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Keine Extrawurst

Keine ExtrawurstDer weitaus eitelste Geselle
auf dieser ganzen Erdenwelt
ist der, der einzig sich für helle
und ergo für unsterblich hält.

Nein, nein, ihr seid auf falscher Fährte,
habt ihr den Pfau jetzt in Verdacht,
das alte Beispiel, das bewährte –
doch hier geht`s nicht um Federpracht.

Auch nicht um Hörner und Geweihe,
Gesäße, prächtig angeschwolln,
nicht um die eindrucksvollen Schreie
der Tiere, die sich paaren wolln.

Um Homo geht`s, um unsresgleichen,
der sich verbittet Balz und Brunft,
um Göttern um den Bart zu streichen,
Verwandten gleichsam durch Vernunft.

Ein Humbug, der seit Olims Zeiten
ihm seine Nichtigkeit verklärt
und die, die für den Glauben streiten,
noch heut mit seiner Hefe nährt.

Doch aus dem Kopf nicht rauszukriegen,
weil`s ihn mit Extraelle misst,
dass ungleich Fröschen er und Fliegen
dem ird`schen Los enthoben ist.

Vom Stammbaum aber, fest verwurzelt
in der Entwicklung tiefstem Grund,
ist nie und nimmer noch gepurzelt
ein Lebewesen bis zur Stund.

Mag er, die ihn an jenen schweißen,
die Ketten noch so sehr verschmähn –
wie`n Käfer muss ins Gras er beißen,
wie`n Köter vor die Hunde gehen.

Beetbrüder

BeetbrüderHe, Gärtner, die ihr am Balkone
gern euren grünen Daumen wetzt,
ich hoffe nicht, euch schert die Bohne,
was in die Kübel ich gesetzt!

Dem Buchsbaum, muss ich euch gestehen,
dem meine große Hoffnung galt,
hat es gefallen, einzugehen,
nachdem er reichlich gelb schon bald.

Nur kurz mal euren Blick erheben
und mit Int`resse hergeschaut –
dann seht ihr an den Gitterstäben
im Tongefäß das Heidekraut!

Und statt dass Grün, wie`s fröhlich prangte,
bevor es gallig sich empfahl,
zur höchsten Blüte nun gelangte
ein zartes Rosa auf einmal.

Mögt ihr wie ich euch dran erfreuen
als Nachbarn, die mir lieb und wert,
doch würde ich mich auch nicht scheuen
zu hörn, was ihr als Kenner lehrt.

Sind das robuste Zeitgenossen,
die Wind und Wetter widerstehn
und selbst in höheren Geschossen
nicht schleunigst in den Keller gehen?

Wie häufig muss ich mit der Kanne
die Erde rings besprengen wohl,
damit in angemessner Spanne
die Wurzel sich ihr Quäntchen hol?

Gern folg dem Rat ich der Experten,
dern Kunst mir in die Augen fällt,
weil gleich den hängenden, den Gärten,
sie ihr Fassadenbeet bestellt.

So weit bring ich es nie indessen:
Semiramis zum Greifen nah –
doch hätt zumindest gern besessen
recht lang die schöne Erika!

Wenig Spielraum

Wenig SpielraumJa, immer Wolken nur, die jagen,
ja, immer Regen nur und Wind
und Blätter, wie sie um sich schlagen
ins Blaue immer nur und blind!

Mehr hat der Sommer nicht zu bieten,
das ist sein ganzes Füllhorn schon –
ein Wettertopf mit lauter Nieten,
`ne graue Masse, Ton in Ton.

Mit Freunden wo im Freien grillen
so lange, bis die Sonne sinkt?
Unmöglich selbst beim besten Willen:
Südwester? Ölzeug? Abgeschminkt.

In Wald und Flur spazieren gehen,
wo süß der Vögel Sang erklingt?
Vermummt vom Kopf bis zu den Zehen
im Taucheranzug? Abgeschminkt.

Im Garten unter Fichten hocken,
wo Kaffee man und Kuchen bringt?
`ne Bademütze übern Locken,
auf die es pieselt? Abgeschminkt.

