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Ziemlich abgekühlt

Ziemlich abgekühlt„So um die 18 Grad im Norden,
mehr ist da leider heut nicht drin.
Die Hitze geizt jetzt mit Rekorden.
In Hamburg 20, immerhin“.

Der Wetterdienst hat wahr gesprochen.
Die Temp’raturen sind gefalln.
Am Himmel ziehen, jagen, kochen
im Wechsel dunkle Wolkenballn.

Der Wind, der sie mit Ach und Wehe
barbarisch durch die Lüfte schleift,
auch unsereins in Bodennähe
noch rüde um die Ohren pfeift.

Und hin und wieder mischen Schauer
sich in die trübe Szenerie
und machen sie ‘nen Tick noch grauer
mit ihrer Tränentherapie.

Und da willst du das Haus verlassen?
Vergiss bloß deine Jacke nicht.
Dies ist die Zeit der Krankenkassen –
doch huste auf die Leistungspflicht!

Beherzt musst du die Stirne bieten
dem Kälteeinbruch im August.
Vielleicht erst recht ‘nen Strandkorb mieten
für künftig unversalzne Lust?

Die Wetterfrösche quaken leiser
jetzt von der Hitze Zugewinn.
Kein Moderator schreit sich heiser,
verhökert Sonne. Immerhin.

Anregende Abendruhe

Anregende AbendruheEs ist ihm wieder mal gelungen,
dem Abend, wie so oft zuvor:
Zum Schweigen brachte er die Zungen,
den Menschen- und Maschinenchor.

Entrümpelt von den Automassen,
von der geschäft’gen Menge frei,
verwandelt wieder sich in Gassen
die asphaltierte Raserei.

Vor der changier’nden Leuchtreklame,
die mir ins Küchenfenster blinkt,
bewegt sich leise nur das lahme
Gezweig des Baums, das steigt und sinkt.

Und, tut mir leid, ich kann’s nicht ändern,
der Mond gibt seinen Senf dazu –
mit Strahlen golden zu berändern
das fliehende Gewölk im Nu.

Mal ehrlich: Grad die Atmosphäre,
die’s braucht, damit man sich entspannt.
Dass man auch tags sie nicht entbehre,
empfiehlt sich jetzt ein Urlaubsland.

Da trifft sich’s, dass in diesen Tagen
ja ohnehin schon Ferien sind –
getrost kann man den Trolley tragen
nach Kapstadt oder nach Korinth.

Ihr meint, das sei abstrakt gesprochen?
Hat alles seinen Hintergrund!
Mein Nachbar, in den nächsten Wochen
verreist, gab mir sein Schlüsselbund!

Der Kunstgenießer

Der Kunstgenießer‘ne Bilderschau mit alten Meistern –
fürn Kunstfreund absolutes Muss.
Er eilt herbei, lässt sich begeistern,
verschmerzt den Eintrittsobolus.

Mit feierlich gestimmter Seele
buckelt er dann die Wand entlang,
gemessen, dass er nicht verfehle
das unscheinbarste Werk von Rang.

Bisweilen kommt er mit der Nase,
da er als Kenner sich gefällt,
bis an des Opus Rahmenglase –
und anderen die Sicht verstellt.

Das geht wohl noch ein Weilchen weiter,
solange ihn der Eifer nährt.
Doch Fülle, dieser Wegbereiter
des Überdrusses an ihm zehrt.

Saal 4. Die Schritte werden schwerer.
Der Blick nimmt nur noch flüchtig wahr.
Hier Grafik also. Leichter, leerer.
Ermüdung schwächt das Augenpaar.

Er hat sich schließlich sattgesehen.
Sein Hirn ist bis zum Platzen voll.
Den Rest lässt er im Regen stehen.
„Hab ohnehin erfüllt mein Soll.“

Spuckt in Gedanken große Töne
und wird im Nu schon wieder schwach:
Sieht er ‘ne ungerahmte Schöne,
ist er auf einmal glockenwach!

Ambiente kunstlos

Ambiente kunstlosSo hat die Kunst halt ihren Rahmen.
Der fängt schon vor der Türe an.
Der Fuß kann nicht in Blüten kramen,
da Stein die Oberhand gewann.

Ein Platz von ausgesuchter Öde
sich vor dem Musensitz erhebt,
wie ein Podest erhöht, doch spröde
von Liebenswertem nicht belebt.

