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Gemischte Promenade

Als ich, mein Fahrwerk zu erproben,
flott angesichts des Strandes schritt,
hat eine Bank mich jäh enthoben
der Schwere, die mein Schenkel litt.

Behäbig drauf ich niedersackte
und ruckelte bequem mich hin,
soweit der Holzbau, der vertrackte,
noch zuließ einen Lustgewinn.

Als Ausgleich für die harte Lehne,
die rüde in den Rücken stieß,
bot sich dem Auge eine Szene,
die nichts zu wünschen übrig ließ.

Da lag das Meer in ganzer Breite
und ganzer Tiefe ausgespannt,
den Horizont zur einen Seite,
zur andern Berg- und Hügelland.

Und funkelte aus vollem Herzen
und blinkte ohne Rast und Ruh,
als reichte heimlich Wunderkerzen
ihm Neptun aus der Tiefe zu.

Der Himmel blau. Und nur am Ende,
wo er die Erde sacht umfängt,
war ihm als Gürtel um die Lende
ein Wolkenschleier angehängt.

Davor schob, langsam wie ‘ne Schnecke
auf ihrer schleimig-feuchten Spur,
unmerklich beinah sich vom Flecke
ein Kreuzfahrtschiff auf Städtetour.

Indes der Kutter nah der Küste,
des Netz sich von Sardinen bauscht,
dass er des fetten Fangs sich brüste,
mit Volldampf in den Hafen rauscht.

Ein Anblick, schwerlich nur zu toppen.
Und viele dachten ebenso –
statt Fernsehn oder Kartenkloppen
Besuch im Promenaden-Zoo.

In Käfigen, die unverschlossen,
man seine Wanderlust bewies,
in Lüften, die man nie genossen
im muffigen Büro-Verlies.

Vom Job erlöste Pensionäre,
die keinen Boss mehr auf dem Hals
und gern mal ihre Pflichtenleere
befülln mit Seniorenbalz.

Doch gab’s auch frischere Gestalten
in diesem steten Hin und Her –
so Kinder, die noch Händchen halten,
beim Erstkontakt mit Strand und Meer.

Und wenn sich dann die Mütter trafen
an Palme sieben irgendwann,
gewiss, dass über ihre Braven
ein reger Austausch sich entspann.

Kann auch bei Bellos leicht passieren –
doch bin ich nicht genug kokett,
dass Frauchen beim Vorbeiflanieren
den Kenner ich gegeben hätt.

Gelegenheit war schon vorhanden,
doch hielt ich höflich meinen Mund –
als trotzdem plötzlich stillgestanden
drei Schritte weiter Frau und Hund.

Man führt den Liebling an der Leine,
doch zügelt ihm nicht die Natur:
Jäh spreizt er seine Hinterbeine
und ziert ein Häufchen den Parcours.

Mit einem Tuch greift sie den Ballen
und tütet ihn zum Wegwurf ein.
Ich nahm es auf mit Wohlgefallen:
Die Dame war sich nicht zu fein!

Landgewinn

So frühlingshaft in voller Blüte,
wie prächtig es der Brache steht!
Dies Ackerland von mindrer Güte
prangt schöner als ein Blumenbeet!

Hat edle Sorten nicht zu bieten,
nicht Veilchen und Vergissmeinnicht,
bis auf die stolzen Margeriten,
der Sonne gleich von Angesicht.

Auch leuchten lila Trichterwinden
aus niedrigem Gebüsch hervor,
doch längst so zahlreich nicht zu finden
wie Gelb an Geld das Hasenohr.

Und bis zum Bauch in diesem wilden
und wuchernden Gemüsefeld
ein Tier, das an dem süßen, milden
sein Eselsmäulchen schadlos hält.

Und so beschäftigt mit dem Kauen
der Gräser, die es aufgerafft,
versäumt es glatt, sich umzuschauen
nach seiner Wiesennachbarschaft.

Ein Pferdchen grast nur wenig weiter
und rupft, was ihm der Grund beschert,
das auch nicht fragt nach Ross und Reiter
und weltvergessen sich ernährt.