Wer wird denn vor den Toren schweifen,
ist’s warm und trocken am Kamin?
Entspannt lausch ich den Autoreifen,
die platschend durch die Pfützen ziehn.

Mit diesem kleinen Zungenbrecher
entlass ich, Leser, euch für heut.
Und wünscht, der Regen werde schwächer –
sonst nerv ich euch damit erneut!

Liebe Sommerzeit

Liebe SommerzeitWohin, mein Herz, um Freud zu suchen
in dieser feuchten Sommerzeit?
Ein Fehler wär’s, Natur zu buchen:
Die fröstelt unterm Regenkleid.

Genauso wenig wär zu hoffen
von ihrem Widerpart, der Stadt,
zu deren Schluchten, sträflich offen,
ja ihre Nässe Zutritt hat.

Da peitscht der Wind dir um die Ohren
so klatschend, dass man’s nicht beschreibt
und selbst den Funk-Berufs-Euphoren
das „Immerhin“ im Halse bleibt.

Um den Humor nicht zu verlieren,
mit dem ja alles steht und fällt,
empfiehlt es sich, zu retirieren
ins wasserdichte Ziegelzelt.

Und da geduldig abzuwarten
der Wetterfrösche Prophetie,
die wie der Wahrsagerin Karten
ja immer richtig – oder nie.

Geborgen hinter dicken Mauern,
die kein Zyklon ins Wanken bringt,
lässt sich’s auf bessre Zeiten lauern,
die kommen müssen – unbedingt.

Doch wer würd `ne Prognose wagen?
Bevor der Sommer noch entflohn?
Der aber zählt nur noch nach Tagen –
die ersten Blätter fallen schon.

Unter Hausarrest

Unter HausarrestWo jede Freiheit ich genossen,
wo jeder Weg mir offen stand –
wie in ‘nem Kerker eingeschlossen
nun eisern zwischen Tür und Wand!

Zwar klappert keiner hier die Runde
mit amtsgewalt’ger Miene ab
und scheppert mit dem Schlüsselbunde
auf leisen Sohlen, tapp, tapp, tapp.

Auch kommt kein Anstaltspsychopater,
der auf den Brägenbusch mir klopft,
um rauszukriegen, ob Theater,
ob Ernst mir von den Lippen tropft.

So wie’s auch fehlt am Herrn Direktor,
der über allen Wolken schwebt
und drum in seinem schmalen Sektor
fast nur noch als Legende lebt.

Doch hält mit ihren schwarzen Krallen
die Nacht mich fest in meinem Bau
und lässt nur in den Schlaf mich fallen,
damit ich ihre Fratzen schau.

Indes von draußen, von der Treppe
tönt jäh mir ein Geräusch ins Ohr,
als ob sich da ein Nachbar schleppe
mit schwerem Schritt nach oben vor.

Gewiss ein armer Zeitgenosse,
der gleichfalls sich in Haft begibt
und über mir im Dachgeschosse
den Hintern in die Zelle schiebt.

Doch ehrlich, was wir nachts erleiden,
ist andrerseits durchaus human.
Wir müssen uns nicht streifig kleiden
wie einer auf der schiefen Bahn.

Und können mancherlei genießen –
Lektüre etwa, Film und Funk,
und, um den Vogel abzuschießen,
‘nen ausgesuchten Schlummertrunk!

Sommerspaziergang

SommerspaziergangEin schwüler Tag liegt mir im Rücken,
und vor mir glimmt das Kerzenlicht.
Ich greif, mich übers Blatt zu bücken,
den Stift, der mir zum Munde spricht.

Den drängt es heute, zu erzählen,
mein Plazet schon vorausgesetzt,
ich hätt an lauschigen Kanälen
mit Muße meinen Fuß benetzt.

Und hätt an Büschen wie an Bäumen
und ihrem Schatten mich erfreut,
wo an den dichten Ufersäumen
die Graugans sich ins Grün gekäut.

Und hätte Stümpfe dort gesehen
von Hölzern, glatt wie Chorgestühl,
die da als Bänke gleichsam stehen
für Hintern mit Naturgefühl.

