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Ambiente kunstlos

Ambiente kunstlosSo hat die Kunst halt ihren Rahmen.
Der fängt schon vor der Türe an.
Der Fuß kann nicht in Blüten kramen,
da Stein die Oberhand gewann.

Ein Platz von ausgesuchter Öde
sich vor dem Musensitz erhebt,
wie ein Podest erhöht, doch spröde
von Liebenswertem nicht belebt.

Nur wen’ge unbequeme Stufen
fürn hoch zu diesem Schau-Altar,
an denen Schilder grämlich rufen:
„Begehn auf eigene Gefahr!“

Warum nicht Bäume, Büsche, Blumen?
Hier kommt die Politik ins Spiel:
Zement, brüllt sie, Beton, Bitumen
ist pflegeleicht und kost‘ nicht viel!

Man muss es für ein Wunder halten,
wenn man dem Ort was abgewinnt.
Doch glätten sich die Unmutsfalten
da, wo das Heiligtum beginnt.

Und wo in wohlbedachter Reihe
dem Blick sich Bilder offenbarn
von höchster meisterlicher Weihe,
um die sich Adoranten scharn.

Muss ich die Künstler erst noch nennen?
Europas Beste kreuz und quer.
Zu tot indes, den Fleck zu kennen –
sonst kämen sie gewiss nicht her.

Ein Defilee

Ein DefileeIn einer lang gestreckten Zeile,
die Banner als Akzente trug,
bewegte in gemessner Eile
wie Lettern sich der Menschenzug.

‘n Einpeitscher voraus der Schlange,
der brüllend ihr die Richtung wies,
hielt eisern den Refrain in Gange,
mit welchem in sein Horn sie stieß.

Doch aus dem schrecklichen Getöse
ließ schwerlich sich ein Sinn entwirrn,
dass man mit letzter Klarheit löse
dies Klangorakel fürs Gehirn.

Nur aus dem ständgen Wiederholen
von Lautgebilden gleicher Art
schloss ich auf etwas wie Parolen
‘ner hochpolit’schen Pilgerfahrt.

Und richtig: An den Landesfahnen,
die stolz man in die Höhe hielt,
ließ mehr als deutlich sich erahnen,
worauf der lange Marsch gezielt.

Ein schöner Zug moderner Staaten,
den Latsch-Protest zu toleriern,
gehn da auch oft nur Automaten,
die hirnlos ihren Spruch skandiern.

Man streitet für die leisen Töne
bei anderen ganz unbeirrt –
und macht doch selber ein Gedröhne,
dass einem angst und bange wird.

Wieder Nachtgedanken

Wieder NachtgedankenNa, wie ich so zur Wanduhr blicke,
zeigt grade Mitternacht sie an –
kein Wunder, dass ich manchmal nicke
und meinen Kopf nicht halten kann!

Wie aber auch die Stunden rennen!
Wenn ich so brüte überm Blatt,
mag fast die Kerze runterbrennen,
bevor die Welt mich wiederhat.

So tief in Fantasien versunken,
dass ich der Worte Perlen find,
bleib ich, von ihrer Fülle trunken,
für alles Ungeträumte blind.

Die Perlen aber, zugegeben,
sind manchmal groß und manchmal klein
und auch sich voneinander heben
durch hellen oder matten Schein.

Nicht alles, heißt’s in Volkes Munde,
was glänzt, auch Gold deswegen ist,
drum sag ich mir bei schlichtrem Funde:
Auch Kleinvieh macht den Musen Mist.

Man kann’s wohl auf die Spitze treiben,
indem man Höchstes nur begehrt –
und viel wird ungeschrieben bleiben,
was wirklich des Bewahrens wert.

Die Weisheit euch noch auf die Schnelle,
bevor der Schlaf mich übermannt.
Und bitte: Nicht mit strenger Elle
dies Opus messt von müder Hand!

Immer windwärts

Immer windwärtsDer Ventilator mir im Rücken
sich schneller als ein Mühlrad dreht,
um Wind sich aus dem Balg zu drücken,
der wogend mich und kühl umweht.

Wär sonst auch gar nicht auszuhalten
bei schwülen 26 Grad.
Aus allen Poren, allen Falten
sucht Schweiß sich seinen Wanderpfad.

