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Richtig ungemütlich

richtig-ungemuetlichDie Menschen jagten auf den Straßen
wie Blätter vor dem Winde her –
das blies und brüllte solchermaßen,
als ob’s ihr letztes Stündchen wär.

Den Bäumen schüttelt’s ihre Kronen,
dass es sie fast vom Rumpfe riss:
Ein solcher Sturm, o seit Äonen
sich nicht mehr ins Geäst verbiss!

Wie bin ich bloß nach Haus gekommen?
Im Zickzack trieb es mich dahin
wie’n Hund, der noch nicht eingeschwommen,
die Suppe ständig bis zum Kinn.

Ein Segen, nun daheim zu hocken,
und draußen kracht und kocht es fort!
Im Stübchen sitz ich warm und trocken
und geh nicht mehr so schnell von Bord.

Da plötzlich einer Böe Brausen,
dass meine Tür ‘nen Tattrich kriegt
und ich vermein im ersten Grausen,
dass gleich sie aus den Angeln fliegt.

Für eins, zwei kurze Wimpernschläge
werd irr ich an der Jahreszeit
und glaube, dass im Wildgehege
der Hirsch schon seine Kühe freit.

Dabei blick rasch ich mal verstohlen
auf den Kalender an der Wand,
um mir des Fachmanns Rat zu holen –
noch immer MAI nach neustem Stand!

Aus der Werkstatt

aus-der-werkstattWie immer, Leser, willst du wissen,
was ich im Augenblick so treib.
Nun gut. Ich habe angebissen.
Du sollst nicht zappeln. Drum: Ich schreib.

Hab erst vor wenigen Minuten
mir das Papier zurechtgelegt.
Den Kuli auch, sein Blau zu bluten,
wenn mit der Nase er drauf schlägt.

Und hab wie üblich mich vermessen,
das Herz zu kräuseln und das Hirn,
Ideen ihnen auszupressen,
um Pegasus davorzuschirrn.

Es ist mir noch nicht recht gelungen:
Obwohl ich schon bei Strophe vier,
die ich ganz ohne Änderungen
in einem Zuge niederklier.

Doch diesem Lauf der Minenspitze
kam kein Gedanke hinterher –
ich warte noch auf Geistesblitze
wie’n Jäger mit dem Schießgewehr.

(‘ne Mühe, der ich deinetwegen,
Vernünftler du, mich unterzieh,
da dir wohl mehr am Sinn gelegen,
indessen mir an Fantasie.)

Nun hat sie endlich Frucht getragen,
im siebten Anlauf, recht gezählt:
Mein Faden heute: Wohlbehagen,
das mir beim Schreiben niemals fehlt.

Du hast mich, glaube ich, verstanden.
Der Weg, sagt Lessing, ist das Ziel.
Im Tappen und im Suchen fanden
wir immer schon genauso viel.

Das wär es eigentlich gewesen.
Den Dichter kennt man nur durchs Lied.
Doch darfst du ausnahmsweise lesen,
was nach dem Zeugungsakt geschieht.

Erschöpft am Geist mehr denn am Leibe,
sehn ich mich nach des Schlafs Genuss.
Dann ist es Träumen, was ich treibe,
oh, selig nach dem Musenkuss!

Meisterklasse

meisterklasseIhr werdet euren Teil euch denken,
indem ihr diese Zeilen schaut:
„Ein Zwischenruf aus Hinterbänken
der Musenkunst: Nicht schön, doch laut.“

Nun ja, die prominenten Plätze
vorn im parnassischen Parkett,
nach ungeschriebenem Gesetze
gehörn sie folgendem Quartett.

Homer vorab gewalt’gen Sanges,
der uns der Feste Fall erzählt
im Epos allerersten Ranges,
dem zur Vollkommenheit nichts fehlt.

Danach Horaz, von heitrem Wesen
und friedevoll bescheidner Art,
der uns in Bildern, auserlesen,
das rustikale Rom bewahrt.

Folgt Dante, aus Florenz vertrieben,
der Beatrice nur begehrt
und aus der Hölle sich geschrieben
ins Licht, in dem er sie verklärt.

Den Vierten im illustren Bunde,
den auch als Avons Schwan man kennt,
führt heute jedermann im Munde,
der schwatzend auf Zitate brennt.

Die reimt man aus den ersten Reihen
beim besten Willen nicht mehr raus.
Der Spätren Verse: Stammeleien
aus des Parnasses Hinterhaus.

Doch kann mich das nicht so verdrießen,
dass fad mir würd der Musenkuss –
lass weiterhin die Zügel schießen
dem ungestümen Pegasus.

Und hab ich nicht ein Recht zu krakeln,
da sonst das Los mir nichts verlieh
und nur beim geist’gen Fingerhakeln
ich mal ein Verschen rüberzieh?