Doch finden sich zu jeder Stunde
noch viele andre Gäste ein –
da hüpfen Spatzen ihre Runde
und flattern fröhlich Papagein.

Mein letztes Hemd würd ich verwetten,
das sei des Eisbergs Spitze nur
und in dem Wust von Kraut und Kletten
auch manchen Käfers feine Spur.

Botanik-Leistungskurs? Von wegen!
Ein Erbe der Erfahrungswelt –
wenn wir uns auf die Wiese legen,
schon bald ein Kribbeln uns befällt.

Nun, ob Insekten, Vögel, Pferde,
selbst Erstre in Millionenzahl,
sie fressen dieses Stückchen Erde
beim größten Appetit nicht kahl.

Doch locker leisten das die fiesen
gefräß’gen Raupen dann und wann,
wie ihre Gier sie grad bewiesen
im Schwester-Grundstück nebenan.

Da schlugen ihre Eisenzähne
sie in den Boden noch und noch,
bis diese blühende Domäne
verwandelt in ein Baggerloch.

Das Weitre können wir uns denken:
Die dicken Brummer mit Zement,
die Kräne, wie sie Lasten schwenken –
und dann der Innungs-Präsident.

„Auch wenn heut kaum noch Lücken klaffen
in unsren schönen Häuserreihn,
wir werden weiter Wohnraum schaffen
wie diese Siedlung, die wir weihn.

Und die bald leben hier und wohnen
als gute Nachbarn Flur an Flur,
sie werden spüren, dass sich lohnen
Komfort und Umwelttechnik pur.“

Applaus, Applaus. Der wilden Weide,
nur einen Steinwurf weiter weg,
tut der Investor nichts zuleide,
und schert ihn sonst auch jeder Dreck.

Erst will er mal sein Schnäpschen kippen
auf dieses neue Wohngebiet,
bevor er wieder seine Strippen
für andere Projekte zieht.

Sein Koma ist von kurzer Dauer.
Kaum ist er wieder bei Verstand,
auch wieder Häusle-, Städtebauer
mit Lust auf Bauerwartungsland.

Und richtet bald schon die Pupille
begehrlich auf der Brache Rest,
wobei die Frage: Wie viel Mille?
sich letztlich immer klären lässt.

Denn herrlich blühn da die Renditen
dem flotten Macher in den Schoß.
Die Käfer und die Margeriten –
Millionen werden obdachlos.

Nahrungsergänzung

Des Kühlschranks kalter weißer Magen,
der bis auf Milch und Quark geleert,
er möcht mal wieder voll sich schlagen
mit Kost, die eine Sünde wert.

Der Eigner kommt ihm gern entgegen,
die Forderung scheint ihm gerecht,
da ja von allen Schicksalsschlägen
der Hunger uns am meisten schwächt.

Ein Supermarkt war rasch gefunden,
der offensichtlich alles bot,
die Speisekammer abzurunden,
grad wenn ihr schon der Kollaps droht.

Gemustert also die Regale
und abgeschritten ihre Reihn,
ein bisschen gleich dem Generale,
der Truppen nimmt in Augenschein.

Nur dass ich nicht wie Bonaparte
die flinken Zungen honorier –
an Eisbein mit gekochter Schwarte
liegt mehr mir als am Füsilier.

An Würsten auch und Käsesorten,
die meinem Gaumen wohlbekannt,
dass ich wohl hätt des Ladens Pforten
für sie allein schon eingerannt.

Da komm ich grad am rohen Schinken
der Art „Ibérico“ vorbei –
ein Griff, und schon Genüsse winken,
gelinde ausgedrückt, hoch drei.

Und dann schon wieder: Karre stoppen!
Ich angel mir den Wildlachs raus.
Geschmacklich ist der kaum zu toppen,
trotz Kaviars und Kabeljaus.

Auch die Pastete von Sardellen,
mit gleichem Meeres-Stallgeruch,
gehört zu den markierten Stellen
in meinem kleinen Küchenbuch.

