Archiv der Kategorie: Natur

Nachtwanderung

NachtwanderungHoch überm Meer des Mondes Sichel,
wie sie die Sterne niedermäht:
Ich hab’s gesehn, ein deutscher Michel,
beim Strandspaziergang heut noch spät.

Das Völkchen da auf meinem Wege,
es plauderte auf Spanisch meist,
indes auch fremder Mundart Pflege
beförderte der heil’ge Geist.

Der Abend lau und machte Ehre
dem Tage, den er schwarz beschloss.
Fern in die Bucht, am Kopf der Kehre,
der Sonne luft’ge Lava floss.

Es gingen Leute brav spazieren
und andre standen wie gebannt,
dies Lichtspiel filmisch einzufrieren,
Naturkost einst aus zweiter Hand.

Und aus den zitternden, den Flanken
des Meers gebar sich eine Jacht,
zum Hafen bangen Bugs zu schwanken,
wo fest sie ihre Träume macht.

Kein Untier hob sich aus den Tiefen,
kein Donner das Idyll zerriss.
Die Fische und die Sterne schliefen
in ihrer eignen Finsternis.

Auf festem Boden mit den Hufen;
doch neben ihnen, zwei, drei Schritt,
ein Friedhof, den die Stürme schufen.
Und lauernd ging er immer mit.

 

Späte Freuden

Späte FreudenKann das die Heimat jetzt noch bieten?
November herrscht da, nass und grau.
Doch hier folgt Petrus andren Riten,
macht noch die große Sonnenschau.

Mit blauem Himmel und so weiter,
dem ganzen Sommerinventar,
gibt sich der Monat richtig heiter
und spottet jeder Frostgefahr.

Macht Spaß, am Strand entlang zu bummeln,
zu lauschen leichtem Wellenschlag,
den Möwen, die sich kreischend tummeln,
da wo der reichste Fischertrag.

Die Nase in den Wind zu recken,
der lau und lind vom Wasser weht,
und mit den Augen es zu schmecken,
wenn rot die Sonne untergeht.

Wie stolz sieht man sie da versinken
in ihrem weiten Wasserbett,
den Leuchtturm hinterher ihr winken,
als ob er noch ‘ne Nachricht hätt.

Dann legt die Nacht mit ihrem Dunkel
sich über Himmel, Meer und Strand;
und aus der Tiefe steigt Gefunkel
so hell und klar wie Diamant.

Die Schiffe wiegen sich im Hafen.
Der Tagesfang ist längst von Bord.
Des Schreibens müde, will ich schlafen.
Und morgen geht die Reise fort.

Mobiles Dichten

Mobiles DichtenMag in der Fremde man auch landen,
man richtet sich doch häuslich ein.
Kommt dir die Heimat mal abhanden,
es bleiben Kerze, Stift und Wein.

Das Handwerkszeug der stillen Nächte,
da ich gehämmert und gehaun,
dass Selbstgezimmertes ich brächte
den kunstbeflissnen Musenfraun.

Wie leicht lässt es auch hier sich finden
und sich verwenden zu dem Zweck;
mir scheint, man liebt es, loszubinden
den Pegasus an diesem Fleck!

Ein Grund mehr, Mühe mir zu geben
in diesem stummen Sängerstreit,
um mich von allen abzuheben,
von allen andalusienweit.

Warn es nicht maurische Poeten,
dern Lied hier ewig lang geblüht,
dieweil in Liebe zum Propheten
und mancher Schönen sie geglüht?

Nun, beides ist nicht meine Sache
(das Letztre unfreiwillig nur!),
so dass ich meine Glut entfache
zumeist zum Lobe der Natur.

Da gibt’s genug Gelegenheiten:
Soeben kehr ich heim vom Strand –
des Abendhimmels rosa Zeiten,
das ganze Mittelmeer in Brand!

Kontrastprogramm II

KontrastprogrammDas Meer ist wieder still geworden,
verraucht sein Zorn nun und verebbt.
Der starke Landwind, der von Norden,
sich heut nur noch auf Krücken schleppt.

Die Möwen seht, Spielball der Winde
noch gestern in erregtem Flug,
auf Welln sich wiegen, die gelinde,
zerzausend nicht den flaum’gen Bug.

Der Himmel gibt die blaue Nummer:
die weiße Weste in Azur.
Kein Schäfchen regt sich da im Schlummer –
und wenn, gebettet auf Velours.

