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Heute Nachtdienst

Heute NachtdienstOb schon im Schlaf die Musen liegen?
Ich klopfe an. Halb zwei, o je!
Warum denn kalte Füße kriegen?
Die haben einen Nachtportier!

Man wird in den Parnass gelassen
rund um die Uhr und rund ums Jahr.
Kontrollen gibt es nicht und Kassen,
für Kunst nur den Empfangsaltar.

Da legt man seine Gaben nieder,
gemalt, gemeißelt, schriftlich auch,
und zieht sogleich zurück sich wieder
bescheiden, wie es Künstlerbrauch.

Am Opfer mangelt’s mir indessen,
das hier ist noch nicht makellos,
den Göttern noch nicht angemessen
mit ihrem Riecher, der famos.

Ich muss daran noch weiterfeilen,
bis musentauglich wird mein Lied
und aus den hingeworfnen Zeilen
der Geist des Flüchtigen entflieht.

Doch wenn ich’s noch mal überfliege –
ein Prachtstück wird daraus nicht mehr.
Am besten mach ich jetzt die Biege
und trotte morgen wieder her.

Am Abend sprudeln die Gedanken
und sprühen Verse aufs Papier.
Die Nacht indes setzt ihnen Schranken:
Blockade spätestens ab vier!

Verdiente Nachtruhe

Verdiente NachtruheSo klingt es aus, das Wochenende,
mit dieser Sonntagabendruh.
Im Schoße weiln des Bürgers Hände,
der Puschen trägt statt Straßenschuh.

Passanten sind nicht mehr zu hören,
dern Hacke sonst aufs Pflaster knallt.
Die Vesper auch von Krähenchören
ist längst im Raume schon verhallt.

Nur selten sausen noch Karossen
auf dem asphaltnen Gleis dahin
und kommen kaum noch angeschossen
die Kisten mit Sirenen drin.

Wie Balsam legt sich diese Stille
auf eine Stadt, die endlich parkt,
um vorzubeugen ohne Pille
dem Herz- und dem Verkehrsinfarkt.

Bad Hamburg: Eine Metropole,
die sich als Kurort profiliert?
Verdünnte Seeluft als die Sole,
die für die Gurgel man gradiert?

Was wäre daran auszusetzen?
Geschäftig tags und kunterbunt,
verpönt sie’s, nachts sich abzuhetzen,
und schnarcht im Heilschlaf sich gesund.

Das will ich doch mal ausprobieren,
indem ich gleich zu Bette geh.
Werd ich in Träumen mich verlieren,
bevor ich noch um Träume fleh?

Zum Gastmahl geladen

Zum Gastmahl geladen‘ne ausgewählte Freundesrunde
hatt‘ gestern Abend ich zu Gast,
der mit Dionysos im Bunde
den Zecherlorbeer ich verpasst.

Und alle, eingedenk der Ehre,
ha‘m freudetrunken zugelangt,
dass zügig einen Kelch man leere,
um den sich so ein Mythos rankt.

Profan: Es war so ‘ne Art Probe,
wie oft man sie beim Wein schon sah,
nur dass sie zu des Tropfens Lobe
und nicht zu seinem Kauf geschah.

Genuss erfolgte jahrgangsweise:
Erst 97, 90 dann,
danach der önologisch greise
von 83, der gewann!

Reif, abgerundet und mit „Schwänzen“
bezeugte er den besten Stock,
und gern ließ man sich mehr kredenzen
von seinen Brüdern aus Médoc.

Da galt es reichlich durchzuseihen,
denn Schuppen deckten dicht den Grund,
des Rostes Rot ihm zu verleihen,
der widrig dem Genießermund.

So ist der Abend uns vergangen.
Wir alterten mit unserm Wein.
Unmerklich, stetig, unbefangen –
um nichts als älter nur zu sein.

Kleines Licht

Kleines LichtDie Dämmerung hat angefangen.
Ein Blick zur Uhr zeigt kurz nach zehn.
Der Himmel weißlich-grau verhangen,
gekreuzt sporadisch noch von Krähn.

Kein Windhauch säuselt durch die Blätter,
kein Stoß erschüttert Laub und Ast;
die Bäume stehen steif wie Bretter,
die mit Beton man eingefasst.