Ins Körbchen! Und beim Weiterschieben,
wie ich so durch die Reihen schlurf,
kommt mir das Schmalzfleisch (ohne Grieben)
noch unvermittelt in den Wurf.

Schon eingesackt fast unbesehen,
denn wie der große Spötter spricht:
Ich kann wohl allem widerstehen,
nur leider der Versuchung nicht.

Doch sollte bloß die Nahrung stimmen?
Auch hier fällt mir ein Sprichwort ein.
Im Deutschen heißt es: Fisch muss schwimmen.
Ich kurve also noch zum Wein.

Mehr kann mein Beutel nun nicht fassen.
Das andre wird mir Schall und Rauch.
Ich nehm’s wie Sokrates gelassen:
Wie viel es gibt, was ich nicht brauch!

Sonnenanbeter

Bei Sonne muss man draußen sitzen.
Man muss sie spüren auf der Haut,
wenn ihre tausend Klingen blitzen
am Himmel, der unendlich blaut.

Und mich sollt’s in der Hütte halten?
Ich warf mein Winterjäckchen ab
und brachte (ersten Gang einschalten!)
mein Beingetriebe mal auf Trab.

Bald hatte sich ein Stuhl gefunden,
der überblaut und übersonnt,
auf dem wer weiß wie viele Stunden
sich bräunen ließ die bleiche Front.

Doch bloß den Kopf nicht in den Nacken,
um blinzelnd vor mich hin zu stiern –
will ja die Chance beim Schopfe packen,
verstohlne Blicke zu riskiern.

Wer hockt hier sonst noch an den Tischen
in Gruppen, solo und gepaart?
Um nur ein Bierchen rasch zu zischen?
Um was zu beißen à la carte?

‘nen Deubel sollt es einen scheren,
wirft scheu dazwischen der Verstand –
doch wie denn solchen Flausen wehren
drei Lux entfernt vom Sonnenbrand?

Man kann’s auch wissenschaftlich deuten
(sofern es das Gewissen braucht):
Mein Interesse an den Leuten
ist soziologisch angehaucht.

Im Urlaub oder schon in Rente?
Gediegen oder anspruchslos?
Hervorgehoben durch Talente?
Noch unterhalb des Volksniveaus?

Man ist auf jeden Fall beschäftigt
und hängt nicht nur stupide rum
und seine grauen Zellen kräftigt
ganz ohne viel Brimborium.

Im Übrigen: Die andern halten
es ebenso, da wett ich drauf,
und gabeln beim Serviettenfalten
die Entourage gleich mit auf.

In welche Lade sie wohl stecken
den Knacker, der da grad erschien;
dem Kaffee nur und Wasser schmecken –
ein Süffel, der nun wieder clean?

Es ist ein Geben und ein Nehmen,
wenn man’s auch nicht sofort durchschaut.
Doch keiner muss sich dessen schämen.
Die Sonne lacht. Der Himmel blaut.

Passanten auf der Promenade.
Viel Glucken auch mit junger Brut,
die auf dem Roller und dem Rade
sich schwer mit der Balance tut.

Wie jener Herr auch, der gesetzte,
den sein Geläuf nicht recht mehr trägt
und der sich, überall der Letzte,
mit Krücken durch die Welt bewegt.

Indes mit wild bewegten Waden
ein Fahrrad-Rowdy ihn umkurvt,
dem Anschein nach auch noch geladen,
dass der ihm in die Quere schlurft.

Dahinter endlos Meeresrauschen.
Ein Kutter fern am Horizont.
In einer sanften Brise bauschen
die Wellen blau sich und besonnt.

Kein Haar zu finden in der Suppe.
Nur dass so‘n Tag sich rasch verzehrt.
Heut Nacht, o Himmel, eine Schnuppe –
zu wünschen, dass er ewig währt!

Bergparadies

Die Luft ist ziemlich dünn hier oben
und manchmal fällt das Atmen schwer,
und wenn die Winterstürme toben,
hilft auch kein Reisigfeuer mehr.

