Archiv der Kategorie: Natur

Genau andersrum

Genau andersrumEin voller Mond, der dunstverhangen
schwebt hoch im leeren Himmelsraum;
an Scheitel, Kinn und an den Wangen
sprießt ihm das Licht als dünner Flaum.

Heut hat er keine Konkurrenten,
die auch die Blicke auf sich ziehn.
Die treuen Sterne-Abonnenten
vergeblich vor dem Fernrohr knien.

Im namenlosen Grau verloren
setzt blind er seine Reise fort,
ganz im Vertraun auf die Motoren
der Kosmos-Compagnie an Bord.

Als hätten sie ihn je verlassen,
seitdem er auf die Piste schoss;
die Jungens in den Boxengassen,
was ha’m die bloß fürn lahmes Ross!

(Der Trick da oben bei den Sternen,
der wär auch hier der große Hit:
Die Reibung müsste man entfernen –
und ab die Post, ganz ohne Sprit!)

Jetzt ist er schon vorangekommen,
wobei er auch noch höher stieg,
noch immer neblig und verschwommen –
so flieg denn, Mond, Mondkäfer flieg!

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Gefühlsausbruch, der voll daneben,
stellt auf den Kopf ja alles glatt!
Da oben, stumm, das ew’ge Leben,
hier Schwätzer nur, die morgen platt.

Kahlschlag

KahlschlagHeut hat’s schon wieder kahle Stellen;
gelichtet das betagte Haupt.
Erst jüngst begann es abzupellen,
jetzt sieht man es schon halb entlaubt.

Wie wenig Zeit war doch vonnöten,
bis dieser böse Streich gelang
und eine Lockenpracht ging flöten,
die wild einst diesem Haupt entsprang!

Und was vom Scheitel ihm gerissen,
weil es nicht fest genug vertäut,
das liegt nun schäbig und verschlissen
im Rinnstein irgendwo verstreut.

Der Wind heult und die Schauer prasseln
auf dieses platte Strandgut ein.
Doch könn’n auch sie nicht mehr vermasseln –
kaputter kann kein Friedhof sein.

Der Schädel aber, der die Krone
aus Jade und aus Jaspis trug,
er schimmert nackt wie ‘ne Melone –
na, noch nicht ganz, doch nackt genug.

Enthäutet recken sich die Äste
bittflehend in den Abendwind,
am Ärmel baumelnd Blätterreste,
die ihnen seltsam grün noch sind.

Neu mischt der Herbst des Jahres Karten.
Die Dame Sonne nicht mehr stach.
Jetzt heißt es auf den Frühling warten.
Doch wächst nicht alles wieder nach.

Zum Wetter

Zum WetterEin Tag, so recht um rumzuschlendern
im unterkühlten Sonnenschein,
zu sehn, wie sich die Dinge ändern,
um einst sie wieder selbst zu sein.

Die Blätter hängen noch in Massen,
doch krumm und gelb schon im Gezweig;
nur wen’ge ha’m sich fallen lassen
und wandern übern Bürgersteig.

So endlich ist es auszuhalten
nach dieser langen Tropenkur.
Die Temp’raturen sich entfalten
bis höchstens 13, 14 nur.

Der Wind spielt bloß ‘ne Nebenrolle,
man nimmt ihn nur am Rande wahr.
Den Kragen zu! Doch keine Wolle –
Pullover bergen Schwitzgefahr!

Und wenn wir auf zum Himmel schauen:
Wohl nie er mehr dem Herbste glich
mit seinen Wangen, blässlich blauen,
aus denen alles Blut entwich.

Dafür sind sie auch glatt geschoren
selbst noch vom kleinsten Wolkenflaum,
dass dem Spaziergang vor den Toren
winkt reichlich regenfreier Raum.

Bei einer solchen Wetterlage
ich gerne mal vom Sofa spring.
Da kleb ich manche Sommertage –
die Hitze ist nicht so mein Ding.

Alles trügerisch

Alles trügerischDie Dinge werden nicht so bleiben.
Mit Dauer narrn sie unsern Sinn,
da sie doch unaufhörlich treiben
im Mahlstrom der Äonen hin.

