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Hitverdächtig

Ganz früh schon in der Musen Banne,
sang solo sie und Schaum im Ohr
in der berühmten Badewanne
dem Entchen lust’ge Lieder vor.

Und was an Stimme ihr noch fehlte
zur melodiösen Meisterschaft,
ersetzte, was nicht minder zählte,
durch Inbrunst sie und Wasserkraft.

Was für ein Groove! Und jeder Kenner,
der still gelauscht dem Wunderkind,
er hätt geschworn, dass hier ein Renner
die Reise in die Charts beginnt.

Prophetisch! Denn die süße Göre,
aus Schaum zur Venus aufgeblüht,
erwies sich bald als beste Röhre
des Labels „Bis die Platte glüht“.

Denn dieser Sound, den sie kreierte,
berührte so unmittelbar,
dass über Nacht sie avancierte
zum viel gefragten Schlagerstar.

„Ein letzter Kuss, mein Schornsteinfeger“
und „Bleib mir treu bis Ultimo“ –
vom Kellner bis zum Kammerjäger
flog alles auf ihr Kunstniveau.

Die Melodie ließ sich noch zeigen,
weil sie das Ohr in Honig taucht;
man kann wohl nicht so viel vergeigen,
wenn man nur wenig Töne braucht.

Der Text indes, der unterlegte,
sofern er aus den Klängen schallt,
doch mehr an gutem Willen hegte
als an geballter Sprachgewalt.

Grammatisch ging schon in die Hose
so mancher Haupt- und Nebensatz
und wurd trotz Bühnenheldenpose
kein Fundstück im Zitatenschatz.

Zwar war auch noch der Reim vorhanden
als einprägsamer Verseschluss,
doch nur verstümmelt, missverstanden
als Lautung, die sich ähneln muss.

Drum dieser Wust von Assonanzen,
die auf dem Weg zum Reim krepiert,
doch fröhlich aus der Reihe tanzen
wie Bolle, der sich amüsiert.

Den Fan wird das nicht weiter schrecken;
der Durchblick ist ihm eh versperrt,
und um die Lust auf Deutsch zu wecken,
geht keiner in ein Popkonzert.

Man will ja einmal live erleben
sein stimmgewaltiges Idol,
um seinem Sound sich hinzugeben
im Vollrausch ohne Alkohol.

Ja, so ein Song mit seinen Macken
den meisten Freaks weit besser schmeckt
als einer, der bis zu den Hacken
im Sonntagsstaat der Regeln steckt.

Es könnt nicht vorm Parnass bestehen,
was hier als Hit man gelten lässt
und selbst die klügsten Medien krähen
ins äußerste verschlafne Nest.

Doch unerforschlich sind die Triebe
des Menschen heute ja nicht mehr;
er schenkt den Dingen seine Liebe
auf keinen Fall von ungefähr.

Denn dank dem Jauchzen und dem Hüpfen
im bunt umfluteten Gewühl,
kann in ‘ne andre Haut er schlüpfen –
mit eingebautem Glücksgefühl!

Wetteraussichten

Es ist dem Stausee anzumerken,
dass er ‘nen Schluck dazugekriegt.
Mag der sich gerne noch verstärken –
jetzt wird erst mal nicht ganz versiegt!

Des einen Freud, des andern Jammer!
Am Strand fiel’s nicht so glimpflich aus,
da schlug wie mit ‘nem Vorschlaghammer
der Sturm sich ganze Stücke raus.

Und hat sogar zum großen Schrecken
am Bauch der kleinen Bars genagt,
die, Lust auf Fisch und Meer zu wecken,
zu weit ans Ufer sich gewagt.

Die müssen ihren Mut nun büßen
für diesen exponierten Stand
und baumeln mit den bloßen Füßen
auf Kippe überm Küstenrand.

Auch wo die Sande nicht versanken,
sah man sofort, wie’s da geweht –
mit Sträuchern, Flaschen, Plastik, Planken,
mit Trümmern alles übersät.

