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Engere Kontakte

Im Traum wär’s euch nicht eingefallen
am Sonntag, wenn der Himmel blaut,
dass ihr mit Zähnen und mit Krallen
verbeißt euch in die Bärenhaut!

So einen Tag, den muss man nutzen
zu hundert oder mehr Prozent,
vielleicht um wo was zu verputzen,
was euer Gaumen noch nicht kennt.

Vielleicht auch, um am Strand zu dösen,
beschirmt vom schimmernden Azur,
um euch vom Alltag abzulösen
im stillen Herzschlag der Natur.

Ich glaub, ich kann euch nachempfinden,
dass ihr darauf versessen seid,
denn zäh die Arbeitsstunden schwinden,
und rasch verstreicht die freie Zeit.

Wie anders doch bei mir die Lage,
der ich mich Rentner nennen kann –
da reihen sich die Feiertage
der eine an den nächsten an!

Die einst ich, selbst mir Trost zu spenden,
ins Auge montags schon gefasst,
die heiß ersehnten Wochenenden
zum bloßen Zeitbegriff verblasst!

Und hätte noch so viele Sonnen
der heut‘ge Tag im Blau entfacht,
mir hätten alle Wärmewonnen
wohl keine Beine mehr gemacht.

Um schließlich auf den Punkt zu kommen:
Mir war das Wetter piepegal,
ich hab die Füße hochgenommen
und fix gefaulenzt wieder mal.

Ihr wisst: Die übliche Geschichte.
Man macht sich auf dem Sofa breit,
indem man seinem Weltverzichte
mit Schnickschnack einen Sinn verleiht.

So hab ich in mich reingefressen
‘ne ganze Menge Lesestoff,
der mir für ewig unvergessen,
das heißt bis morgen, wie ich hoff.

Und in den regelmäß‘gen Pausen,
die in die Lesung ich gestreut,
hat mich des Wasserkessels Brausen
und dann der Kaffee still erfreut.

Wohl Stunden hab ich so bestritten,
von Langeweile keine Spur,
nur dass, die Schrift der Hand entglitten,
ich öfter aus dem Schlummer fuhr.

Gewiss wär mir der Tag vergangen
so friedlich wie im Paradies,
hätt ich nicht blinzelnd aufgefangen
‘nen Anblick, der mich stutzen ließ.

Denn draußen vor der Fensterscheibe
sah jäh ich einen Gegenstand,
der wie mit grausem Schlangenleibe
ums Gitter des Balkons sich wand.

Ich hab erst angestrengt ‘ne Weile
gekuckt, gekuckt und überlegt,
bis ich mich endlich ohne Eile
auf dieses Monster zubewegt.

Es fuhr mir gar nicht an den Kragen,
dass meine Furcht im Nu zerstob,
und hat nur sacht um sich geschlagen,
wenn ihm der Wind die Glieder hob.

Als ich bei weitrem Nähertreten
zu tieferer Erkenntnis kam,
da platzte mir aus allen Nähten
der Feigheit aufgestaute Scham.

Denn was als Kobra oder Kraken
die Fantasie mir vorgestellt,
entpuppte sich als Badelaken,
wie’s gern mal von der Leine fällt.

Ich hab’s gegriffen und gefaltet
zu einem handlichen Geviert
und eh mein Eifer noch erkaltet
zum Nachbarn oben expediert.

Der zeigte Wiedersehensfreude
mit Worten und mit Mienenspiel
und erstmals hier in dem Gebäude
mir überhaupt ins Auge fiel.

Das heißt, vom Kopf bis zu den Zehen
‘ne junge Dame vor mir stand,
und hatt ich sie auch nie gesehen,
war sie mir doch nicht unbekannt.

Denn was sie über meinem Haupte
mit ihrem Tisch- und Stuhlgerück
an Lärm sich Tag für Tag erlaubte,
das war ein ziemlich starkes Stück.

Nicht einmal konnt den Hintern heben
behutsam sie vom Mobiliar,
dass denen, die darunterleben,
die Stress-Attacke sie erspar.

Sie ließ es schleifen, scharren, schaben
mit Quietschen im Minutentakt,
dass mich sensiblen alten Knaben
schon öfter mal die Wut gepackt.

