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Heilige Helfer

Heilige HelferDie Sonne stach, die Lüfte flirrten.
Das Volk stand vor dem Petersdom.
Erwartungsvoll. Zwei Oberhirten
verliehn zwei andern ein Diplom.

Unübersehbar wogt die Herde
der Schafe, die herbeigeeilt
aus allen Winkeln dieser Erde,
wo unterm Krummstab man noch weilt.

Und dennoch angespannte Stille.
Die Messe tönt darüber her.
Dann des Amtiernden Wort und Wille:
Zwei tote Heil’ge gibt’s nun mehr!

Die Menge jubelt in Ekstase.
Ergriffenheit im Dankgebet.
Und diese bunte Seifenblase
sich froh und munter weiterbläht!

Doch wie? Wenn heilig wer gesprochen,
posthum gleichsam Doktor h. c. –
freun sich darüber seine Knochen,
die jenseits längst von Wohl und Weh?

Fühlt etwa Stolz noch der Kadaver,
von Würmern halb zerfressen schon,
dass ihn nach mancherlei Palaver
der Papa ehrt für Gotteslohn?

Und was hat unsre fromme Masse
von diesen hohlen Titelei’n?
Auch sie nichts. Nur die Kirchenkasse
füllt wunderbar der schöne Schein.

Ein gewisser Fortschritt

Ein gewisser FortschrittDer Fortschritt ist nicht zu verkennen:
Man geht heut wen’ger drastisch um
mit Gegnern. Statt sie zu verbrennen,
haut man die Hucke ihnen krumm.

Statt Folter, Ketten und Verliesen
droht heute die Gefängnishaft.
Auch sind die ungesunden Brisen
auf Strafgaleeren abgeschafft.

Die Zunge auch, die Augen, Ohren
reißt man gewöhnlich nicht mehr aus.
Und auch der Mund bleibt ungeschoren
von heißem Blei als Henkersschmaus.

Dank einer Handvoll Wegebahner
verfeinerten die Sitten sich.
Man massakriert sich heut humaner –
mit Kugel oder Messerstich.

Natürlich liegt die Killerlaune
noch immer wo im Hirn verpackt –
nein, eher in ‘nem Stück Kaldaune
im tiefsten Darm- und Magentrakt.

Doch schämt man ihrer sich inzwischen
und schiebt vernünft’ge Gründe vor,
um jemandem eins auszuwischen,
an den man seinen Hass verlor.

Wir können also Hoffnung fassen.
Wir haben es schon weit gebracht.
Bald wird kein Mensch mehr Federn lassen –
es sei denn in der Kissenschlacht.

Fast ungestört

Fast ungestörtNach meiner altgewohnten Weise
saß ich noch spät am Stubentisch
beim Logbuch dieser Musenreise
und schrappte Zeilen auf den Wisch.

Die Zwölf war lange überschritten,
ich brütete verbissen noch,
um Nachschub meinen Kopf zu bitten
auch für das letzte weiße Loch.

Da stand zwar schon in krummer Reihe
‘ne Handvoll Verse obenan –
doch wenn ich was den Göttern weihe,
nichts Halbes ich ertragen kann.

Gedichte, denk ich, zu vollenden,
ist des Poeten höchste Pflicht,
und keine Schande, zu verwenden
den Mondschein und das Sternenlicht.

Vor allem weil zu dieser Stunde
kein Schwein dich bei der Arbeit stört;
still geht der Pinsel seine Runde
wie’n Wächter: „Hört, ihr Leute, hört…“

Und sollte doch ein Laut dich schrecken,
der deinem Telefon entfährt,
dann müsste wohl dahinterstecken
ein Notfall, der der Rede wert.

Pah, müsste! Leute gibt’s, die scheuen
sich nicht einmal in tiefster Nacht,
dich mit der Nachricht zu erfreuen,
ihr Waldi hätt ‘nen Pups gemacht!

Neuer Besen

Neuer BesenVon einem Papst ist heut die Rede
voll Demut und Bescheidenheit,
der Kriege Feind und jeder Fehde,
die nicht die andre Wange leiht.

Dem Pomp hat er schon abgeschworen;
den Lateranpalast er floh
und hat ein Hüttchen sich erkoren
am Tiberufer irgendwo.

