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Sich finden

Sich findenIm Kosmos nur ein Häufchen Erde,
das um ‘nen dicken Brocken schwirrt,
auf Füßen nicht und nicht zu Pferde,
doch wie der Blitz und unbeirrt.

Und in dem Chaos nicht zu orten,
das der Verstand noch nicht kartiert,
weil weit er vor den letzten Pforten
wie Sisyphus den Mut verliert.

Dass nun zu Pluto schon geflogen
‘ne Linse mit besondrem Schwung,
heißt: um die Ecke bloß gebogen,
heißt: kosmisch nur ein Katzensprung.

In diesen ungeheuren Weiten,
die selbst das Licht mit Müh durchmisst,
in diesen ungeheuren Zeiten,
wo keine Gegenwart mehr ist…

Woher den Optimismus nehmen,
man hätt wer weiß was schon erreicht –
vielleicht wird man sich einmal schämen,
dass man dem Floh im Tümpel gleicht.

Triumphe in die Welt trompeten
aufgrund der langen Himmelfahrt?
War doch nur ‘n Auf-der-Stelle-Treten,
geräuschvoll nach Flamenco-Art.

Doch wie bei solchen Dimensionen
ich selbst mich richtig adressier?
Ganz leicht: Wo immer wir auch wohnen,
wir finden uns ja immer hier.

 

Beine vertreten

Beine vertretenVom Wetter wär was zu berichten,
weil’s einfach aus dem Rahmen fällt:
Kein Hoch ist weit und breit zu sichten,
kein Himmel, der die Sonne hält.

Und das in diesen Julitagen,
von denen Bessres man gewöhnt,
ja, sogar unter Helios’ Wagen
vor Hitze manches Mal gestöhnt.

Im Wechsel Sonne, Wolken, Regen,
im Wechsel Feuchtigkeit und Wind.
Es scheint, es geht dem Herbst entgegen
und dass der Sommer schon verrinnt.

Der Strich blieb heut bei achtzehn stehen,
mehr Petrus nicht erlauben wollt.
Und mehr ist auch nicht abzusehen –
Gott weiß, warum der Alte grollt.

Der Wind blies fix uns um die Ohren,
als wir ‘nen kleinen Trip gewagt
und dann auch glücklich ungeschoren
zehn Meter durch den Wald gejagt.

O nein, nicht dass ein jäher Schauer,
ein Wolkenbruch zur Rast uns zwang!
Es war nur eine Kioskmauer,
die hemmte unsern Wanderdrang.

Die warb da mit gebratnen Tauben
fürn Eintritt ins Schlaraffenland –
ein Würstchen musste daran glauben,
das auch sich auf der Karte fand.

Da saßen wir im Buchenschatten
mit andern dichtgedrängt und warm.
Zwei, drei, die Hunde bei sich hatten,
zwei, drei mit Kindern auf dem Arm.

Sommerhitze

SommerhitzeGesäumt von Kiefern und von Eichen
der Weg im Staube vor uns lag.
Wir warn sein einz’ges Lebenszeichen
an diesem stillen Nachmittag.

Ein Hänfling nur auf jenem Drahte,
der mit uns in die Ferne lief,
pfiff unentwegt sein Jubilate
der Liebsten zu, die wohl grad schlief.

Wir konnten unsre Füße hören,
ihr Knirschen auf dem sand’gen Grund.
Links gingen Eichen mit und Föhren.
Es war des Pan verwunschne Stund.

Kurz spendete die Buchenhecke,
die plötzlich hochgeschossen kam,
uns Schatten bis zur nächsten Ecke,
wo ihn die Sonne wieder nahm.

Sonst keine Kühlung auf dem Wege.
Die Luft schloss warm und weich uns ein.
Der Eichen nur und Föhrn Gehege
lag dunkel unterm Sonnenschein.