Das geht so schon die dritte Woche,
ein Ende ist nicht abzusehn.
Ich stecke fest in meinem Loche,
wo ich mich durch den Dämmer gähn.

Genauer: Über meinem Buche
dös unverhofft ich manchmal ein
und träumend mir ein Plätzchen suche
im schönsten Frühlingssonnenschein.

Erwach ich dann aus diesem Wahne,
es gleich mich zu erfahren drängt,
ob gegenüber noch die Plane
vor der geschlossnen Haustür hängt.

Der Nachbar, müsst ihr nämlich wissen,
dem’s öfter in die Bude schwappt,
schützt vor dem Regen sich beflissen,
indem die Schwelle er belappt.

Durch dies erprobte „Barometer“
zeigt ahnungslos der gute Mann,
ob ich mich früher oder später
getrost ins Freie wagen kann.

Es sind die alten Fischerkaten –
ein einz’ges Stockwerk unterm Dach;
wenn die in einen Guss geraten,
rauscht durch das Flett ein ganzer Bach.

Der Touri, der hier müßig schlendert,
den Anblick heiß und innig liebt.
Er steht, er staunt: „Noch unverändert.
Ein Glück, dass so was es noch gibt!“

O heiliger Kulturbanause!
Sieht alles nur im schönsten Licht,
doch nicht den Zustand dieser Klause,
die längst aus allen Fugen bricht.

Und hätte er im Weitergehen
sich kurz noch einmal umgedreht,
die Plane hätt er liegen sehen,
die ewig aus der Angel weht.

Blaues Band

An allen Ecken hier Mimosen,
die gelb in voller Blüte stehn
und wenn die Winde sie liebkosen,
ihr Köpfchen hübsch zur Seite drehn.

In dichten Büschen wo auch immer,
am Uferweg, am Straßenrand,
verbreiten sie den goldnen Schimmer
von Sommersprossen übers Land.

Ein schönes Zeichen, zu beteuern,
nachdem die Mandel nun verblüht,
dass Richtung Lenz wir wieder steuern,
der sichtlich schon vor Eifer glüht.

Die Sonne läuft auf vollen Touren
und schiebt die Sache mächtig an,
dass er schon bald mit frischen Fuhren
von Sträußen uns erfreuen kann.

Auch aus den ausgedörrten Zweigen
der Sträucher überall beginnt
die junge Brut des Grüns zu steigen,
weil wieder Saft in ihnen rinnt.

Der Korso mit den tausend Wagen
rollt wieder an auf seiner Spur,
um unsre Sinne sanft zu tragen
durchs bunte Schauspiel der Natur.

Das Meer, das ich so oft besungen,
wird dadurch ja nicht abgehakt.
Doch strömt der Frühling in die Lungen,
na, dann ist Landgang angesagt!

Die Höhle von Ardales

„He, schmeiß mir mal die Knolle rüber!
Doch auf den Fuß mir nicht, du Bock!
Dafür nimm diesen Nasenstüber.
Und nun den roten Zeichenstock!“

Wie überall stellt der Geselle
sich reichlich unbeholfen an,
was grade hier in der Kapelle
der Meister gar nicht leiden kann.

Denn pünktlich gilt es auszumalen
die vorbestimmte Weihestatt,
wie die Orakel sie empfahlen
und sie ein Traum bestätigt hat.

Vor Kurzem hat er aufgeschlagen
in diesem Saal sein Atelier
und Farben, Erden reingetragen
wie Brennholz vor dem ersten Schnee.

Und an den buckeligen Wänden
auch hier und da schon ausprobiert,
wo sich die besten Stellen fänden,
dass nichts versplittert und verschmiert.

Ein Klecks, ein Strich und andre Zeichen,
für manchen schon geheimnisvoll,
und warn doch nur ein Probestreichen,
dem das Gemälde folgen soll.