Er braucht auch keinen Luxuswagen
mit Hochsitz und mit Scheibenschutz,
lässt sich von einem Esel tragen
noch durch den größten Straßenschmutz.

Ja, auch den hübschen Kaffeewärmer
entfernte er von seinem Haupt,
das er als echter Glaubensschwärmer
mit Dornen dürftig nun belaubt.

Auch hat den Ring er kühn verstoßen,
vor dem man auf die Knie fällt,
reicht seine Hände hin, die bloßen,
zum Schütteln jetzt der ganzen Welt.

Muss man’s nicht mit Hosianna preisen,
wenn wer auf Petri Stuhle thront,
urbi et orbi zu beweisen,
dass Kirche sich nun wieder lohnt?

Frommen Betrug will ich’s nicht nennen –
wer kennt den Geist, der aus ihm spricht?
Doch Christus tätig zu bekennen,
war’s denn nicht immer Hirtenpflicht?

 

Auf die Glocke

Auf die GlockeNun schweigen sie, die Osterglocken,
und baumeln still im Dachgestühl,
um Fledermäuse anzulocken
und Käuze ohne Klanggefühl.

Sie haben sich verdient die Pause
nach ausgesprochner Festtagsfron –
‘ner vollen Woche Passahsause
mit Gottesdienst und Prozession.

Und überall galt’s zu begleiten
mit dem vertrauten Zungenschlag
die Feier zu bestimmten Zeiten
den ganzen lieben langen Tag.

Ihr Einsatz – und mit jähem Schwunge
schlug gleichsam es die Beine weg
dem Klöppel, der in wildem Sprunge
sein Verslein prustete vor Schreck.

Doch konnte da von Tonroutine
bei Weitem keine Rede sein –
mal bimmelt’s wie beim Tamburine,
mal dröhnte es durch Mark und Bein.

Wie da nicht aus der Puste kommen,
selbst wenn die Lunge eisern ist,
und seufzen über all die Frommen
mit ihrem ew’gen „Jesus Christ“?

Das Letztere nur zu vermuten –
wer kennt schon einer Glocke Herz?
Nur ungehört kann’s sich verbluten,
nur jubelnd hallt es himmelwärts.

Ein Höllenlärm

Ein HöllenlärmSo Charaktere zu studieren,
das macht mir immer wieder Spaß,
in andre Seelen zu spazieren,
zu andrer Geister Blick und Maß.

Da kenn ich keine Standesschranken,
fühl mich in jeden gerne ein,
beflügelt nur von dem Gedanken,
ihm innerlich ganz nah zu sein.

Doch meist bekommt dem guten Manne
die übergroße Nähe nicht,
hau ich ihn ja doch in die Pfanne
nach Strich und Faden im Gedicht.

Doch wie könnt so was unterbleiben?
Gerät man in des Nächsten Dunst,
wär ‘ne Satire nicht zu schreiben
gewiss die eigentliche Kunst.

Da seh ich also heute einen,
der Gas gibt bis zum Gehtnichtmehr,
auf ‘ner Maschine mehr zu scheinen
als sonst im menschlichen Verkehr.

Und ohne Rücksicht auf die Ohren
der Leute, die empfindlich sind,
dünkt er im Donner der Motoren
sich mächtig wie ein Wickelkind.

Für den hat Jesus auch gelitten
(heut ist Karfreitag nebenbei).
Im Himmel fährt er sicher Schlitten
mit solchen Feinden der Schalmei.

Erste Strandblüte

Erste StrandblüteO wie mit hunderten Figuren
das Ufer heute schwer bestückt,
als ob aus sandgetränkten Fluren
das Heer der Halme ausgerückt!

Wie Frühlingssaat ins Kraut geschossen
in Trauben Menschen überall,
mit goldnen Strahlen übergossen
verschwenderisch vom Sonnenball.

Und heiter-aufgeregt sie wogen
wie Schilf im warmen Sommerwind,
mal hierher, mal nach dort gebogen,
ihm folgend auf dem Fuße blind.

Der erste Ansturm auf die Strände,
der erste Meeresbadetag –
und dieses körnige Gelände
ein Kultobjekt mit einem Schlag!

Und wie von Geisterhand erschaffen
stehn Sonnenschirme auch bereit
und Liegen für die Faulen, Schlaffen,
die gern verdösen ihre Zeit.

