Archiv der Kategorie: Mensch

Frank und frei

Von der Leber wegSei es im Urlaub, sei’s zu Hause,
da gibt es keinen Unterschied –
das ganze Land ‘ne Dichterklause,
in die man sich zum Reimen flieht!

Kein Schnüffler pocht dir an die Pforte,
dein stilles Schaffen zu vergälln,
kein Zensor fordert zum Rapporte
Geschriebenes, dich bloßzustelln.

Gedanken lässt man und Gefühlen
nach Gusto einfach freie Fahrt
und kann auch mal sein Mütchen kühlen,
sofern dabei die Form gewahrt.

Kein Terror mehr von Staatsorganen,
die auch den kleinsten Freiheitsdrang
in Worten ihrer Untertanen
mit Kerker ahnden lebenslang.

Kein Terror mehr von Klerikalen,
„aus Liebe“ so in Hass entflammt,
dass sie zu mörderischen Qualen
den kleinsten Widerpart verdammt.

Es ist, o saeculum, zu leben,
auch heute eine wahre Lust.
Man braucht den Griffel nur zu heben
und nimmt sich alle Welt zur Brust.

Nun ja, auch diesmal mischt sich Galle
ins Bild, das auf Europa passt:
Das Maul aufreißen könn’n nicht alle –
der halbe Globus ist ein Knast.

Zwangsweise Nachtschicht

Zwangsweise NachtschichtEs geht auf zwölf. Warum noch dichten?
Auch der Poet braucht seinen Schlaf.
Das Oberbett, die Kissen richten.
Und dann geschnirchelt still und brav.

Ach, wenn das mal so einfach wäre!
Die Augen zu und Schäfchen zähln
und schon beim zehnten kommt die Schwere,
mit Morpheus fest mich zu vermähln?

In Wirklichkeit quäln mich noch lange
Gedanken, flutend, flüchtig, kraus,
und wenn ich dann zu zähln anfange,
wird leicht ‘ne Mammutherde draus.

Drum bette ich mich lieber später,
bleib wachsam übers Blatt geneigt,
bis schließlich auf dem Gähnometer
der Pegel „hundemüde“ zeigt.

Dann kommt der Schlummer von alleine,
das Wollzeug wird nicht aktiviert,
des Schafskopfs eigne Hammelbeine
sind augenblicks zu Blei mutiert.

Ihr habt es also auszubaden,
Verirrte, die ihr dieses lest,
dass nachts oft halb nur aufgeladen
der Geist, der mir ins Feuer bläst.

Doch seid gewiss, ich geb mir Mühe,
dass dennoch meine Flamme brennt
und heiß aus jeder Zeile glühe
die Leidenschaft – bevor sie pennt.

Düsteres Vorzeichen

Düstere VorzeichenDer letzte Tag vorm Heimatfluge.
Nach Nerja geht noch mal die Fahrt.
Des Freundes Auto kommt zum Zuge,
das rüstig rollt, obwohl bejahrt.

Wir bummeln nach Touristenweise
mit einem Blick, der träge schweift
und bestenfalls die Ladenpreise
mit höherem Bewusstsein streift.

Die Folgen sind nicht ausgeblieben.
Ein Shop mit Souvenir-Bedarf
macht uns im Schubsen und im Schieben
mit einem Mal auf Schnäppchen scharf.

Doch kaum ham wir da was erstanden,
stellt sich ein Peterwagen ein,
was wir natürlich seltsam fanden
so ohne Mord und Räuberein.

Die Ladenhüterin, beschlagen,
indes räumt ihre Ständer weg,
um Platz zu schaffen für den Wagen
und den dahinter fahrnden Treck.

Da wand sich aus den engen Gassen
ein dunkler Trauerzug hervor,
in diesem Labyrinth zu fassen
der Kirche fernes Eingangstor.

Ein Omen, sollte ich doch meinen,
dass man auch mir die Rosse schirrt.
Als Hinterbliebne werden weinen
Bodegafrau und Kneipenwirt.

Ausflug ins Grüne

Ausflug ins GrüneZu dritt ‘ne Ausfahrt in die Hügel.
Es blühen Ginster und Kakteen
im frischen Hellgelb von Geflügel,
wie es bei Küken schön zu sehn.

Die beiden haben viel zu schwatzen.
Beharrlich zieht der Jeep bergauf.
So manchen Kurve muss er kratzen.
Das Wortgefecht nimmt seinen Lauf.