Dazu die abgeknickten Stämme,
die übers Wasser sich gereckt –
zwar gegen Fluten keine Dämme,
für Entennester doch perfekt.

Und hätte an den Schrebergärten,
die bald ans Ufer sich geneigt,
den unbekannten Weggefährten
als wackrer Wandrer mich gezeigt.

Genug! Mehr soll er nicht enthüllen,
der Stift, der gerne fabuliert,
zig Seiten würd er mir sonst füllen
mit Zeug. das niemand int’ressiert.

Ein bisschen Luft wollt ich nur schnappen,
solange es nur eben ging,
bis sie den Seidenfaden kappen,
an dem der schwarze Himmel hing

Und sich die jäh befreiten Massen
der wässerigen Wolkenfracht
enthemmt ins Leere fallen lassen,
dass es die schönste Sintflut macht.

Der Guss ist aber ausgeblieben.
Hab ächzend mich nach Haus bewegt,
den Schweiß mir von der Stirn gerieben
und, seht, gleich lyrisch losgelegt!

Blütensüchtig

BlütensüchtigDa rennen alle wie besessen,
als ob es um ihr Leben ging,
und jagen doch nur selbstvergessen
nach so ‘nem runden Lederding!

Und hat mit seinen letzten Kräften
es einer vor den Fuß gekriegt,
sich gleich die andern an ihn heften,
weil ihnen auch am Leder liegt.

Das Weitre kann ich mir hier schenken,
das Spiel ist aller Welt bekannt:
Man will das Ding im Tor versenken,
das einer schützt mit breiter Hand.

Das kostet so viel Schweiß und Mühen,
dass man an nichts mehr denken kann –
als ging dies wunderbare Blühen
der Kirsche nur den Frühling an!

Oft streift der Ball der Äste Reihen,
die zitternd zeigen sich empört
und lassen rosa Blüten schneien –
was keiner sieht und keiner hört.

Nur einer, der da vom Palaste
verfolgt das muntre Hin und Her,
bedauert, dass in dem Gehaste
kein Blick mehr bleibt fürs Blütenmeer.

Wir ahnen, dass ein solch Empfinden
im Ligafußball nicht zu Haus –
da heißt es zwar sich ähnlich schinden,
doch nur für Kasse und Applaus.

Tief müssen in die Zeit wir tauchen,
zu stoßen auf dies Phänomen,
dass Menschen die Natur so brauchen
wie unsereins das Sportgeschehn.

In Japan schon vor tausend Jahren
beim Tenno schlug man so den Ball,
und wenn da welche süchtig waren,
dann waren sie ein Einzelfall.

Das Auge für die Jahreszeiten
und ihren jeweils eignen Charme –
geöffnet weit in jenen Breiten
bei Hoch und Niedrig, Reich und Arm.

Genügt das nicht, um zu kapieren,
was an Ästhetik wir verlorn?
Die gröbsten Sinne triumphieren,
die Mammon sich als Gott erkorn.

Selbst die, die Christus schon in Bälde
zurückerwarten, gottgesandt,
anstatt der Lilien auf dem Felde
begaffen Salomos Gewand!

Schießsport

SchießsportNoch immer Spielball der Instinkte,
noch immer tierischer Natur –
so wie der Bulle, der beringte,
auf seiner stillen Weideflur!

Von halbwegs nur gezähmtem Wesen
und stets fragiler Friedlichkeit,
wird unvermittelt er zum Besen,
sobald man ihm ‘nen Vorwand leiht.

Dann wird das Großhirn ausgeschaltet,
in dem sich der Verstand versteckt,
und jenes kleine, ältre waltet,
das lieber Leidenschaften weckt.

Die Theorie. Im echten Leben
passiert das täglich ganz konkret.
Ich will hier nur ein Beispiel geben,
wie es für viele andre steht.

Da pirscht auf eines Schusses Weite
sich einer an ‘nen Löwen ran
und ballert voll ihm in die Seite
das Feuer, das ihn fällen kann.

Und mit der löcherigen Leiche,
die auch im Tod noch grandios,
verziert er seine Wohnbereiche
als Goliath und Gernegroß.