‘ne neue Ära eingeläutet –
zum Wasser drängt es alle hin.
Von Oberkleidung ganz enthäutet
begeht man den Saisonbeginn.

Man schüttelt die befreiten Glieder
nach nasser Hunde altem Brauch
und zeigt der hellen Sonne wieder
die Röllchen und den Hängebauch.

Ewiger Kreislauf

Ewiger KreislaufWie schön Wien ohne Wiener wäre:
Ein Spottlied mit Realgespür –
auch hinsichtlich der Biosphäre,
die ohne Menschheit besser führ.

Geschichte: Ewig Haun und Stechen –
auf die Geringen sowieso
und, um der Gleichen Macht zu brechen,
nicht minder räuberisch und roh.

Für ein paar Hufen mehr und Ruten,
mit denen man sein Gut vermehrt,
lässt man zu Tausenden verbluten
lebend’ge Leiber unterm Schwert.

Dann prasst man viehisch eine Weile,
krakeelt und hurt und rülpst und säuft –
bis unversehns in Windeseile
der Horrorstreifen rückwärts läuft.

Es naht der vormals so Beklaute,
dass seinerseits das Schaf er scher –
nicht ohne dass zu Boden haute
er Tausende. Und etwas mehr.

Ad infinitum, ohne Ende.
Geschichte, so wie ich sie seh:
Auch ohne energet’sche Wende
der finstren Triebe mobile.

Warum setzt diese Brut ihr Leben
für ein paar Haufen Dreck aufs Spiel?
Die letzte Grube auszuheben
braucht es doch wirklich nicht so viel!

Pustekuchen

PustekuchenAm Himmel wieder heut, am blauen…
Den Rest ergänzt nach eigner Wahl!
Hab keine Lust, euch vorzukauen
den ganzen Krempel jedes Mal.

Es sind doch stets die gleichen Dinge,
die man im gleichen Maß verrührt,
damit ein Einheitsbrei gelinge,
der stets den gleichen Kitzel schürt.

Ihr wisst schon: Sonne darf nicht fehlen,
denn die ergibt den Grundgeschmack –
schlürft man sie ein mit vollen Kehlen,
hat man die Sache schon im Sack.

Das Meer mit seinem Salzgehalte
steht dann als Würze schon bereit –
nebst Wogenberg und Wellenfalte
und Möwe, die sich heiser schreit.

Bekränzt ihr schließlich noch mit Blüten
der Optik wegen das Projekt,
kann keine Macht der Welt verhüten,
dass diese Brühe auch noch schmeckt.

Na ja, genau in diesem Stile
hätt selbst ich was zu Blatt gebracht,
doch hatt‘ das Schicksal andre Ziele
sich heute für mich ausgedacht.

Mocht Helios auch den Tag verschönen,
Poseidon, Flora je nach Art –
ich hörte nur Maschinen dröhnen,
Motorradfreaks auf Sonntagsfahrt!

 

Irgendwie verrechnet

Irgendwie verrechnetSie zeigen fröhliche Fassaden,
wenn in die Kamera sie schaun.
Sie scheinen stets dich einzuladen,
das Beste ihnen zuzutraun.

Sie reichen lächelnd dir die Pfote
zum „Guten Morgen“ und „Wie geht’s?“,
als wärest du ein Himmelsbote
und Inhalt ihres Nachtgebets.

Und was sie für ‘nen Aufstand machen,
beim Tragen dir den Arm zu leihn,
Kartoffeln und so schwere Sachen –
bis in den Keller obendrein.

Der Kaufmann hinterm Ladentische –
ganz von Gefälligkeit durchtränkt.
Die Ware sei von feinster Frische
und „unter uns: doch fast geschenkt“.

Politiker und Werbefritzen,
Verkünder einer heilen Welt,
lassen dieselbe nur so blitzen
von Drachengold und Sternengeld.

Genauso süßlich die Reklame
der glaubenssel’gen Priesterschaft –
verheißt sie doch die Kreuzabnahme
durch unerforschte Götterkraft.

Nun, wenn man all die Friedenszeichen
zu einem Fazit aufsummiert,
ergibt sich, Wunder ohnegleichen,
ein Globus, den der Hass regiert!