Es gibt nur wenig breite Wege,
wo man ‘nem Bus sich anvertraut,
und ganz im Sinn der Landschaftspflege
hat Tunnel man hier nicht gebaut.

Um in dein Heimatdorf zu kommen
vor Einbruch noch der Bergesnacht:
Die Beine in die Hand genommen
und viel, viel Muße mitgebracht!

Doch lohnt es überhaupt die Mühe,
was dich zu Haus erwarten mag?
Die Sippe und ‘ne Handvoll Kühe
fürn kümmerlichen Milchertrag?

Und Butter, die man sich in Stunden
geduldig aus der Bütte stampft,
wie kann sie irgendjemand munden,
der nichts als dies und Käse mampft?

Ein bisschen Dörrfleisch hin und wieder
und Paprika, gekocht mit Reis.
Gebetsmühlnartig brav und bieder
dreht sich der Speiseplan im Kreis.

Wo soll er auch Impulse kriegen?
Was es im Dorf an Läden gibt
hat eher Zwirn und Hammer liegen,
als was ein feiner Gaumen liebt.

Das Nötige, was unser Ländler
nicht selber produzieren kann,
besorgt er sich bei einem Händler,
der hier ein wahrer Ehrenmann.

Er bietet nur solide Sachen,
zieht niemand übern Ladentisch,
und will nicht mal Reklame machen,
dass derart er im Trüben fisch.

Und die Behausung? Komfortabel?
Schon leicht von Luxus angehaucht?
Das Gegenteil von Sündenbabel –
nur was man so zum Leben braucht!

‘ne Handvoll Kissen, Kessel, Schalen,
ein Rad, mit dem man Fäden spinnt –
genug grad, um sich auszumalen,
dass selbst ein Dieb hier nichts gewinnt.

An dieser Dürftigkeit gemessen
lebt unsereins im Überfluss,
fest überzeugt davon indessen,
dass vieles man noch haben muss.

Man sollte also wirklich meinen,
wird einer hierzulande groß,
hätt allen Grund er, zu beweinen
sein karges, kummervolles Los.

Wo aber sind die Unglücksraben
mit ihrem Sauertopfgesicht,
die alle Hoffnungen begraben
in achselzuckendem Verzicht?

Man sieht nur helle, offne Mienen
und Fröhlichkeit in jedem Blick,
als würde man Fortuna dienen
und keinem widrigen Geschick.

Es scheint, dass sie sich wenig scheren
um steigendes Konsumniveau,
und ständig Hab und Gut zu mehren
nicht ihres Daseins A und O.

Nein, was wir längst verloren haben
an menschlichem Zusammenhalt,
gehört hier zu den großen Gaben –
Familiensinn bei Jung und Alt.

Und wenn man bei ‘ner kleinen Feier
gemeinsam in die Schüssel langt,
fühlt man gelöster sich und freier,
als hätt Hormone man getankt.

Dem Vogel gleicht das Glück, dem zagen,
so lautet hier ein schönes Wort –
je eifriger wir nach ihm jagen,
desto geschwinder fliegt er fort.

Krieg und Frieden

Kaum dass des Staates höchste Posten
an ihn und seine Clique fieln,
beginnt, die Macht voll auszukosten,
er mit dem Feuer schon zu spieln.

Denn mit dem Hang zum Größenwahne,
an dem es Herrschern meist nicht fehlt,
schwört er bei jedem Fetzen Fahne,
dass Größe man nach Schlachten zählt.

Und schickt auch folglich bald zu Felde
des Lands geballte Waffenkraft,
dass sie von früh bis spät ihm melde,
wie viel sie schon dahingerafft.

Zunächst noch lediglich Soldaten
(man stellt sich ja der Welt zur Schau),
doch aus den Fugen erst geraten,
nimmt so ein Krieg es nicht genau.

Denn ist sie einmal abgeschossen
die Kugel aus dem Sturmgewehr,
dann treibt sie ihre blut’gen Possen
mit Müttern und mit Militär.

So trifft es wahllos den und jenen,
ob Kämpfer oder Zivilist,
zu immer neuen Sterbeszenen,
an denen seinen Ruhm er misst.

