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Frühlingserwartung

FrühlingserwartungHerrscht Frühling jetzt? Würd ich vermuten –
mit frischen Blüten, um die ‘s summt und schwärmt,
mit Düften, die sich in die Luft verbluten,
dem Abendhauch, der wunderbar noch wärmt.

Gewiss in jenen südlichen Regionen,
die sich der Sonne freuen rund ums Jahr
und die seit je in unsren Träumen wohnen:
Hawaii, Tahiti oder Sansibar.

Doch so weit muss man sie nicht einmal strecken,
die feinen Fühler unsrer Fantasie –
auch in Europas südlich fernen Ecken
beugt schon der Winter, schwächlich eh, sein Knie.

Die Mandelbäumchen sieht man schon sich schmücken,
noch wartet Phyllis ja auf Demophon –
auf Thrakiens , Andalusiens Bergesrücken
die schönste Blüte ihrer Liebe Lohn.

Im Jänner schon verwandeln sie die Erde,
wo üppig man sie Wurzeln fassen ließ,
mit stolzer, weithin sichtbarer Gebärde
in ein ironisch schneeig Paradies.

So nah! Doch schau ich durch die Fensterscheibe,
starrt mich die Straße kalt und leblos an.
Zwei Hemden trug ich heute auf dem Leibe,
zwei Socken heute über Zeh und Spann!

Nicht anders war die Kälte auszuhalten,
die in die Ohren sich so fest verbiss,
dass es sie, schutzlos vor des Winters Walten,
gefühlt beinahe von den Schläfen riss.

Um wie viel wärmer werd ich ihn begrüßen,
zieht auch bei uns er bunt und fröhlich ein –
Millionen Märzenbecher ihm zu Füßen,
in denen’s nur so schäumt von Sonnenschein!

Auf alten Pfaden

Auf alten PfadenEin Wetterchen für Exkursionen
war das ja heute grade nicht,
doch meinten wir, es würd sich lohnen
der Preis, den unser Ziel verspricht.

Wir also im Geländewagen,
der nicht viel fragt nach dem Parcours,
mit Diesel im gefüllten Magen
ab in die bergige Natur.

Der Aufstieg ging in Serpentinen,
dass beinah Schwindel uns erfasst
und die besonders wert uns schienen,
die schönsten Blicke wir verpasst.

Allein je höher wir dann kamen,
war‘s auch mit schlechter Sicht vorbei –
die lichtbedürft‘gen Panoramen
verschwanden wo im Nebelbrei.

Und dennoch glücklich eingetroffen,
wo sich‘s um die Forelle dreht –
die Mäuler standen uns schon offen
im Duft der Spezialität,

Als unsre Plätze wir bezogen
im gut besuchten Gästesaal
und harrten, dass aus Dampfeswogen
der Fisch sich auf den Teller stahl.

Der ließ nicht lange auf sich warten
und füllte ihn von Rand zu Rand,
was in bescheidnen Speisekarten
sich nicht einmal verzeichnet fand.

Mit einem Wort, uns war zumute
wie einem, „dem das Herze lacht“,
als satt wir auf ‘ner Nebenroute
uns wieder auf den Weg gemacht.

Und höher noch die Gipfel ragten
und dichter noch in Dunst getaucht,
dass nach ‘ner Lücke wir uns fragten,
die zur Bewältigung man braucht.

Die kam dann schon beim nächsten Orte,
dem hoffnungsvoll wir zugeeilt,
als Zaffarayas Pass und Pforte,
da wo man die Provinzen teilt.

Zwei polyphemische Pylone
flankierten hier der Straße Lauf
und schlossen nach der Höhenzone
den Weg ins weite Tal uns auf.

Von Menschen kaum ein Lebenszeichen
auf unsrer langen, langen Fahrt.
Verbargen unter Kermeseichen
sie ängstlich ihre Gegenwart?

Passt eher zu den alten Zeiten,
als Hannibal hier vorgerückt
mit Kriegern, die auf Monstern reiten –
wer hätte da sich nicht verdrückt!

Unter Mitessern

Unter Mitessern, Pieter AertsenHeut wieder träge mal gesessen
und pausenlos Natur gekuckt,
verknüpft mit `nem Tavernen-Essen,
das man nicht aus der Gurgel spuckt.

Und weil es Samstag grad gewesen
und auch zwei Uhr gerad vorbei,
war schon der Gastraum voll samt Tresen,
doch draußen noch ein Plätzchen frei.

