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Auch ‘ne Kehrseite

Auch 'ne Kehrseite2Nicht überall herrscht hier Idylle,
wenn auch zum größten Teil gewiss –
mit See und Sand und Palmenfülle
und mit der Berge Schattenriss.

Doch unweit nur vom Uferstreifen
mit seinem Bilderbuchgesicht
zieht sich die Piste hin der Reifen,
die Bahn sich durch die Häuser bricht.

Da donnern ewig die Motoren
mit ungebremster Kolbenkraft
betäubend in die wachen Ohren
der leidgeprüften Bürgerschaft.

Und Hupen, Heulen, Türenschlagen
als Folge dieser Blechmanie
bemühn sich Töne beizutragen
zum kakophonen Potpourri.

Die Burschen auf den Feuerstühlen
am besten sich auf Lärm verstehn
und, wahllos Nerven aufzuwühlen,
gern tierisch in die Eisen gehn.

Das ist die alte Küstenstraße,
die umso lieber man befährt
als sie zum Flitz- und Knatterspaße
auch manchen Ausblick noch gewährt.

Dagegen ist kein Kraut gewachsen.
Kaum draußen, steh ich im Verkehr.
Drum schieb ich lieber meine Haxen
zur Hintertür hinaus – zum Meer.

Notwendiger Nachsatz

Notwendiger NachsatzDer gute Vorsatz war vorhanden,
die Sache heute durchzuziehn,
und ich recht zeitig aufgestanden,
nicht zu verpassen den Termin.

Es würde wieder warm und trocken
und war schon deshalb Grund genug,
dass ich den schmalen Kranz von Locken
zur Lüftung durch die Winde trug.

Behördengang. Doch ohne Schrecken.
Kein Übermaß an Wartezeit.
Nur einmal kurz die Nase stecken
in den Geruch der Amtlichkeit.

So schwang ich mich auf meine Sohlen
wie zu ‘nem heitren Wandertag,
um ‘ne Beschein’gung abzuholen,
die sicher schon im Körbchen lag.

Schon hatt ich hinter mir geschlossen
die Pforte, die zum Ufer führt,
als einen Hagel von Geschossen
im Lendengürtel ich verspürt.

Wie angewurzelt blieb ich stehen,
die kleinste Drehung machte Pein;
vom Scheitel runter zu den Zehen
durchzuckte mich das Zipperlein.

Das Weitre könnt ihr euch ja denken:
Mir ging’s wie einst auf der Chaussee
den Ameisen – ich musst mir schenken
den Rest der Reise. Tat das weh!

 

Leider Hausarrest

Leider HausarrestWir würden wieder Sonne kriegen.
Das zeigte schon die Dämmerung.
Ich sah zum Fenster und blieb liegen.
Zum Aufstehn fehlte mir der Schwung.

Die Bude lag schon voll im Lichte,
als ich mich zu dem Schritt entschloss –
zu der unendlichen Geschichte
vom ungeschickten Albatros.

Mit ein paar plumpen Drehfiguren
dem Bett ich schließlich mich entwand,
da alle meine Zimmeruhren
schon auf dem höchsten Sonnenstand.

Zwar war ich schon mal auf den Beinen,
doch wie ein Küken aus dem Nest,
und hielt mich wie an Rettungsleinen
an allen Möbelkanten fest.

Auch sonst dem Tanze nicht gewogen,
wär heut er ‘ne Unmöglichkeit:
Kaum dass ich meinen Leib gebogen,
er Zeter, Mordio schon schreit.

Wie ich sie kenne, die Signale,
und weiß, was sie mir sagen wolln!
Die Hüftverspannung, die totale,
wird sich so leicht nicht wieder trolln.

Adieu, ihr lieben Sonnenstrahlen,
für heute euren Fan vergesst!
Dem Alter gilt’s Tribut zu zahlen –
sprich: Hexenschuss mit Hausarrest.

Eine Art Frühsport

Eine Art FrühsportDie Sonne zeigte sich im Osten
ein Stück erst überm Horizont,
da ging, die Frühe auszukosten,
ich an des Meeres breiter Front.

Im frischen, unverbrauchten Lichte
erstrahlte mir der junge Tag
wie jener Gott, dem ins Gesichte
man wohlweislich nicht blicken mag.

In stummem Fluge Möwen kurvten
über dem schimmernden Revier,
als ob sie noch nicht stören durften
ihr schuppig-scheues Beutetier.