Zum Schießen und zum Bombardieren
man immer ehr und schneller lädt,
dass ohne Mord und Massakrieren
die Sonne nicht mehr untergeht.

Doch stark sind überall die Mauern
und Helden überall beliebt –
da kann es schon mal Jahre dauern,
bis sich der Schwächere ergibt.

Dann ist sein Land ein Trümmerhaufen,
der Hunderttausende begräbt,
und die noch trostlos darauf laufen,
sie haben ungern überlebt.

Jetzt fehlt’s an Futter den Kanonen;
sie haben ihren Job gemacht
und die Geschlechter, die hier wohnen,
fast flächendeckend umgebracht.

Postwendend dann die große Biege:
„Für Frieden ist es nie zu spät.
Mehr als der Sieg in diesem Kriege
freut der mich der Humanität!“

So der Aggressor vor der Presse.
Dann Pose für ein Gruppenbild,
ein schiefes Lächeln in der Fresse
des Schurken, der auch Kinder killt.

Erleichterung bei den Nationen,
im ganzen feigen Gaffer-Kreis.
Sie werden‘s ihm wohl gar noch lohnen
mit dem begehrten Friedenspreis.

Strandverkauf

Sie waren an den Strand gelaufen,
der gleich vor ihrer Haustür liegt,
um da wie Gräser auszuraufen
das Gut, das in den Sand sich schmiegt.

Kein Plunder aus durchweichten Balken,
Gerümpel oder Plastikschrott,
nein, Tiergehäuse, fest und kalken,
und für ihr Alter noch sehr flott.

Denn die verschiednen Muschelschalen
und Schneckenhäuschen, meeresfrisch,
den lieben Kleinen sich empfahlen
als Ware für den Ladentisch.

Und was sie fleißig sich erräubert
bei Möwenschrei und Wellenklang,
haben geputzt sie und gesäubert
gewissenhaft von Mud und Tang.

Nun waren auf der schmalen Krone,
die’s Mäuerchen am Strande trägt,
in einer klar begrenzten Zone
in Reih und Glied sie ausgelegt.

Nicht anders könnte seine Steine,
die anspruchsvolle Leiber ziern,
ein Juwelier („nur lupenreine!“)
der noblen Kundschaft präsentiern.

Wärn’s Kinder nicht, die Kaufmann spielen,
dass es ihr Selbstbewusstsein stärk,
man dächt, Gewinne zu erzielen,
befänden Profis sich am Werk.

Natürlich geht es um Profite
der pfiff’gen Schar nur nebenbei –
vielmehr dass sie auf dem Gebiete
den Großen ebenbürtig sei.

Dem muss ich aber widersprechen:
Was Herz und Eifer hier erschuf,
das hat auf seinen Fensterflächen
so schön kein Krämer von Beruf.

O dass dies auch die Leute dächten,
die hier spazieren an der See,
und so ein Stück nach Hause brächten
aus Neptuns eignem Atelier!

Ich selbst entschied mich zünft‘gerweise
für eine Jakobsmuschel da –
als Zeichen meiner Pilgerreise
zum Sonnengott von Málaga.

Alles verpulvert

Vier Beine, die wie Säulenschäfte
dem bull‘gen Rumpfe unterlegt –
es braucht den Einsatz aller Kräfte,
dass dieser Mammutleib sich trägt.

Wir lassen kurz den Blick mal schweifen,
Europa…Malta…Afrika –
ein Esel jäh mit schwarzen Streifen:
Savanne, super, wir sind da!

Das Tier indes, bei dem ich weile
poetisch heut mit Herz und Hand,
es ist in keiner müden Zeile
der heiß geliebte Elefant.

Wenn in dem Punkt auch zu vergleichen,
dass ihm Trophäen Wert verleihn
und Wilderer ihn gern beschleichen
wie auf der Jagd nach Elfenbein.

Doch aus des Nashorns dickem Zinken
wer schnitzte sich ‘ne Gemme schon,
‘nen Sessel, zünftig einzusinken
in den erlesnen Fürstenthron?

