Archiv der Kategorie: Natur

Lücke gefüllt

Lücke gefülltMit tausend Tricks und Varianten
bereichert die Natur ihr Spiel,
dass nicht nur Wetterdilettanten
Verzweiflung häufig schon befiel.

Da heißt’s auf viel gefasst sich machen:
Heut zeigt sie prächtig sich besonnt,
und morgen lässt mit Blitz und Krachen
sie wackeln die Gewitterfront.

Dir laufen Schauer übern Rücken,
dir faucht der Wind ins Angesicht?
Gleich wird der Himmel dich entzücken
mit Blau, in das er Hitze flicht.

Na, alle diese Eskapaden
ich hier am Ort bezeugen kann
genau wie manchen Wasserschaden,
der unbeschirmt aufs Dach mir rann.

In der Kuriosensammlung fehlte
mir allerdings noch ein Objekt,
das die Natur mir stets verhehlte,
weil sie im Ärmel es versteckt.

Heut hab ich endlich es gesichtet,
weil es dem Blick sich aufgedrängt –
den Nebel, der noch ungelichtet
wie Watte überm Wasser hängt.

Sicht, schätz ich, keine zwanzig Meter
über den Saum des Strands hinaus.
Und so ergänzte mir Sankt Peter
sein Wackelwetterkartenhaus.

Angenehme Wartezeit

Angenehme WartezeitNachmittäglich noch war geschlossen
der Ort, an dem wir avisiert,
so dass wir diese Zeit genossen,
die man beim Warten sonst verliert.

Ein Weg durch schattige Platanen
kam uns zum Rasten grade recht,
um etwas Ruhe abzusahnen
aus diesem üpp’gen Blattgeflecht.

Der Maler, der nur wen’ge Schritte
entfernt im Pinselstrich verharrt,
war ziemlich bis zur Leibesmitte
zu seinem Denkmal schon erstarrt.

Doch wie viel länger hat gestanden
dies Ungetüm von Gummibaum,
den Stämme schlangenhaft umwanden
bis weit noch überm Straßenraum!

Und stets dabei Passanten gucken –
doch nur verstohlen und diskret.
Bescheiden in die Bank sich ducken,
indes die Zunge Spott entlädt.

Wie rasch da die Minuten liefen,
viel rascher noch als Wolken ziehn,
bis unsichtbare Kräfte riefen
die Lästernden zum Ortstermin.

‘ne kleine Immobiliensache,
nur fünf Minuten fürs Papier.
Und Jungs und Mädchen da vom Fache
genauso aufgekratzt wie wir!

Kleine Ausnahme

Kleine AusnahmeVon einem guten Geist geborgen!
Mich wiegen Wellen in den Schlaf
und Sonne weckt mich jeden Morgen,
sobald ihr Kuss mein Auge traf.

Tags ist der Himmel blau gestrichen
perfekt und ohne Wolkenweiß;
und kommt der Dämmer angeschlichen,
ergraut er allenthalben leis.

Nachts punktet er mit tausend Sternen,
die übers Firmament gesät,
so wie ein Schimmer in Kavernen,
der Gold in ihre Decke näht.

Der Wind weilt häufig in den Kalmen
und legt sich zum Verpusten flach.
Dann spenden Kühle mir die Palmen
mit ihrem breiten Blätterdach.

Geht mir die Hitze an die Nieren
und taucht das Hemd in Feuchtigkeit –
warum denn die Geduld verlieren:
Das Windrad steht ja griffbereit.

So ist für alle Wechselfälle,
die die Natur hier produziert,
ein Mittelchen geschwind zur Stelle,
das Wohlbehagen garantiert.

Nur dieser Schnupfen, der seit heute
mein Nasenloch in Atem hält,
ist, wenn die Zeichen recht ich deute,
dem Geiste hier nicht unterstellt.

Windige Burschen

Windige BurschenDem Ersten ist schon nicht zu trauen,
da er mit Unsinn gleich beginnt
und, sich sein flücht’ges Nest zu bauen,
die ulkigsten Geschichten spinnt.

Was soll man von den andern halten,
die auch auf seine Fahne schwörn
und sich zu einem Trupp entfalten,
dem dreißig Nasen angehörn?

Sie haben doch in frühren Jahren
sich schon nicht eben zahm gezeigt
und mit der Wildheit von Barbaren
den Geist der Harmonie bestreikt.

Drum heißt es erst mal skeptisch bleiben
und warten, wie es weitergeht,
um dann post festum aufzuschreiben,
was künftig in der Chronik steht.

Bisher ist alles gut gelaufen.
Die Burschen brachten Sonne mit,
dass in den Tonnen und den Traufen
man unter großer Dürre litt.

