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Nicht entflammt

Nicht entflammtWieso hab ich denn heut vergessen
das Flämmchen, das zum Träumen reizt?
Hab sonst doch, kaum am Pult gesessen,
die Kerze erst mal angeheizt!

Muss als Symptom ich das nicht werten,
dass mein Gedächtnis kollabiert
und sich auf der Erinnrung Fährten
schon die und jene Spur verliert?

Werd jedenfalls im Blick behalten,
wie’s weitergeht mit dem Malheur –
ob ich zum Eisen schon, zum alten,
ob ich zum Schrott bereits gehör.

Wobei, das gilt’s zu überlegen,
man selbst womöglich gar nicht spürt,
wenn auf des Hirns gewundnen Wegen
es immer wen’ger Lasten führt.

Verlässlicher will mir da scheinen,
der Schreibkunst auf den Zahn zu fühln
und zwischen Versfuß-Strophenbeinen
den goldnen Auswurf aufzuwühln.

Solln mir die Musen doch orakeln,
ob wohlgeritten Pegasus
oder, den Zaum ihm abzutakeln,
ich runter von der Mähre muss.

Mag der Parnass höchstselber richten,
was meinem Urteil sich entzieht –
belauschen, wägen und gewichten:
So liegt mein Schicksal denn im Lied.

 

Tiefsommer

TiefsommerDie Fenster blieben heut geschlossen,
auf dass nichts in die Bude schwapp!
In brüderlichen Bächen flossen
die Tropfen draußen dran herab.

Nur schemenhaft war zu erkennen
durch diese Scheiben, wie ein Spuk,
dass da wie aufgescheuchte Hennen
Geäst verzweifelt um sich schlug.

Was für ein Wind! Und dann die Kühle,
die was weiß ich durch welches Loch
reptilisch an die Küchenstühle
und in die Hosenbeine kroch!

Doch stärker, muss ich eingestehen,
als ich, der ich schon leidlich litt,
bekam, ach, traurig anzusehen,
der Vorbau dieses Elend mit!

Der Regen rauschte auf die Bretter,
dem Gitter perlte kalter Schweiß –
und er kriegt von dem Schweinewetter
nicht weg den zementierten Steiß!

Bald färbten sich die bleichen Bohlen,
gebeizt von Nässe, dunkelbraun.
Und ab und zu ging ich verstohlen,
mir diese Wandlung anzuschaun.

Das Bild indes war stets das gleiche.
Es schüttete nach Herzenslust.
Belastungsprobe für die Deiche.
Ein Herbsttag mitten im August.

 

Wenig erbaulich

Wenig erbaulichWas für ein Hämmern, Kreischen, Bohren
den ganzen Tag von dort gedröhnt,
wo jetzt im Finsteren verloren
ein Baukran die Fassade krönt!

Wie eifrig geht man da zu Werke,
dass man im Nu den Richtkranz schau,
und steigert noch der Laute Stärke
durch das Geschrei des Manns vom Bau.

Der ist so fleißig bei der Sache
und so zufrieden nebenher,
als ob der Job mit seinem Krache
ihm auf den Leib geschnitten wär.

Was sollt ihm auch den Spaß vermiesen?
Dass er zerstört, was vielgeliebt?
Er sieht ja nur den Neubau, diesen,
den mählich er zum Himmel schiebt.

Er schwingt ja nur die Maurerkelle
zu seines Handwerks Lob und Preis –
da bleib man ihm doch von der Pelle
mit diesem ganzen Mietenscheiß!

So wird das Viertel stets entrunzelt
und örtlich faltenfrei gemacht,
wobei das Steuersäckel schmunzelt
und sich der Hai ins Fäustchen lacht.

Das Alte wird zu Klump geschlagen –
lebend’ger Menschen Heim und Hut.
Und protzig-profitabel ragen
dann Türme ohne Fleisch und Blut.

 

Ziemlich abgekühlt

Ziemlich abgekühlt„So um die 18 Grad im Norden,
mehr ist da leider heut nicht drin.
Die Hitze geizt jetzt mit Rekorden.
In Hamburg 20, immerhin“.

Der Wetterdienst hat wahr gesprochen.
Die Temp’raturen sind gefalln.
Am Himmel ziehen, jagen, kochen
im Wechsel dunkle Wolkenballn.