Allmählich die Fassaden bleichen.
Das Firmament spielt leicht ins Blau,
doch ohne jene Feuerzeichen
der schaurig-schönen Sternenschau.

Indes verfinstert sich der Äther
so fließend flink von Ton zu Ton,
das jetzt, ‘ne halbe Stunde später,
er schwarz wie Brand und Asche schon.

Wenn da nicht in den Fenstern glömmen
die Stubenlichter trüb wie Span,
stockblind wir durch den Abend schwömmen,
den Fischen gleich im Ozean.

Nun, auch die Kerze mir zur Seite,
obwohl ihr Flämmchen winzig nur,
wirft tapfer in des Zimmers Weite
bis an die Wände ihre Spur.

Ein Lichtspektakel ohnegleichen
braucht aber der nicht, der hier schreibt.
Nur für den Griffel muss es reichen,
dass seiner Linie treu er bleibt.

Möbelglück

Möbelglück‘nen neuen Freund hab ich gewonnen,
wenn er es selber auch nicht weiß.
Mit einer Lücke hat’s begonnen,
‘nem Klafter zwischen Glut und Eis.

Um’s wen’ger kryptisch auszudrücken:
In meiner Küche war vom Herd
zum Kühlschrank hin zu überbrücken
ein Zwischenraum, der nutzenswert.

Da war ja einfach Platz vorhanden,
fehlte die rechte Füllung nur –
wir gingen also und erstanden
ein Tischchen mit Idealfigur.

Das hat vier stramme Eisenbeine,
auf denen eine Platte ruht,
dazu, zur Lagerung der Weine,
zwei Zwischendecks für Sondergut.

Darüber eine große Lade,
in der sich was verstauen lässt –
und dieses Prachtstück passt so grade
in den noch unmöblierten Rest.

Ich kann die Augen gar nicht wenden
von dieser hübschen Novität,
die hilft, die Küche zu vollenden
bis auf das letzte Hilfsgerät.

Schon hab ich es ins Herz geschlossen,
das kleine, praktische Gestell.
Vom Lückenbüßer zum Genossen:
Auf lange Freundschaft, Tischgesell!

Fehlstart hingelegt

Fehlstart hingelegtDer Himmel hüllt seit vielen Tagen
sich in ein düstres Wolkenkleid,
verwaschen, schmutzig, abgetragen,
mit Löchern, die zehn Finger breit.

Der Wind pfeift ihm durch alle Ritzen
und reißt die Fetzen mit sich fort –
ein einzges Fliehen da und Flitzen,
als ging es um den Weltrekord.

Dazwischen muss er Wasser lassen –
von Schauern spricht man hier dezent.
Und locker füllen seine Massen
die Klos, die man Kanäle nennt.

Wo in den flatterigen Falten
hat bloß die Sonne er versteckt?
Natürlich muss der Tag erkalten,
wenn sie nicht seinen Puls erweckt.

Man friert. Und nicht ein Hoffnungsschimmer,
der rasche Änderung verspricht.
Im Gegenteil: Es wird noch schlimmer,
der Regengott macht Überschicht.

O seht, auf dem Balkon verloren
ein Blatt, das welk dahingeweht –
als lagerte vor unsren Toren
der Herbst schon, der nach Einlass späht.

Da kann er aber lange gucken –
Vordrängeln gilt nicht, guter Mann!
Wird schon noch in die Hände spucken,
der Sommer fängt ja grad erst an!

Alles Ambiente

Alles AmbienteSchon sitz ich an der Fenstertüre,
ein Stückchen Himmel im Visier,
wo ich die Glut der Sterne schüre
und in Gedanken mich verlier.

Dabei stütz ich den Ellenbogen,
den rechten, auf den Küchentisch,
den Kuli schon gezückt, gezogen,
dass Verse aus dem Blatt er fisch.

Ein Lämpchen wirft sein Strahlenbündel
direkt vor meine Nase hin,
in dessen Helligkeit ich gründel
nach Ausdruck und nach Hintersinn.

Ein bisschen weiter nur im Zimmer
ist schwach es schon und abgezehrt,
als ob ihm jemand mit ‘nem Dimmer
den Zutritt da zum Flur verwehrt.

Das ist so recht die Atmosphäre
für einen zünft’gen Musenspuk:
Der Dämmer nimmt die Erdenschwere
und ruft das Hirn zum Höhenflug.