Nur wen’ge unbequeme Stufen
fürn hoch zu diesem Schau-Altar,
an denen Schilder grämlich rufen:
„Begehn auf eigene Gefahr!“

Warum nicht Bäume, Büsche, Blumen?
Hier kommt die Politik ins Spiel:
Zement, brüllt sie, Beton, Bitumen
ist pflegeleicht und kost‘ nicht viel!

Man muss es für ein Wunder halten,
wenn man dem Ort was abgewinnt.
Doch glätten sich die Unmutsfalten
da, wo das Heiligtum beginnt.

Und wo in wohlbedachter Reihe
dem Blick sich Bilder offenbarn
von höchster meisterlicher Weihe,
um die sich Adoranten scharn.

Muss ich die Künstler erst noch nennen?
Europas Beste kreuz und quer.
Zu tot indes, den Fleck zu kennen –
sonst kämen sie gewiss nicht her.

Ein Defilee

Ein DefileeIn einer lang gestreckten Zeile,
die Banner als Akzente trug,
bewegte in gemessner Eile
wie Lettern sich der Menschenzug.

‘n Einpeitscher voraus der Schlange,
der brüllend ihr die Richtung wies,
hielt eisern den Refrain in Gange,
mit welchem in sein Horn sie stieß.

Doch aus dem schrecklichen Getöse
ließ schwerlich sich ein Sinn entwirrn,
dass man mit letzter Klarheit löse
dies Klangorakel fürs Gehirn.

Nur aus dem ständgen Wiederholen
von Lautgebilden gleicher Art
schloss ich auf etwas wie Parolen
‘ner hochpolit’schen Pilgerfahrt.

Und richtig: An den Landesfahnen,
die stolz man in die Höhe hielt,
ließ mehr als deutlich sich erahnen,
worauf der lange Marsch gezielt.

Ein schöner Zug moderner Staaten,
den Latsch-Protest zu toleriern,
gehn da auch oft nur Automaten,
die hirnlos ihren Spruch skandiern.

Man streitet für die leisen Töne
bei anderen ganz unbeirrt –
und macht doch selber ein Gedröhne,
dass einem angst und bange wird.

Volkszählung

VolkszählungWenn brave Bürger Schafe zählen,
damit der Schlaf sie übermannt,
was mag zu diesem Zwecke wählen
ein Präsident, der weltbekannt?

Lässt er, den Schlummer zu forcieren
und seinen Motor abzudrehn,
die Leichen wohl Revue passieren,
die alle auf sein Konto gehn?

Die Toten, die er mit Erlassen
und Federstrichen generiert,
dass Gräberstätten sie nur fassen,
die für Legionen konstruiert?

An Bildern wird es ihm nicht fehlen,
wenn nächtlich er die Lider schließt,
doch keines davon wird ihn quälen,
da mit Kalkül er Blut vergießt.

Charakterzug der Diktatoren:
Ein mitleidloser Größenwahn.
Die Macht verleiht dem Ehrgeiz Sporen:
Hier kommt der neue Tamerlan!

Drei Handbreit schon im Sturm genommen,
ein Krümelchen vom Erdenkreis.
Und zig sind dabei umgekommen –
fürn Haufen Dreck ein Wucherpreis!

Doch er wird weiter Opfer machen
und Dreck erschachern gegen Blut –
bis eines Tages, bös Erwachen,
er selber in der Kuhle ruht!

Moderner Sonnengesang

Moderner SonnengesangDie Radiowetterfrösche quaken
mal wieder ihr Magnifikat:
Von Bensersiel bis Pelzerhaken
fast vierzehn Stunden Sonne satt!

Und jeder Grad mehr auf der Leiter,
die zwischen Eis und Dampf verläuft,
erhitzt den Moderator weiter,
der Kyrie auf Kyrie häuft.

Die Sonne lässt das Gras verdorren,
das Vieh sucht Schatten im Verschlag –
die Frohnatur, Applaus zu schnorren,
singt Hymnen auf den Lichtertrag!

Mir geht die Hitze auf den Senkel,
zumal wenn sie von Schweiß schon feucht
und man vom Nacken bis zum Schenkel
ein Tropfenfängertüchlein bräucht.

Ich wünschte mir den Sprücheklopfer,
der da Hosianna psalmodiert,
gern mal als Brand- und Blasenopfer,
das seinen Sonnenstich kuriert!