Die Handtuch-Sache, im Vertrauen,
so übel finde ich sie nicht.
Das mir ins Ohr geflößte Grauen,
nun hat es endlich ein Gesicht.

Sauwohl

Geht’s euch auch so in manchen Stunden,
dass ihr dem Leben nicht mehr grollt
und an die ausgeteilten Wunden
euch lieber nicht erinnern wollt?

Was könnte euch darin bestärken?
Die Einsicht, dass dem Hier und Jetzt,
ob in Gedanken oder Werken,
nur eine kurze Frist gesetzt?

Und eher freudig zu genießen
die raschen Tage ihr geneigt,
die unerbittlich euch zerfließen
wie Rauch, der in den Himmel steigt?

Vielleicht hat auch ‘ne neue Liebe
die Lebenslust euch wachgeküsst,
dass ihr dem friedlichsten der Triebe
auf Wolke sieben folgen müsst?

Auch ein Gewinn kommt hier in Frage,
das große Los – und sorgenfrei,
Finanzen satt mit einem Schlage,
und tschüs, du Pfennigfuchserei!

Genauso gut könnt ich mir denken,
dass sonst wie ihr das Glück erwischt,
vielleicht auf harten Studienbänken,
wo nach Diplomen ihr gefischt?

Nach Jahrn, da Masche ihr für Masche
zum Netz der Wissenschaft gereiht,
habt ihr nun endlich in der Tasche
den Schein, der nach Karriere schreit.

Und sicher nicht nur irgendeine,
Maloche für ‘nen Hungerlohn,
nein, eine anspruchsvolle, feine
mit Schreibtisch und mit Telefon.

Vielleicht seid ihr auch alte Hasen
in einem ehrbaren Geschäft,
wo manchmal euch mit derben Phrasen
der Leitwolf aus dem Schlummer kläfft.

Der aber plötzlich, welch ein Wunder,
euch kräftig anhob das Salär,
dass ihr gejubelt: Weg den Plunder,
und endlich neue Möbel her!

Indes will ich nicht weitergrübeln,
es gibt ja Gründe noch und noch,
dem Schicksal mal nicht zu verübeln,
dass es uns anhängt wie ein Joch.

Um mich nicht einfach wegzustehlen
hier durch der Verse Hintertür,
will ich doch rasch euch noch erzählen,
wie ich mein Freudenfeuer schür.

(Wohl werden’s einige erahnen,
die öfter schon den Blick gesenkt
auf meine Zeiln, Gedankenbahnen,
wie sie vom Herzen ja gelenkt.)

Nun, Friede, Freude, Eierkuchen
ich immer schon am Abend fand,
steck, Abstand von der Welt zu suchen,
den Kopf ich in den Musensand.

Auf Sonnenkurs

Wie ich wohl öfter schon erwähnte,
kein Hahn mich aus den Federn kräht;
mein Ruhstand sich inzwischen dehnte
auf … Kinder, wie die Zeit vergeht!

Wie wehrt man diesem steten Fließen?
Verändrung, Wechsel, dacht ich halt.
Und: Ist der Sommer zu genießen,
doch nicht der Winter, nass und kalt.

So habe ich mich denn entschlossen,
zu überlisten Vater Frost,
‘ne Abschiedsträne noch vergossen –
und auf nach Süden, ab die Post!

Drei Stunden Fluges abgesessen
und raus in eine andre Welt.
Zwar wird auch hier in Grad gemessen,
doch selten nur die Säule fällt.

Fast hätt gejauchzt ich vor Vergnügen,
die Sonne schien noch pur und prall,
doch wie’s halt ist bei solchen Flügen,
man ist als Mensch kein Einzelfall.

Die Rentner schweben zu Millionen
hier mit dem Billigflieger ein,
in ihrem Wabenturm zu wohnen,
Balkon in Richtung Sonnenschein.

(Ich lass die kleine Schar beiseite,
die Finca-Freuden hier genießt
mit Meerblick oder sonst’ger Weite,
die von den Hügeln sich erschließt.)

Da kriegt‘ ich gleich den ersten Dämpfer
für mein naives Wagestück –
ich bin wohl gar kein Einzelkämpfer,
wenn ich den Tag hier unten pflück.