Und einer auf des andern Sohle
in aufgeregter Prozession
fuhrn Dampfer Richtung Hafenmole
zur Morgenmesse: Fischauktion.

Nur wenig Leute auf dem Wege.
Paar Jogger frönten ihrem Sport.
Ich setzte meine Muskelpflege
mit zielbewussten Schritten fort.

Dann war ich endlich angekommen
und kriegte meinen Wanderpreis:
Ein Hemd, das Flecken angenommen,
und Achseln, die getränkt von Schweiß.

Doch kam’s noch dicker, keine Bange:
Ausländeramt Torre del Mar.
Drei Stunden in der Warteschlange –
fürn Fünf-Minuten-Formular.

Geht schon zur Neige

Geht schon zur NeigeEin halbes Jahr ich nun schon weile
in meinem Feriendomizil,
vollkommen ohne Hast und Eile,
so wie beim Schach- und Halmaspiel.

„Gemächlichkeit“ heißt die Parole.
„Nicht heute? Dann ein andermal“.
Man lebt nicht, dass man überhole,
man füßelt nicht mit dem Pedal.

Die Landschaft lädt ja zum Betrachten
so wie ‘ne Bildergalerie.
Sie will den stillen Gang, den sachten
mit Ehrfurcht vor der Szenerie.

Gelegentlich soll man sich setzen
und sich vertiefen in das Bild.
Doch lange; nicht gleich weiterhetzen.
Vor allem beim Tavernenschild.

Ein bisschen Stärkung kann nicht schaden.
Und Essen macht ja Appetit.
Da ist ein zünft’ger Tapa-Laden
und malerisch im Strandgebiet!

Gesättigt geht es dann nach Hause,
den Bauch von Impressionen schwer.
Die Nacht: Willkommne Atempause
vor dieser Muße Wiederkehr.

Doch wird der Schlendrian unterbrochen:
Die Lust auf Heimat erst mal siegt.
Ich hoff nur, dass dort in den Wochen
die Zeit nicht auch so schnell verfliegt!

Alles ganz natürlich

Alles ganz natürlichMan lebt, verdrießlich, auch bei Regen.
Doch lebt man auf bei Sonnenschein.
Das gleiche Verb, der gleiche Segen –
doch die Grammatik trennt da fein.

Natürlich geh ich gern spazieren.
Am liebsten irgendwo am Strand,
an dem die Wellen sich verlieren,
die platschend übers Meer gerannt.

Und wo die Palmensäulen ragen
mit ihrem busch’gen Kapitell,
um auf dem grünem Haupt zu tragen
des Himmels blaues Sommerfell.

Da kommt die Sonne mir entgegen,
das räume ich ja gerne ein,
des Lichtes und der Wärme wegen
und trocken unterwegs zu sein.

Doch wollt man stets zu Hause hocken,
herrscht Trübsal draußen weit und breit,
dann hieße es doch verzocken
ein Gutteil seiner Lebenszeit.

„Geh aus mein Herz und suche Freude“ –
doch nicht nur, wenn Frau Sonne lacht:
Dies riesige Naturgebäude
steckt voller Wunder Tag und Nacht!

Der Sturm, er jagt die scheuen Wellen
wie’n Jäger das gehetzte Wild.
Sieh, wie sie fliehn, sich ducken, schwellen,
da Möwenschreie drüber gellen –
authentisch. Live. Kein Stimmungsbild!

Rezeptfrei erhältlich

Rezeptfrei erhältlichWie? Wunschlos bis du und zufrieden?
Beneidenswert. Wie machst du das?
Das Höchste ist es ja hienieden,
dass man sein Glück beim Schopfe fass!

Lass mich mal auf den Busch dir klopfen:
Du bist Gourmet und Nimmersatt
und stets bereit, dich vollzustopfen
bis zum „Mäh, mäh, ich mag kein Blatt“?

Nein? Reicht es dir, im Kumpelkreise
zu klönen und ins Glas zu schaun
und in bewährter Stammtischweise
Luftschlösser in den Qualm zu baun?

Vielleicht bist du ‘ne Sportskanone
wer weiß von welcher Disziplin
und schaffst dir laufend die Hormone,
die Hochgefühle nach sich ziehn?

Womöglich macht es dir Vergnügen,
mit Koffer aufn Zwutsch zu gehn
und mittels Wagen, Fliegern, Zügen
dich auf dem Globus umzusehn?