So sind wir träg dahingeschlichen
und bald bis auf die Haut durchweicht.
Am Schluss die Uhren noch verglichen:
Ein Stündchen hat dafür gereicht!

Der Gang uns keine Frische brachte.
Doch kaum zu Hause angelangt,
o wie es flammte da und krachte,
dass um die Bude wir gebangt!

Und doch wurd Blitz und Donnergrollen
nie inniger herbeigesehnt!
Als überall die Bächlein quollen,
hab still ich mich zurückgelehnt.

 

Blinde Passagiere

Blinde PassagiereWenn Augen wir im Schädel hätten,
die eines Adlers würdig wärn,
wir könnten uns vor Tiern nicht retten,
die sich von unsereins ernährn.

Denn zu Millionen streift die Bande,
die nur aus Winzlingen besteht,
durch unsres Leibs gelobte Lande,
wo’s ihr wie Milch und Honig geht.

Sie rauben und sie marodieren,
wo immer sie auch Fuß gefasst,
in sämtlichen Organrevieren
als kriegerischer Dauergast.

Und wenn man da zu ihrem Peche
sie nicht mehr unterbringen kann,
dann siedeln auf der Oberfläche
der Haut sie sich verwegen an.

In jedem Fall ein Heer Mikroben,
das sich behauptet auf dem Feld
und jedem Feind von draußen, droben
sich schlachterprobt entgegenstellt.

Verteidigung der Futterplätze,
der Pfründen, fett und steuerfrei,
im Schutz genetischer Gesetze,
dass man sich selbst der Nächste sei.

Doch kann nicht mal ein Lump vermeiden,
dass manchmal Gutes ihm gelingt:
Kauft sich ‘ne Weste, weiß und seiden,
die seinem Schneider schön was bringt.

In diesem Sinne: Jacke, Hose,
nützt uns auch ihre Abwehrkraft.
Einsiedlerkrebshafte Symbiose.
Bakterie-Mensch: O Partnerschaft!

Zum Abschied

Zum AbschiedDas war’s mal wieder, wie im Fluge
ist sie dahingerauscht, die Zeit,
und morgen heißt es schon: Dem Zuge
nach Norden hübsch sich eingereiht!

Die Schönen liegen jetzt am Strande,
die Lütten hüpfen fröhlich rum,
und draußen fern vom festen Lande
stößt sich ein Kahn den Steven krumm.

Indessen schwenkt die Himmelslampe
bedächtig über den Azur
und tätschelt Hühnerbrust und Wampe
ganz ohne Ansehn der Figur.

Kaum Wind, um aus der Ruh zu bringen
des Sandes flüchtigen Verbund,
und auch der Palmen grüne Schwingen
scheuern sich träg am Stamme wund.

Gedämpfter klingen jetzt die Laute
im glühend heißen Sonnenlicht,
als ob’s die Kehle rötlich raute,
dass leis sie nur und zögernd spricht.

Ein Seebad, eine Sommerfrische.
Doch nicht mondän und nicht vulgär,
vielmehr als ob am Sonntagstische
Familie versammelt wär.

Versteht sich, dass man ungern scheidet
von so ‘nem liebenswerten Fleck
und seine Einschlafschäfchen weidet
auf Daunen weit von diesem weg.

Doch ungeübt in Hitzegraden,
die häufig über 30 gehn,
geht auch die Lust, zu bleiben, baden
bei Otti, Mika und Marlen.

Und die aus Odense und Pommern,
aus Glasgow, Helsinki und Brest,
sie fliegen heim zu übersommern
im tiefer temperierten Nest.

Schiffe gucken

Schiffe guckenVorbei am Leuchtturm auf dem Deiche,
dem Hamburger aus alter Zeit,
der lichtlos da als Ziegelleiche
den Winden seine Lenden leiht…

Und schon ist man am Ziel der Reise,
die ohnehin nicht weitergeht,
weil hier der Strom auf seine Weise
den Wandrer nötigt, dass er steht.

