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Kurzes Interregnum

Kurzes InterregnumEin Rauschen riss mich aus den Träumen,
bevor die Sonne noch erwacht,
wie’s Wellengang an Meeressäumen
so hell und hitzig nicht entfacht.

Gewölk war heimlich aufgezogen
im Schutz von Nacht und Finsternis,
das wütend seine Regenwogen
hier in den Hof des Hauses schmiss.

War das ein Plätschern und ein Prasseln,
ein Gluckern und ein Gurgeln bloß,
den tiefsten Schlaf noch zu vermasseln
mit Wasserkünsten virtuos.

Ein Weilchen lauschte ich den Fluten,
die da ins Atrium geschwemmt,
und hab beruhigt und im Guten
ins Kissen wieder mich geklemmt.

Doch als ich um die x-te Stunde
(ich gebe zu, es wurd auch Zeit)
entstieg des Betts zerwühltem Grunde,
empfing mich Stille weit und breit.

Nur hier und da noch schwarze Schafe
hab im Azur ich ausgemacht,
die flauschig-flücht’gen Epitaphe
der jüngst verflossnen Regennacht.

Schön, wenn’s des Diebes Regel wäre,
dass ihn nur nachts der Hafer sticht –
doch sag ich zu des Regens Ehre:
Er scheut auch nicht das Tageslicht.

Küstennaher Seniorentreff

Küstennaher SeniorentreffHeut auf der Palmenpromenade.
Wie herrlich noch die Sonne schien!
Zwei, drei Susannen da im Bade,
dem Möwen nur ihr Auge liehn.

Am Strand indes noch viele Liegen,
gebogen unter Leibeslast,
wo mittagsmüd man und verschwiegen
Teutonenblässe Braun verpasst.

Wer aber Sand und Welln verschmähte,
nahm seinen Sitz am Ufer ein
bei „Rudi“ oder „Tante Käthe“ –
konnt notfalls auch ein Spanier sein.

Normales Urlaubsambiente?
Familien, kind- und kegelfest?
Von wegen! Alles roch nach Rente,
auf Meilen nach Seniorennest.

Plissierte Haut mit spitzen Knochen,
Gewölbe- oder Hängebauch.
Die Damen flöten hochgestochen,
die Herrn trompeten Schall und Rauch.

Den ganzen Fundus der Gebrechen
trägt ungeniert man hier zur Schau
und lässt sich eh’r von Mücken stechen
als zu kaschiern den Körperbau.

Und das ist nach den Strandgesetzen
kein strafenswerter Tatbestand,
denn Licht und Luft sich auszusetzen,
braucht’s möglichst wenig an Gewand.

Ästhetik ist nicht zugelassen,
da schafft kein Richter Remedur –
man mag die nackte Plautze hassen,
beleidigt ist das Auge nur.

Ich ließ nur ungern mich so sehen
als Wrack, das an der Zeit zerschellt –
doch soll ja Strandgut nicht verschmähen,
das raue Volk der Küstenwelt.

Dem Herbst entkommen

Dem Herbst entkommenOktoberkühle, Nieselregen,
auf allen Wegen feuchtes Laub.
Da hilft ein Mittel nur dagegen:
Man macht sich schleunigst aus dem Staub.

Begab mich also für ‘ne Weile
als Gast in einen Vogelzug,
der mich zwar nicht in spitzem Keile,
doch länglich durch die Lüfte trug.

Genauer: In zwei gleichen Reihen,
die aus drei Sitzen je gehäuft,
aus denen man nur schwer befreien
sich könnte, wenn die Blase läuft.

Die schleppten mich in gut drei Stunden
bis weit an die Peripherie,
bis endlich sie ‘nen Grund gefunden,
der förmlich nach ‘ner Landung schrie.

Da nämlich grade, wo der Süden
am südlichsten sich präsentiert –
am Fuß Iberiens, des prüden,
das mit der Sonne kokettiert.

Hat sich als Windei nicht erwiesen.
Der Himmel österlich noch blau,
und lammfromm-linde Lüfte bliesen
bei vierundzwanzig Grad genau.

Schon in Vergessenheit geraten
der Herbst des Morgens, vor der Flucht.
In Licht getaucht die Fischerkaten,
in Silberdunst die Abendbucht.

Zum Abflug bereit

Zum Abflug bereitVerrat euch ein Geheimnis heute –
doch psst!, dass unter uns es bleibt.
Geht um ein Datum, liebe Leute,
hinter die Ohren es euch schreibt!

