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Jenseits der Mauern

Jenseits der MauernNur einen Katzensprung entfernt: Die Fluren,
sich duckend unterm Dämmer wie die Stadt.
Man trägt ja überall die gleichen Uhren –
den Mond, die Sonne, ohne Zifferblatt.

Die Heidewälder sind zur Ruh gegangen,
die Stirn geschmiegt in funkelndes Gestirn,
da tausend Wesen durch die Nacht sich bangen,
um morgen durch `nen neuen Tag zu irrn.

Das Korn ist von den Feldern abgefahren,
die rau im Stumpfe ihrer Stoppeln stehn.
Wie schön sie noch vor wen`gen Wochen waren:
Ein Meer, sich wellend unterm Schrei der Krähn!

Und wo die Apfelbäume lang marschieren
an der Chausseen kräuterreichem Rand,
mag jetzt ein Wanderer sich noch verlieren,
ein Zecher, der noch nicht nach Hause fand.

Im Stübchen, ganz von mildem Licht durchflossen,
geh träumend ich auf städtefernen Spurn.
Der Regen rauscht seit Stunden unverdrossen –
so rauscht er jetzt wohl auch auf diese Flurn.

Stilles Wasser

Stiller OzeanSo reglos hat es heut gelegen,
so lakenmäßig knitterfrei,
so unbehaust von Wellenschlägen,
als ob ein Meer es gar nicht sei.

Eh`r glich es jenen stillen Weihern,
die ewig ohne Ebb und Flut
und die mit Lidern, blass und bleiern,
verdösen ihre Mittagsglut.

Hätt nur gefehlt noch Entengrütze
und Schilfrohr irgendwo am Rand,
man hätte seine Schiffermütze
wohl zum Klabautermann gesandt.

Indes auch unsre Möwen mieden
die unbewegte Wogenflur,
als ob sie in dem faulen Frieden
verlören ihrer Beute Spur.

Sie hockten auf dem schmalen Streifen
von grauem, grobem Ufersand
und ließen ihre Blicke schweifen
in dunst`ge Weiten unverwandt.

Doch war kein Kutter wo zu sichten,
der mit dem Tagesfang im Schapp
den Bug zur Mole mochte richten,
dass man von dem ein Häppchen schnapp.

Nur eine einz`ge große Fläche,
die eingeebnet, abgeflacht,
und schimmernd wie Millionen Bleche
bis wo die Kimm `ne Biege macht.

Und nicht mal mit `nem leichten Fächeln
gefiel`s den Winden da zu wehn –
die Sonne konnt ihr schönstes Lächeln
im blanken Meeresspiegel sehn.

Ja, wär es nicht in diesen Breiten,
in die es Fröste kaum verschlägt,
man hätt versucht ihn zu beschreiten,
zu testen, ob das Eis schon trägt.

War dies das atemlose Schweigen,
bevor er brüllt, der Donnergott?
Nein, nur im Jahreszeitenreigen
ein kleines Schrittchen aus dem Trott.

Gefundenes Fressen

Gefundenes FressenHab ich denn noch was auf der Pfanne,
was sich aufs Blatt zu bannen lohnt,
ein Tröpfchen aus der Musenkanne,
das Blüten zeugt, die ungewohnt?

An Themen keine Mangelware:
In den Regalen steht die Welt.
Bedenklich nur die vielen Jahre,
in denen sich das Zeug schon hält.

Darum beherzt nur zugegriffen,
bevor`s am Ende noch verdirbt,
dass mit bewährten Küchenkniffen
es lyrischen Geschmack erwirbt!

Mal sehn, was steht hier auf der Dose?
„Der Schöpfungsakt aus Bibelsicht.“
Aha, das erste Büchlein Mose –
was grade meinem Wunsch entspricht.

„Am Anfang schuf…“, na, und so weiter,
ihr kennt den Text ja bis aufs Haar
und dass der große Wegbereiter
am sechsten Tag schon fertig war.

Doch heut, ein paar Millennien später,
nachdem er ihn vermeintlich schuf,
entlarvt als Mythos seiner Väter
der Mensch des Bauherrn guten Ruf.