Will von der Sonne gar nicht reden,
das wär zu sehr nach Schema F.
Verursacht keine Hitzeschäden –
Hund ohne Biss, doch mit Gekläff.

Es ist zum Nicht-mehr-stille-Sitzen
in diesem strandgestützten Schapp;
ich geh mal schnell ‘ne Runde flitzen,
heißt: schleich die Promenade ab.

Bewegungslos den Palmen hängen
die Rasta-Locken grün vom Haupt;
nur irgendwo mit Shanty-Klängen
der Stille man die Unschuld raubt.

Das krasse Gegenteil von gestern,
als Neptun hoch die Wogen fuhr.
Doch heute, morgen: Sind’s nicht Schwestern
und schön nicht beide von Natur?

Stürmische Begrüßung

Stürmische BegrüßungDer Szenenwechsel ist vollzogen.
Mein Ausblick: Häuser, ein Geschoss.
Zur andern Seite rauschen Wogen,
und Möwen spielen Albatros.

Jetzt haus‘ ich plötzlich an der Schwelle
zum weiten wegelosen Meer,
rück den Sardinen auf die Pelle
und komm den Tintenfischen näh’r.

Der Sonne auch, der großen Dame,
die pomphaft von der Bühne geht,
gemessen, steif, als ob sie lahme,
obwohl ihr rosa Schleier weht.

Wann könnt man besser sie studieren,
als wenn erschöpft sie und verbraucht,
um sich im Dunkel zu verlieren,
so feurig in die Fluten taucht?

Und wo bläst, um dich zu begrüßen,
ein solcher Sturm dir ins Gesicht?
Er holte fast mich von den Füßen:
Ich sag euch was, ihr glaubt es nicht!

Im Auto hatte ich zu liegen
als Gastgeschenk ‘ne Flasche Wein,
die kurz darauf ein Freund sollt kriegen –
wir trafen grad vorm Hause ein.

Die wollt ich just vom Boden pflücken,
da schoss sie durch des Winds Gewalt
zur Tür hinaus – in tausend Stücken
verblutend, ach, auf dem Asphalt!

 

Endlosschleife

EndlosschleifeMein Bildschirm: Küchenfensterscheibe
zeigt mir nur immer ein Programm:
‘ne Doku rings um meine Bleibe,
doch nüchtern, ohne viel Tamtam.

Nur einfach so ‘ne Straßenszene,
in der das Übliche passiert…
Verzeiht, wenn zwischendurch ich gähne –
hab sie zum Überfluss goutiert.

Ein paarmal nur durchbrach die Öde
ein Unfall oder Wohnungsbrand,
dass voller Neugier ich wie blöde
zu meinem Ausguck hingerannt.

Dann wieder lange tote Hose,
Passanten hier und Autos da –
so int’ressant wie ‘ne Arthrose
oder der „Krieg von Gallia“.

Ich hab’s ‘ne Weile ausgehalten
mit dem stupiden Serienschund,
doch bin gewillt, nun umzuschalten,
sonst komm ich hier noch auf den Hund.

Ein Szenenwechsel ist vonnöten,
nur so auf Knopfdruck geht das nicht.
Und kostet auch ‘ne Handvoll Kröten.
Doch hört mal den Programmbericht!

Der Himmel seidig überzogen
von lichtdurchflutetem Azur.
Das Meer: Auf uferlosen Wogen
die Boote und die Möwen nur.

Sonntagsausflug

SonntagsausflugIm Wettstreit liegen Ginsterblüten,
ihr mattes Gelb an jedem Hang,
mit goldnen, die die Wiesen hüten,
von Klee den ganzen Weg entlang.

Und aus dem Schopf bescheidner Kronen,
als ob es tausend Sterne wärn,
erglänzen massenhaft Zitronen,
die Säure uns statt Licht gebärn.

Orangen auch von kleinem Wesen
bevölkern schmächtiges Gezweig,
da niemand kommt, sie abzulesen
direkt so überm Bürgersteig.

Die Sonne lacht und Vögel schwätzen
und Geckos wärmen sich am Stein.
Man muss sich in den Schatten setzen –
nur weg aus diesem Feuerschein!

So führte uns auf Frühlingsflügeln
bis nach Jaén die flotte Fahrt,
das mitten in den Ölbaumhügeln
als dunklen Kern wir jäh gewahrt.

Aus diesem hebt die Kathedrale
sich mächtig als sein steinern‘ Herz,
dass ihres Heilands Ruhm erstrahle
mit zwei Bastionen himmelwärts.

