhohlen
wie’n Has, verhoffend auf der Flucht.

Erfolgreich. Denn aus dem Skandieren,
das dumpf und rhythmisch ich vernahm,
konnt einen Sinn ich extrahieren,
der mir die Ungewissheit nahm.

So dass sie meinen Beifall fanden,
die Worte, gipfelnd im Appell,
den völkermörderischen Banden
zu gerben das Banditenfell.

Die Fahnen nur dabei mich störten
als ‘ne Couleur, der man sich weiht –
wie buntgescheckt sie sich empörten,
doch keine schlicht aus Menschlichkeit!

Lack ab

Lack abWenn alt und hässlich du geworden,
gibt keiner dir ‘nen Penny mehr.
Verachtung heißt den Menschen morden
mit Blicken, ohne Schießgewehr.

Ein junges Blut mit frischen Wangen,
das süß sich in den Hüften wiegt,
erweckt dagegen das Verlangen,
dass man um jeden Preis es kriegt.

So ist den meisten mitgegeben
des Leibs latentes Kapital,
dereinst von Männern abzuheben,
denen als wert es sich empfahl.

Die handeln aus der reinsten Liebe,
wie sie um einen Pol nur kreist,
das heißt gemeinhin aus dem Triebe,
der Liebe zu sich selbst beweist.

Allmählich fängt man an zu hassen,
was früher man zur Lust begehrt,
und würde liebend gerne chassen
das Kapital, das aufgezehrt.

Meist bleibt man aber noch zusammen
und lebt doch fremd für sich allein,
verbeißt die steten Seelenschrammen
nebst Vatertag und Skatverein.

Doch besser so als nach der Weise:
Zur Frühe fad, am Abend frisch.
Käm alle Schönheit erst dem Greise,
wär sicher bald der Mensch vom Tisch.

Plötzlich und unverhofft

Plötzlich und unverhofftEs war um sie schon still geworden.
Man glaubte nicht an ein Comeback.
„Längst ruht sie aus von ihrn Rekorden
an irgendeinem fernen Fleck.“

Fast dass man sie nicht mehr vermisste
und aufgab, nach ihr auszuspähn –
da springt wie’n Teufel aus der Kiste
sie wieder mitten ins Geschehn!

Der Schreck fuhr allen in die Glieder,
die mit dem Herbst sich arrangiert.
„Ich fass es nicht, da ist sie wieder,
die Schweiß uns in den Nacken schmiert!“

Die Ärmsten! Doch die meisten brachen
in Hochs und Hosiannas aus,
dass jetzt die Strahlen wieder stachen
ins bleiche Fleisch des Körperbaus.

Ja, Totgesagte leben länger,
beweist die liebe Sonnen nun,
und wie ein rechter Wiedergänger
gibt sie uns ordentlich Kattun.

Kein Wunder, dass im Handumdrehen
sie manchem auch ‘nen Stich versetzt,
dass Hör’n und Sehen ihm vergehen,
ja, auch das Hirn zu guter Letzt.

Dies Phänomen ist zu studieren
im Radio alle Nase lang.
Die Wetterfrösche delirieren
wie weiland Franz beim Sonnensang!

 

Noch offene Fragen

Noch offene FragenJetzt krebs ich schon so siebzig Jahre
auf diesem Schleuderstein herum
und fühl mich angesichts der Bahre
noch immer wickelwiegendumm.

Allein die Erde, nicht zu fassen:
Ein Stäubchen, das im Kosmos irrt;
und oben drauf Mikrobenmassen,
dass nur so krabbelt es und schwirrt!

Und unter diesen winz’gen Wesen
ein einz’ges, das Hosianna schreit
und das von Göttern auserlesen
sich glaubt für die Unsterblichkeit.

Der Mensch hält sich fürn Geistgiganten
und drum allein erhaltenswert,
dass er von seinen Tierverwandten
sich naserümpfend abgekehrt.

Er faselt von der Wahrheitsliebe
und lügt sie sich stets mundgerecht,
dass meistens dem Erkenntnistriebe
Begierde die Befunde schwächt.