Inzwischen weiß er, wie die Dinge
sich wirklich einmal abgespielt
und dass, damit der Wurf gelinge,
das Nichts sich keinen Jahwe hielt.

Doch so mit allem Wägen, Messen
erfassend mählich Zeit und Raum,
hat er sich leider überfressen
vom leckeren Erkenntnisbaum.

Jetzt will sein Sinnen und sein Trachten,
dass übern Rand hinaus er schieß –
`nen Wohnsitz fern sich wo zu pachten
in `nem Planetenparadies.

Dass Gott behüte! möcht man schreien
ungläubig , ach, vor solchem Graus –
erst durft die Erde er entweihen
und schwärmt nun in den Kosmos aus?

Bloß nicht noch weitre Herde schaffen
humanviraler Infektion.
Bei Eseln ist sein Platz und Affen –
dass alles andre er verschon!

Kurz abgetaucht

Kurz abgetauchtMir ist`s wie in `ner Taucherglocke
hier im bescheidnen Zimmerlein,
wo halbwegs ich im Schatten hocke
bei falbenfahlem Lampenschein.

Von draußen stört kein Laut die Stille
und drinnen nur mein Atemzug,
als ob des nahen Meeres Wille
mich wirklich unter Wasser trug.

Durchs Bullaug’ blick ich: Schwarze Masse,
an der man sich die Nase stößt.
Ein Bursche bloß von seltner Rasse
laternenhäuptig darin döst.

Kein Kalmar, kein betagter Krake,
der träge durch die Wogen pflügt –
nichts rührt sich in der trüben Lake,
die träumerisch sich selbst genügt.

Nur etwas weiter in der Ecke,
die optisch grad ich noch im Griff,
so was wie`n Wrackteil ich entdecke –
den Bug von einem Kirchenschiff!

Schon schlägt mein Herz mit Freud und Bangen,
dass ich `nen seltnen Fund gemacht:
`nen Ort, der einst zu Grund gegangen
in einer einz`gen Sturmesnacht!

Da schrillt wie`n Wecker in den Schlummer
auf einmal mir das Telefon –
und reißt zu meinem größten Kummer
mich aus der Tiefsee-Illusion!

Die Tretmühle

Die TretmühleMit allerlei Gepflogenheiten
der Mensch ja seinen Tag verbringt:
So morgens mit dem Gockel streiten,
der wütend aus dem Wecker klingt.

Und ist er seinem Schrei erlegen,
dass aus dem Kissen er sich wälzt,
wird er zum Frühstück sich bewegen –
noch steif natürlich, dass er stelzt.

Und so mit allem immer weiter,
was soll ich da noch groß erklärn?
Ich bin ja hier kein Kursusleiter,
um „Binsenweisheit“ ihn zu lehrn.

Ihr wisst ja selbst (ich will mal wagen,
hier von zwei Lesern auszugehn),
dass solche Bräuche Wurzeln schlagen,
bis sie im Ruf des Heil`gen stehn.

Jetzt kuckt ihr dämlich aus der Wäsche
und fragt euch, was das Ganze soll.
Zur nächsten Strophe drum ich presche
und geb euch dies zu Protokoll:

`nen Rhythmus habe ich gefunden,
der alles Übliche umfängt
und doch mich zu gewissen Stunden
ein bisschen in die Büsche lenkt.

Noch kryptisch? Also deutsch gesprochen:
Ich hab `nen Trip mir angewöhnt,
der mir als altem Rentnerknochen
den Tag mit frischer Seeluft krönt.

Am Hafen lüft ich meine Sohlen,
des Atem Fisch und Gammel speit,
am Strand, wo still sich zu erholen,
die Möwen hocken weit und breit.

Und hab mit Berg- und Meeresblicken
die Seele ich mir eingelullt,
lass langsam ich den Tag verticken
zu Haus an meinem Dichterpult.

Da zieh ich mächtig dann vom Leder
wie sonst nur einer in der Schlacht;
doch nicht die Sau-, die Gänsefeder,
die quicklebendig Jamben macht.

Jambon? Nein, Jamben, Leseratte,
die sollten dir geläufig sein –
nicht Schenkel für die Schinkenplatte,
doch Füße für das Versebein.