Und sah auch bald an Strand und Hafen
Betagte viel und nordisch blass,
die Herbst und Winter hier verschlafen
bei Rotwein, Bier und Klaberjass.

Doch wenn im Frühling dann ihr Feuer
die Sonne immer stärker schürt,
ist manchem schon nicht mehr geheuer
die Glut, die ihn hierhergeführt.

Allmählich lichten sich die Reihen,
die Rentnerquote siecht dahin,
und Ende Juni sieht von dreien
nur einer noch im Bleiben Sinn.

Die Flieger füllen sich nun wieder
mit Passagiern bis an den Rand
und kommen erst in Ländern nieder,
wo dieser Vögel Wiege stand.

So mag es die Vernunft gebieten
im Schulterschluss mit dem Verstand,
doch ich, Novize dieser Riten,
wies sie entschieden von der Hand.

Ich lass mich nicht ins Bockshorn jagen
von einer Hitze Schreckensbild,
die so sehr aus der Art geschlagen,
dass sie womöglich Keime killt.

Der Winter ist ‘ne harte Schule,
die man im Norden wuppen muss,
und dieses Völkchen nahe Thule
auch sonst nicht grad aus Zuckerguss.

Drum werde ich die Stellung halten,
was immer auch ins Haus mir steht –
soll sich der Sommer doch entfalten,
bis Tauben er im Fluge brät!

‘nen Vorgeschmack konnt ich schon kriegen,
so einen Tag mit Wüstenhauch:
Den ließ ich links noch locker liegen –
doch etwas mulmig war mir auch.

Autonarren

Erfinder heißen, die erfunden,
was irgendwem womöglich nützt,
und in Erwartung vieler Kunden
ihrn Geistesblitz patentgeschützt.

Doch manche Hoffnung hat getrogen,
die als begründet eingeschätzt,
und sich trotz schönem Werbeslogan
am Markt nicht richtig durchgesetzt.

‘nem andern ist ein Wurf gelungen,
an den er nicht im Traum gedacht,
und so in Sphären vorgedrungen,
in denen man Millionen macht.

Doch beide sind von gleichem Geiste
beflügelt wie der Alchimist –
dass ihre Kolbenschöpfung leiste,
was eigentlich unmöglich ist.

Der Alltag strotzt von solchen Dingen,
die int’ressierten erst kein Schwein,
bis plötzlich sie auf goldnen Schwingen
in jeden Winkel zogen ein.

Das ging nur, weil die guten Seiten
allmählich besser man erkannt –
ein Zuwachs an Bequemlichkeiten
und Ansehn für den Bürgerstand.

Und niemand ließ sich jetzt noch stören
durch manches skeptische Gesicht –
man mochte wohl Kassandra hören,
doch glauben mochte man ihr nicht.

Ein Beispiel nur, doch das nicht ohne:
Der Wagen, der Profil gewann.
Einst Spleen der Bosse und Barone,
den jeder sich heut leisten kann.

Am Anfang schwer nur zu verkaufen,
macht‘ auch der Fiskus kein Trara,
ließ sogar wen vorweg noch laufen
zur Warnung: 20 km/h!

Doch als er immer mehr die Schwelle
zur Massenware überschritt,
ging auch die tolerierte Schnelle
nach oben mit der Steuer mit.

Wir wissen, was daraus geworden.
Es blieb nicht bei dem Zuckeltrab.
Zu immer neuen Speed-Rekorden
den Pferden man die Sporen gab.

Schnell konnt man auf ‘nen Typ verzichten,
der warnend seine Flagge schwingt:
Er lässt sich heute nur noch sichten,
wenn er Boliden „Einlauf“ winkt.

Die Angst vorm Risiko geschwunden?
Gewiss doch. Doch nicht von allein.
Da haben Kräfte sich gefunden,
die redeten es ständig klein.

Verschwindend. Aber dafür priesen,
was für ein Vorteil uns entsteht:
Zu fahrn, wohin die Winde bliesen –
o Freiheit der Mobilität!

Die komödiant’schen Profiteure
beherrschten blendend ihren Part,
wenn man so sieht, dass Trauerchöre
viel passender zur Gegenwart.

Was hätten diese zu beklagen?
‘ner Iphigenie Opfertod?
Nein, dass durch kriegerische Wagen
Millionen ein Massaker droht!

