Archiv der Kategorie: Mensch

Alte Mienenspiele

Alte MienenspieleDie Fans, die kennen was vom Leben,
das war schon in der Steinzeit so.
Beim Kampf nicht nur Geschrei erheben,
nein, mit der Optik auch man droh!

Zum Beispiel mit den bunten Strichen,
die man auf Stirn und Wangen pappt,
bis alles Menschliche gewichen
und zum Dämonischen verkappt.

Von Kriegsbemalung ist die Rede,
als wäre Kunst dabei im Spiel,
obwohl Fanale einer Fehde
im ew’gen Dilettantenstil.

Was auch im Sinn des Streits indessen
gewiss von größrer Durchschlagskraft –
man glotzt sich ja nicht in die Fressen
aufgrund der Schminke Meisterschaft!

Man will dieselben ja polieren
womöglich rasch und absolut,
um im Triumph zu präsentieren
den Feind in seinem eignen Blut.

Das hat seit Anbeginn der Zeiten
im Grundsatz sich geändert nicht.
Wenn unser Steckenpferd wir reiten,
welch heil’ge Wut dann aus uns spricht!

Wie? Ja, ein Anlass ist gegeben:
Land x und Fußball, die WM.
Fassaden, die nach Ausdruck streben –
begeistert, farbenfroh, plemplem.

Natürlicher Straßenlärm

Natürlicher StraßenlärmWas fürn Gekreische und Gekrächze –
da draußen ist der Teufel los!
Wie sehr ich auch nach Stille lechze,
der Höllenlärm wird größer bloß!

Wie aufgelöst die Krähen kreisen
mit ihrem wütenden Geschrei,
als wollten jemand sie beweisen,
wie mächtig ihre Kehle sei!

Ein Anlass ist nicht zu erkennen.
Der Aufruhr bleibt mir rätselhaft.
Was für ein Rasen und ein Rennen,
Moriskentanz der Leidenschaft!

Verständigung ist wohl vorhanden,
das scheint mir ziemlich sicher fast,
da just auf Krähenfüßen standen
sie einzeln noch auf Baum und Ast.

Und jetzt wie immer auch getrieben
zur großen Demo, zum Protest,
verließen sie unangeschrieben
gleichwohl ihr hohes Krähennest.

Ein Kriegsrat, den sie heute halten,
Erinn‘rung an die Rabenschlacht?
Gedenktag für das sel’ge Walten
des Krähenkönigs Nummer acht?

Das Rätsel werd ich nicht mehr lösen –
jäh endete die Schwärmerei.
Kann ungestört nun weiterdösen
im Krähenwinkel, vogelfrei.

 

Blechkorken

BlechkorkenUm eine Flasche Wein zu köpfen,
wonach der Sinn mir manchmal steht,
kann stets ich aus dem Vollen schöpfen
beim adäquaten Hilfsgerät.

Doch ist genau nach meiner Mütze
mein Lieblingskorkenzieher nur,
dank dessen Hebel ich und Stütze
bisher noch immer bestens fuhr.

Kaum ist die Seele eingedrungen
in den verstopften Flaschenhals,
kommt auch schon hoch herausgesprungen
der Kork mit plopp! statt eines Knalls!

Ich fand das Ding mal auf ‘nem Haufen
in Avignons papalem Shop –
von all’m, was Pfaffen so verkaufen,
wohl mit das Einzige, das top.

„Palais des Papes“ prangt auf der Seite
in Gold und Gotisch, einfach cool,
dass auch den Zecher stets begleite
„Absolvo te“ vom Heil’gen Stuhl.

Doch wie so oft in der Geschichte
der ganze Trend auf Wandel weist,
wird alles Alte mal zunichte:
Die Kirche um die Sonne kreist.

Auch den Schock wird sie überleben,
dass kaum man noch entkorken muss –
wird bald wohl ihren Segen geben
dem zukunftsträcht’gen Schraubverschluss.

Poetische Kleiderordnung

Poetische KleiderordnungDer Abend hält die Tagesschwüle
noch zäh in seinen Klauen fest.
Ich hocke zwischen Herd und Spüle
und schwitz wie beim Idiotentest.

Und da die Witterung nicht knausert
mit Schweiß, den von der Stirn man tupft,
hab ich mich kurzerhand gemausert
und mir das Hemd vom Leib gerupft.