Der Wind, der sie mit Ach und Wehe
barbarisch durch die Lüfte schleift,
auch unsereins in Bodennähe
noch rüde um die Ohren pfeift.

Und hin und wieder mischen Schauer
sich in die trübe Szenerie
und machen sie ‘nen Tick noch grauer
mit ihrer Tränentherapie.

Und da willst du das Haus verlassen?
Vergiss bloß deine Jacke nicht.
Dies ist die Zeit der Krankenkassen –
doch huste auf die Leistungspflicht!

Beherzt musst du die Stirne bieten
dem Kälteeinbruch im August.
Vielleicht erst recht ‘nen Strandkorb mieten
für künftig unversalzne Lust?

Die Wetterfrösche quaken leiser
jetzt von der Hitze Zugewinn.
Kein Moderator schreit sich heiser,
verhökert Sonne. Immerhin.

Der Dauerbrenner

Der DauerbrennerWie könnte ich mich denn enthalten,
zu feiern seine Wiederkehr?
Gehört er nicht zu den Gestalten,
dern Tod uns unerträglich wär?

Seitdem wir in der Wiege lagen
und stumm uns in die Welt gestaunt,
kam er mit leisem Flügelschlagen,
uns freundlich in die Kammer schau’nd.

Und in dem zauberischen Schimmer,
den um die Schläfen er uns wand,
zerging der schwarze Schatten immer,
der groß in jedem Winkel stand.

Als später dann mit glühnden Wangen
die ersten Küsse man getauscht,
hat lächelnd uns sein Blick umfangen,
da wo im Park die Eiche rauscht.

Erinnert euch der vielen Stunden,
die er geheimnisvoll erhellt,
und jeder Fessel euch entbunden
an diese trübe Erdenwelt!

Er ist nun mal nicht wegzudenken
aus unsrer aller Lebenslauf –
ein Kork, der niemals zu versenken,
taucht jede Nacht er wieder auf.

Und treuer ist er uns geblieben
als alles, was wir sonst gewohnt:
Dahin so viele schon der Lieben,
lebendig leuchtend noch der Mond!

Nur Kleinkunst

Nur KleinkunstDer Abend will zur Neige gehen;
zur Hälfte ist das Wachs verbrannt –
doch dürftig sind erst die Trophäen,
die ich dem Helikon entwand.

Das trübe Fazit vieler Stunden,
da brütend überm Blatt ich hing:
dass ich den Ton nicht recht gefunden,
mit dem ich sonst mein Liedchen sing.

Doch soll’s Papier darunter leiden,
dass ihm der Schmuck der Kunst verwehrt?
Ich will in ein Gewand es kleiden,
das schlichter, aber nicht entehrt.

Bin schon dabei, daran zu stricken,
wozu mir eine Nadel reicht –
der Stift nur, der in Augenblicken
die größten Flächen überstreicht.

Drum fehlt nicht viel, es zu vollenden
in der geschilderten Manier
und ohne den Geschmack zu schänden,
dass er im Faden sich verlier.

Hab übertriebne Ambitionen
mit diesem Stück ich auch zerstreut,
würd meine Mühe es doch lohnen,
wenn’s, Leserin, dich trotzdem freut!

Ein Lehrstück! Sieh, mit welchen Tücken
man als Poet so kämpfen muss:
‘nem schweren Kopf, ‘nem Magendrücken –
und mit der Wanduhr Tinnitus.

 

Bei Mondschein wieder

Bei Mondschein wiederDer Vorhang, halb nur zugezogen,
gab mir ein Stückchen Himmel frei,
da kam doch grade angeflogen
des Mondes volles Konterfei.

Im Nu er meine Augen bannte,
dass unbewegt sie hingestarrt,
wie kurz er auf der Häuserkante,
doch nirgends sonst im Raum geharrt.

Da war auch nichts, ihn abzufedern
an Wolken in dem ganzen Lauf,
er glitt wie auf geölten Rädern
bis zum gewohnten Gipfel auf.

Nun, auch fürn lustigen Trabanten,
der nächtlich seine Späße treibt,
hockt man nicht ewig in den Wanten,
nicht unbegrenzt im Ausguck bleibt.

Ich musste mich um andres kümmern,
was wichtiger als Nacht und Mond:
mit Lyrik eine Welt zertrümmern,
in der zu leben sich nicht lohnt.