Inzwischen ist der Fels gefunden,
der alles hat, was man so braucht,
dass man in langen Arbeitsstunden
ihm Atem in die Rippen haucht.

Was gar nicht einfach untertage
in diesem weitverzweigten Schacht,
der mit ‘ner kühlen Wetterlage
und Feuchtigkeit zu schaffen macht.

Dann galt es auch zu überwinden
die Angst vor diesem Höllentor.
Wo aber sonst den Ursprung finden,
aus dem Lebend’ges sprießt hervor?

Und mochte auch die Fackel brennen,
von Fledermäusen schrill umschwirrt,
wie bei dem Flackern bloß erkennen,
wohin der Finger sich verirrt?

Doch ganz im Einklang mit dem Plane
hat zeitig man das Werk geschafft.
Der Häuptling und der Chef-Schamane
haben als Erste es begafft.

„Getroffen bis aufs Haar die Pferde,
die Ziege auch mit ihrem Bart,
die Weiber, Körper und Gebärde –
das nennt man Kunst der Gegenwart!“

Dem Meister fiel ein Stein vom Herzen –
die Obrigkeit war nicht pikiert,
befahl nicht, wieder auszumerzen,
was selbstbewusst er handsigniert.

Mit einer Feier, unvergessen,
beging die Kirchweih man darauf.
Der Seher las zwei Seelenmessen
und ließ der Gaudi ihren Lauf.

Nun hatte man zum ersten Male,
dass aller Brust sich ewig schwellt,
‘ne einzigart‘ge Kathedrale
zum Plaudern mit der Geisterwelt!

Der brave Steinzeit-Steuerzahler,
er hat wohl gern dafür geblecht –
als gläubiger Neandertaler
verhielt er so sich waidgerecht.

Ein Regentag

Den ganzen Tag hat es gegossen
wie seit Äonen schon nicht mehr,
und wie aus prallen Schläuchen schossen
die Wassermassen kreuz und quer.

War das ein Prasseln und ein Platschen
aus diesem lecken Wolkentank,
dass in der Loggia selbst das Quatschen
fast bis zum Hals darin versank!

Setz einen Fuß mal vor die Türe
und zieh ihn schleunigst wieder weg –
der Regen (nix mit Pediküre!)
haut deiner Socke einen Fleck.

Der Innenhof mit seinen Fliesen
schwamm fingerdick in dieser Flut,
die ganz im Sinn der Expertisen:
Mehr Regen tät dem Stausee gut.

Mit diesem tröstlichen Gedanken,
dass Feld und Frucht sonst bald verdorrt,
geriet mein Rochus doch ins Wanken
auf die Beries’lung immerfort.

Ich habe einfach abgeschrieben
den Gang hinaus ins Freie heut
und bin im Trockenen geblieben,
wo man sich schließlich auch zerstreut.

Man führt ein Tässchen sich zum Munde,
indessen man ein Buch verschlingt,
und abends zur gewohnten Stunde
der Muse noch ein Ständchen bringt.

Da war sie auch schon angekommen
so treu wie Jockel auf den Pfiff,
das Abendrot noch kaum verglommen,
als ich zu Stift und Tinte griff.

Doch wie ich eben auf die Schnelle
das Erste zu Papier gebracht,
versiegt mit einem Mal die Quelle,
die meine Zeilen sichtbar macht.

Da hieß es denn im Finstern tappen
wie Blindekuh beim Kinderfest,
um irgendwo noch aufzuschnappen
mit Dusel einen Kerzenrest.

Der war aus ‘ner verstaubten Lade
am Ende denn auch exhumiert
und hat mit seinem Stummel fade
nichts als sich selbst illuminiert.

Je länger aber in der Bleibe
ich unversorgt vom Strome saß,
spürt desto stärker ich am Leibe,
wie sich die Kälte weiterfraß.