Ihr glaubt, ich würde übertreiben?
Das sieht nur so für einen aus,
der denkt, ein paar kaputte Scheiben,
mehr kommt bei so ‘nem Crash nicht raus.

Die Sicherheit ist doch gestiegen
mit Anschnallpflicht und Rettungssack,
und neue Brüssler „Spitzen“ kriegen
wir täglich fast im Doppelpack.

Das heißt auf seinen Bauch vertrauen,
statt gründlich sich zu informiern;
wenn auf Statistiken wir schauen,
wir jede Illusion verliern.

Ihr Leben lassen auf den Straßen,
so stellen sie ernüchternd fest,
die Menschen derart ohne Maßen,
dass einen es erschauern lässt.

‘ne ganze Stadt von Münchens Größe,
1,3 Millionen schwer,
wird Opfer der Zusammenstöße
weltweit und jährlich im Verkehr!

Und das wird in den Wind geschlagen!
So sicher wähnt man das Gefährt,
dass es vom Braut- zum Leichenwagen
für tausend Zwecke heiß begehrt.

Verdrängung sowie Imagepflege,
wie jede Marke sie betreibt,
verhindern, dass die Schicksalsschläge
der Kiste man aufs Konto schreibt.

Der Blutzoll, den so viele zahlen,
wem wär er ständig auch bewusst?
Und Satan an die Wand zu malen,
erhöht nicht grad die Lebenslust.

Drum wird man fröhlich weitermachen,
solang nicht selbst dahingerafft.
Doch hört bei andren man es krachen –
dann bleibt man gerne stehn und gafft.

Strandläufer

Ein Sonnentag der ersten Güte,
ein Wetter, dass der Atem stockt:
Da kommt es gar nicht in die Tüte,
dass still man in der Stube hockt!

Hier wollt ich schildern, zweite Säule,
die Schönheit dieser Szenerie,
doch, bei Minervas alter Eule,
ihr habt doch selber Fantasie!

Da ruht der Strand euch vor der Nase
unendlich unterm Himmelblau,
ein Traumziel, ohne Gift und Gase
erreichbar, ohne Mega-Stau.

Und für dies Stückchen um die Ecke
man sich nicht unter Lasten biegt,
leicht wiegt im Arme ja die Decke,
auf der es sich im Sande liegt.

Und auch das Handtuch in der Linken
hängt nicht grad wie ein Klotz daran,
so dass man Limo, Wurst und Schinken
ihr auch noch überlassen kann.

Wer aber für sein Wohlbehagen
Komfort für unerlässlich hält,
der muss dann doch sein Päckchen tragen
mit Sonnenschirm und Partyzelt.

Will man sein Plätzchen gar möblieren,
dass man sich wie zu Hause fühl,
schleppt röchelnd man auf allen vieren
ein Tischchen noch samt Klappgestühl.

Ist das geschafft, gibt es kein Halten.
Jetzt, Paradies, zeig dein Gesicht!
Lass deine Sonne nicht erkalten
und auch dies Picknick-Würstchen nicht!

Hat man geknabbert und gemümmelt,
braucht man des weisen Neptun Rat:
Am Strand hier weiter rumgelümmelt
oder mal ab ins kalte Bad?

Man muss ja nicht ins Weite kraulen,
nur kurz in Brandung rein und Gischt,
zu zeigen den Bewegungsfaulen,
wie man nach Komplimenten fischt.

Dann rausgestakt mit breiten Beinen,
sich schüttelnd nach dem Wellenritt,
um wie Odysseus zu erscheinen,
der nach dem Schiffbruch Land betritt.

Danach in elegantem Bogen
zum Handtuch sich herabgebückt,
dass man die Perlenspur der Wogen
mit weicher Wolle trockendrückt.

Jetzt aber einfach nur mal liegen,
bauchunter oder umgekehrt,
um diese Bräune abzukriegen,
die so ein Helden-Image mehrt.

Statt schlummernd in den Tag zu schwitzen
und sich in Träumen zu verliern,
kann man indes auch schneidersitzen
und vor den Wellen meditiern.

Und lässt die Blicke müßig schweifen
bis an den hohen Horizont,
wo ans Unendliche sie streifen,
das sich in andern Sternen sonnt.