Die soll auch in den nächsten Tagen
sich nicht in Sack und Asche hülln,
der Wetterfrösche Einkaufswagen
im Gegenteil zum Rande fülln.

Fürn ganzen Monat ‘ne Prognose
ich daraus nicht entwickeln will –
geht keine leichter in die Hose
als die für diesen, den April.

Thema Vanitas

Thema VanitasSofern du, Les’rin, meine Zeilen
mit Neugier schon seit Läng’rem liest,
erübrigt sich’s, dir mitzuteilen,
dass vieles da zusammenfließt.

Oft hab ich die Natur beim Wickel,
weil ihren Geist man nie ermisst
und selbst der kleinste Nasenpickel
ein Wunder an Erfindung ist.

Doch auch der Mensch mit seinen Macken
ist mir willkommenes Objekt,
um am Schlafittchen ihn zu packen,
bis er zum Hals in Strophen steckt.

Auch nehm ich manchmal auf die Schippe,
was faul in unserm Staat ich find,
und dass an seiner Futterkrippe
mehr Satte als Bedürft’ge sind.

Ein breites Spektrum der Betrachtung,
in das mein Eifer sich versenkt
und meiner lyr’schen Tagesschlachtung
stets ‘ne gefüllte Kumme schenkt.

Doch reicht es, einfach zu zersplittern
den spröden Knochenbau der Welt,
und nicht dahinter auch zu wittern,
was sie im Grund zusammenhält?

Ist Selbstsucht dieser rote Faden,
der das gesamte All durchzieht,
die Galaxien und Sternnomaden
und ihren ganzen Schotterschiet?

Dass eins nur auf des andern Kosten
gewaltsam Oberhand gewinnt
und dies auch wieder, Auslaufposten,
im nächsten Höllencrash zerrinnt?

Und dass der Winzling auf der Erde,
der nach ‘nem Gott sich glaubt geprägt,
in diesem ew’gen Stirb und Werde
ganz nach dem Universum schlägt?

Die Skala seiner stärksten Triebe,
sie nährt ja grade den Verdacht –
die polygame Eigenliebe
zu Reichtum, Renommee und Macht!

Da tritt er in des Kosmos Stapfen
in seinem blinden Eigensinn,
um ähnlich Unheil zu verzapfen
gar bis zur Selbstvernichtung hin.

Und denkt nicht, dass nur wen’ge Jahre
in einem Winkel hallt sein Schritt.
Das bisschen Zeit nimmt auf der Bahre
in alle Ewigkeit er mit.

 

Frühling garantiert

Frühling garantiertGeht wieder aufwärts, liebe Leser,
verzweifelt nicht am Sonnenschein,
der März beißt fast schon in die Gräser
und kriegt auch noch den Winter klein.

Der hat sich heuer gut gehalten
und treibt sich immer noch hier rum
mit seinen finstren Hilfsgestalten,
dem Boreas und Pluvium.

Doch nichts mehr für die große Glocke –
allmählich steht er auf dem Schlauch.
Schon glänzt in goldenem Gelocke
am Wege der Akazienstrauch.

Für morgen also die Prognose:
Zum ersten Male frühlingshaft.
Kein Wind und keine Wasserhose.
Azur, der um die Sonne klafft.

Die schwer beladne Wäscheleine,
die drüben an der Hauswand hängt,
bekommt dann endlich wieder Beine
und wird im Kleiderschrank versenkt.

Und ich, der ich im Nest gefangen,
mehr oder wen’ger Trübsal blies,
krieg wieder Farbe auf die Wangen
und strandwärts ‘nen Sardinenspieß.

Doch ist dem Wetterfrosch zu trauen?
Was, wenn er uns verulken will?
Wär auch als Fortschritt anzuschauen:
Dann hätten wir halt schon April.

Kleine Sprachlehre

Kleine SprachlehreSo hab ich sie noch nie erfahren,
die Wetterlage hier vor Ort –
nur Wolken, ohne aufzuklaren,
nur Regen reichlich „frei an Bord“.

Da kannst du dir den Schädel kratzen,
weil du vollkommen ratlos bist,
es schüttet Hunde hier und Katzen,
falls Englisch dir geläufig ist.

Und das nicht nur mal ein, zwei Tage,
wie’s hin und wieder wohl geschieht,
nein, diese feuchte Himmelsplage
schon in die zweite Woche zieht.

Wo ich noch gestern Abend dachte,
der Spuk sei endlich nun vorbei
und sorglos auf den Weg mich machte
im Wahne, er sei flutenfrei.

Was nur von meinem Fenster oben
den falschen Anschein hat erweckt,
so dass ich blindlings rausgestoben
und keinen Schirm mir eingesteckt.

So kriegte voll ich auf die Platte
des Irrtums schlagenden Beweis,
dass triefend wie ‘ne Wasserratte
den Klügeren ich gab mich preis.