In einer Woche schon, verstanden?,
in sieben lump’gen Tagen nur,
werd ich in Andalusien landen
zur nächsten Rentnerwinterkur.

Am liebsten wäre ich geflogen
mit diesen Profis ohne Sprit –
doch Vögel, die gen Süden zogen,
nahmen mich so bepackt nicht mit.

Ein Flugzeug also als die Krücke,
mit der man durch die Lüfte hinkt,
empfahl sich mir trotz dieser Tücke,
dass es beständig steigt und sinkt.

Und bietet auch vor Wind und Regen
mehr Schutz als so ein Gänseflug,
der hoch auf seinen Wolkenwegen
nur Luft hat um den flaum’gen Bug.

Verflixt, da komme ich ins Schwafeln,
wo’s doch um den Termin nur geht,
dass ihr nicht auf den Info-Tafeln
am Flugplatz mich erst türmen seht!

Ein halbes Jahr wird nun logieren
der Pensionär im Lichtasyl –
wird „essen“, „trinken“ konjugieren
auf Spanisch. Und im Strandgestühl.

Im Meer des Himmels

Im Meer des HimmelsEin schöner Vollmond zieht am Himmel
in dunklen Wolken seine Bahn,
den Weg sich suchend durchs Gewimmel
wie durch die Welln ein Fischerkahn.

Sein Strahl, vorausgeworfen, mündet
ins Auf und Ab der dunst’gen Flut,
die in dem Kegel sich entzündet
zu kalter, diaphaner Glut.

Wie wild dahin die Wolken stürmen,
kopfüber wie ein Tümmlertrupp,
sich strecken, biegen, krümmen, türmen
den Wogen gleich im Salzgesupp!

Der Suchscheinwerfer aber gleitet,
dass er den rechten Weg ertast,
gemächlich, wie Selene schreitet
und sicher ihn am Henkel fasst.

Ich seh ihn noch ein Weilchen wandern,
von Strähnen grauen Rauchs meliert,
bis er von einem Nu zum andern
sich irgendwo im Nichts verliert.

Es folgt ihm niemand auf dem Fuße.
Leer liegt die Flur, wie abgebrannt.
Die Sterne auch, sie tun heut Buße
im sündhaft schwarzen Mönchsgewand.

Sonst ist von da nichts zu berichten.
Wird Zeit, dass ich der Ruhe frön.
Vielleicht werd ich den Guten sichten
im Traum erneut so voll und schön.

Kein Lichtblick

Kein LichtblickMond grade schon vorbeigetrudelt,
sah flüchtig noch sein Halbgesicht.
Erspart, dass ich ihm lobgehudelt
laut lyrischer Trabantenpflicht.

Auch sonst da oben tote Hose.
Kein Blümchen auf der öden Au.
Nicht Aster und nicht Herbstzeitlose,
kein Arktur und kein Bärenklau.

Da wär nichts weiter zu besingen
als Finsternis, von Blau entblößt ,
die, wiegend sich auf weichen Schwingen,
gedankenlos die Nacht verdöst.

Dies übern Dächern. Und darunter
des müden Himmels Spiegelbild:
Die späte Stadt kein bisschen bunter
und reglos wie ein Straßenschild.

Ist absolut nix rauszuholen
aus der frugalen Szene heut,
mit Flügelschuhen zu besohlen
den Musengaul, der Leerlauf scheut.

Für diesmal also muss ich passen –
dem Pinsel mangelt’s am Motiv.
Und ungeschrieben will ich lassen
zig Verse fürs Parnass-Archiv.

Da lagern allerdings schon viele,
frei anzusehn: http://,
das Kürzel zu besagtem Ziele,
plus reinerschraderPunktde.

Vertrauter Spaziergang

Vertrauter SpaziergangWie ist das alles hochgeschossen,
seitdem ich es zuletzt gesehn!
Drei Jahre sind wohl schon verflossen,
drei Jahre, die gefühlt wie zehn.

Dies Mammutblatt mit seinen Ohren,
dem Elefanten abgeschaut,
es schoss, zu Höherem geboren,
am allerstärksten wohl ins Kraut.

Doch auch was sonst in Beet und Wiese
an Flora hier und da gedeiht,
war ähnlich hypertroph wie diese
emporgewuchert mit der Zeit.

Wenn’s noch in voller Blüte wäre –
es stünde gut ihr zu Gesicht!
Doch traf sie schon mit ganzer Schwere
des Welkens schlimmes Strafgericht.