Und hör ihn gar von Frieden schwätzen –
da grinst Tartuffe aus jedem Wort!
Sein ew’ges Hobby: Messerwetzen
für Bruder- und für Völkermord.

Ein Parasit von Gottes Gnaden,
der mählich seinen Wirt verschlingt.
Ob’s letzte Stück vom Lebensfaden
mir Licht noch in dies Dunkel bringt?

 

Unstillbare Jagdlust

Unstillbare JagdlustEin Löwe in Finanzgeschäften,
trägt hoch er sein entmähntes Haupt;
Rivalen beißt er weg nach Kräften,
dass keiner ihm die Beute raubt.

Ein Panzerhemd ist nicht vonnöten
für seine geist’ge Muskeltour,
er trägt für einen Haufen Kröten
die Stoffe von Armani nur.

Sein Outfit für die vielen Stunden,
die in Gesprächen er verbringt
in kleinen und in großen Runden,
bis golden ihm die Sonne sinkt.

Doch selbst der höchste „Leistungsträger“
empfindet Urlaub als Genuss,
und mancher wird zum Großwildjäger,
weil er sich mal entladen muss.

Wobei als Zeichen seiner Größe,
die er sich selber zuerkannt,
und dass ihm keiner Angst einflöße,
als Wildfang dient der Elefant.

Berappt dazu die zwanzig Mille
für die Lizenz und seinen Tross
und löchert mit der Kugelzwille
von fern den friedlichen Koloss.

Womit er wieder mal bewiesen:
Das schlimmste Tier von Kap zu Kap
lebt von Profiten und Akquisen
und schreibt die Erde langsam ab.

Schnippchen schlagen

Schnippchen schlagenSchon wieder Herbst, September wieder.
Dem Sommer geht die Puste aus.
Das Korn fällt auf die Knie nieder.
Der Himmel zieht die Stirne kraus.

Und früher übern Hals gestiegen
kommt diebisch uns die Dunkelheit,
da wir ein erstes Frösteln kriegen,
wenn Sturm uns in die Löffel schreit.

Der Abendmond trägt schon den Schleier
aus feinstem flandrischen Batist:
Nur hinderlich, wenn er im Weiher
sich durch die Entengrütze frisst.

Das grüne Gold der Eichenkronen
glänzt üppig noch um Zweig und Ast –
doch bald auch diese Baumikonen
der Pesthauch des Verfalls erfasst.

Na gut, das ew’ge Stirb und …
Ich sag’s erst gar nicht, kennt man doch;
verkriech mich hinter meinem Herde
und nudel Verse noch und noch.

Das Flämmchen, in Gedanken schweifend,
das rechts hier auf dem Tisch postiert,
als Freudenfeuer eh’r begreifend
denn als ein Grablicht deprimiert.

Ja, so ein Rentner hat gut reden:
Der Herbst flößt Schrecken ihm nicht ein.
Er spinnt schon seine Winterfäden
nach Süden in den Sonnenschein.

 

Immer hin und her

Immer hin und herPhilosophie der Klimazonen:
Im Sommer Wärme, moderat,
empfiehlt im Norden dir zu wohnen
auf kühlen 55 Grad.

Doch winters ist den Frostgefilden
der Süden weitaus vorzuziehn,
wo im Dezember noch, im milden,
der Sonne große Kraft verliehn.

Dies, kurzgefasst, die reine Lehre,
die wetterfühlig wer erdacht,
als ob ihm völlig schnuppe wäre,
wie solcherart Spagat man macht.

Mit schweren unsichtbaren Ketten
hält dich der Job am Platze fest,
der nicht zu jeder Zeit dich jetten
und keinesfalls für länger lässt.

Und könnte man denn seinen Lieben
so einfach mal ‘ne Nase drehn,
um nach dem Motto abzuschieben:
„Bis nächstes Jahr, auf Wiedersehn“?

Ja, wär man im Besitz von Flügeln
und sonst auch wie ein Vogel frei,
vermöchte man wohl abzubügeln,
was an dem Trip bedenklich sei.