Doch eh ich jammerte und flennte
wie in des Hades Schattenreich,
fühlt irgendwie in dem Ambiente
den Dichterfürsten ich mich gleich.

Kinder des Kosmos

Millionen Paare fester Sohlen
lief man sich ab auf diesem Pfad,
wär er gepflastert denn mit Bohlen,
Gneis, Glimmer oder Granulat.

Doch hielte man auch niemals inne,
der Raumgewinn: ein Pappenstiel –
in dieser Weisheit wahrstem Sinne,
dass hier der Weg allein das Ziel.

Ja, wenn den Kosmos wir betreten,
ist jede Eile für die Katz;
der platzt noch mehr aus allen Nähten
als Dagoberts Dukatenschatz.

Wenn wir zum Beispiel nicht nur schritten
durch unsre Heimatgalaxie,
nein, gar auf einem Lichtstrahl ritten –
kein Ende abzusehen. Nie.

Es sei denn, dass genügend Jahre
man mit für diese Reise brächt –
die aber leider Mangelware
bei unserm sterblichen Geschlecht.

Wie selten hundert wir erreichen,
bevor der Lebensstern versinkt,
da hunderttausend doch verstreichen,
eh dort uns eine Grenze winkt!

Dabei ist dies Spiralgebilde
noch nicht einmal besonders groß
mit seiner goldnen Sternengilde
von hundert Milliarden bloß.

Vom nächsten Nachbarn ganz zu schweigen,
Andromeda, ‘ner Nachbarin;
wolln der wir mal ins Fenster steigen:
Millionen Jahre bis dahin!

Besuche, die man gern Verwandten
zu Schwatz und Streuselkuchen macht?
Vergesst die Onkel und die Tanten,
denen ‘ne andre Sonne lacht!

Im Übrigen ging’s uns mit denen
wohl auch nicht anders als vor Ort –
kaum angekommen, und wir sehnen
mit aller Macht uns wieder fort.

Denn was aus gleichen Elementen
wo immer die Natur auch baut,
es führt gewiss zu Residenten,
die ähnlich sind an Leib und Haut.

Ob sauer oder süß die Trauben,
die eh man nicht zu fassen kriegt –
den Ehrgeiz einfach runterschrauben,
dass die Vernunft zumindest siegt!

Auch könnt es unsern Stolz verletzen,
zu wissen, wer da sonst noch wohnt,
wenn wir erkennen mit Entsetzen:
Wir leben hier noch hinterm Mond!

Ich hör wen schwärmen: Welche Höhe,
wenn an die Raumstation ich denk! –
Vierhundert Kilometer? Flöhe
mit etwas bessrem Sprunggelenk!

Kleine Vogelkunde

Im Grunde sind es auch Touristen,
die es hierher verschlagen hat,
nur dass sie schon seit ewig nisten
im Himmelbett aus Palmenblatt.

Doch tragen sie noch als Gefieder
der alten Heimat schöne Tracht
und pflegen treulich auch die Lieder,
die sie von dort einst mitgebracht.

Und dass sie ja sie nicht vergessen
(von Auslandsdeutschen uns vertraut!),
üben sie täglich wie besessen
mit Inbrunst sie, will sagen laut.

Das hört sich längs der Promenade
dann eher wie Gekreische an,
dass unser nordischer Nomade
sich einfach nur noch wundern kann.

Und lässt sich davon so bestricken,
wie von Sirenen süß umgarnt –
doch findet mit den schärfsten Blicken
die Vögel nicht, die gut getarnt.

Wenn ihn nach längerem Verharren
die Götter doch einmal erhörn,
sieht in des Baumdachs grünen Sparren
er Papageien, könnt er schwörn.

Und liegt damit nicht weit daneben,
denn was da durch die Krone huscht,
sind Sittiche, nur kleiner eben,
doch auch so herrlich bunt getuscht.