Drum fragt nicht, lest ihr diese Zeilen,
wie fern sie der Quadriga wohl –
seht zu den Musen wen nur eilen,
dass er ein Lorbeerblatt sich hol!

Kränklicher Trabant

kraenklicher-trabantGrad mit Romantik wollt ich euch nicht kommen,
doch just fällt auf den Mond mein Blick –
der ziemlich hoch hängt, mickrig und verschwommen
wie’n baumelnd-bleicher Galgenstrick.

Was hat denn dieser Bruder ausgefressen,
dass man ihn schmählich aufgeknüpft,
bis in der Brust, die Atem einst besessen,
kein Puls mehr auf und nieder hüpft?

Muss schwer gewogen haben, das Verbrechen,
dass man auf solchen Tod befand:
War’s Brennen, Rauben, Schänden und Erstechen,
war‘s Aufruhr, frech geschürt im Land?

Womöglich hat er, Gipfel!, gar gestohlen
aus eines Herrn Privatdistrikt –
‘ne Fuhre Holz für Bretter und für Bohlen,
mit denen er sein Hüttchen flickt?

Na, solchen Frevels wen zu zeihen,
ist heut zum Glück ja obsolet.
Doch wurde anno Laffen und Lakaien
auch Hänflingen der Hanf gedreht.

Genug! Ich will dies Bild nicht weitermalen
vom Monde unterm Hochgericht,
dass er mir nicht, um es mir heimzuzahlen,
als Fratze in die Träume bricht.

Ist er der Wächter nicht, der Nacht Begleiter,
der treulich mit der Lampe zieht
als einer sanften Helle Wegbereiter,
die der, der lichtscheu ist, schon flieht?

Der Untat düstre Nester auszuleuchten
war ihm schon immer liebste Pflicht –
ach, wie viel Monde wir da wohl noch bräuchten,
bis jede voll im Tageslicht!

Soll er auch ruhig einmal lustlos schleichen
und sich anämisch präsentiern –
dann mocht die Sonne ihm wohl Strahlen streichen
und etwas Farbe er verliern.

Doch die ist bald ihm wieder angeflogen
und er wie ehedem so fit –
was heute ihm sein guter Stern entzogen,
gibt er ihm morgen doppelt mit!

Schöner Feierabend

schoener-feierabendFür heute hast du deine Pflicht erfüllt.
Jetzt lehnst du dich zurück, entspannt.
Im Korb Papier, zerrissen und zerknüllt.
Was wichtig war, ist abgesandt.

Zufrieden greifst du dir die Jacke raus –
ein letzter Blick noch von der Tür:
Der Drucker, der Computer – alles aus.
Das war’s denn wieder. Ab dafür!

Gemächlich schlenderst du zu Heim und Herd.
Wie schön ist alles, wenn es blüht!
Der Frühling, den du im Büro entbehrt,
belebt dein sonniges Gemüt.

Leicht tragen dich die Füße und beschwingt.
Wie Zephir kommt ein Hauch geweht,
der Frische aus verborgnen Quellen bringt,
Erquickendes von Ganymed.

Zum Himmel schaust du auf ins lichte Blau,
das wie ein ries’ger Schirm sich spannt
und doch, dass diesem Braten man nicht trau!,
dich nicht beschützt vor Sonnenbrand.

Die Höhle dann, die bergende, erreicht,
machst du dir erst mal richtig Luft.
Das Knebeltuch dem offnen Kragen weicht,
Gebügeltes der Freizeitkluft.

Nun streifst du ab des Tages ganze Last
mit dem Geruch von Schweiß und Pflicht
und fühlst nur noch, was du geleistet hast,
an deiner Glieder Schwergewicht.

Und sinkst du dann auf deines Sessels Grund,
bist alle Erdenqual du los,
ja, gleichsam schon im Paradiese und
in Abrahams berühmtem Schoß.

Da schwebt auch Hebe dir entgegen schon,
dass sie mit Nektar dich erfreu,
heißt hier: Dionysos‘ spezieller Lohn,
weil seiner Rebe stets du treu.

Nun löst die Seele, löst die Zunge sich
von Vorschrift und Gepflogenheit,
und die Gedanken gehen auf den Strich,
von allen Hemmungen befreit.

Glückseligkeit, der Alten Lebensziel –
an jedem Abend dir präsent.
Was braucht‘s im Grunde denn dafür schon viel?
Ein Stübchen, wo ein Lichtlein brennt.

Den Boss, der tags dich kommandieren darf,
schließ in dein Nachtgebet mit ein.
Auf Kohle bloß und auf Karriere scharf,
lebt er ja nur dem großen Schein.

Der gefangene Frühling

der-gefangene-fruehlingDes Frühlings ganze Lebensfülle
auf diesen engen Raum gedrängt!
Ein Korb der Erde dient zur Hülle,
in die er seine Samen senkt.