Dies scheint im eigentlichen Sinne
Fernsehen mir als Augenschmaus –
dass man im Schauen Raum gewinne
über sein Mauseloch hinaus.

Ja, selbst bis an die letzten Schranken
von krausem Grün und von Azur,
dass freier atmen die Gedanken
im lichten Tempel der Natur.

Dabei ist weiter nichts zu sehen,
woran doch sonst das Auge hängt –
nicht Gangster, die aufs Ganze gehen,
kein Bildschirm, der mit Blut getränkt.

Nichts von Agenten und Spionen,
von Supermännern aller Art,
die mit verwegenen Aktionen
die Pumpe bringen uns in Fahrt.

Nicht mal ‘ne flotte Hitparade,
‘ne Quizshow fürn Millionengeld
und was uns sonst im Hamsterrade
des Feierabend-Sofas hält.

Und doch vergehn die stillen Stunden
dem Schauenden wohl auch ratzfatz,
der hier sein Schauspiel hat gefunden:
Wolken und Welln. Vom Logenplatz.

Wie soll man dieses Rätsel lösen?
Der Schlüssel liegt doch auf der Hand:
Nur wenn wir in den Himmel dösen,
sind wir wohl völlig bei Verstand.

Ein guter Freund

Humorvoll, heiter, aufgeschlossen,
verständig, wenn er spricht und lauscht,
mit so ‘nem netten Zeitgenossen
hätt gern Gedanken ich getauscht.

Doch was man möchte, ist das Eine –
der Zufall herrscht auf Schritt und Tritt
und führt an seiner langen Leine
nur selten unsre Wünsche mit.

Da hab ich wen mir aufgeladen,
der ist für alles andre blind,
dass er an jedem roten Faden
nur seinen eignen weiterspinnt.

Wie käm da ein Gespräch zustande,
wenn einer nur die Lippen rührt
und, sei’s zu Wasser und zu Lande,
nur seine Welt im Munde führt?

Und um sie machtvoll zu vertreten,
schont er auch seine Stimme nicht,
die wie einst Jerichos Trompeten
bedrohlich in die Stille bricht.

Red hin und wieder ich mal grade,
macht ständig die Geduld ihm schlapp;
er fährt mir forsch in die Parade
und schneidet mir die Worte ab.

Dass ich vielleicht mit weitren Sätzen
Bedeutendes hätt vorgebracht,
weiß er wohl deshalb nicht zu schätzen,
weil selbst er stets banal gedacht.

Warum auch? Mit ‘ner schlichten Seele
bringt oft im Leben wer es weit,
der meint, dass nur Fortuna zähle
im goldenen Dukatenkleid.

Er wird nicht müde, anzudeuten,
dass Geld ihm über alles geht
und ständig neues zu erbeuten
sein Morgen- und sein Nachtgebet.

„Hab ich bei irgend’nem Geschäfte
ein hübsches Sümmchen abgezwackt,
dann steigen plötzlich meine Säfte
so heftig wie beim Liebesakt.“

Doch wer was hat, will auch beweisen,
dass Bildung sich dazugesellt
und er selbst in Doktoren-Kreisen
sein Licht nicht untern Scheffel stellt.

Sein Lieblingsthema ist der Glaube,
mit dem tut er sich meistens dick,
doch kriegt’s nicht unter eine Haube,
dafür fehlt ihm der Überblick.

Die einzeln unverdauten Brocken
sind seiner Weisheit A und O –
meint, jeder sei schier von den Socken
bei seinem Bibelversniveau.

Da bleibt am Ende nur die Frage
(ihr habt sie sicher längst gestellt),
warum den Typen ich ertrage,
der so mir auf die Nerven fällt?

Ach, glühnde Kohlen sollt ich sammeln
auf mein verräterisches Haupt,
statt hier ein Schmähgedicht zu stammeln,
vom bösen Pegasus geschnaubt!

Kann man nicht anders ihn auch zeigen –
als einen, der mich gern beehrt,
und lässt mich in den Wagen steigen
und raus mit mir ins Blaue fährt?

Hat eben alles doch zwei Seiten.
Mir treu bei allem Ungestüm!
Will Schweigen über ihn nun breiten.
Er bleibt wohl besser anonym.

