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Notturno

NotturnoWie immer kam hereingekrochen
auf Spinnenfüßen ohne Laut
und ungesehen, ungerochen
des Tages schwarzvermummte Braut.

Im Freien hockt sie unter Sternen
und stumm und regungslos verharrt
und hält in Händen die Laternen
wie Kerzen, die zu Stahl erstarrt.

Die Nacht lässt sich jetzt früher blicken,
als sie im Sommer es gewohnt,
lauscht schon um acht, halb neun dem Ticken
der Uhr, die überm Kühlschrank thront.

Und schickt vertraulich ihre Schatten
ringsum in jeden Winkel rein,
wobei mir allerdings zustatten
das Lämpchen kommt mit seinem Schein.

Das lässt sich niemals unterkriegen
trotz seiner zierlichen Statur
und streut getreulich und gediegen
die Lichtpartikeln bis zum Flur.

Dem Blatt verbleibt genügend Helle,
dass Hand und Auge sich verstehn
und auf dem Weg zur Musenquelle
nicht fälschlich auseinander gehn.

Im Dämmer dieser stillen Stunde
sitzt ewig brütend der Poet
und ringt sich aus dem Herzensgrunde
sein heidnisch-frommes Nachtgebet.

 

Schnippchen schlagen

Schnippchen schlagenSchon wieder Herbst, September wieder.
Dem Sommer geht die Puste aus.
Das Korn fällt auf die Knie nieder.
Der Himmel zieht die Stirne kraus.

Und früher übern Hals gestiegen
kommt diebisch uns die Dunkelheit,
da wir ein erstes Frösteln kriegen,
wenn Sturm uns in die Löffel schreit.

Der Abendmond trägt schon den Schleier
aus feinstem flandrischen Batist:
Nur hinderlich, wenn er im Weiher
sich durch die Entengrütze frisst.

Das grüne Gold der Eichenkronen
glänzt üppig noch um Zweig und Ast –
doch bald auch diese Baumikonen
der Pesthauch des Verfalls erfasst.

Na gut, das ew’ge Stirb und …
Ich sag’s erst gar nicht, kennt man doch;
verkriech mich hinter meinem Herde
und nudel Verse noch und noch.

Das Flämmchen, in Gedanken schweifend,
das rechts hier auf dem Tisch postiert,
als Freudenfeuer eh’r begreifend
denn als ein Grablicht deprimiert.

Ja, so ein Rentner hat gut reden:
Der Herbst flößt Schrecken ihm nicht ein.
Er spinnt schon seine Winterfäden
nach Süden in den Sonnenschein.

 

Immer hin und her

Immer hin und herPhilosophie der Klimazonen:
Im Sommer Wärme, moderat,
empfiehlt im Norden dir zu wohnen
auf kühlen 55 Grad.

Doch winters ist den Frostgefilden
der Süden weitaus vorzuziehn,
wo im Dezember noch, im milden,
der Sonne große Kraft verliehn.

Dies, kurzgefasst, die reine Lehre,
die wetterfühlig wer erdacht,
als ob ihm völlig schnuppe wäre,
wie solcherart Spagat man macht.

Mit schweren unsichtbaren Ketten
hält dich der Job am Platze fest,
der nicht zu jeder Zeit dich jetten
und keinesfalls für länger lässt.

Und könnte man denn seinen Lieben
so einfach mal ‘ne Nase drehn,
um nach dem Motto abzuschieben:
„Bis nächstes Jahr, auf Wiedersehn“?

Ja, wär man im Besitz von Flügeln
und sonst auch wie ein Vogel frei,
vermöchte man wohl abzubügeln,
was an dem Trip bedenklich sei.

Doch solche Leute gibt es viele!
Geborgte Schwingen, rascher Flug –
so finden sie die fernsten Ziele.
Ornithologisch: Rentnerzug.

Mondlose Nacht

Mondlose NachtAnstatt massiv sich aufzustauen,
verteilten übern Himmel sich
die Wolken, die beim Mondbeschauen
mir andernfalls sehr hinderlich.

Doch war die Sicht auf den Trabanten
auch so noch völlig ungewiss,
da Nebel ihre Netze spannten
zum Trocknen in die Finsternis.