Narzissen, wunderlich zu schauen,
in ihrem Wuchs, so kindlich klein,
erheben voller Gottvertrauen
sich ins fragile Pflanzensein.

Die Stiele glühn in zartem Grüne,
das goldne Blütensterne wiegt
hoch über dieser Weltenbühne,
die feucht zu ihren Füßen liegt.

Und wie Laternen überragen
sie, was aus dieser sonst noch quillt –
so Blumen mit ‘nem Mühlenkragen
und Efeu, der sein Fernweh stillt.

Da läuft auch auf geflochtnem Rande,
wie Werg so schwerelos beschwingt,
aus feinstem Strohhalm die Girlande,
die locker diesen Strauß umringt.

Und die als Sasse hier zu deuten,
als Nest, in dem der Hase haust,
den es vor Fuchs und Hundemeuten
und vor dem Meuchelpuffer graust.

Gottlob, auf künstlichem Gestecke
erschreckt ihn nicht des Jägers Schuss –
doch schaut so scheu er um die Ecke,
dass Schlimmes man befürchten muss.

So hab den Lenz ich eingefangen
mit diesem bunten Fertig-Beet,
damit auf Wunsch er und Verlangen
mir ständig zur Verfügung steht.

Und wenn mit finsterem Gemüte
die Nacht verhüllt der Sonne Lauf,
dann geht mir zwischen Blatt und Blüte
türkis das Licht der Lampe auf!

Kurze Blütezeit

kurze-bluetezeitDer Kirsche Blütenbüschel sinken
ermattet schon von ihrem Zweig,
in schmutz’gen Pfützen zu ertrinken
auf Fahrbahn und auf Bürgersteig.

Die bunt gescheckten Krokusfluren,
am Saum der Straße hingestreckt,
verschwanden schon bis auf die Spuren,
die wo im Grase noch versteckt.

Und all dies baumelnde Geschmeide,
mit dem der Hasel sich geschmückt,
die bräunlich-gelbe Augenweide
hat stürmisch ein Galan gepflückt.

Der Osterglocken goldne Kelche,
die sich so stolz im Wind gewiegt –
seht welk und schlaff sie nun und welche,
für die kein Stängel sich mehr biegt.

Des Jahres erste Frühlingsboten,
die uns so heiß willkommen sind,
gehören halb schon zu den Toten,
auf die kein Schwein sich mehr besinnt.

Scham sollte mir die Wangen röten,
dass ich den keuschesten vergaß –
Magnolien, in dern weiße Föten
so rasch der Wurm sich wieder fraß!

Millionenfach springt uns das Leben
mit Farben und mit Düften an,
wir müssen nur die Sinne heben,
dass es uns nicht entgehen kann.

Und wenn man deren hundert hätte,
sie söffen sich am Sein nicht satt,
so riesig ist des Raumes Stätte,
an die das Los gepflanzt uns hat.

Doch diese Sinne, ach, sie trügen
und träumen wohl auch unentwegt,
dass sie nicht mal dem Fleck genügen,
auf dem man sich durchs Dasein schlägt.

Am Ende hat man nichts begriffen
und wundert sich wie neugeborn.
Zu spät. Das Spiel ist abgepfiffen.
Und nicht nur eine Schlacht verlorn.

Körperkunde

koerperkundeDie Lupe, dies gestielte Auge:
Ein Zeichen, dass ich älter werd.
Wenn Winz’ges in den Blick ich sauge,
sie freundlich mir sein Bild vermehrt.

Was hat an anderen Gebrechen
mir noch beschert der Jahre Lauf?
Dass ich auf weiten Schädelflächen
mir längst nicht mehr die Haare rauf.

Auch macht mir eines meiner Ohren
seit Jahr und Tag ganz schön Verdruss:
Es pfeift und zwitschert mit sonoren
Akkorden namens Tinnitus.

Da muss ich mir mein Bäuchlein preisen,
das unverändert sich erhielt,
weil mittels Rumpf- und Hüftenkreisen
ich einen Status quo erzielt.

Doch sollt ich alles bilanzieren,
die Feder stünde mir nicht still,
indes Altmänner-Lamentieren
ich lieber euch ersparen will.

Das Glas, kann ich von Glück noch sagen,
in das ich meine Klüsen tauch,
ist trotz besagter Altersplagen
die einzge Krücke, die ich brauch.

Am besten nach erfülltem Leben
scheint mir die Kehle noch in Schuss,
bereit, ihr Äußerstes zu geben,
was immer sie auch schlucken muss.

Wer würd in Trübsal da versinken,
solange dies Organ intakt?
Lasst auf ihr Wohl mich einmal trinken
und dass sie’s weiterhin so packt!