Kein Schwein ging solcher Künste wegen
mit diesem schnaubenden Koloss
sich Aug in Auge anzulegen –
es wär denn ein Rhinozeros.

Doch in dem dicken Horngebilde
verbirgt sich ein begehrter Schatz,
den nicht nur der vermeintlich Wilde
erstrebt bei seiner Nasen-Hatz.

Der Höcker, Feinde zu vertreiben
mit seinem mörderischen Stoß,
er lässt zu Pulver sich zerreiben
mit Kräften, heißt es, riesengroß.

Geht jedem Übel an den Kragen,
vom Rheuma bis zum Tinnitus –
auch dem, mit dem der Mann geschlagen,
macht ihm die Männlichkeit Verdruss.

Doch nichts davon ist je bewiesen
und bleibt ein pures Hirngespinst,
wie denn ja oft aus Expertisen
der Geist der Narretei nur grinst.

Der Mythos aber war geboren,
der in die Birne eingebrannt
von Hypochondern und Senioren
mit mehr Vermögen als Verstand.

Der Graue hat es auszubaden,
der gar nicht weiß, wie ihm geschieht,
dass er auf seinen Trampelpfaden
so häufig eine Knarre sieht.

Würd er den Grund davon begreifen,
ich glaub, sein dicker Schädel gar
mit seines Hirns begrenzten Schleifen
fänd dieses mehr als sonderbar.

Warum, würd er verdutzt sich fragen,
jagt man ‘ner Sache hinterher,
die an die Knolle angeschlagen
als Waffe lediglich und Wehr?

Das wird allein die Menschheit wissen –
die allerdings sich selbst verkennt
und mit den windigsten Prämissen
am liebsten gegen Wände rennt.

Man nehme nur die Religionen,
dern Dogmen längst schon widerlegt
und die doch tief im Herzen wohnen,
wo immer auf der Welt es schlägt.

Der Mythos von dem jungen Gotte,
der stirbt und wieder aufersteht,
noch immer dem Verstand zum Spotte
der Wahrheit eine Nase dreht.

Knastkühe

Wo ist die Kuh auf grünem Anger,
die friedlich ihre Gräser käut,
von Babymilch das Euter schwanger
und jeder Schritt von Kirchgeläut?

Ein Bild, das immer mehr verschwindet,
weil es dem Eigner besser geht,
das heißt, mehr Milch er aus ihr schindet,
wenn „Liese“ nur im Stalle steht.

Und zwar zu hundert ihresgleichen,
die eine Wiese nie gekannt,
den Duft von Kiefern oder Eichen,
den Löwenzahn am Wegesrand.

Sie hausen auf Zementparzellen,
von Gitterstäben eingefasst,
als wärn es Raub- und Mordgesellen,
die büßen ihre Sündenlast.

Und hat man ihnen doch gestohlen
was jedem Wesen, das gebar,
ob Säugling, Gössel oder Fohlen,
seit je das Allerliebste war.

Um auch das Kälbchen zu betrügen
um seinen angestammten Trank –
es muss sich mit Ersatz begnügen
aus dem „humanen“ Chemo-Schrank.

Doch kann sie ihre Brut nicht säugen,
die Nahrung aus dem Beutel schleckt,
wie hilft der Kuh man vorzubeugen,
dass an dem Druck sie nicht verreckt?

Nun, wo mit kindlichem Behagen
genuckelt einst ein weicher Mund,
ist jetzt ein Saugnapf angeschlagen,
der melkt von selbst zur rechten Stund.

Auch sonst ist auf ihr Wohlbefinden
mit allen Mitteln man bedacht –
man pflegt ‘nen Clip ihr anzubinden,
der sie als Wanze überwacht.

Der schlägt mit findigen Frequenzen
auf ihre Leibsignale an,
damit man Störungen begrenzen
und sie bei Kräften halten kann.

Dem dient natürlich auch das Futter,
streng wissenschaftlich komponiert,
dass es der ahnungslosen Mutter
gewisse Drüsen optimiert.