Doch solche Leute gibt es viele!
Geborgte Schwingen, rascher Flug –
so finden sie die fernsten Ziele.
Ornithologisch: Rentnerzug.

Brühkünste

BrühkünsteGelegentlich bei schmaler Rente
schafft man sich doch mal Neues an:
Von der Maschine ich mich trennte,
aus der bisher mein Kaffee rann.

Wobei ich nicht mal von alleine
auf die Idee gekommen bin,
denn Freunde machten mir erst Beine
mit einem Tipp so obenhin.

Die Neue die gemahlnen Bohnen
nicht mehr als Haufen filtern lässt –
sie unterteilt sie in Portionen,
die sie in flache Säckchen presst.

Das war’s auch schon. Nur wen’ger Masse.
Heiß Wasser drüber, stripp, strapp, strull,
und unten lauert schon die Tasse
und süffelt sich die Plautze vull.

Sehr praktisch, muss ich schon gestehen.
Man häufelt und man löffelt nicht –
ein Pad nur, und im Handumdrehen
Aroma in den Zinken sticht.

Das Ding war mir sofort willkommen.
Gering der Aufwand, rasch die Lust.
So habe freudig ich genommen
schon manche Bohne mir zur Brust.

Kaffee im Beutel: Die Methode,
als ob sie nicht schon älter wär!
Doch eben frisch und groß in Mode –
mein letzter Tee ist Wochen her!

Im gleichen Rhythmus

Im gleichen RhythmusWenn morgens ich dem Pfühl entstiegen
und blinzelnd meinen Tag beginn,
lass alles erst mal links ich liegen
und schlafwandle zum Radio hin.

Knips an, und aufgeweckte Töne
verscheuchen meine Müdigkeit:
Ein Moderator plus Gedröhne
der Popmusik, die hip zurzeit.

Ich aber will vor allem wissen,
wie’s heute mit dem Globus steht,
da ich in meinem Schlummerkissen
nicht mitgekriegt, wie er sich dreht.

Die Nachrichten will ich befragen.
Bedeutungsvoll und schön sonor
hör meistens Tote ich beklagen –
was anderes kommt wen’ger vor.

So ist die Welt sich treu geblieben,
stell wieder mal enttäuscht ich fest.
Geschichte wird nicht umgeschrieben.
Gewalt auch heute, Not und Pest.

Und immer wieder Kriege, Kriege,
die alte Mordlust im Quadrat.
Millionen Menschen für zwei Siege.
Der Feldherr freut sich. Psychopath!

Ich schalte ab. Folgt Körperpflege
und was man macht von Stund zu Stund.
Kein Ärger, keine Schicksalsschläge.
Auch etwas Leerlauf, ja, na und?

Wenig erbaulich

Wenig erbaulichWas für ein Hämmern, Kreischen, Bohren
den ganzen Tag von dort gedröhnt,
wo jetzt im Finsteren verloren
ein Baukran die Fassade krönt!

Wie eifrig geht man da zu Werke,
dass man im Nu den Richtkranz schau,
und steigert noch der Laute Stärke
durch das Geschrei des Manns vom Bau.

Der ist so fleißig bei der Sache
und so zufrieden nebenher,
als ob der Job mit seinem Krache
ihm auf den Leib geschnitten wär.

Was sollt ihm auch den Spaß vermiesen?
Dass er zerstört, was vielgeliebt?
Er sieht ja nur den Neubau, diesen,
den mählich er zum Himmel schiebt.

Er schwingt ja nur die Maurerkelle
zu seines Handwerks Lob und Preis –
da bleib man ihm doch von der Pelle
mit diesem ganzen Mietenscheiß!

So wird das Viertel stets entrunzelt
und örtlich faltenfrei gemacht,
wobei das Steuersäckel schmunzelt
und sich der Hai ins Fäustchen lacht.

Das Alte wird zu Klump geschlagen –
lebend’ger Menschen Heim und Hut.
Und protzig-profitabel ragen
dann Türme ohne Fleisch und Blut.