Der Auswurf lässt nicht auf sich warten –
folgt Viererpack auf Viererpack,
doch immer in verschiednen Sparten,
vom Urknall bis zum Hafersack.

Das kann so ewig weitergehen,
denn unerschöpflich ist die Welt.
Der Zauberbesen wird erst stehen,
wenn es dem Meister da gefällt!

Worauf wir bauen

Worauf wir bauenDa drüben starrt ‘ne ganze Reihe
von leeren Fensterhöhln mich an:
Die Spur der Immobilienhaie –
mit ihrm Gewerbe geht’s voran.

Gerüste überall und Kräne.
Was alt ist, reißt der Bagger ein.
‘ne Lücke in der Straßenszene
bekommt als Füllung Stahl und Stein.

Man muss das gute Wetter nutzen.
Verschenkte Tage gehn ins Geld.
Sie mauern, hämmern und verputzen,
vom Bau die, was das Zeug nur hält.

Und manchmal kommt in Schlips und Kragen
auch der Investor zu Besuch,
sich tapfer um die Ohrn zu schlagen
den Holz- und den Zementgeruch.

Was ihm doch nicht Verdruss bereitet,
da dieser ja an Geld nicht klebt
und er auf einem Boden schreitet,
der künftig seine Konten hebt.

So stellt man überall die Weichen
für den Gewinn, der optimal.
Es werden reicher stets die Reichen,
der Mieter Mittel fahrn zu Tal.

Die Landschaft bleibt nicht ungeschoren,
verschandelt wird manch Wohnquartier.
Dann werden Staub die Investoren –
doch nicht die Zeugen ihrer Gier!

Info satt

Info sattNachrichten hören, Neuigkeiten,
halb, voll – man knipst die Kiste an,
um in den Äther zu entgleiten,
dem solche man entnehmen kann.

Am Anfang stehn die Kriegsberichte
aus dem und jenem Krisenland,
dann folgt die Kriminalgeschichte,
notiert von Terroristenhand.

Danach die heimischen Verbrechen,
die des Entsetzens wirklich wert,
sodann (und leider nicht zu rächen)
was die Natur an Schocks beschert.

Kommt das Soziale: Krankenkasse,
die Rente für den Millionär,
Vermischtes auch: ‘ne neue Trasse
für die A x durchs Wattenmeer.

Zum Schluss Verkehrs- und Wetterlage.
Chaotisch. Reiner Frustgewinn.
Doch pfiffig wirft da auf die Waage
der Sprecher stets sein „Immerhin“.

So rieseln Tag für Tag und rauschen
dir Fakten, Meinungen vorn Wanst,
die blablabla du wohl erlauschen,
doch zack nicht unterscheiden kannst.

Ins Stammbuch, Les’rin, dir geschrieben:
Glaub nicht, dass Neues je geschieht.
Die Welt, sie ist sich gleich geblieben,
pfeift anders nur das alte Lied!

Gepflegte Esskultur

Gepflegte EsskulturZunächst mal braucht man eine Speise,
die sich zwar sehen lassen kann,
doch nicht in allzu üpp’ger Weise –
der Wohlgeschmack steht obenan.

Die Basis ist damit gegeben
fürn Brillat-Savarin’sches Mahl.
Dazu dann: Nur sein Glas erheben
mit einem Tropfen erster Wahl.

Und weiter: Nicht zu viele Gäste,
sonst kommt man sich nicht richtig nah.
Da hab ich eine saubre Weste,
denn außer mir ist niemand da!

Und diese Gäste (wenn vorhanden),
sie sollten eines Sinnes sein.
‘nen weitren Treffer kann ich landen:
Ich stimm mit mir ganz überein!

Gemütlich sei auch das Ambiente –
gepflegte Räume, Kerzenlicht.
Als ob ich selbst nicht darauf brennte:
Die Küche nehm ich in die Pflicht!

Bei meinen nächtlichen Genüssen
läuft demnach alles comme il faut.
Man wird mir zugestehen müssen:
Ich liege auf Gourmand-Niveau.

Ein Letztes doch nicht zu vergessen:
Auch Kunst geziemt der Tafelei!
Drum schrieb beim Trinken ich und Essen
die Zeilen hier so nebenbei.