Dann würd am eignen Leib er spüren,
wozu die Strahlen fähig sind,
und seinen Mikrostarallüren
nicht mehr vertraun so wetterblind.

Vielleicht. Die Brüder sind ja zähe
und gegen Rüffel resistent.
Wie sehr ich auch dagegen krähe –
die jubeln, bis die Hütte brennt!

Fast ein schöner Tag

Fast ein schöner TagDas war ein Tag so recht zum Schmusen,
schön warm und gar nicht schwül dabei.
Am blauen Himmel nicht ein Flusen –
blitzblank gefegt wie’n Hirschgeweih.

Die Sonne schickte ihre Schauer
aus goldnen Funken übers Land
mit einer ausgemachten Dauer,
die rosa erst ihr Ende fand.

Auch atmete in ruh’gen Zügen
‘ne leichte Brise unentwegt,
dem Wunsch nach Kühle zu genügen,
den auch der größte Hitzkopf hegt.

Und dann die Bäume und die Blumen –
wie konturiert und farbensatt
in diesem Bad von Lux und Lumen,
das heller war als tausend Watt!

Ja, mehr, als ob die ganze Erde,
ihr höchste Würde zu verleihn,
von einem Ohr zum andern werde
bekränzt mit einem Heil’genschein!

So etwas ist nicht leicht zu kriegen,
da braucht’s ‘nen Sommertag wie heut,
an dem sogar die Harleys schwiegen,
die übers Land sich wohl verstreut.

Rein nichts hat darauf hingedeutet,
dass noch ein Unheil in Verzug –
und dennoch wurd er ausgeläutet
mit Trauer übern Unglücksflug.

Kreislaufbeschwerden

KreislaufbeschwerdenMit schrillen Schreien er verkündet,
dass in die Welt er eingeborn,
rücklings in seinem Pfühl gegründet
wie’n Käfer, der den Halt verlorn.

Er wächst und lernt, auf eignen Füßen
den Dingen auf den Grund zu gehn,
kriegt hin und wieder mal ‘nen Süßen
und glaubt, verstanden, zu verstehn.

Doch dann die langen Schülerjahre!
Das Büffeln nimmt kein Ende mehr.
Da häuft man Wissen wie ‘ne Ware
mit Mängeln und Verfallsgewähr.

Und aus dem Hamsterrad entlassen,
erwartet ihn das nächste schon –
ein Leben in den engen Gassen
von Job, Beruf und Profession.

Inzwischen hat sich wer gefunden,
der gern sein Schicksal mit ihm teilt.
Dann macht er ein paar Überstunden,
bis Nachwuchs in der Wiege weilt.

Der meldet sich mit schrillen Schreien
wie’n Pichelbruder beim Kommers,
und für sein weiteres Gedeihen
verweis ich auf den zweiten Vers.

So ähnlich auf dem Lebenswege
sind alle Wesen der Natur.
Der Mensch nur, eitle Imagepflege,
erschuf sich Gottes Sonderspur!

Wechselnder Geräuschpegel

Wechselnder Geräuschpegel2Geräusche fetzen aus dem Flure –
man ist im Haus ja nicht allein!
Gelächter. Stille. Neue Fuhre
von Jauchzen und Verzückungsschrein.

So mehrfach. Bis zum Türenklappen:
Das Stimmgewirr miteins verstummt.
Nichts andres ist noch aufzuschnappen
als Laute, die sich dick vermummt.

Ist wohl die Party zum Finale.
Ob unser Team den Sieg erringt?
Man hockt gemeinsam vorm Kanale,
der es aus Rio rüberbringt.

Um Freude und Erfolg zu tragen
in kollektiver Seligkeit –
und, falls die anderen uns schlagen,
zu teilen der Enttäuschung Leid.

Indes die Fußball-Leidenschaften,
in welche Richtung sie auch gehn,
ich muss sie ganz allein verkraften
und solo in die Röhre sehn.

Doch wer ist wirklich schon alleine
in dieser wuseligen Welt?
Der deutschen Kicker Wadenbeine
behaupten heute ja das Feld –

Und machen, dass im Treppenhause
die Stille wieder jäh vorbei:
Da lacht und lärmt es ohne Pause –
und jeder Laut ein Jubelschrei!