Und warn auch winzig ihre Maschen,
es schlüpften immer wieder doch
die Schauer durch, die kurzen, raschen,
und machten alles trüber noch.

Was letztlich nicht verhindern sollte,
dass er verschwommen wo zu sehn.
Doch ich konnt glotzen, wie ich wollte,
er ließ mich heut im Regen stehn.

Da fing es langsam an zu dämmern
dem Hirn, das manchmal sich verrennt,
dass sie nicht jeden Abend hämmern
die Scheibe da ans Firmament.

Prosaischer gesprochen: Nächte,
in denen dieser Spaß entfällt,
sind mondlos und nach höchstem Rechte
den andern völlig gleichgestellt.

Mag astronomisch das auch stimmen,
wird’s dicht’risch auf den Punkt gebracht:
Sieht Mondlicht man in Wolken schwimmen,
erschaut das Urbild man der Nacht!

Tiefsommer

TiefsommerDie Fenster blieben heut geschlossen,
auf dass nichts in die Bude schwapp!
In brüderlichen Bächen flossen
die Tropfen draußen dran herab.

Nur schemenhaft war zu erkennen
durch diese Scheiben, wie ein Spuk,
dass da wie aufgescheuchte Hennen
Geäst verzweifelt um sich schlug.

Was für ein Wind! Und dann die Kühle,
die was weiß ich durch welches Loch
reptilisch an die Küchenstühle
und in die Hosenbeine kroch!

Doch stärker, muss ich eingestehen,
als ich, der ich schon leidlich litt,
bekam, ach, traurig anzusehen,
der Vorbau dieses Elend mit!

Der Regen rauschte auf die Bretter,
dem Gitter perlte kalter Schweiß –
und er kriegt von dem Schweinewetter
nicht weg den zementierten Steiß!

Bald färbten sich die bleichen Bohlen,
gebeizt von Nässe, dunkelbraun.
Und ab und zu ging ich verstohlen,
mir diese Wandlung anzuschaun.

Das Bild indes war stets das gleiche.
Es schüttete nach Herzenslust.
Belastungsprobe für die Deiche.
Ein Herbsttag mitten im August.

 

Ziemlich abgekühlt

Ziemlich abgekühlt„So um die 18 Grad im Norden,
mehr ist da leider heut nicht drin.
Die Hitze geizt jetzt mit Rekorden.
In Hamburg 20, immerhin“.

Der Wetterdienst hat wahr gesprochen.
Die Temp’raturen sind gefalln.
Am Himmel ziehen, jagen, kochen
im Wechsel dunkle Wolkenballn.

Der Wind, der sie mit Ach und Wehe
barbarisch durch die Lüfte schleift,
auch unsereins in Bodennähe
noch rüde um die Ohren pfeift.

Und hin und wieder mischen Schauer
sich in die trübe Szenerie
und machen sie ‘nen Tick noch grauer
mit ihrer Tränentherapie.

Und da willst du das Haus verlassen?
Vergiss bloß deine Jacke nicht.
Dies ist die Zeit der Krankenkassen –
doch huste auf die Leistungspflicht!

Beherzt musst du die Stirne bieten
dem Kälteeinbruch im August.
Vielleicht erst recht ‘nen Strandkorb mieten
für künftig unversalzne Lust?

Die Wetterfrösche quaken leiser
jetzt von der Hitze Zugewinn.
Kein Moderator schreit sich heiser,
verhökert Sonne. Immerhin.

Der Dauerbrenner

Der DauerbrennerWie könnte ich mich denn enthalten,
zu feiern seine Wiederkehr?
Gehört er nicht zu den Gestalten,
dern Tod uns unerträglich wär?

Seitdem wir in der Wiege lagen
und stumm uns in die Welt gestaunt,
kam er mit leisem Flügelschlagen,
uns freundlich in die Kammer schau’nd.

Und in dem zauberischen Schimmer,
den um die Schläfen er uns wand,
zerging der schwarze Schatten immer,
der groß in jedem Winkel stand.

Als später dann mit glühnden Wangen
die ersten Küsse man getauscht,
hat lächelnd uns sein Blick umfangen,
da wo im Park die Eiche rauscht.