Ein Bau aus Balken und aus Bohlen,
der trotzig in die Fluten ragt,
indes parterre sich untern Sohlen
der Gischt durch alle Ritzen nagt.

Und durch des luftige Arkade,
die kaum geschützte Nischen kennt,
die Windsbraut öfter als Mänade
wie rasend um die Pfeiler rennt…

Da draußen übern trüben Wogen
die Möwe ihre Kreise kreischt
und von des fernen Holsteins Koogen
der Blick ‘nen Zipfel Dunst erheischt.

Die Elbe, die mit offnem Rachen
sich in die Nordsee hier verbeißt,
will noch mal richtig Eindruck machen
auf den sensiblen Menschengeist.

Doch kann sie auch noch anders glänzen
an ihrem Eingangstor zum Meer –
mit Helgoländer Hummerschwänzen
und ‘nem enormen Schiffsverkehr!

Was für ein Kommen und ein Gehen:
Brunsbüttel, Hamburg und nach See,
und stolz sieht man sich Buge blähen
zu Tausenden in Luv und Lee.

‘ne pausenlose Schiffsparade
durch diesen Trichter defiliert,
wie andernorts sie pro Dekade
ein einz’ges Mal vielleicht passiert.

Da sitzt man wie in einer Loge
(in der es freilich etwas zieht)
wie seinerzeit Venedigs Doge,
der seine Flotte übersieht.

Und kriegt wie jener von den Sbirren,
was man an Daten dazu braucht,
nur dass sie hier elektrisch schwirren,
von Mikrofonen ausgehaucht.

Die „Alte Liebe“, Gott befohlen,
auch sie gealtert mit der Zeit –
statt faulig-grüner Eichenbohlen
Zement schon längst ihr Trauerkleid!

 

Theophysik

TheophysikDer Physiker, vernunftgeboren
wie Venus einst aus Meeresschaum,
mag nicht im Aberglauben schmoren,
dem Fallobst vom Erkenntnisbaum…

Und fahndet folglich nach den Quellen
für dieses kosmische Geschehn
in seinen allerkleinsten Zellen,
die als unteilbar anzusehn.

Was für ein Aufwand an Maschinen
und raffiniertestem Kalkül,
dass diesen fleiß’gen Geisterbienen
gehörig auf den Zahn er fühl!

Doch endlich kann er Honig saugen
aus seiner Forscherochsentour –
beurglotzt mit den Bildschirmaugen
der scheuen Stromer flücht’ge Spur.

Ein Irrlicht ist da gar nichts gegen,
das wabert lange durch die Luft,
indes der jähe Teilchenregen
im Nu auch schon im Nichts verpufft!

Dies also zu den Ziegelsteinen,
aus denen unser Bau besteht –
Koloss auf dürren Spargelbeinen,
der protzig seine Runden dreht.

Und unser Fundament-Erkunder,
noch immer in der Bibel Bann,
hält dies für eines jener Wunder,
die man auch göttlich nennen kann.

Verleugnet seine eigne Sache
mit „Ungewiss“ und „Könnte sein“,
dass man nicht weiß, in welchem Fache
er wirklich hebt sein Pinkelbein.

Da ist der Pfaff von anderm Schlage,
der sich in Skrupel nicht verrennt,
weil seinem Geist auch unter Tage
das Grubenlicht des Himmels brennt.

Der reibt wie immer sich die Hände,
wenn irgendwo was neu entdeckt,
da doch in jedem Ding am Ende
das Wunder seines Daseins steckt!

 

Meeresstille

Meeresstille und keinerlei FahrtMal wieder einer dieser Tage,
an denen sich kein Lüftchen regt
und statt an steifen Windes Plage
man schwer an seiner Flaute trägt.