Was, edler Leser, einst zu schaffen,
gerechtem Zweifel unterliegt,
da mit den rein poet‘schen Waffen
man höchstens über Herzen siegt!

Doch schön und gut, die Illusionen,
sind sie das Salz nicht im Gedicht?
Ich werd die Missgeburt nicht schonen,
solang die Muse für mich ficht!

Anregende Abendruhe

Anregende AbendruheEs ist ihm wieder mal gelungen,
dem Abend, wie so oft zuvor:
Zum Schweigen brachte er die Zungen,
den Menschen- und Maschinenchor.

Entrümpelt von den Automassen,
von der geschäft’gen Menge frei,
verwandelt wieder sich in Gassen
die asphaltierte Raserei.

Vor der changier’nden Leuchtreklame,
die mir ins Küchenfenster blinkt,
bewegt sich leise nur das lahme
Gezweig des Baums, das steigt und sinkt.

Und, tut mir leid, ich kann’s nicht ändern,
der Mond gibt seinen Senf dazu –
mit Strahlen golden zu berändern
das fliehende Gewölk im Nu.

Mal ehrlich: Grad die Atmosphäre,
die’s braucht, damit man sich entspannt.
Dass man auch tags sie nicht entbehre,
empfiehlt sich jetzt ein Urlaubsland.

Da trifft sich’s, dass in diesen Tagen
ja ohnehin schon Ferien sind –
getrost kann man den Trolley tragen
nach Kapstadt oder nach Korinth.

Ihr meint, das sei abstrakt gesprochen?
Hat alles seinen Hintergrund!
Mein Nachbar, in den nächsten Wochen
verreist, gab mir sein Schlüsselbund!

Im Dichterwinkel

Im DichterwinkelDer Vorhang ohne eignen Willen
vom Ventilator nur bewegt –
wie Segel, die im Winde killen,
der sie nach nirgendwo verschlägt.

Im Abenddämmer liegt die Stube,
vom Lämpchen spärlich nur erhellt,
das wie ein Helmlicht in der Grube
nur auf begrenzte Flächen fällt.

Die Lichtung aber mittendrinnen,
die es der Dunkelheit entreißt,
reicht, Sicht dem Pinsel zu gewinnen,
dass sicher übers Blatt er kreist.

Da ragt auch dieses Glasgebilde,
das wie ein Kirchturm sich verschlankt
und mit des Weines würz’ger Milde
das träge Dichterherz betankt.

Mit Feuereifer ihm zur Seite
die Flamme, die ihr Schicksal kennt –
dass hitzig auf dem Docht sie reite,
dem Ast, der unter ihr verbrennt.

Die alten, wohlerprobten Zeugen
bürgerlich-biedrer Kritzelein.
Bin ich der Typ, das Recht zu beugen?
Nicht mal die Verben in Latein.

Ich lass nur die Gedanken treiben,
wie dieser Vorhang treibt im Wind:
Gedichte, die sich selber schreiben,
homerisch sozusagen, blind.

Der Kunstgenießer

Der Kunstgenießer‘ne Bilderschau mit alten Meistern –
fürn Kunstfreund absolutes Muss.
Er eilt herbei, lässt sich begeistern,
verschmerzt den Eintrittsobolus.

Mit feierlich gestimmter Seele
buckelt er dann die Wand entlang,
gemessen, dass er nicht verfehle
das unscheinbarste Werk von Rang.

Bisweilen kommt er mit der Nase,
da er als Kenner sich gefällt,
bis an des Opus Rahmenglase –
und anderen die Sicht verstellt.

Das geht wohl noch ein Weilchen weiter,
solange ihn der Eifer nährt.
Doch Fülle, dieser Wegbereiter
des Überdrusses an ihm zehrt.

Saal 4. Die Schritte werden schwerer.
Der Blick nimmt nur noch flüchtig wahr.
Hier Grafik also. Leichter, leerer.
Ermüdung schwächt das Augenpaar.

Er hat sich schließlich sattgesehen.
Sein Hirn ist bis zum Platzen voll.
Den Rest lässt er im Regen stehen.
„Hab ohnehin erfüllt mein Soll.“

Spuckt in Gedanken große Töne
und wird im Nu schon wieder schwach:
Sieht er ‘ne ungerahmte Schöne,
ist er auf einmal glockenwach!