Egal, der Geist kann auch goutieren
auf seine eigne Gaumentour:
Sich nachts in Fantasien verlieren –
ich glaub, das toppt wohl Manna nur!

Der Dichter

Der DichterWie Sie sich wohl `nen Dichter denken?
Lassen Sie mich raten, bitte sehr!
Ich glaube, ohne Sie zu kränken,
in dieser Weise ungefähr:

Ein Bursche, kränklich schon seit Kindesbeinen,
doch mit ‘nem starken Geist begabt,
mit Abscheu vor dem Niedrigen, Gemeinen,
der nur an Nektar und pp. sich labt.

Er pflegt in Gärten gern sich zu ergehen,
damit ihn Rosendüfte inspiriern,
ja, schon im Mai die blütenweißen Schlehen,
die rings des Feldrains Büsche ziern.

Und schreibend mit sensiblen Händen,
führt leicht er übers Blatt den Kiel,
Signale seines hohen Herzens auszusenden
in einem vornehm antiquiertem Stil!

Er hat sich seine eigne Welt erschaffen,
in der er wohler sich als in der wahren fühlt,
ein Eden ohne lieben Gott und Pfaffen,
vom Musenquell elysisch nur umspült.

Et cetera. Was sagen Sie? Hab ich’s getroffen?
Hab ich Apollos Jünger auf den Punkt gebracht?
Nur zu! Ich bin für Ihre Korrekturen offen.
Sie schweigen? Gut, das hab ich mir bereits gedacht.

Doch unter uns (ich denk, ich weiß, wovon ich rede):
Sie schleppen da ein Zerrbild mit sich rum.
Vergessen Sie die Einzelheiten schleunigst, jede!
Und nehmen Sie`s Zerpflücken mir nicht krumm!

Wenn ich mir auch nicht schmeichle, als Poet zu gelten,
sollte mein Beispiel Sie indes belehrn
und wo bisher, Pardon!, ein Vorurteil Sie fällten,
Ihr Blick sich für die Fakten klärn.

Die Welt, in die er taucht in stillen Stunden,
kann ihn von Alltagspflichten nicht befrein,
zu eisern ist an Amt er und Büro gebunden,
um sich allein dem Helikon zu weihn.

Ein Paradies kann ihm das schönste Lied nicht bieten
und Milch und Honig nicht der schönste Versefluss –
nur Planken sind`s im Meere der Quiriten,
an die sein Geist sich klammern muss.

Und was er schreibt, kliert er mit grober Klaue,
dass er`s zu Blatt erst einmal bringt –
Laokoon und seine Söhne schaue:
So heillos Zeile sich in Zeile schlingt!

Doch läuft er nicht in obsoleten Hosen!
Er ist geläutert vor Damaskus, ist schon Paul –
kein Freund rhetorischer Preziosen,
schaut er dem Volk gut lutherisch aufs Maul.

Ihn zu verstehn, muss man nicht Sterne deuten,
den del’schen Taucher nicht bemühn,
nicht den Gelehrten bitten, den zerstreuten –
fürs Schlichte muss man nur erglühn.

Und als ein Quell der reinsten Freude
gilt die Natur ihm jederzeit,
mit der er schmückt sein Versgebäude,
weil sie ein grünes Dach ihm leiht.

Doch über Veilchen, Rosen und Narzissen,
Holunder, Dost und Brombeerstrauch
schlägt ihm des “Boten“, Claudius‘ Gewissen:
„Und unsern kranken Nachbar auch.“

Mag er dem Schönen gern auch Blicke schenken,
verschließt er sie doch vor der Fratze nicht –
vor Monstern, die mit Blut die Erde tränken,
das aus den Wunden von Millionen bricht.

Und nicht als Tropfen nur, die fettig quellen,
nein, auch als feiste Ader auf der Stirn,
die dazu neigt, gleich anzuschwellen
aus Fremdenhass im unbedarften Hirn.

Spaliere liebt er, die sich unter Rosen biegen,
Gemäuer, das sich hoch zum Dome fügt,
doch ohne sich in diesem Wahn zu wiegen,
der sich zum Schönen stets das Gute lügt.