Wenn müßig wir am Strand spazieren,
indes das Auge weithin schweift,
das Leuchtturmlicht zu imitieren,
das flüchtig übers Wasser streift …

Erwarten wir von dieser Masse
polierte Glätte nicht, Parkett,
und dass sie faltenlos umfasse
die Fluten wie ein Wasserbett …

Indem sie diese fest versiegelt
mit einer künstlich-steifen Haut,
statt dass sie brodelnd widerspiegelt
das Leben, das darunter braut.

Wir wolln sie in Bewegung sehen,
im Schwung der Hüften jederzeit,
und wenn die Welln auch hoch nicht gehen,
sie lüften doch ihr nasses Kleid.

Doch Neptun hatte andre Pläne,
für die er Äolus gewann,
und setzte heut ein Meer in Szene,
das förmlich zu Gelee gerann.

Reglos am Horizont Konturen,
denen wohl gar der Einschluss droht –
Objekte auf des Bernsteins Spuren:
Ein Segel- und ein Fischerboot.

Staubgefäße

StaubgefäßeEin Strandlokal im wahrsten Sinne.
Nicht abseits erst in Gras und Kraut:
Vom Fundament bis hoch zur Zinne
auf allerfeinsten Sand gebaut.

Und dass die Gäste es nicht schrecke,
sich stapfend da hindurch zu mühn,
trägt ihren Fuß ‘ne ganze Strecke
ein roter Teppich, der ist grün.

Das müsste ich nicht groß erwähnen,
wär es ein Tag wie andre auch,
den in der Sonne man vergähnen
könnt mit gefülltem Hängebauch.

Doch wie ein Blitz aus heitrem Himmel
schoss heulend in die Szenerie,
den Sand verwirbelnd zum Gewimmel
ein Wind, der Gift und Galle spie!

Auf halbem Wege schon zum Schnabel,
der freudig sich geöffnet hatt‘,
riss rüd er mitten von der Gabel
das knusprigste Endivienblatt.

Und die bengal’schen Himmelbetten,
von manchem Pascha schon belegt,
sie rüttelten an ihren Ketten,
heißt an den Schleiern unentwegt.

Die Flasche, Achtung, ist ja offen,
nicht dass da Sand hineingerät!
Doch ha‘m wir ihr, eh’s eingetroffen,
‘nen Pfropfen aus Papier gedreht.

Der Kellner selbst, der, stranderfahren,
sich nicht so leicht erschüttern lässt,
hielt ängstlich, Bruch sich zu ersparen,
auf dem Tablett die Gläser fest.

Dann galt’s die Rechnung zu fixieren
und dann die Summe auch in bar,
um nicht vom Tische zu verlieren,
was absolut nicht windig war.

Eilt ja nicht

Eilt ja nichtAls Rentner kann man manches treiben,
wenn Sonnenschein nach draußen lockt –
nur eins nicht: In der Bude bleiben,
an seinen Sessel angepflockt.

Ich nahm die Beine in die Hände
und düste an die frische Luft,
dass ihren warmen Hauch sie spende
und zarten Tamariskenduft.

Die beiden weidlich dann genossen
mit wallendem Naturgefühl,
hab rastend ich mich hingegossen
in weiches Strandcafé- Gestühl.

Ein Tischchen hatt‘ für mich alleine
ich auf dem Fleck, der schön besonnt,
so dass die müden Wanderbeine
ich lang und länger machen konnt.

Da lag ich fast schon auf dem Rücken
wie auf ‘nem Sonnendeck zur Ruh
und sah mit heimlichem Entzücken
dem Flammenspiel der Wellen zu.

Weit bot das Meer sich meinen Blicken
gleich hinterm Sand, der es gesäumt,
indes die Groß-Uhr, ohne Ticken,
die Zeit mir aus dem Weg geräumt.

Da komm mal raus aus deinem Dösen,
wenn Herz und Hirn sich nicht mehr muckt!
Die faulen Glieder konnte lösen
der Dämmer erst, der ‘s Meer verschluckt.