Da klemmten wir dann im Gedränge
wie zwischen Fingern eine Laus,
doch abgesehen von der Enge
mit Aussicht auf die See hinaus.

Die Sonne blitzte auf den Wellen,
die kaum ein leichter Wind bewegt
und nach der Art von Waldesquellen
zum Flüstern heut nur aufgelegt.

Und schickte auch die wärmsten Grüße
zu uns hinüber auf den Strand,
so dass vom Kopf bis auf die Füße
man wohlig sich beschienen fand.

Die Speisen dann, o alle Ehre
der Küche, die sie komponiert –
ein Gaumen, der enttäuscht da wäre,
hätt vor den Göttern sich blamiert!

Und anders als die Wellen schnappen
mit Lippen ohne Lust und Leid,
genoss er gierig jeden Happen,
der in den Rachen ihm geschneit.

Wir mussten allerdings drauf achten,
dass mit der gabelführnden Hand
wir nicht zu große Gesten machten,
denn sonst stieß sie auf Widerstand

Bei Bäuchen, Brüsten oder Rücken
der Nachbartischgenossenschaft,
die ihrerseits aus freien Stücken
die Arme an den Leib gerafft.

Doch wer würd auch beim besten Willen
beschwörn, dass kein Malheur passiert,
wenn, seinen Appetit zu stillen,
man körperlich Kontakt riskiert?

So ein Gelage ist nicht ohne,
da geht der Geist des Chaos um –
in diesem Falle `ne Zitrone,
die sauer war, wer weiß warum.

Die kam vom Nebentisch geflogen,
noch ehe man sie ausgepresst,
damit sie sich in hohem Bogen
auf meinem Fuße niederlässt.

Zerschellte da und fiel daneben
in unwegsames Niemandsland.
Ich hab ihr einen Tritt gegeben
und höflich sie zurückgesandt.

Hoher Besuch

Hoher BesuchSo wie `nen Hecht im Karpfenteiche,
`nen Hai in einer Tümmlerschar,
sah man sofort, dass hier das Gleiche
nicht friedlich nur versammelt war.

Da draußen in der offnen Weite,
`nen Fingerbreit vorm Horizont,
dass man ums Futter sich nicht streite,
die Trawler in sehr breiter Front.

Doch winzig klein wie Wasserflöhe,
die schwimmen auf der dünnen Haut
und fortgeweht von jeder Böe,
wie sie die Oberfläche raut.

Davor dann, doch der Küste näher,
von deutlich größerer Statur,
ein Einzelschiff, robuster, zäher,
das völlig ohne Netze fuhr.

Marine! schoss mir der Gedanke
beim ersten Anblick in den Sinn –
dies Grau, dies düstere und kranke,
weist auf die Staatsgewalt ja hin.

Und während sich die andern Kähne
allmählich lösten aus der Ruh
und liefen mit `ner Flattermähne
von Möwen auf das Ufer zu,

Lag unsre brave Küstenwache
da wie `ne Tonne auf dem Fleck,
als ob sie `ne Kontrolle mache
auf faule Flundern im Gepäck.

Doch unbehelligt von den Rohren,
in die sie plötzlich da gestarrt,
haben die Fischer ungeschoren
ihrn Fang wie stets an Land gekarrt.

Und die mir für gefährlich galten
in ihrer kugelsichren Wehr,
vielleicht dass sie nur Ausschau halten
und Menschen fischen aus dem Meer!

Möwen satt

Möwen sattDa hab ich nun mein Bett bezogen
zumindest für ein halbes Jahr
nur einen Katzensprung von Wogen
und Nixen weit mit Tang im Haar.

Und halten die sich auch verborgen,
da sie des Fischers Netze scheun,
muss ich um Möwen mich nicht sorgen,
die frei der Lüfte sich erfreun.

Ich weiß nicht, ob sie wer gezählet
(mal abgesehn von Gott, dem Herrn),
weil mir ein Nachweis dafür fehlet,
an dem statistisch nicht zu zerrn.

Doch was allein die Augen sehen,
ersetzt mir noch die klügste Schrift:
Die Menge dieser Meereskrähen
bei Weitem alles übertrifft.

Wie sie zu Tausenden da flattern
dem vollen Kutter hinterher,
um eine Beute zu ergattern,
die schon geborgen aus dem Meer,

Und wie sie haufenweis erscheinen,
wirft jemand Spatzen Krümel hin,
auf ihren kurzen Storchenbeinen
zu sehn, ob auch für sie was drin,

Und auch wie sie zur Dämmerstunde,
die Klüsen seewärts stets gewandt,
erwartungsvoll als Tafelrunde
sich strecken übern Ufersand,

Sind sie die Herrscher dieser Breiten,
egal in welchem Element,
und auch zu allen Jahreszeiten
in ihrem Küstenreich präsent.