In Scharen hausen sie da oben
und zwitschern alle unentwegt,
ob Stille herrscht, ob Stürme toben,
stets gleicherweise aufgeregt.

Das Narrenkleid in satten Farben,
der Flug bizarr und flatterhaft –
ihr Wohnrecht hier sie wohl erwarben
als Clowns- und Kaspar-Bruderschaft.

Was umso leichter zu begreifen,
schaut man sich um zum Meeressaum,
wo Vögel auf die Töne pfeifen
für schwarzen und für weißen Flaum.

Die Möwe, die sich in den Weiten
des Himmels über Wasser hält,
gewiss zu manchen Tageszeiten
genauso in Geschrei verfällt.

Doch nur, wenn sie die Beute wittert,
die unter ihr die Wellen quert –
den Fisch, der zappelt und der zittert,
wenn sie lebendig ihn verzehrt.

Kann sie dann, satt, nicht papp mehr sagen,
steht nach Entspannung ihr der Sinn
und mit ‘nem prall gefüllten Magen
hockt sie zuhauf am Strand sich hin.

Das muss man mal gesehen haben,
wie sie in Dreier-, Viererreihn
geduldig sich am Anblick laben
der See im Mittagssonnenschein!

Die Sitzung kann ‘ne Weile dauern,
der Hering hält noch lange vor;
doch eh sie ganz an Land versauern,
treibt es zum Nachtisch sie empor.

Da könnten sie die Uhr nach stellen –
die Dampfer, in gestrecktem Lauf,
mit Netzen, die von Beute schwellen,
sie tauchen plötzlich wieder auf.

Und wie gewohnt die Wellen teilen,
im Schlepp die eigne Möwenschar,
zum Hafen, zur Auktion zu eilen,
wo man Sardinen wiegt in bar.

Da hebt der Pulk sich von den Füßen
und lässt ein Stück landab sich wehn,
die Artverwandten zu begrüßen,
die sich auf Hochseefang verstehn.

Das muss den Möwen man ja lassen –
sie wissen wohl, was sich gehört:
Gedrängel nur beim Essenfassen,
dann Ruhe wieder, ungestört.

Womit sie fein sich unterscheiden
vom Vogelvolk im Palmenhain –
und unsern Grillern, die schon leiden,
passt keine vierte Wurst mehr rein!

Ein besserer Herr

Der Ingenieur ist unbestritten
ein Mensch von höherer Kultur.
Er kennt sich aus mit Kegelschnitten
und mancher anderen Figur.

Wen sollte es da wundernehmen,
dass er auch Ausdruck will verleihn
den Kenntnissen, die zu verbrämen
er liebt mit klassischem Latein?

„Mens sana…“ und so alte Hüte,
die kramt bevorzugt er hervor
aus seiner kleinen Sprüche-Tüte
fürs anspruchslose Hörer-Ohr.

Nicht minder mag er Eindruck schinden
mit seinem edlen Steckenpferd,
dem Schach, von dem die meisten finden,
es sei der Spiele Krone wert.

Wie dürftig wär sein Geist indessen,
ja, dass es gar am Image kratz,
hätt im Konzert er nicht besessen
‘nen festen Abonnentenplatz!

Doch sind dies alles schon Beweise,
dass wer hier auf Elite macht?
Dann sei auch noch die Urlaubsreise,
die winterliche, vorgebracht.

Mit Skiern unter steifen Knochen
glitscht glatte Pisten er zu Tal.
Der Glücksfall dann: Ein Bein gebrochen –
viel Gips und Ehre auf einmal!

Hat auch es etwas zu bedeuten,
dass einen Boxer er sich hält,
mit dem zu andern Hundeleuten
er sich zum Plausch im Park gesellt?

Bezeichnender in jedem Falle
erscheint mir, was sein Gaumen liebt:
Bei Bratwurst kommt ihm hoch die Galle,
dass lieber er noch Kohldampf schiebt.