In wild verworrenem Gewölle,
dem alles Leben ausgepresst,
lag offen hier die Pflanzenhölle
mit Blatt und Halm als Schattenrest.

Vertraut und traurig gleichermaßen:
Erinn’rung trifft auf Gegenwart.
Da ist mit Freude nicht zu spaßen –
weh dem, der seine Tränen spart!

In diesem Garten jede Blume
ließ meine Seele einst erblühn –
und heute, nach des Sommers Ruhme,
wir beide durch den Herbst uns mühn.

Plötzlich und unverhofft

Plötzlich und unverhofftEs war um sie schon still geworden.
Man glaubte nicht an ein Comeback.
„Längst ruht sie aus von ihrn Rekorden
an irgendeinem fernen Fleck.“

Fast dass man sie nicht mehr vermisste
und aufgab, nach ihr auszuspähn –
da springt wie’n Teufel aus der Kiste
sie wieder mitten ins Geschehn!

Der Schreck fuhr allen in die Glieder,
die mit dem Herbst sich arrangiert.
„Ich fass es nicht, da ist sie wieder,
die Schweiß uns in den Nacken schmiert!“

Die Ärmsten! Doch die meisten brachen
in Hochs und Hosiannas aus,
dass jetzt die Strahlen wieder stachen
ins bleiche Fleisch des Körperbaus.

Ja, Totgesagte leben länger,
beweist die liebe Sonnen nun,
und wie ein rechter Wiedergänger
gibt sie uns ordentlich Kattun.

Kein Wunder, dass im Handumdrehen
sie manchem auch ‘nen Stich versetzt,
dass Hör’n und Sehen ihm vergehen,
ja, auch das Hirn zu guter Letzt.

Dies Phänomen ist zu studieren
im Radio alle Nase lang.
Die Wetterfrösche delirieren
wie weiland Franz beim Sonnensang!

 

Stille Gäste

Stille GästeWie seltsam sind mir diese Gäste,
die hier seit Tagen einquartiert –
behandelt und versorgt aufs Beste
und dennoch schrecklich reserviert!

Erfreun sich einer eignen Bleibe
als ständigem Refugium,
schön luftig ohne Fensterscheibe,
doch fest vergittert ringsherum.

Ein Teppich aus den feinsten Spänen
ist locker darin ausgelegt,
der jederzeit bequem zu dränen,
wenn er mit Flüssigkeit beschlägt.

Auch Schlafgemächer, separate,
in Birke alle, rustikal,
sie stehen hier den Träumen Pate,
den satt-zufriedenen zumal.

Dies zum Komfort. Und ist das Essen
nicht auch so recht nach ihrer Art?
So mittendrin im Heu gesessen
und auch an Gurke nicht gespart?

Das reinste Paradiesesleben –
nur fressen, dösen, ohne Pflicht.
Man lernt nicht einmal Pfötchengeben,
bedankt auch sonst sich weiter nicht.

So gehn den Meerschweinchen die Tage
in stetem Gleichmaß rasch dahin.
Nicht sehr beneidenswert, die Lage:
Das weiß ich, seit ich Rentner bin.

Unter dem Herbstmond

Unter dem HerbstmondNun wühlte aus den Wolkenschären
der Mond zuletzt sich freie Bahn
und schwimmt als großes Licht im leeren
und weiten Himmelsozean.

Der liegt in Finsternis verborgen
und zeigt nicht einen Wellenschlag,
weil ohne Kümmernis und Sorgen
sich seine Stirn nicht kräuseln mag.

Nur wo ihm auf den Leib gefallen
der Schein, den jener um sich streut,
sieht aus dem Schwarz man widerhallen
die hellen Flecken, die verbläut.

Hienieden herrscht die schönste Frische.
Die Luft ist klar, mit Reif vermengt.
Ein Monat, wieder gut für Fische,
weil ihm ein R am Hintern hängt.

Der Bäume sommergrüne Mähne
fraß schon der Rost ein wenig an,
dass man in jeder zweiten Strähne
ein braunes Schleifchen sehen kann.

Der ew’ge Gang der Jahreszeiten –
ein Kreisel, der nie stillesteht.
Und wachen Augs sieht man entgleiten
das Traumbild der Realität.

Noch hält auf die gewohnte Weise
die welke Hand den Pinsel fest.
Ob sie ihn auf der Winterreise
nicht irgendwann mal fallen lässt?