Da seht den nimmermüden Sänger,
wie er den Kleiderzwang bezwingt
und sich je lieber desto länger
Gedichte aus dem Brägen wringt!

Nun will ich mal ‘ne Frage wagen,
die selbst Horaz sich nicht gestellt:
Darf lediglich mit Schlips und Kragen
beackern man sein Musenfeld?

Legt man sich nicht mit här’nem Kittel,
womöglich gar noch unbeschuht,
genauso engagiert ins Mittel,
wie man’s mit einem Smoking tut?

Mir scheint, dass doch aus gutem Grunde
tabu das Thema seinerzeit –
das goldne Wort aus Dichtermunde
verdarb nicht mal ein Lumpenkleid.

Und selbst wenn ich hier meinen Käse
hätt splitternackt mir ausgeheckt –
wer nähm es wahr, wenn er es läse?
Die Zeilen halten sich bedeckt.

 

Volksvertretermehrheit

VolksvertretermehrheitFettaugen gleich sie träge schwimmen
auf dem Gesupp des Volkes hin –
die Profiteure jener Stimmen,
die reichten für den Wahlgewinn.

Wie sie mit Engelszungen mahnen
die Massen zur Bescheidenheit,
selbst umso frecher abzusahnen,
was ihnen nun ihr Amt verleiht!

Demokratie? Die kannste knicken.
Die Wählerkreuzchen holn die nur,
um sich ein Alibi zu stricken
für ihre Bonzendiktatur.

Kaum sind die Urnen zugeschlossen,
ist abgehakt der kurze Spuk,
schon basteln Christen und Genossen
gewissenhaft am Wahlbetrug.

Ihr Motto (klar: uneingestanden):
„Der kleine Mann die Zeche zahlt“ –
dem einen Bärn sie aufgebunden,
als mit „Entlastung“ sie geprahlt.

Entlastung schon: Doch für die Reichen.
Dem Habnichts der Fiskus droht.
So stelln Politiker die Weichen
für die zukünft’ge Massennnot.

Sie schöpfen selbst ja aus dem Vollen
als Lohn der Doppelzüngigkeit.
Das Volk kenn’n sie aus Protokollen –
Papier, das nicht vor Kohldampf schreit!

Leichtes Los

Leichtes LosAls Glück kann ich es nur empfinden,
dass weder Neigung noch Talent
an Marmor und Granit mich binden
als meiner Künste Element.

Gewalt’ge Räume wärn vonnöten,
um meine Steine zu behaun,
die Licht und Luft in Fülle böten
und Platz, sie prüfend anzuschaun.

Das wär vielleicht noch hinzukriegen,
‘ne Werkstatt im XL-Format,
dass man im Sitzen, Stehen, Liegen
sich hämmernd seinem Ziele naht.

Doch was, wenn unsre Künstlerseele,
wie die des Vogels leicht und frei,
dass sie sich aus dem Käfig stehle,
auf große Fahrt versessen sei?

Sie kann den Block auf keine Weise
als Koffer oder Handgepäck
auf irgend’ne Vergnügungsreise
bugsieren durch den Schwere-Check.

Vom Heimatatelier geschieden,
fehlt es an Stoff dem Kunstgenie.
Hammer und Meißel ruhn in Frieden
als potenzielle Energie.

Der Dichter hat nur leicht zu tragen
an etwas Pinsel und Papier,
kann überall sein Zelt aufschlagen,
dass Verse hübsch er modellier.

Fehlprognose

FehlprognoseWas haben unsre Wetterfrösche
vor Pfingsten noch so laut gequakt –
die Sonne gar nicht mehr verlösche,
ein Superfest sei angesagt!

Holt eure Räder aus dem Schuppen,
macht euren Grill gefechtsbereit,
versammelt eure Freundestruppen
zu kollektiver Fröhlichkeit!

Je näher diesen Feiertagen
wir aber auf den Pelz gerückt,
schien desto sich‘rer umzuschlagen
die Stimmung, die so hoch entzückt.

Zu Pfingsten selbst ist nichts geblieben,
die ganze Euphorie lag flach.
Die Sonne war fast abgeschrieben,
es plätscherte aufs Studiodach.

Natürlich hat’s die Mikro-Meister
gebracht nicht aus der Grinsespur –
sie drehn auch weiter immer dreister
umsonst am Knopfe der Natur.