Denksport

Ertüchtigung man früher sagte,
heut heißt es, halt den Body fit;
dem, der sich nicht periodisch plagte,
macht bald die Pumpe nicht mehr mit.

So hat der Sport, aus Kampf geboren,
sich in den Dienst des Heils gestellt –
statt eines Satzes heiße Ohren
Arznei er in den Fäusten hält.

Und das in so verschiednen Sparten,
dass alles, was das Herz begehrt,
vom Voltigieren bis zum Darten
Entfaltung dem Talent gewährt.

Mit der Variante zu beginnen,
der weltweit man zu Füßen liegt,
weil, um ein Spielchen zu gewinnen,
man kämpft, dass sich der Pfosten biegt –

Dem Fußball, dem in Fangesängen
man huldigt wie einst Pindars Chor
aus überquellnden Stadionrängen
für jedes gottgewollte Tor.

Der Lust am flotten Kombinieren
will ich hier auf den Grund nicht gehn,
nur einfach nüchtern konstatieren:
Sie ist ein Massenphänomen.

Die meisten andern Disziplinen
erreichen dieses Image nicht,
obwohl nicht wen’ger sie verdienen
den Beifall einer breiten Schicht.

Ist denn In-die-Pedale-Treten
nicht auch gesunder Zeitvertreib
und Aufschwung an den Turngeräten
nicht auch ‘ne Stärkung für den Leib?

Und wenn man auf der Gummimatte
den Gegner in die Knie zwingt?
Und mit und ohne Stab die Latte
grad mit dem Steiß noch überspringt?

Was immer auch die Leute treiben,
sie haben ihren Spaß daran –
und um Erfolg sich gutzuschreiben,
man hundertfältig siegen kann.

Braucht es ‘ne klotzige Kulisse?
Die kleinste Fangemeinde zählt,
wenn nur die wichtigste Prämisse:
Begeisterung dabei nicht fehlt.

Die aber, fragt mich nicht nach Gründen,
schlägt hin und wieder aus der Art,
um sich an Künsten zu entzünden,
die selbst der Sponsor sich erspart.

Muss man denn nur auf Rasen kicken,
den ballgerecht man kurzgemäht,
wenn auch im Schlamm, im zähen, dicken,
ein Tor zum Schießen offensteht?

Da wird sich freilich nicht entfalten
die atemlose Leder-Hatz –
man muss den Ball sehr lange halten,
das fordert schon der matsch’ge Platz.

Den Spielern geht’s nicht auf den Senkel,
sie waten gern in diesem Pfuhl
knietief bis an die Oberschenkel,
entspannt wie in ‘nem Swimmingpool.

Wie lange mag so’n Match wohl dauern,
das derart an den Kräften zehrt?
So über große Strecken powern
kann nicht einmal ein Grubenpferd.

Pro Halbzeit knapp ‘ne Viertelstunde
auf einem Feld von kleinrem Maß,
sonst geht die Puste vor die Hunde
und mit der Puste auch der Spaß.

Müsst ich mich heut noch mal entscheiden,
von Funktionären hart bedrängt:
Würd Breitensport ich besser leiden
als einen, der nur schwach verfängt?

Als ich noch flinker auf den Beinen
und etwas schmaler von Gestalt,
dem Fußball (abseits von Vereinen)
wohl meine größte Liebe galt.

Auch Tauchen, Brust- und Rückenschwimmen
gefielen mir nicht wen’ger gut,
musst ich nicht grad ‘nen Turm erklimmen
zum Sprung hinab in Chlor und Flut.

Doch mit den Jahren auf der Hucke
ist sportlich heute Schicht im Schacht.
Seht, wie ich mit den Schultern zucke:
Kommt alles nicht mehr in Betracht!

Es sei denn, dass sie mit was locken,
was einem Grufti noch entspricht.
So was wie auf dem Hintern hocken –
zwei Stunden brüten – ein Gedicht!

Urlaubssperre

Mal endlich wieder wen gefunden,
der mich nach M*** hochgebracht,
wo ich zwei, drei verträumte Stunden
‘nen Stuhl zum Hochsitz mir gemacht.

Vor dieser Bar oder Taverne,
die auf dem höchsten Punkt postiert,
dass automatisch in der Ferne
der Blick sich überm Meer verliert.