Dagegen bei Delikatessen,
pochiert, gedünstet und gegrillt,
könnt endlos er wohl weiteressen,
bevor sein Luxus-Schmacht gestillt.

Woher, fragt ihr, will ich das wissen?
Ich hab es selber oft erlebt,
dass er nur ausgesuchte Bissen
an die sensiblen Lippen hebt.

Und auch, wie seine Hemdmanschette
dann am Gelenk den Halt verlor,
dass an der freigelegten Stätte
‘ne Prachtuhr plötzlich kam hervor.

Sollt meine Neugier ich verhehlen?
Rasch fragte ich, was ihn da schmück,
ihn so ermunternd zu erzählen,
was er berappt fürs gute Stück.

Das war ein Batzen, kaum zu glauben,
für so’n alltägliches Gerät,
das bloß mit Rädchen und mit Schrauben
zwei Zeiger um die Achse dreht!

Dafür kann glatt man hundert kriegen,
die billig, aber akkurat –
doch eben auch nicht so gediegen
wie dieses Beinah-Unikat.

Das breite Spektrum der Int’ressen,
wie einen Mann von Welt es ziert,
es lässt auch daran sich ermessen,
dass er mit Aktien spekuliert.

Ja, jeden Morgen eine Stunde
macht er sich an den Dax heran,
damit er faule und gesunde
stets aktuell vertauschen kann.

Mit einem Wort, er führt ein Leben,
das seinen Status unterstreicht,
um sich von jedem abzuheben,
der einem Dipl.-Ing. nicht gleicht.

Kein Vorkämpfer humaner Werte,
was sich ja wohl von selbst versteht –
so blieb die Börse, die er leerte,
für andre immer zugenäht.

Dabei um Gründe nie verlegen,
dass ihn dafür kein Tadel trifft.
Da bettelt wer für Brot? Von wegen –
versoffen wird das und verkifft!

Der Mensch in seinem Heil’genscheine,
mit dem er sich so gerne krönt,
er liebt speziell die Art, die feine,
die ihm die eigne Welt verschönt.

Das Sprachrohr

Allein sein Gang schon ohnegleichen –
dynamisch, rasch und zielbewusst.
Solln andre schlapp und lustlos schleichen,
er schreitet mit geschwellter Brust.

Und lässt er sein Organ ertönen,
du eher an ‘nen Stentor denkst
als an ‘nen blässlich mittelschönen,
gerupften Paragrafenhengst.

Er lässt sich gerne Fragen stellen,
hält jederzeit ‘nen Spruch bereit,
auch wenn der in den meisten Fällen
kein Schwein von ‘nem Problem befreit.

Er ist nicht wie der Geometer,
der pünktlich an bestimmter Statt –
er kommt beständig etwas später,
damit er seinen Auftritt hat.

Kaum angelangt, reißt er den Schnabel
zu irgend’ner Sottise auf,
dass als Charmeur er und als Nabel
der kleinen Welt sich hier verkauf.

Im Weitergang der Peinlichkeiten
(„Ha, ha, und kennen den Sie schon?“)
lässt er zu Witzen sich verleiten
im süffisanten Macho-Ton.

Geht ihm der Vorrat mal zur Neige
an Scherzen dieser plumpen Art,
spielt weiter er die erste Geige
geschickt mit einem andern Part.

Wie mannigfach sind nicht die Themen,
die ihm den Stoff zum Glänzen leihn,
doch, jeder andre würd sich schämen,
nur in Bezug auf „mich“ und „mein“.

Besonders rühmt er sich der Taten,
die bravourös er schon vollbracht,
dass niemand muss erst lange raten,
dass er auch jetzt Furore macht.

Und sagt selbst offen vor den Leuten,
wenn ihn der Boss mal arg gezwackt,
um durch die Blume anzudeuten
den sehr intimen Chefkontakt.

Der könne sich auf ihn verlassen,
ganz gleich, womit er ihn betraut,
ihn, den Hansdampf in allen Gassen,
der niemals irgendwas versaut.