Nur manchmal, wenn sie statt zu fliegen
in heillos aufgeregter Schar,
entspannt sich auf den Wellen wiegen,
wird ihr Geheimnis offenbar.

Dann kann man weithin ihr Gefieder
im Silbergrau der Wogen sehn,
ein schwaches Weiß, das auf und nieder
die gut gelaunten Winde wehn

Und das doch da im Meer verloren
wie Schaum, der in der Strömung treibt
gleich dem, der Venus einst geboren,
zu einem Wesen sich beleibt.

Der Tethys selbst sind sie entsprungen,
die weiterhin sie säugt und nährt,
dass gierig ihnen aus den Lungen
des Kindes Kreischen noch entfährt.

Ein windiger Tag

Ein windiger TagWind, Wind, warum denn dieses Feuer,
das deiner Lunge du entringst,
dass mit `ner Glut, die ungeheuer,
du gar das Meer zum Kochen bringst?

Was für ein Wellen und ein Wogen
hast aus dem Wasser du gestampft,
mit Wolkenqualm es überzogen,
wie er in Hexenküchen dampft!

Vom Mond natürlich keine Rede
und von den Sternen keine Spur –
wie immer liegst du ja in Fehde
mit andern Mächten der Natur.

Wie gierig saugst du an den Spitzen,
die aufgeworfen deine Wut,
dass weißen Gischt sie um sich spritzen
als ihrer Adern salz`ges Blut!

Wie sinnlos wirfst du auf die Klippen
die Brandung, die sich panisch bäumt
und, Hals gebrochen jäh und Rippen,
verebbend sich im Meer verschäumt!

Hier lass ich mein Lamento enden,
weil ich zu Hause angelangt
und mir in sturmerprobten Wänden
nicht vor dem Ohrenbläser bangt.

Doch da er sich in seiner Hitze
auch polternd gegen Türen stemmt,
hab ich die meine an der Ritze
schön mit `nem Zettel festgeklemmt!

Die Könige kommen

Die Könige kommenFühlt unter Wundern, unter Zeichen
man sich im Glauben nicht bestärkt?
Da kann ein Regenbogen reichen,
den jäh am Himmel man bemerkt.

Hat so nicht einst den Bund besiegelt,
den Jahve mit den Juden schloss,
der IrisSchopf, der schön gestriegelt
in Kurven auf die Erde floss?

Dreikönigstag. Die Majestäten,
anstatt Kamelen unterm Stert,
ham für den Aufmarsch sich erbeten
`nen Lieferwagen als Gefährt.

Da thronen sie in bunten Trachten,
die ein gewalt’ger Turban krönt,
indes nach Süßigkeiten schmachten
die Kinder, die nicht goldverwöhnt.

An Weihrauch ebenso wie Myrrhe,
die an die Krippe einst gelegt,
herrscht heute eh ja große Dürre,
weil Krösus selbst zu sparen pflegt.

Die Kirche aber, nie verlegen
um Tricks, die Welt zu hintergehn,
behilft sich mit `nem Bontje-Regen,
der schön wie Manna anzusehn.

So zieht sie hin, die Karawane,
dass laut es durch die Straßen hallt,
indem auf rollnder Ottomane
sie zu den Gotteshäusern wallt.

Da macht sie jeweils eine Pause
für ein, zwei Augenblicke dann,
weil hier ja Jesus auch zu Hause,
vertreten durch den Gottesmann.

Die Stimmung: feierlich gehoben,
wie sich`s fürn Staatsbesuch gehört,
den auch der dunkle Himmel droben
nicht mit `ner kalten Dusche stört.

Obwohl sich immer schwärzer ballen
die Wolken , die da eilig ziehn,
doch ohne dass noch Tropfen fallen
auf Purpur und auf Hermelin.

Statt dessen wölbt ein Regenbogen
sich lächelnd über ihn hinweg
und senkt, o Wunder, ungelogen
sich haargenau auf diesen Fleck!

Wetterkapriolen

WetterkapriolenAn manchen Tagen möcht man meinen,
die gute Erde sei beseelt.
Grad heute scheint sie mir zu weinen,
als ob ihr irgendetwas fehlt.

Die Tränen haben sich gefangen
am flachen Fenster-Firmament,
begrenzt durch die Gardinenstangen
und durch das Holz der Tür getrennt.