Da ähneln sie den Astrologen,
die x-mal in die Irre gehn
und einmal dabei unbetrogen
sich wunderbar bestätigt sehn.

Man kann durchaus ja falsch mal liegen –
Gewitterfront statt Sonne satt!
Doch ein „Bedaure!“ mal zu kriegen,
das steht auf einem andern Blatt!

Schnellimbiss

SchnellimbissWolln wir ‘ne kleine Pfingsttour machen?
Hier in der Stadt nur irgendwo?
Erst heute Abend soll es krachen,
bis dahin Sonne lichterloh.

Na, denn mal los ins Waldgehege,
wir wollen schließlich nichts entbehrn.
Da gibt es schatt’ge Wanderwege
und eine Krippe, einzukehrn.

Die Einkehr ham wir vorgezogen,
weil uns der Magen dran gemahnt,
dass, falls um seine Kost betrogen,
ihm fürn Spaziergang Schlimmes schwant.

Rouladen denn mit Rotkohl bitte!
Und Bratkartoffeln gerne auch!
Oh, selbst der nicht vorhandne Dritte
wär voll geworden wie ein Schlauch!

Im schönsten Eifer des Genusses –
o zartes Fleisch, o weicher Speck! –
das harte Echo eines Schusses:
Gewittergrummeln, ach, du Schreck!

Da trommeln schon mit wilden Hieben
die Wassermassen auf das Zelt.
Den Rotkohl schnell ins Mäulchen schieben,
Kartoffeln, was das Zeug nur hält!

Zum Auto sind’s nur ein paar Schritte,
wir durch den Regen, husch, husch, husch,
die Zündung an, ab durch die Mitte!
Ein Donnerschlag als Abschiedstusch.

 

Allerlei Geistesgrößen

Allerlei GeistesgrößenDes Haushalts kleine Alltagsdinge
beschäftigen sie ausnahmslos –
die Schärfe einer Messerklinge,
der Pegelstand des Bierdepots.

Ihr werter Busenfreund indessen
hält von dem Weiberkram nicht viel,
hat rein geschäftliche Int’ressen,
hofft täglich auf den großen Deal.

Dafür ein anderer Bekannter
sich der Kultur weiht und dem Geist,
der Frage etwa auch, was „Panther“
auf Quechua und Aztekisch heißt.

Das kann natürlich nur noch toppen
der Polyhistor Dr. X –
gewohnt, das Hirn sich vollzukloppen
mit seinen Mnemotechnik-Tricks.

Ein bisschen fällt aus diesem Raster,
weil Hobby und Beruf er mischt,
der von Vermessung und Kataster,
der gern nach Millimetern fischt.

Man sollte meinen, so ‘ne Bande
kriegt nie man unter einen Hut –
bei diesem Spektrum von Verstande,
bei diesem Berg an Geistesgut!

Doch falsch! Auf ‘ne bestimmte Weise
sie sich total konform verhält:
Schwatzt pausenlos zum Lob und Preise
der eigenen beschränkten Welt!

Martialische Beschützer

Martialische BeschützerMan lässt den Frieden nicht gefährden,
des Vaterlandes Wohl und Weh,
wo Männer zur Maschine werden –
im Schmiedefeuer der Armee.

Die Offiziere wie aus Eisen,
gerade, steif, kühl distanziert.
Wenn stählern ihre Blicke kreisen,
des Zivilisten Blut gefriert.

Die Uniform tut noch das Ihre –
Rüstungstextil aus einem Guss;
heißt: Zugehörig wie ‘ne Niere
oder der Hypothalamus.

Die Ausdrucksweise kurz, gediegen,
vorzüglich im Kommandoton.
So spricht ein Held. Den zu bekriegen,
wäre so gut wie Selbstmord schon.

Wo doch, wird’s ganze Männer brauchen,
dass man den Trumm hol vom Podest.
Eh’r wird er’s in der Pfeife rauchen,
als dass er‘s Land dem Teufel lässt.

Da kann dir angst und bange werden,
stehst du mal Aug in Aug vielleicht
mit so ‘nem Schutzpatron auf Erden,
der eher einem Kriegsgott gleicht.

Ein Biermann-Lied zu variieren:
Soldaten sind darin vereint,
dass ihr Gesicht sie stets verlieren –
als Freund genauso wie als Feind.