Die Katze hat ein Gnu gerissen
und wird als Raubtier angeklagt:
Doch was an diesem Mordsgewissen
des nimmermüden Nimrods nagt?

Der brüstet sich mit seiner Beute,
die „todesmutig“ er erlegt
auf ‘ner Safari, wie sie heute
‘ner Kaffeefahrt zu gleichen pflegt.

Nichts von Duell mit gleichen Waffen:
Das Wild braucht Fäuste für den Kampf,
indes die Jäger sich verschaffen
die Killerkunst von Pulverdampf.

Drum müssen sie auch niemals bluten,
es sei denn mit dem Abschusspreis,
den gerne in die Welt sie tuten
als ihrer Allpotenz Beweis.

Da lob ich mir die braven Jäger
von Tarascon in alter Zeit,
die, furchtbar nur als Zungenschläger,
‘ner Fliege taten nichts zuleid.

Nur Kleinigkeiten

Nur KleinigkeitenSind’s immer nur die großen Themen,
die’s einen zu bedichten treibt?
Ich will heut mal die Käfer nehmen,
mit Käferinnen schön beweibt.

Die sind zwar eine Nummer kleiner,
dass wir sie häufig übersehn,
und würden wohl auch als Lateiner
nicht locker durchs Examen gehn.

Doch kommt auch ohne höhre Grade
dies bodenständige Geschlecht
auf seinem dornenreichen Pfade
mit Fuß und Flügel gut zurecht.

Und wirft sie irgendetwas nieder,
ein Windstoß oder Regenguss,
bekrabbeln sie sich immer wieder,
weil man als Käfer weitermuss.

Gespräch mit ihnen ausgeschlossen.
Auf Fragen reagiern sie nicht.
Als andersart’ge Zeitgenossen
erfülln sie schweigend ihre Pflicht.

Ein Grund, sie achtlos zu zertreten?
Ein kurzes Knacken unterm Fuß,
und was wir lebend noch erspähten
liegt da als Häufchen Käfermus?

Ach, wenn wir wen nur deshalb töten,
weil mit Vernunft er nicht bestückt –
wie viele Morde wärn vonnöten
an einer Menschheit, die verrückt!

 

Relativ bewegt

Relativ bewegtEin Krümel, der sein Bein bewegt,
das tappend auf die Erde schlägt,
wenn er zu gehn geruht;
womöglich gar in Menschgestalt,
die ihren ganzen Grips geballt,
dass er den Fuß beschuht.

Es könnte auch ein Käfer sein,
zufrieden nicht mit einem Bein,
der sechse von sich streckt
und emsig auf dem Boden läuft,
wo Humus sich und Hölzchen häuft,
dass Nahrung er entdeckt.

‘ne Nummer größer wär genehm
aus dem Bestiarium von Brehm,
und was auf Pfoten geht?
Da könnt ich den euch präsentiern,
der würdig zeigt auf allen viern
des Löwen Majestät.

Doch auch der Dicke mit dem Schlauch,
der stets ihm baumelt vor dem Bauch,
der Graue sei genannt,
der mächtig durch die Steppe stampft
und friedlich Gras und Kräuter mampft,
der nette Elefant.

Und was da so im Wasser schwimmt
und nie den hohen Saum erklimmt
mit Flossen, die zu schwach,
eilt auch dahin im Element,
das längst als Larve es schon kennt
in Tümpel, Meer und Bach.

Vom Seepferd, das stets hinken muss,
bis zum agilen Oktopus
ist alles auf der Walz.
Doch ging man auch ans End‘ der Welt,
von dieser man nicht runterfällt
und bricht sich nicht den Hals.

Der Mensch nur, der zu träumen liebt,
glaubt, dass er sich noch weiterschiebt
mit Krücken unterm Arm.
Und schnuppert übern Erdenrand,
wo er schon manchen Happen fand
im großen Sternenschwarm.

In den er gierig sich verbeißt,
ob Mars er oder Pluto heißt,
weil’s seinen Dünkel nährt.
Und keiner holt ihn noch so schnell
vom hohen Ross mit dickem Fell,
das äpfelt aus dem Stert.