Nun, jeder würde wohl beteuern
als beste Regel: Gern und oft.
Doch kann man Glücksmomente steuern?
Sie kommen ja auch unverhofft.

Da steh ich nah ‘ner Haltestelle.
Ein Bus stoppt, jemand geht von Bord.
Ein Lächeln seh ich auf die Schnelle.
Zwei schöne Augen fahren fort.

 

Leider trügerisch

Leider trügerischWas für ein einz’ges breites Lächeln
spielt heute um den Erdenmund!
Die Sonne glüht, die Winde fächeln,
das Meer macht seinen Buckel rund.

Der Strand ist vollgespickt mit Leuten.
Sie schreien, sie bewegen sich.
Und ruhn auf blauen Bärenhäuten
mit Salben gegen Mückenstich.

Am mutigsten die Wasserratten.
Die tauchen schon bis an die Brust
in diese kalten, spiegelglatten
Verkünder reiner Badelust.

Weit draußen ein paar Segel schieben
sich schleppend vor im lauen Wind.
Als Maler müsste man sie lieben,
weil sie fast unbeweglich sind.

Beschauliche beim Biere sitzen
im schattenreichen Strandcafé,
Gedanken träge auszuschwitzen
in das geduld’ge Ohr der See.

In diesem Sinn: Recht freundlich bitte!
Als hätt dies Gott sich ausgedacht,
der heimlich hier in unsrer Mitte
ein Bild sich seiner Schöpfung macht.

Wie’n Schnappschuss aus dem Paradiese.
Doch abends, wenn wir Glotze sehn:
Ein Globus in der Dauerkrise.
‘ne Hölle eh’r. Anthropogen.

Überfällige Danksagung

Überfällige DanksagungVerehrte Leserin, verzeihe,
wenn ich dich aus dem Schlummer reiß!
Doch wie ich so die Zeilen reihe,
ich anfangs schon nicht weiter weiß.

Anfangs! Dies Unwort mag dich lehren,
wie kläglich ich vorm Blatte sitz.
Gedanken, immerhin, sie gären,
doch ohne Tiefe, ohne Witz.

Drum wage ich, dich zu beschwören,
die du mich oft beflügelt hast,
auch diesmal kritisch drauf zu hören,
ob mein Geklier zusammenpasst.

Na, leichter wird’s mir schon im Magen,
nur weil ich deinen Namen rief!
Und flinker mich die Füße tragen,
auf denen grad der Vers noch schlief.

Schon hat‘s sich wieder mal bewiesen,
dein Urteil meine Feder nährt.
Und so gilt grad in Schaffenskrisen:
Ein guter Geist ist Goldes wert.

Seit Jahren mir schon treu zur Seite
stehst, Les’rin, du mit deiner Gunst,
und nur für dich ich weiterstreite
auf diesem Feld der Musenkunst.

O was so’n Held für Abenteuer
für seine Dame einst bestritt:
Schwert, Drachengift und Höllenfeuer –
da ich nur an den Versen litt!

 

Der Herr Professor

Der Herr ProfessorIn sein Gehäuse eingesponnen
von Hypothesen und Ideen,
sieht den Professor man versonnen
gewöhnlich seiner Wege gehn.

Doch das, was wir Zerstreutheit schelten,
die sich im Blau des Hirns verliert,
muss wohl als Weltverständnis gelten,
das auf den Punkt sich konzentriert.

Da andre nur an Dingen haften,
die äußerlich und momentan,
fühlt er als Mann der Wissenschaften
den Phänomenen auf den Zahn.

Kein Wunder, geht ihm öfter flöten
der Sinn fürs Alltagstrallala:
Was kümmern Kohle ihn und Kröten?
Die Kurse sind ihm Hekuba.

Denn Macht und Mammon nachzujagen,
wie’s alle Welt mit Eifer tut,
erfüllt ihn eh’r mit Unbehagen,
da höhre Ziele er im Blut.

Dass er das Loch mal flicken müsste,
das fransig sich durchs Futter frisst –
was hülf es, wenn er’s selber wüsste –
wo Eitelkeit sein Ding nicht ist?

Ja, nennt ihn schrullig und verschroben:
Das ist es, was die Erde braucht.
Kein Macher mit ‘nem Push nach oben.
Ein kühler Kopf, der ständig raucht.