Muss ich den Vorfall drum bejammern?
Erst mal das nasse Zeug vom Leib
und in der Wohnung warmen Kammern
sodann zum Musenzeitvertreib!

Doch dichten soll mir nicht genügen:
Ich will was lernen aus dem Flop.
Auf Spanisch heißt’s: „Es gießt in Krügen“.
„A cántaros“. Das bleibt im Kopp.

Relativ warm

Relativ warmEin Mythos ist das mit dem Süden
und seiner steten Molligkeit,
dass locker da den nordisch rüden,
den rauen Winter man vermeid.

Das mag zur Not für draußen gelten,
wo wohlig noch die Sonne wärmt,
da sie in den borealen Welten
sich fröstelnd schon am Himmel härmt.

Doch streunt der Mensch denn auf den Gassen
am Tag wie ’n herrenloser Hund,
ein Stückchen Sonne sich zu fassen
als heiß ersehnten Knochenfund?

Und selbst wenn Stunden er verbrächte
im temperierten Freien wo,
würd er zumindest doch der Nächte,
der schweinekalten hier nicht froh.

Kann sein, dass in der sommerschwülen
Behausung wer sich so erhitzt,
dass er nun, um sich abzukühlen,
in seiner eis’gen Bude sitzt.

Doch ich, der ich dem Frost entflohen,
mir dieses Fleckchen hier gewählt,
hab wirklich nichts von ‘nem Heroen,
der gern sich durch Extreme quält.

Die Crux ist, dass die Wohnlichkeiten
nur unvollkommen ausstaffiert
mit Wärmequellen für die Zeiten,
wenn nicht der Schneider nur hier friert.

Meist klebt wo in ‘ner Zimmerecke
so ’n Klimakasten an der Wand,
dass sommers Kühle er erwecke,
die er im Winter möglichst bannt.

Doch niedrig bleibt der Hitzepegel
und auf den einen Raum beschränkt,
die gute Stube in der Regel,
in der besagter Kasten hängt.

Paradoxon der Klimazonen,
das technisch nur zu lösen wär:
Im Winter lässt sich’s wärmer wohnen
im Norden als am Mittelmeer!

 

Stiller Ozean

Stiller OzeanPhlegmatisch lag die Wassermasse
in ihrem ungeheuren Bett,
so zäh und klebrig wie Melasse,
so glasig-grau wie Pfannenfett.

Das stete Auf und Ab der Wellen
war so verfallen und verflacht,
dass ohne Berg und Tal und Dellen
es kaum Gekräusel noch gemacht.

Versteht sich, dass kein Lüftchen wehte,
das Leben in die Fluten blies
und irgendwem die Segel blähte,
der sorglos wo vom Ufer stieß.

Und auch, so weit das Auge reichte,
kein Kiel, der eine Furche zog,
nur dieses Laue, Eingeweichte,
das bis zum Horizont sich bog.

Man hörte auch kein Flügelschlagen,
den schrillen Schrei der Möwe nicht,
die ja vom Winde nur getragen
das Schweigen dieser Räume bricht.

Nein, die sich wellend wir nur kennen,
mal mehr, mal weniger, die See,
sie ließ sich auf den Pelz was brennen
und ruhte reglos wie Gelee.

Erholt sie sich denn niemals wieder,
bleibt sie erstarrt in diesem Schreck?
Da fiel ein bisschen Sonne nieder –
war das ein Funkeln auf dem Fleck!

Schiff ahoi

SchiffspassageWenn ich mal in die Weite spähe,
zeigt öde sich das Meer zumeist.
Es scheint, dass hier in Küstennähe
kein Schipper gern vorüberreist.

Die für die Fahrt bestimmte Rinne
auf offner See weit draußen liegt,
dass mit dem schärfsten aller Sinne
man sie nicht vor die Klüsen kriegt.

Und wenn dann dennoch in der Ferne
so’n Kahn mal klein zu sehen ist,
klebt seinen Blick darauf man gerne,
weil in der Not man Fliegen frisst.

So hab ich’s heute grad erfahren,
als ich verträumt am Ufer ging
und unversehns mit Haut und Haaren
‘nen Frachter mit der Netzhaut fing.

Der kroch bedächtig wie ‘ne Schnecke
da auf dem hohen Kamm der Flut,
dass es wohl bis zur nächsten Ecke
noch in ‘ner Stunde nicht akut.

So lange wollte ich nicht stieren,
ich riss mich von dem Anblick los
und ließ das Pünktchen sich verlieren
in Mutter Meeres großem Schoß.

Erst jetzt, da ich’s in Tinte tränke
beim Kerzlein, das beharrlich blakt,
packt mich ein Schauder, wenn ich denke,
wie klein man in die Welt sich wagt!