Er sieht sich gar als „Mehrzweckwaffe“
mit wandelbarem Projektil,
die höchst flexibel Ordnung schaffe,
je nach dem angepeilten Ziel.

Auch mag er hinterm Berg nicht halten
den Arm, „der in die Ämter reicht“:
Möcht wer beruflich sich entfalten,
er macht’s ihm, prahlt er, kinderleicht.

Man würd vor Ehrfurcht glatt erstarren,
wenn man für bare Münze hielt,
was nur in dieses eitlen Narren
Gehirn ‘ne große Rolle spielt.

Schaun wir mal hinter die Kulissen
und auf die Finger diesem Geck:
Der Schlendrian ist eingerissen,
den feudelt keine Putzfrau weg.

Auf seinem Schreibtisch türmen Akten
sich schon zu Haufen himmelan,
die beinah man zu Artefakten
aus Olims Zeiten zählen kann.

Und während er mit flinker Zunge
sich Kränze flicht von Lorbeerlaub,
geht den Kollegen auf die Lunge
sein dicker Dokumentenstaub.

So auf die lange Bank geschoben,
erledigt viel sich mit der Zeit –
Termine werden aufgehoben,
geraten in Vergessenheit.

Und kann er doch mal nicht vermeiden
‘ne Arbeit in bestimmter Frist,
lässt seinen Viz er drunter leiden
und drückt aufs Auge ihm den Mist.

Geht dann mal etwas in die Hose,
weil der’s nicht schaffen kann im Nu,
wirft er sich gleich in Unschuldspose
und schiebt’s Besagtem in die Schuh.

Nun meint ihr, so viel Schaumgeschlage,
dem kluge Köpfe sich versperrn,
es trete deutlich auch zutage
dem vorgesetzten Ämterherrn?

I wo, denn als Politstratege
ist der so ähnlich ja gestrickt
und hat dergleichen krumme Wege
noch immer gnädig abgenickt.

Erst wenn ein neuer Chef die Bühne
(von anderer Partei) betritt,
verkrümelt sich der Geisteshüne
wie’n Felsen unter Dynamit.

Und was wir hier schon dunkel ahnen,
rasch soll zum Faktum es gedeihn:
Es setzt den eignen Mythomanen
zu seinem Sprecher jener ein.

Finstere Zeiten

Die einem Gott ihr Leben weihen
und alles tun nur ihm zur Ehr,
die Güte als das Gut beschreien,
das als das höchste er sie lehr.

Denn wie ein Vater, der die Seinen
mit Liebe und Verständnis führt,
wolln jede Handlung sie verneinen,
die nur Gewalt und Hader schürt.

Und schreiben auch sich auf die Fahnen,
dass ohne Gier ihr Herz und Geist
und auf asketisch reinen Bahnen
ausschließlich um die Gottheit kreist.

Bei so viel löblichen Gefühlen,
ganz frei von jedem üblen Ruch,
scheint’s doch geboten, mal zu wühlen
in der Geschichte klugem Buch.

Die Kenntnis, die wir da gewinnen,
hat mit dem Anspruch nichts gemein
und zeigt die Kunst nur, fein zu spinnen
sein Seemannsgarn und Jagdlatein.

Meist sieht man Scheiterhaufen brennen
und Köpfe grausig abgehackt,
indes wie Krokodile flennen,
die Pfaffen im Tedeums-Takt.

Und wie sie sich von Tücke trunken
noch weiden an dem fremdem Leid,
zu Bestien herabgesunken
in ihrem seidnen Priesterkleid.

Und das für einen Gott der Liebe?
Sie sahn den Widerspruch nicht mal –
so glühten ihre finstren Triebe
im Feuereifer eines Baal!

Und diese wackren Pfründenjäger,
die Menschen quälten bis aufs Blut,
sie raubten, hohe Würdenträger!,
auch schäbig ihnen Hab und Gut.