Glück im Winkel

glueck-im-winkel-raffaelSo lieb ich sie, die späte Stunde,
ich sprach schon hier und da davon:
Man wuchert mit dem Dichterpfunde,
gestärkt von Hippokrenes Bronn.

Ich sag’s mal wen’ger hochgestochen:
Wenn schreibend ich den Tag beschließ,
nag ich an Käse oder Knochen
und etwas Saft dazu genieß.

O dass ich mich nur nicht verhebe
an diesem sperrigen Gedicht!
Natürlich mein ich „Saft der Rebe“ –
das passt nur von der Länge nicht.

Den „Knochen“ nahm ich Reimes wegen,
es wird euch nicht entgangen sein.
Dass ihr euch nicht zerbrecht den Brägen,
ich präzisiere: Hühnerbein.

Verzeiht, ich komm heut nicht zu Potte,
obwohl mein Hirn beharrlich sinnt
und üppig durch die Altbau-Grotte
der rosa Quell der Musen rinnt.

Ich will ja eigentlich euch schildern,
wie sehr ich des Komforts bedarf,
wenn ich in Reimen und in Bildern
die Psalmen meines Herzens harf.

Doch solltet ihr genauso wissen:
Hab oft die Seele mir zerrauft,
ob Zeiln, erpichelt und erbissen,
man nicht zu billig sich erkauft.

Muss Schmerz die Feder nicht diktieren,
getränkt mit frisch vergossnem Blut,
dass sich die Seufzer nicht verlieren
in einer wüsten Verseflut?

Muss Hass nicht aus den Strophen starren,
zum Kampf zu stacheln und zum Ruhm,
den Feind ins Massengrab zu karren,
sein Weib zu frühem Witwentum?

Muss ich, die Silben zu beschweren,
die ich hier streu mit leichter Hand,
in Leidenschaft mich nicht verzehren,
bis ich zu Asche schier verbrannt?

Muss in des Pomponazzi Gleisen
ich meiner Kunst mich opfern gar,
dass, ihre Schönheit zu beweisen,
mit Vorsatz ich zur Hölle fahr?

Ach was, nicht meine Kragenweite!
Nur kein pathetisches Extrem!
Ich lieb den Roten mir zur Seite
und unterm Hintern es bequem.

Ein Leben voller Turbulenzen
im Dunstkreis glitzernder Ideen
war nie mein Wunsch, um zu bekränzen
die Stirn mit läppischen Trophäen.

Und doch sich mir die Haare sträuben,
wenn an dies Monster Mensch ich denk –
und nichts, den Horror zu betäuben
als Lethes bitteres Getränk!

Neues vom Wetter

neues-vom-wetterVom Eise lange schon befreit,
nur noch vom Regen nicht.
Wie schwer er fällt und dicht!
Den ganzen Tag herrscht Dunkelheit.

Ist‘s dafür wärmer? Keine Spur.
Man fröstelt unentwegt,
den Kragen höher schlägt.
Verrückt spielt sichtlich die Natur!

Der Himmel, gänzlich Grau in Grau,
schluckt jeden Sonnenstrahl.
Bleich liegt das Land und fahl.
Und heiser klingt der Wind und rau.

Die Kätzchen schauen ängstlich drein.
Die Blätter wolln nicht recht.
Das neue Grün-Geschlecht,
geht es womöglich wieder ein?

Umschling den Hals mit einem Schal,
zieh dicke Socken an!
So‘n Kälteeinbruch, wann
gab es den Ende März schon mal?

Auguren stehen schon Spalier:
Das Wetter? Hausgemacht
aus der Balance gebracht!
Was nichts dran ändert, dass ich frier.

Ich lass der Heizung vollen Lauf.
Die Therme bullert los
und taut den Erdenkloß,
den durchgefrornen, wieder auf.

Und morgen heißt es: Sommerzeit.
Man stellt die Uhren um.
Doch läuft dabei was krumm.
Nicht mal der Frühling ist so weit!

Nun aber Schluss mit dem Gestöhn.
Er kommt noch früh genug.
Die Zeit rennt wie im Flug.
Und schnipp!, ist alles wieder schön.

Die Sonne funkelt im Azur
und lässt die Welt erglühn.
Ringsum ein einz’ges Blühn
auf jedem Fleckchen Feld und Flur.

Darüber schwebt, ein Engelschor,
der Vögel luft’ges Lied.
Die Spinne Fäden zieht.
Und Gössel tummeln sich im Rohr.

Dann sind es wieder Sand und Staub
und Schweiß auf deiner Stirn,
dass du dies ew’ge Flirrn
dem Regen gerne gäbst zum Raub!

Will heißen, dass der Schuh dich drückt
dann aus ‘nem andern Grund:
Die Hitze treibt’s zu bunt.
Ich glaub, der Mensch ist auch verrückt.