Wenn er auf kunsthistor`schen Pilgertouren
mit Staunen vor der Gotik steht,
sieht er des Glaubens grandiose Spuren,
doch auch des Jammers grause Majestät.

Was als Kultur wir überschwänglich preisen
ist nur der Aufsatz dumpfer Barbarei –
kann man mit Tryptichen die Armen speisen,
macht Maßwerk hör`ge Bauern frei?

Cellini hat man Morde gar vergeben,
nur dass er weiter modellier –
symbolisch fürs soziale Leben,
das Elend zu verbergen hinter Zier?

Wer sich erfreut an Bildern und an Tönen,
fühlt auch sich in den Nächsten ein –
die wahre Liebe zum Erhabnen, Schönen,
kann uns nur edel machen, nicht gemein.

Doch die, die alle Fäden der Ästhetik ziehen,
mit Kennermiene jedem Stück sich nahn,
Experten, Sammler, Händler, Galerien,
fühln statt dem Wert dem Markt nur auf den Zahn.

Sie lecken sich zu gerne nur die Lippen,
doch nicht aus Spaß am Kunstgenuss,
nein, weil sie auf ein hübsches Sümmchen tippen,
wenn Meister X mal untern Hammer muss.

Dazu warn viele ja, die heute unbestritten,
zu ihrer Zeit verspottet und verkannt
und in dem Sein, das für die Kunst sie litten,
nach allen ihren Regeln abgebrannt.

Mit Melodien, von jemandem erschaffen,
des Spur im Armengrabe sich verliert,
kann heute wer Millionen sich erraffen,
der ihn nur „kongenial interpretiert“.

(In eigner Sache eingeschoben:
Auch mir kommt keiner: „Gut, mien Jung!“
Mich wird wohl erst der Trauerprofi loben –
als Muss bei der Beerdigung.)

Doch wollt uns Salomo nicht lehren,
dass allen gleich die Sonne scheint?
Drum soll man Verse jedem auch verehren,
selbst wenn er ihren Sinn verneint.

Sich schenken ohne Gegengabe.
Und hoffen, dass man einige erfreu,
die`s, mehr auf Sein begierig denn auf Habe,
nicht schaudert vor dem geistigen Gebräu.

Doch nicht wie einer, unter Räuber grad geraten,
in heller Panik ihnen alles überlässt –
nein, die Gedanken wägend und die Taten,
zu nichts gezwungen und gepresst.

Kein Milchgesicht von stubenreiner Blässe,
von Pickeln pink und peinlich übersät
als Folge ungezählter geist’ger Aderlässe
und mickrig-magenschonender Diät.

Nein, einer, dessen rosig-runde Backen
er guter Hausmannskost verdankt,
nach der in plötzlichen Attacken
es sein Gelüste oft verlangt.

Und nicht gewillt, nur Feingeist zu verblasen,
kratzt er auch manchmal wem am Lack –
Hautgout ist nicht nur was für Hasen,
auch bei Honor’gen müffelt’s unterm Frack.

Kurzum: Wir müssen uns von Spitzweg lösen,
der drollig uns den Dichter porträtiert:
als zipfelmützig unbedarftes Kammerwesen,
das sich heroisch durch die Verse friert.

Würd dafür heute jemand Hunger leiden?
Sich für ’ne Handvoll Reime ruiniern?
In teures Tuch will man sich kleiden,
mit Kettchen seine bronznen Glieder ziern.

(Sie sehn: Ich hab den Trampelpfad verlassen,
auf dem ich selbst virgilisch neben Ihnen ging.
Das Folgende mag für die Starpoeten passen –
nicht mehr für mich als bloßen Dichterling.)

Wo war ich eben doch noch stehn geblieben?
Ach ja, ich hatte mich dem Mammon zugewandt,
den unsre Literaten heute derart lieben,
dass wohl ihr Unwort wär: Verkannt.

Man möchte in der Musenliga ganz nach oben,
die Spitze sich erobern in der Bücherschlacht,
nur Sachen liefern, die die Texte-Schiris loben,
auf dass mit „Toren“ man schön Kasse macht.