Doch ebenso mit Wohlbehagen
auch auf die kleine Bucht gebannt,
die wie ein Schlupfloch rausgeschlagen
aus diesem hölzern steifen Strand.

Und zur Befest’gung an den Seiten
mit Felsensäulen so besetzt,
dass sich der Reißzahn der Gezeiten
vergeblich an der Pforte wetzt.

Ist damit alles schon beschrieben?
Was macht mir diesen Fleck so wert?
Auch die Terrassen, eingetrieben
in einen Hang, zur See gekehrt!

Da recken sich in graden Reihen
die Sprösslinge verschiedner Art,
die Halme hoch nach Sonne schreien,
des Mutterbusens Gegenwart.

Nach Namen dürft ihr mich nicht fragen,
ist mir Gemüse alles, Kohl,
nur die daneben Wurzeln schlagen,
nur die Agaven kenn ich wohl.

Nicht die, die wo auf ödem Acker
vereinzelt im Gelände stehn,
wo nur die rauen Highway-Trucker
zum Pinkeln in die Büsche gehn.

Nein, alle schön auf einem Haufen
und nüchtern nach der Schnur gepflanzt,
dass bei Bedarf du einmal kaufen
den Rausch aus ihren Säften kannst.

Und nur ein Dutzend Schritte weiter
ein kleiner Platz mit Pergola –
der Ausblick da nicht wen’ger heiter,
doch nirgendwo so blumennah.

Da wird von violetten Trauben
Glyzinien man dicht umringt,
wie man in alten Gartenlauben
in Geißblatt und Jasmin versinkt.

Die Kirche als Kontrast daneben –
mit Wänden, makellos geweißt,
die, dieser Fülle Recht zu geben,
„Zur Jungfrau von den Wundern“ heißt.

Würf alles man auf eine Waage,
mit der man Paradiese wiegt,
man säh, dass diese schöne Lage
genau auf ihrem Level liegt.

Noch!, um es unverblümt zu sagen.
Touristen kriegen alles spitz
und haben sich schon durchgeschlagen
zum bestgetarnten Göttersitz!

Dass nicht noch mehr dies Plätzchen buchen,
um seinen stillen Charme zu störn,
möcht ich euch höflich hier ersuchen,
mir auf Verschwiegenheit zu schwörn.

Nicht arglos noch die Trommel rühren,
indem man dies und jenes lobt,
sonst wird’s womöglich dazu führen,
dass hier einmal das Leben tobt.

Versprochen? Diesen Ort verschweigen
wir eigennützig vor der Welt!
Und bloß nicht seinen Namen zeigen,
nur was Vers 1 der Stern erhellt!

Der versteinerte Gast

Des Frühlingsabends späte Helle.
Ich will noch mal ‘ne Runde drehn
und dabei auch auf alle Fälle
den Müllsack im Container sehn.

Da war der Himmel, und er spannte
sich ohne einen Wolkenfleck
bis an die tiefe, runde Kante,
dass er auch sie mit Blau bedeck.

Die See lag wie in tiefstem Schlafe,
ihr Busen wogte sacht und still,
als zählte sie die Wellenschafe,
dern Herde niemals enden will.

Ein Dampfer nur, der grad die Reise
zu seinem großen Schwarm begann,
schnitt in dies glatte Tuch ‘ne Schneise,
die hinterm Heck ihm bald zerrann.

Der Wind selbst, meist doch an der Spitze,
wenn’s Unruh wo zu stiften gilt,
benahm sich nach der Mittagshitze
genauso: eher zahm als wild.

Ja, zeigte sogar sehr gewogen
dem Bummler sich, der es genoss,
dass Brust und Bauch und Ellenbogen
‘ne Kühle angenehm umfloss.

Es war so friedlich, dass man dachte,
man sei allein auf dieser Welt
und jeder Schritt, den leis man machte,
der einz’ge unterm Sternenzelt.

Da schauderte es gar den Dichter,
der gerne in das Dunkel taucht,
doch ab und zu auch wieder Lichter
als Leuchte für den Versfuß braucht.

So trottete ich denn nach Hause,
halb selig und halb satt vom Spaß,
da sah ich, dass vor einer Klause
noch wer im Mauerschatten saß.

Ganz wie versteinert in der Ecke
und starrte mich so düster an,
dass es mir schien, nur zu dem Zwecke,
weil er auf eine Untat sann.