Dann kommt ‘ne Scheibe auf den Teller,
‘ne volle Dröhnung Retro-Pop.
Bei dem Getrommel und Geträller
herrscht erst einmal Geschwafelstopp.

Geschafft! Der Kirchplatz, die Taverne.
Entspannt die Beine ausgestreckt.
Auch etwas essen? Bitte, gerne.
Man schmatzt und weiß, wo’s besser schmeckt.

Der Abstieg wieder mit Musike.
Die Hänge rings, von Wuchs verwöhnt,
sie gehen unter im Gequieke,
das kreischend durch die Karre tönt.

Dann ist das Pensum ausgesungen
und Stille schmeichelt deinem Ohr –
doch kurz nur, bis aus vollen Lungen
die beiden schnattern wie zuvor.

Natur ham die nicht auf der Liste,
nur Knete oder Futtern zählt –
da hab mit meiner Vorschlagspiste
den Grüneffekt ich glatt verfehlt!

Lebensmittelexport

LebensmittelexportEin letzter Einkauf vor der Reise.
Was bring nach Hause ich von hier
als landestypisch leckre Speise
für jemand mit als Souvenir?

Da seh ich eine Hartwurst liegen,
‘nen Riesenbengel, puterrot,
x Gramm mag der wohl gerne wiegen –
ja, den nehm ich doch gern ins Boot.

Was ist da mit dem Ziegenkäse?
Ein Klumpen wie ‘n Wackerstein
und gelb, als ob er schon verwese:
Schön ausgereift, muss auch mit rein.

Von wegen erst noch lange suchen –
die Feinkost haust hier Fach an Fach;
zum Beispiel weiß glasierter Kuchen
mit Zimt und so – da werd ich schwach.

Oh, guck mal, diese Schokolade:
Ein buntes Etikett mit Nuss –
Kolumbus‘ Schalenkavalkade;
na, wenn die nicht ins Körbchen muss!

So hatte sich was angesammelt,
was meine Kauflust minimiert;
hab durch die Kasse mich gestammelt
und meinen Kunden-Dienst quittiert.

Da kann der Rückflug also steigen,
ich bin vorzüglich eingedeckt.
Zu Haus hab ich was vorzuzeigen –
España, wie es riecht und schmeckt.

Alles im Griff

Alles im GriffEr ruht in sich und seinem Leibe,
strahlt Würde aus, Gelassenheit;
bewegt sich wie ‘ne Zahnradscheibe
gemessen nur in Raum und Zeit.

In allem lässt Vernunft er walten,
hat Gründe jederzeit zur Hand,
um Meister Zufall auszuschalten
als Größe, die ihm unbekannt.

Um eine Antwort nie verlegen,
verkehrt mit Blaumann er und Frack.
Fehlt es an Wissen ihm hingegen,
ersetzt er’s durch ‘nen flotten Schnack.

Ganz oben auf der Lebensliste
platziert das Geld er frohgemut
und pult aus seiner Mottenkiste
zur Schau auch etwas Bildungsgut.

Um zu berlinern: Ihm kann keener.
Er sieht sich selbst im schönsten Licht.
Ich glaub, er war mal Jugendtrainer.
Mehr sag ich dazu weiter nicht.

Natürlich lässt auch an den Frauen
als Kenner er kein gutes Haar,
obwohl er doch („ganz im Vertrauen“)
zu jeder Zeit ihr Liebling war.

Ich werd ihn morgen wiedersehen,
den Tausendsassa, Crack, Filou,
den, der vom Kopf bis zu den Zehen
ein Mann von Welt. Mit Loch im Schuh.

Vorläufiger Abschied

Vorläufiger AbschiedKlar, dies Ambiente wird mir fehlen:
Ein Himmel, der beständig blau,
und Möwen, die aus tausend Kehlen
das Meer erfüllen mit Radau.

Die Palmen, die wie Trauerweiden
den Wuschelkopf zur Erde kehrn,
und doch kein andres Übel leiden
als Stürme, die ihn fliegen lehrn.

Das ärgert nur die Papageien,
wenn sie zurück wolln in ihr Nest
und, mögen schimpfen sie und schreien,
die Windsbraut sie nicht landen lässt.

Und dann das Völkchen flacher Katen,
die überall im Ort verstreut
und noch das alte Dorf verraten
im schlichten Stil der Fischersleut.