Den Juli wird sie wohl beklagen,
der wieder gründlich ihr missriet.
Die Hitze ist nicht zu ertragen:
In Fett erglänzt schon jedes Glied.

Feist kam die Schwüle angekrochen
wie eine Schlange in ihr Nest.
Passionszeit in den Sommerwochen,
die Perln dir aus den Poren presst.

Doch Regen lauthals zu verspritzen,
krümmt diesem Ringeltier kein Haar,
denn nach dem Donnern und dem Blitzen
ist alles wieder wie es war.

Die Zeit ist aus dem Lot geraten,
Prognosen kommen ihr nicht bei.
Die Wetterfrösche liefern Daten –
und Petrus reißt sie gleich entzwei.

Des Bauern Weisheit wie schon immer
am zuverlässigsten noch ist:
Es bleibt, wird besser oder schlimmer,
sooft der Hahn kräht auf dem Mist!

Stummgeschaltet

StummgeschaltetDie Brandung hör ich heut nicht rauschen,
den Wind nicht rütteln an der Tür,
mag noch so ich ins Dunkel lauschen
mit stethoskopischem Gespür.

Ich liege warm in meinem Kissen,
die Decke bis ans Kinn gerafft,
und kau an den Gedankenbissen,
die flüchtig mir das Hirn verschafft.

Von meinen unsichtbaren Füßen
`ne grade Linie fortgedacht,
käm aus der Stube sie, der süßen,
rasch in die raue Meeresnacht.

Von meinen unsichtbaren Händen
`ne grade Linie fortgedacht,
wär sie aus festgefügten Wänden
in schwanke Wellen schnell gebracht.

Nur Schritte sind es bis zum Strande,
der oft mit Spitzen sich besäumt,
wenn wütend auf die trocknen Lande
die Woge ihren Geifer schäumt.

Von meinen unsichtbaren Knochen
`ne grade Linie fortgedacht,
hätt bei Polypen sie und Rochen
schon nach Sekunden haltgemacht.

Noch größer könnte wohl die Nähe
zu diesem Wasser gar nicht sein,
es sei denn, dass ich nachts die Zehe
im Liegen tauchte darin ein.

Ihr Mächte, die ihr sonst entfaltet
der Tiefe ganzen Lautbestand,
was hat euch heute stummgeschaltet,
so stumm wie dieser Ufersand?

Wollt mit dem Schweigen den ihr mobben,
den sonst ihr gern in Schlummer singt?
Ich zähle Schafe, zähle Robben –
was höchstens mich auf achtzig bringt.

Und wie ich noch so bei mir denke,
dass selbst `ne Nadel, die jetzt fällt,
weil sie ja weich ins Wasser sänke,
sich ihrer Stimme wohl enthält,

Bemerk ich, wenn die Ohrn nicht trügen,
im Hause wo ein Atmen leicht,
wie es mit regelmäß’gen Zügen
dem Auf und Ab des Meeres gleicht.

Willkommne Laute! Nehm sie gerne
als Wiegenlied für heute an –
und lass für Wellen, Mond und Sterne
die Stille, die mich jetzt mal kann!

Nachtschwärmer

Späte AusfahrtJetzt ziehen sie zur Dämmerstunde
noch auf die stille See hinaus,
das Einkaufsnetz bereit für Funde
in Neptuns großem Warenhaus.

Wie Käfer einer nach dem andern
entschlüpfen sie der Mole Schoß,
um schwankend zum Geschäft zu wandern,
drei Meilen vor der Küste bloß.

Schon haben bis an Ort und Stelle
die Ersten ihren Kahn gelenkt
und schöpfen aus der Nahrungsquelle,
was sie an Früchten ihnen schenkt.

Die andern sind noch auf dem Wege
und steuern völlig zielbewusst
nach diesem wogenden Gehege,
das offen ist für Fracht und Frust.

Mehr kann ich euch dazu nicht sagen.
Lachsrot färbt sich der Horizont,
indes mich langsam weitertragen
die Füße an der Wasserfront.

Wie viele Schritte ich gegangen?
Ich weiß nicht, gab nicht acht darauf;
die Dunkelheit hat angefangen,
schon leuchten die Laternen auf.

Da draußen, wo die Kutter kreisen,
ist alles finster schon und blind,
und ihre Lichter nur beweisen,
dass sie da noch vorhanden sind.

Die wird kein Wind so leicht verwehen
noch löschen rasch geborgner Fang.
Da heißt es erst noch Schlange stehen –
die Nacht des Fischers, sie ist lang.