Erinnert euch der vielen Stunden,
die er geheimnisvoll erhellt,
und jeder Fessel euch entbunden
an diese trübe Erdenwelt!

Er ist nun mal nicht wegzudenken
aus unsrer aller Lebenslauf –
ein Kork, der niemals zu versenken,
taucht jede Nacht er wieder auf.

Und treuer ist er uns geblieben
als alles, was wir sonst gewohnt:
Dahin so viele schon der Lieben,
lebendig leuchtend noch der Mond!

Bei Mondschein wieder

Bei Mondschein wiederDer Vorhang, halb nur zugezogen,
gab mir ein Stückchen Himmel frei,
da kam doch grade angeflogen
des Mondes volles Konterfei.

Im Nu er meine Augen bannte,
dass unbewegt sie hingestarrt,
wie kurz er auf der Häuserkante,
doch nirgends sonst im Raum geharrt.

Da war auch nichts, ihn abzufedern
an Wolken in dem ganzen Lauf,
er glitt wie auf geölten Rädern
bis zum gewohnten Gipfel auf.

Nun, auch fürn lustigen Trabanten,
der nächtlich seine Späße treibt,
hockt man nicht ewig in den Wanten,
nicht unbegrenzt im Ausguck bleibt.

Ich musste mich um andres kümmern,
was wichtiger als Nacht und Mond:
mit Lyrik eine Welt zertrümmern,
in der zu leben sich nicht lohnt.

Was, edler Leser, einst zu schaffen,
gerechtem Zweifel unterliegt,
da mit den rein poet‘schen Waffen
man höchstens über Herzen siegt!

Doch schön und gut, die Illusionen,
sind sie das Salz nicht im Gedicht?
Ich werd die Missgeburt nicht schonen,
solang die Muse für mich ficht!

Immer windwärts

Immer windwärtsDer Ventilator mir im Rücken
sich schneller als ein Mühlrad dreht,
um Wind sich aus dem Balg zu drücken,
der wogend mich und kühl umweht.

Wär sonst auch gar nicht auszuhalten
bei schwülen 26 Grad.
Aus allen Poren, allen Falten
sucht Schweiß sich seinen Wanderpfad.

Der vormals leidlich steife Kragen,
dern Hals als breites Band umschließt,
wie’n Lappen nun darumgeschlagen,
der weich in salz’gem Sud zerfließt.

Weg mit der schleimigen Kompresse,
weg mit dem durchgeschwitzten Hemd!
Und was am Leib noch pappt an Nässe,
das wird vom Quirl davongeschwemmt.

Was soll ich mich erneut beklagen
über die Hitze-Euphorie,
die viele auf der Zunge tragen
geduldig wie das liebe Vieh?

Denn wird mir diese Glut zu krude,
muss ich mal dringend aus dem Haus –
wetz rasch ich wieder in die Bude,
knips hinter mir die Sonne aus.

Und hocke, statt in Schweiß zu baden,
im schattigsten Elysium,
im Sang geborgen der Zikaden –
des Windrads seligem Gesumm.

Nur Naturersatz

Nur NaturersatzIn meine Chronik eingeschrieben,
die ich in lockrer Folge führ:
Den ganzen Tag zu Haus geblieben,
kein Schrittchen vor die Wohnungstür.

Die Lust dazu war schon vorhanden;
die Sonne lud mich freundlich ein
und luden mich auch die Girlanden,
im Straßengrün die Blümelein.

Die Vögel (Tauben mal beiseite)
ließen ihr lieblich Lied erschalln,
in das aus blauer Himmelsweite
die Engel schienen einzufalln.

Wie gern ich doch gesessen hätte,
von Efeu, Geißblatt überdacht,
in einer Laube Schattenstätte,
die Kühle alle Ehre macht!

Doch wohin sollte ich da eilen?
Kein lausch‘ges Plätzchen nahebei.
Und niemand auch, um es zu teilen
in unbeschwerter Plauderei.

In dieser ausweglosen Lage
bot mir die Technik ihre Hand –
ein Windquirl, der mit einem Schlage
mir Frische auf den Hals gesandt.

Und musste etwa ich verzichten
auf einer Stimme süßen Laut?
Er säuselte beim Luftumschichten
so plappermäulig, so vertraut!