Ein Kirchlein, das mit Feuereifer
von Zeit zu Zeit den Klöppel schwingt
und ähnlich wie’n Rekrutenschleifer
die Schäfchen in die Knie zwingt.

Nun ja, da wärn noch ein’ge Posten
im bunten Ferienkatalog.
Doch werd ‘ne Weile ich nicht kosten
aus diesem prallen Futtertrog.

Indes wird mich der Trost begleiten,
wenn mich der Flieger heimwärts trägt:
Nicht Pegasus nur muss ich reiten,
dass es mich wieder her verschlägt!

Schönheitsfehler

SchönheitsfehlerVon einer wahren Mückenplage
kann wirklich keine Rede sein,
obwohl schon schrecklich heiß die Tage
im Dauerbrenner Sonnenschein.

Sie haben zwar schon Blut gemolken
an manchem freien Körperstück,
doch nicht als Heer in ganzen Wolken –
als Einzelkämpfer auf gut Glück.

Nicht zu vergleichen mit den Horden,
die pausenlos dich attackiern
im see- und kiefernreichen Norden
und dich mit Bissen tätowiern.

Dort helfen keine Fliegengitter,
nicht Klatschen, Öle auf der Haut –
so unbeirrbar wie’n Gewitter
dies Wabern einfach weiterbraut.

Indes aus hohen Himmelsstrichen
nur draußen Tropfen dich befalln,
erwischt es dich mit Mückenstichen
auch in den eignen heil’gen Halln.

Wie anders hier! Gleich ‘ner Enklave,
die fast von diesen Biestern frei,
stört nur die spitzige Agave
dies Paradies mit Papagei.

Na ja, auch dieser Schönheitsfehler,
der grade nachts mir deutlich wird:
Ein einz’ger blutbesessner Quäler,
der rastlos um die Schläfen schwirrt.

 

Echtes Kauferlebnis

Echtes KauferlebnisUm meinen Krempel einzukaufen,
hab ein’ge Läden ich zur Wahl.
Zu keinem muss ich lange laufen,
erreichbar sind sie allemal.

Doch der, der mir die größte Strecke
an Gehminuten abverlangt,
liegt ziemlich an der letzten Ecke,
von Öd- und Brachland schon umrankt.

Da habt ihr meinen Lieblingsladen!
Und glaubt ihr, dass den Grund ihr kennt?
‘ne Wohltat für die Rentnerwaden?
Verbeugung vor dem Sortiment?

Es ist der Weg, der mich verleitet,
dort meine Nahrung zu erstehn –
denn lang am Meeressaum man schreitet,
um kurz noch querfeldein zu gehn.

Erst wandern am vereinten Porte
für Jachtbetrieb und Fischerei
und rechts dann durch die Eisenpforte
in Richtung Wiesenwalachei.

Danach, nun Bier im Sack und Brote,
den gleichen Weg mit Proviant –
die Brache erst und dann die Boote
und dann den mastenlosen Strand.

Von allen meinen Shopping-Touren
gefällt gewiss mir keine mehr:
leicht hin in Paradiesesspuren,
zurück von Nektar, Manna schwer.

Historische Verklärung

Historische VerklärungEr ist ein Freund der großen Pose.
Er plustert sich im Machtgefühl.
Bestimmt millionenfach die Lose
lebend’ger Wesen nach Kalkül.

Der Mensch ist ihm ‘ne bloße Nummer,
die kritisch er ins Auge fasst
und tilgt allein mit diesem Kummer:
dass sie nicht in die Rechnung passt.

Er will den Beifall einer Masse,
die einen Fliegendreck ihm gilt
und mit der Peitsche der Erlasse
aufs Männchenmachen nur gedrillt.

Er hat das Augenmaß verloren.
Der Jubel, den er selbst geschürt,
klingt ihm so lieblich in den Ohren,
als ob er einem Gott gebührt.

Er hat ‘nes bösen Kindes Seele
voll Eitelkeit und Größenwahn,
doch mächtig, dass er damit quäle
nach Willkür jeden Untertan.

Wenn man nach vielen Tyranneien
ihn endlich in die Grube senkt,
wird seine Krallen man bespeien,
weil sie die Welt mit Blut getränkt.

Doch nicht mal fünfzig Jahre weiter
(in der Geschichte so der Satz)
hat auf der großen Heldenleiter
der Schurke einen Ehrenplatz!