Wie hätte ich im Handumdrehen
da wieder mir ein Herz gefasst,
dem Schreckensbild zu widerstehen,
ich sei der letzte Erdengast?

Im Gegenteil, ich nicht verhehle:
Ich flog nach Hause fast im Spurt –
nur weg von dieser Menschenseele,
bei der mir angst und bange wurd!

Dem Dämmer auf der Spur

Es hat doch alles einen Namen,
und wär er uns auch unbekannt
und aus dem Hirn nicht rauszukramen,
selbst wenn wir fix noch bei Verstand.

Das muss man nicht so wichtig nehmen,
ist ja aus gutem Grund normal,
denn Dinge, die in Frage kämen,
die gibt es einfach ohne Zahl.

Das Nilpferd schwimmt uns noch vor Augen,
weil früh man uns dies Tier gelehrt –
doch wofür soll ein Teufel taugen,
der in Tasmanien nur verkehrt?

Ein Falter auch mit vollen Segeln,
der flatternd durch die Wiese streift –
ein Admiral nach Seemannsregeln,
dem man bisweilen Seite pfeift?

Wenn ich dem Wörtchen „Plötze“ lausche,
fällt mir vielleicht ein Fischlein ein,
doch schon bei Renke und Karausche
bin ich am Ende mit Latein.

Noch schwerer mir’s bei Pflanzen fiele,
da geht es noch viel bunter zu –
die eine nennt sich Wiebelschmiele,
die andre Phlox und Frauenschuh.

Na, und so weiter und so weiter
vom Mineral bis zum Gestirn.
Die Wortpalette, sie wird breiter,
doch fasslicher nicht fürs Gehirn.

So wird das Wissen um die Erde,
wie es von großem Wert gewiss,
zum seelenlosen Steckenpferde
fürs hoch dotierte Fernsehquiz.

Und dieser Trend, er wird nicht brechen,
entsteht doch Neues immerfort,
und um vom Alten abzustechen,
braucht’s erst einmal ein neues Wort.

Da dreht die Technik an der Schraube,
die Wissenschaft, die Industrie,
und letztlich auch der Aberglaube,
dass es dem Sprecher Glanz verlieh.

Geht spät am Tag ihr gern spazieren,
wenn schon der Abend auf dem Sprung
und Schatten halbwegs schon regieren
das Zwischenreich der Dämmerung?

Ist nie euch in den Sinn gekommen,
dass die, so farblos wie ‘ne Maus,
verschiedne Namen angenommen,
je nach dem Fortschritt ihres Graus?

Das, was wir Dämmerung so nennen,
ist dem Experten viel zu fad.
Er will den Stand der Sonne kennen –
nach ihrem Untergang. In Grad.

Befragt, wird er uns gern belehren:
Bis untern Horizont sie wich
sechs Grad genau in andre Sphären,
bleibt unser Dämmer „bürgerlich“.

Der Seemann wird nicht viel drauf geben,
mit einem andern Lot er misst:
Bis man die Kimm noch sieht so eben,
bekommt der Dämmer eine Frist.

Dann hat die Sonne still und leise
schon sechs Grad weiter es geschafft –
bis zu dem Punkt, erklärt der Weise,
bleibt er als „nautisch“ noch in Kraft.

Verläuft sich aber nun im Sande?
Der Zwielicht-Gipfel ist erreicht,
und rings zu Wasser und zu Lande
kein Schimmer mehr die Lüfte bleicht?

Wer das vermutet, kennt indessen
die Zunft der Himmelskundler schlecht –
die haben immer schon besessen
den Eulenblick, der nachtgerecht.

Sehn wir die Hand nicht mehr vor Augen,
erspähn sie noch ‘nen trüben Fleck,
aus dem sie locker Honig saugen:
‘ne Galaxie in x Parsec!

Deshalb den Dämmer sie auch dehnen,
bis schon der erste Stern erwacht,
solang sie hell genug ihn wähnen,
dass er noch absticht von der Nacht.

Die Sonne: Achtzehn Grad gesunken.
Beim  Dämmertörn heißt’s: Endstation!
Nichts kann jetzt mehr dazwischenfunken –
was toppt denn „astronomisch“ schon?