Sind Sie nicht auch schon mal so tief gesunken,
dass denkfaul Sie sich diesen Listen anvertraut
und von der süff’gen Sülze der Skribenten trunken,
begeistert `nen trivialen Fraß gekaut?

Ist Ihnen dabei denn nichts aufgefallen?
Na, dieses Muster, dieses ständige Rezept:
Sich hauen, stechen, prügeln und verknallen –
schön zeit- und ortsexotisch aufgepeppt?

Was Helden so in Kassenschlagern treiben,
das hat System, wie`s den Autoren nützt –
die möglichst platte Sensationen schreiben,
auf die sich gern ein Drehbuch stützt.

Ich will’s mal bissig formulieren,
weil mich womöglich Neid bewegt:
`ne Lyra kann man noch so schmieren,
das Publikum sie kaum erregt.

Viel Action, Puppen und Randale –
da liegen Film und Prosa vorn.
Das Schlichte, Sanfte, Minimale
verdient sich keine goldnen Sporn.

Und überhaupt: Sich Thriller auszudenken!
Gibt’s davon „live“ nicht schon genug?
Warum dem Bösen so viel Augen schenken?
Ist das nicht auch ein böser Zug?

Warum denn Blumen nicht besingen,
ganz harmlos, ohne krumme Tour?
Auch wenn sie Quoten nicht erringen –
sind es nicht Wunder der Natur?

Feuerzeichen

FeuerzeichenDas Flämmchen seh ich heftig schwanken
auf seinem blütengelben Pfühl,
als trüg es sich mit Fluchtgedanken
vom halb verkohlten Dochtgestühl.

Mir will es jedenfalls so scheinen,
es möcht sich lösen von dem Halt,
der da an seinen Feuerbeinen
gekrümmt sich in die Wade krallt.

Will es sich nur vom Sitz erheben,
um einmal kreuz und quer zu gehn,
den steifen Gliedern Raum zu geben,
die in den blauen Bauch ihm stehn?

Will`s übern Rand nur einmal lugen,
der seine winz`ge Welt umgibt
und dennoch wie aus allen Fugen
beharrlich sich nach unten schiebt?

Vielleicht will`s sogar weiter fliegen,
hat es die Fessel erst verlorn,
und hoch sich in den Wolken wiegen,
so wie der Phönix neugeborn?

Und sich am Ende gar vereinen
mit jener fern geballten Glut,
die als verwandt ihm mag erscheinen
mit ihrem hitzig wallnden Blut?

Nur Fragen. In die Feuerseele
dring mit Gewissheit ich nicht ein,
heißt unumwunden ich verfehle,
ihr irgend Sinn und Zweck zu leihn.

Um „Flammenflüstrer“ sich zu nennen,
hat keiner wohl den Bogen raus –
entweder würde er verbrennen
oder erstickt sie, löscht sie aus!

Allmählich dämmert`s

Allmählich dämmert'sDie heimeligste Atmosphäre:
Mein Stübchen in gedämpftem Licht;
nicht Helle und nicht schwarze Schwere –
des Dämmers mildes Angesicht.

Die Wände, blass in Gelb gehalten,
verraten noch der Farbe Ton,
der da nur, wo die Schatten walten,
dem Regenbogen schon entflohn.

Das Sofa, das wie angegossen
genau in seine Ecke passt,
zeigt sich in Blau noch, leicht verschossen,
doch dass die Netzhaut es erfasst.

Laternenschein hat sich verfangen
in der Gardine dichtem Flor,
doch bleibt, wenn auch mit glühnden Wangen,
auf dem Balkone außen vor.

Dazu dann die perfekte Stille.
Kein Mäuschen raschelt noch herum.
Und selbst die Glocken (Gottes Wille!)
stehn seit dem Angelus schon stumm.

Da sammle ich denn die verstreuten
Gedanken auf ein Blatt Papier,
um zum Poeten mich zu häuten,
der züngelt durch sein Sprachrevier.

Wie immer dauert`s eine Weile,
bis ich `nen guten Fang gemacht.
Stellt euch nur vor, bei dieser Zeile
(erst Strophe sieben!) wird`s schon Nacht!