Der vormals leidlich steife Kragen,
dern Hals als breites Band umschließt,
wie’n Lappen nun darumgeschlagen,
der weich in salz’gem Sud zerfließt.

Weg mit der schleimigen Kompresse,
weg mit dem durchgeschwitzten Hemd!
Und was am Leib noch pappt an Nässe,
das wird vom Quirl davongeschwemmt.

Was soll ich mich erneut beklagen
über die Hitze-Euphorie,
die viele auf der Zunge tragen
geduldig wie das liebe Vieh?

Denn wird mir diese Glut zu krude,
muss ich mal dringend aus dem Haus –
wetz rasch ich wieder in die Bude,
knips hinter mir die Sonne aus.

Und hocke, statt in Schweiß zu baden,
im schattigsten Elysium,
im Sang geborgen der Zikaden –
des Windrads seligem Gesumm.

Kleine Freuden

Kleine FreudenKeine besondren Vorkommnisse.
Der Tag, er schleppte sich dahin
als Schnecke auf der Zeitabszisse
mit Wackelbauch und Doppelkinn.

Nicht dass ich nicht erledigt hätte,
was heute er von mir begehrt,
doch in der ew’gen Pflichtenkette
ist das ja kaum der Rede wert.

Ein bisschen Einkauf, Staubverteilen,
mit feuchtem Lappen Streifen ziehn,
die Nägel schneiden und befeilen,
zum Feudeln auf den Fliesen knien.

Allein dass dieses ich erwähne –
ich müsst mich schämen als Poet!
Nicht ein Moment, nicht eine Szene,
die gern in Versen man verbrät!

Doch mag sich drum auch Unmut regen –
erzwingen lässt sich so was nicht.
Soll etwa selbst ich Feuer legen,
es zu besingen im Gedicht?

Zum Nero bin ich nicht geboren,
hab eher Epikur im Blut –
auf kleine Freuden eingeschworen,
zufrieden stets und frohgemut.

Und überhaupt: Auch dieses Leben,
das man verächtlich Alltag nennt,
hat so viel Poesie zu geben,
die unsre Poesie nicht kennt!

Volkszählung

VolkszählungWenn brave Bürger Schafe zählen,
damit der Schlaf sie übermannt,
was mag zu diesem Zwecke wählen
ein Präsident, der weltbekannt?

Lässt er, den Schlummer zu forcieren
und seinen Motor abzudrehn,
die Leichen wohl Revue passieren,
die alle auf sein Konto gehn?

Die Toten, die er mit Erlassen
und Federstrichen generiert,
dass Gräberstätten sie nur fassen,
die für Legionen konstruiert?

An Bildern wird es ihm nicht fehlen,
wenn nächtlich er die Lider schließt,
doch keines davon wird ihn quälen,
da mit Kalkül er Blut vergießt.

Charakterzug der Diktatoren:
Ein mitleidloser Größenwahn.
Die Macht verleiht dem Ehrgeiz Sporen:
Hier kommt der neue Tamerlan!

Drei Handbreit schon im Sturm genommen,
ein Krümelchen vom Erdenkreis.
Und zig sind dabei umgekommen –
fürn Haufen Dreck ein Wucherpreis!

Doch er wird weiter Opfer machen
und Dreck erschachern gegen Blut –
bis eines Tages, bös Erwachen,
er selber in der Kuhle ruht!

Tagewerk geschafft

Tagewerk geschafftDas nächste Blatt ist abgerissen
vom schwindenden Kalenderblock,
‘ne neue Ziffer sitzt beflissen
auf unsrer Reise Kutscherbock.

Was mag wohl von dem Tage bleiben,
der grad vollendet seine Bahn,
um unaufhaltsam fortzutreiben
in des Vergangnen Ozean?

Nur wer ein großes Glück gefunden
in diesem flüchtigen Moment,
ihn bis in seine letzten Stunden
voll Seligkeit beim Namen nennt.

Und wer in dieser winz’gen Dauer
das allergrößte Unglück litt,
nimmt sicher dieses Tages Trauer
bis in den Tod getreulich mit.

Wem aber ohne Emotionen
in stetem Fluss die Zeit verrinnt,
dem wird nichts im Gedächtnis wohnen,
worauf er lebhaft sich besinnt.