Triumph der Technik: Mittlerweile
sind 20 Liter so am Tag
ein Witz, dass drüber keine Zeile
die „Landschau“ noch verlieren mag.

Die da von Technik angetrieben
im waagerechten Hamsterrad,
sie hat Geschichte längst geschrieben
und sich den 50 schon genaht.

Die Leistung aber, die erzielte,
sauteuer sie erkaufen muss –
normal sie sich bis zwanzig hielte,
doch so: Fünf Jahre, Exitus!

Doch schenkt auf ihre alten Tage
man ihr gewiss das Gnadenbrot?
I wo, zwecks bessrer Kassenlage
schickt man sie in den Schlachten-Tod.

Und sollten sich die Opfer fragen,
warum dies harte Los sie traf,
sie könnten nicht auf Tierschutz klagen –
es decken Norm und Paragraf.

Ich könnte allerdings mir denken,
bestimmten unsre Kühe mit,
sie würden sich die Marter schenken
und ihrem Milchdieb einen Tritt.

Flurbereinigung

Der erste Spielplatz, dem als Junge
ich samt Kumpanen mich gesellt,
war mitten in der grünen Lunge
ein Hügelchen im Stoppelfeld.

Es lag da gleichsam als Oase
in einem gelben Binsenmeer
und zeigte uns die Knollennase
ganz unverblümt von Weitem her.

Nichts konnte den Geräten gleichen:
naturbelassen, ohne Pfusch;
wir klommen auf die kleinen Eichen
und stöberten im Weidenbusch.

Ein Paradies für Lausebengel,
die sonst nur auf der Straße spieln
und über Blüten, Blatt und Stängel
die erste Kenntnis hier erzieln.

Dem „Feldherrn“ aber, unbescholten
von pädagogischem Kalkül,
vor Zorn sofort die Augen rollten
in bäuerischem Machtgefühl.

Er brachte schleunigst auf die Beine
‘nen Ordnungshüter jedenfalls
und hetzte, Köter an der Leine,
uns einen Tschako auf den Hals.

Mit Not sind beiden wir entkommen
und schlugen uns nach Hause durch,
wo zitternd wir uns vorgenommen,
dass unser Fuß kein Feld mehr furch.

Die Insel ist schon längst verschwunden,
der Bauer hat sie plattgemacht,
um seine Scholle abzurunden,
das heißt, indem er sie verflacht.

Für Vögel wie von unserm Schlage
war das ja nunmehr kein Verlust,
doch jeder Pieper da im Hage
das Feld genauso räumen musst‘.

Und immer größer wurd die Stille,
je weiter sich die Flur erstreckt,
die nach des Bauern Wunsch und Wille
mit einer einz’gen Frucht bedeckt.

Anstatt dass hier im Wechsel reiften
die Saaten Jahr für Jahr von vorn,
sah nun, soweit die Augen schweiften,
man Kolben nur von gelbem Korn.

Kartoffeln, Roggen, Raps und Rüben
genau wie Hafer oder Klee,
mochte es manchen auch betrüben,
sie warn mit einem Mal passé.

Mit diesem Hang zur großen Masse
lag unser Bauer nicht verkehrt,
die Ernte füllte ihm die Kasse,
das Gelbe wurde Goldes wert.

Wie mancher Hausherr kein Gewissen
sich aus der Not der Mieter macht,
hat er sie alle rausgeschmissen,
die hier ein Leben schon vollbracht.

Die Welt, in der wir alle hausen,
beackert er in seinem Sinn –
der Affe sollte mich doch lausen,
bringt das auch anderen Gewinn.

Für sich indes und seine Erben
hat er die Weichen klug gestellt
durch dies lokale Artensterben
in Richtung auf das große Geld.

Dass so man macht die Flur rentabel,
begeisterte die ganze Zunft –
sie ehrte mit der „Goldnen Gabel“
ihn bei der Hauptzusammenkunft.

In sehr bewegten Dankesworten
hat zur Natur er sich bekannt –
und offen standen ihm die Pforten
zum Vorsitz im Agrarverband.