Denn saß als Ketzer wer in Händen
der Geistlichkeit erst einmal fest,
dann konnte man sein Gut auch pfänden
fürn Gott, der nichts verkommen lässt.

In ihren selbstgefäll’gen Herzen
war nicht ein Fünkchen Mitgefühl –
glatt warn sie wie Fronleichnamskerzen
und knochenhart wie Chorgestühl.

Warum sie so empfindlich waren,
wenn’s um die reine Lehre ging?
Weil, hergezogen an den Haaren,
das meiste an ‘nem Faden hing.

Wo’s wimmelt nur von Wunderdingen
und ausgeschaltet der Verstand,
muss man das Volk zum Glauben zwingen,
bevor den Schwindel es erkannt.

Man stell sich vor, die Forscher heute,
die doch schon manches rausgekriegt,
sie knechteten die Menschenmeute,
weil Planck und Einstein ihr nicht liegt!

Und deshalb heißt‘s für diese flitzen,
dass ihr Gewissen sich entlädt,
dreimal pro Woche nachzusitzen
im Beichtstuhl einer Fakultät.

Für eher lässliche Vergehen
(„Null Ahnung von ‘nem Weißen Zwerg“),
wird man verdonnert, nachzusehen
in einem Astro-Standardwerk.

Doch wehe, wenn an Basiswissen
es einem Laien mangelt gar,
dann wird der Kopf ihm abgerissen,
und zwar auf eigene Gefahr.

So wie die Trinität zu lästern
der Gipfel einst der Schurkerei,
so, ewig junger Schnee von gestern,
heut E = mc2.

Man muss auch Heilige verehren,
die Leuchten ihrer Wissenschaft,
die, um Erkenntnis zu vermehren,
verausgabt ihre Lebenskraft.

Am höchsten dabei unbestritten,
die man verspottet und bedroht
und so wie Bruno gar erlitten
den christgestützten Martertod.

Zu deren Gräbern kann man wallen
und knien in innigem Gebet,
und Antwort wird schon bald erschallen
mit postmortalem Funkgerät.

Auch ihr, die ew’gen Ruhm erworben,
‘ne eigene Zeremonie –
die für die Forschung ist gestorben,
der mutigen Marie Curie!

Die Hölle mit den irren Qualen
zurück in dumpfe Hirne kroch;
den heut’gen Frevler und Wandalen
schreckt zeitgemäß ein Schwarzes Loch.

Und wie man einst mit heißem Herzen
den „Ketzern“ an die Gurgel fuhr,
bemüht man jetzt sich, auszumerzen
die Penner mit der Perlenschnur.

So wär, vom Glaubensgeist beflügelt,
vielleicht geworden unsre Zeit,
hätt nicht die Wahrheit ihn gezügelt
mit der ihr eignen Menschlichkeit.

So weit, so gut. Die Ignoranten
beachtet man nun weiter nicht;
doch die so aus dem Blick Verbannten,
sie hüten noch ihr altes Licht.

Sie wolln den Irrtum nicht gestehen
und nicht des Hirngespinsts Bankrott
und weiterhin das Heil erflehen
vom schweigenden Placebo-Gott.

Das Fußvolk. Doch die smarten Pfaffen,
die wissen, wie der Hase läuft,
und lassen doch das Kreuz begaffen,
mit dem Pilatus man ersäuft.

Und glotzen mit verdrehten Augen
verzückt empor zum Himmelszelt,
als würden sie den Segen saugen,
den sie bei Petrus vorbestellt.

Seid ihr noch da? Ich schließe lieber.
Hab mich verplaudert wieder mal –
so mittendrin im Versefieber
fand ich nicht gleich das Bremspedal.

Das Fazit schnell in eure Hände,
bevor ich in die Koje saus:
Des Mittelalters wahres Ende,
es liegt Äonen noch voraus.