Darum ich schleudere Gedichte
als Flaschenpost in dieses Meer,
dass irgendwann sie jemand sichte –
und so der Tag gerettet wär.

Doch etwas Ordnung ist vonnöten,
damit die Sache funktioniert –
denn jedes Zeitgefühl geht flöten,
wenn man die Handschrift nicht datiert!

 

Nur Naturersatz

Nur NaturersatzIn meine Chronik eingeschrieben,
die ich in lockrer Folge führ:
Den ganzen Tag zu Haus geblieben,
kein Schrittchen vor die Wohnungstür.

Die Lust dazu war schon vorhanden;
die Sonne lud mich freundlich ein
und luden mich auch die Girlanden,
im Straßengrün die Blümelein.

Die Vögel (Tauben mal beiseite)
ließen ihr lieblich Lied erschalln,
in das aus blauer Himmelsweite
die Engel schienen einzufalln.

Wie gern ich doch gesessen hätte,
von Efeu, Geißblatt überdacht,
in einer Laube Schattenstätte,
die Kühle alle Ehre macht!

Doch wohin sollte ich da eilen?
Kein lausch‘ges Plätzchen nahebei.
Und niemand auch, um es zu teilen
in unbeschwerter Plauderei.

In dieser ausweglosen Lage
bot mir die Technik ihre Hand –
ein Windquirl, der mit einem Schlage
mir Frische auf den Hals gesandt.

Und musste etwa ich verzichten
auf einer Stimme süßen Laut?
Er säuselte beim Luftumschichten
so plappermäulig, so vertraut!

 

Moderner Sonnengesang

Moderner SonnengesangDie Radiowetterfrösche quaken
mal wieder ihr Magnifikat:
Von Bensersiel bis Pelzerhaken
fast vierzehn Stunden Sonne satt!

Und jeder Grad mehr auf der Leiter,
die zwischen Eis und Dampf verläuft,
erhitzt den Moderator weiter,
der Kyrie auf Kyrie häuft.

Die Sonne lässt das Gras verdorren,
das Vieh sucht Schatten im Verschlag –
die Frohnatur, Applaus zu schnorren,
singt Hymnen auf den Lichtertrag!

Mir geht die Hitze auf den Senkel,
zumal wenn sie von Schweiß schon feucht
und man vom Nacken bis zum Schenkel
ein Tropfenfängertüchlein bräucht.

Ich wünschte mir den Sprücheklopfer,
der da Hosianna psalmodiert,
gern mal als Brand- und Blasenopfer,
das seinen Sonnenstich kuriert!

Dann würd am eignen Leib er spüren,
wozu die Strahlen fähig sind,
und seinen Mikrostarallüren
nicht mehr vertraun so wetterblind.

Vielleicht. Die Brüder sind ja zähe
und gegen Rüffel resistent.
Wie sehr ich auch dagegen krähe –
die jubeln, bis die Hütte brennt!

Fast ein schöner Tag

Fast ein schöner TagDas war ein Tag so recht zum Schmusen,
schön warm und gar nicht schwül dabei.
Am blauen Himmel nicht ein Flusen –
blitzblank gefegt wie’n Hirschgeweih.

Die Sonne schickte ihre Schauer
aus goldnen Funken übers Land
mit einer ausgemachten Dauer,
die rosa erst ihr Ende fand.

Auch atmete in ruh’gen Zügen
‘ne leichte Brise unentwegt,
dem Wunsch nach Kühle zu genügen,
den auch der größte Hitzkopf hegt.

Und dann die Bäume und die Blumen –
wie konturiert und farbensatt
in diesem Bad von Lux und Lumen,
das heller war als tausend Watt!

Ja, mehr, als ob die ganze Erde,
ihr höchste Würde zu verleihn,
von einem Ohr zum andern werde
bekränzt mit einem Heil’genschein!

So etwas ist nicht leicht zu kriegen,
da braucht’s ‘nen Sommertag wie heut,
an dem sogar die Harleys schwiegen,
die übers Land sich wohl verstreut.

Rein nichts hat darauf hingedeutet,
dass noch ein Unheil in Verzug –
und dennoch wurd er ausgeläutet
mit Trauer übern Unglücksflug.