Viel zu schwül

Viel zu schwülMit dieser Schwüle werd ich niemals Frieden schließen.
Zwei Tage hab ich mich nicht aus dem Bau gerührt.
Solln andre dieses „Warm und sommerlich“ genießen,
das Schauder bei mir nur und Ekel schürt!

„Auch heute können wieder wir für Hitze bürgen –
ein super Tag beschert uns bis zu 30 Grad“.
Ich könnt die Tussi mit der Honigstimme würgen,
die Sonnenfetischistin da im Apparat.

Viel lieber würde ich durch Gothab stapfen,
dem Eiswind stellen mich in Labrador:
Kristall’nes Weiß ringsum und glas’ge Zapfen,
ein Pelzchen über Bauch und Ohr.

Dazu ein Grog am prasselnden Kamine,
der die erstarrten Glieder neu belebt –
viel schöner, als wenn warm wie Vaseline
dir Schweiß, igitt!, am Körper klebt.

Es gibt kein schlechtes Wetter, wie wir wissen,
nur Kleidung, die dazu nicht passen will –
doch hast du alles dir vom Leib gerissen,
schmorst du erst richtig auf dem Sonnengrill!

Vor Eis und Schnee kann man sich schützen,
bei Sturm und Regen helfen Schirm und Hut,
doch was hilft gegen schweiß’ge Pfützen
aus tropenfeuchter Treibhausglut?

Ganz ruhig, nur nicht ohne Not bewegen –
ein Schritt zu viel, da sprudelt es schon los!
Ein Ventilator ist da`n wahrer Segen,
kühlt er den Bug auch vorne bloß.

Doch wenn die Flammenschwerter blitzen
und krachend diese dicke Luft zerhaun,
dass ihr die Teilchen nur so auseinander spritzen,
statt sich zu neuem Nass zu staun,

Und wenn in einer rauschenden Kaskade
der Himmel seiner Fluten sich entlädt,
damit die Erde wieder jung er bade,
die jetzt so sterbenselend vor ihm steht,

Dann ist der Jammer überwunden,
dem ja nicht ewig Zeit geliehn;
dann hab ich meinen Sommer noch gefunden –
und seinen Tort ihm sicher bald verziehn!

Weltveränderung

WeltveränderungWohin des Weges, ihr Gedanken
in eurem überstürzten Flug,
der ledig euch des Leibes Schranken
bis in mein freudsches Ego trug?

Was gibt es denn darin zu orten
an Jammer, Hoffnung und Begehr,
dass ich umschreibend es mit Worten
der einz’gen Leserin erklär?

Zufriedenheit müsst ich da nennen,
die selig stets sich selbst beschaut
mit Augen, die behaglich brennen,
so wie der Sommerhimmel blaut.

Woher? Von diesen Erdenbreiten,
die tiefer um des Globus Bauch
und sich mehr Sonnenschein erstreiten
als weiter nördlich es der Brauch.

Da hab ich also die Pantinen
vorübergehend abgestellt
und andre Dinge, die mir dienen
in meiner neuen Urlaubswelt.

Denn wie lässt besser sich genießen
die Muße, deren man sich freut,
als wenn ins Kraut die Tage schießen
und lange noch kein Abschied dräut?

Grad in die Sonne erst geflogen,
in den Azur, der unbefleckt,
an Wasser mit gestreckten Wogen,
die Wind nicht aus dem Schlummer weckt.

Zu Büschen, wie sie üppig grünen
mit feschen Blüten hinterm Ohr,
die Füße selbst in Sand und Dünen,
Hibiskus treibend noch hervor!

Und, und… Ich will hier innehalten
und keine Liste runterspuln
naturgegebner Wohlgestalten,
die rings um alle Sinne buhln.

Genauso wie aus heitrem Himmel
ein Stäubchen mal ins Auge fliegt,
so hab ich aus dem Hirngewimmel
dies ins Bewusstsein halt gekriegt.

Und habe mit spontanen Zeilen,
die ich im Nachgang noch verschlankt,
dem Fleck, wo nun die Botten weilen,
ein bisschen immerhin gedankt.