Und unter ihrem Gluckenrumpfe
duckt sich der Häuser Kükenschar,
geborgen gleichsam im Triumphe
von Weihrauch, Kerze und Altar.

Doch in den alten Maurengassen
scheint’s, dass die Zeit noch stiller steht –
als hätte er sie nie verlassen
mit den Getreuen, der Prophet.

Kurs Frühling

Kurs FrühlingWenn ich des Morgens jetzt erwache,
hör ich schon Vögel überall,
und ihre Stimme, ihre schwache,
wie eines Waldes Widerhall.

Wenn ich des Morgens mich erhebe,
des Tages Spuren ich schon find,
da heller schon sein Lichtgewebe
der Dämmer um die Firste spinnt.

Wenn halb im Schlaf noch ich die Füße
des Morgens übers Pflaster wälz,
schickt neckisch mir schon Liebesgrüße
die Sonne auf den Winterpelz.

Wenn ich die Pilgerfahrt beende,
die morgens ins Büro mich scheucht,
erkenn ich gleich die Aktenbände,
auch ohne dass ich Neon bräucht.

Und wenn ich schließlich dieser Asche
wie Phönix wieder mich entriss,
schwenk heimwärts ich die Plastiktasche
noch vor der nächsten Finsternis.

In summa: Alle Zeichen deuten
auf Frühlingstage, lau und lind –
genauso wie das stille Läuten
des Schneeglöckchens im zahmen Wind.

Entronnen ihren eis’gen Banden,
hebt Aug um Aug die Welt zum Licht,
indes millionenfach Girlanden
sie blühend in ihr Jauchzen flicht.

Wie gern würd ich den Jubel teilen,
erwachter Fluren Morgenlied,
säh ich in diesem Vorwärtseilen
nicht auch die Zeit, die so entflieht.

 

Schöne Aussicht

Schöne AussichtNoch steht sie da, die Häuserreihe,
der langgestreckte Ziegelbau,
wenn nächtlich ich der Kunst mich weihe
und sinnend aus der Luke schau.

Drei, vier, fünf Stock, die sich erheben
bescheiden übern Pflasterstein
und nicht an der Legende weben,
noch schöner als Versailles zu sein.

Glaubt ihr denn, dass ich sie vermisse,
wenn ich demnächst von dannen rausch
und diese Graue-Maus-Kulisse
mit einem Augenschmaus vertausch?

Schon bald liegt mir das Meer zu Füßen,
bin der Unendlichkeit ich nah,
wo fern vom Horizonte grüßen
die Wolken über Afrika.

Und wo die Möwen kreischend kreisen
auf eines Kahns beschäumter Spur,
um in den Hafen einzureisen
mitsamt dem Fang der Tagestour.

Und wo und wo … und notabene
da auch der Himmelsarchitekt
die nördlich dröge Sternenszene
zu wunderbarem Glanz erweckt.

Den Mauern, ach, die sich da bäumen,
wohl nie ich mehr Beachtung schenk,
als wenn in süßen Urlaubsträumen
ich sie mir völlig anders denk!

 

Zeitweise friedlich

Ziemlich friedlichWie warm und wohlig strahlt die Stille
in jeden Winkel dieser Stadt,
als wär es Gottes Wunsch und Wille,
dass Zions Frieden sie schon hat.

Die Fahne lässt die Flügel hängen
und plustert sich nicht mehr so auf:
Kein Sinnbild mehr den Schlachtgesängen,
dem patriot’schen Amoklauf.

Die Fahrfrequenz rapid gesunken
auf dem asphaltenen Parkett.
Vom Himmel glühen Sternenfunken
durchs löcherige Wolkenbett.

Kein Regen, der mit rüdem Rauschen
sich bleiern in die Ohren bohrt,
kein Nieseln, das bei langem Lauschen
wie Flüstern das Gehör umflort.

Kein Wind zerrt wütend an den Zweigen
und peitscht sie ziellos vor sich her,
dass diesen tollen Tanz sie zeigen,
wie er St. Veits wohl würdig wär.

Ließ man den Augenschein nur gelten,
man gäbe jenem Weichkeks recht,
der von der besten aller Welten
französisch-deutsch geradebrecht.

Doch nichts ist echt an dieser Schönen,
Fassade alles, Pappfigur.
Dahinter haust das große Stöhnen.
Man hört es mit dem Herzen nur.