Zur Stippvisite nur geboren,
erkennen wir den Wandel nicht,
der, Jahrmillionen ausgegoren,
der Nachwelt erst ins Auge sticht.

Nicht mal der Boden untern Quanten
steht unverrückbar felsenfest;
mit seinen Ecken, seinen Kanten
er jeden Halt vermissen lässt.

Verwerfen, falten, sich verschieben –
die Erde kommt nur zäh voran;
ihr Logbuch doch, in Stein geschrieben,
zeigt ihren langen Atem an.

Im Kosmos ganze Galaxien,
die, was sie auch in Fahrt gebracht,
wie Heere sich entgegenziehen
zur Giga-, Gaga-Sternenschlacht.

Das hat der Mensch herausgefunden,
und das macht seine Größe aus.
Doch ist er damit auch entbunden
vom flücht’gen Dasein einer Laus?

Muss deshalb er den Göttern gleichen,
weil er ein bisschen Grips im Hirn?
Mir soll er fürn paar Verse reichen –
ich glaube an der Parzen Zwirn.

Belebender Hauch

Belebender HauchEin frischer Wind hat sich erhoben,
der Leben in den Wipfeln weckt.
Die Sterne selbst erzittern droben,
von dieser Regung angesteckt.

Die Flaggen, die im Traume lagen,
behäbig blähen sie ihr Tuch –
gleich Segeln, deren Nüstern ragen
wie schnuppernd in den Seegeruch.

Und wie entfacht von diesem Winde,
flammt hier und da ein Stubenlicht,
das aus der harten Mauerrinde
der bröckelnden Fassade bricht.

Seht nur die Straße, leer und leise
seit Stunden wie ein toter Stolln,
wie da auf ihrem Doppelgleise
die Räder plötzlich wieder rolln!

Und hört nur, auf den Bürgersteigen
ist’s auch aus mit der Grabesruh!
Das Pflaster brach noch mal sein Schweigen
zum Zwiegespräch mit manchem Schuh.

Ach, so ein Wind kann viel bewegen:
Er macht der Nacht so richtig Dampf,
und unter seinen sanften Schlägen
wird fit sie wie zum Tageskampf.

Ja, wenn ich hier so friedlich feile
an meinem lyr’schen Nachtgebet,
treibt grade er mich an zur Eile,
wie kühl er durch die Ritzen weht!

Kurs Süd

Kurs SüdIm Takte taumeln bleiche Schwaden
geschwinde übers Häusermeer,
die Dächer streifend, die Fassaden
mit Fetzen, die von Feuchte schwer.

Als ob es Vogelschwärme wären,
die Schlag auf Schlag in raschem Flug
dem Heimatnest den Rücken kehren,
doch leicht und lautlos wie ein Spuk.

Das sind des Herbstes flinke Boten,
express auf Tour und selbst zur Nacht,
dass Bürgern, Bauern und Piloten
der Tod des Sommers überbracht.

Wie immer alles schnell gegangen.
Grad Hitze noch in schwüler Glut,
geschürt mit Höllenfeuerzangen
von Helios und seiner Brut –

Und schwuppdiwupp Pulloverwetter;
man fröstelt und die Nase läuft,
aus der mit Prusten und Geschmetter
das Niesen sich dramatisch häuft.

Doch will ich mich nicht wiederholen –
wir hatten ja die Nummer schon
mit Chronos’ heißgelaufnen Sohlen,
nur einmal wechselnd pro Äon.

O könnt ich mit dem Nebel starten
nach Süden, den er sicher sucht,
ich müsste nicht noch Wochen warten
auf diesen Kurs, der schon gebucht!

Nur Regen

Nur RegenJetzt hat der Regen nachgelassen.
Auf Mitternacht geht schon die Uhr.
Ein bisschen Frischluft wird wohl passen,
ein erster Gruß der Herbstnatur.

Ich stell das Oberlicht auf Kippe;
ein Hauch von Kühle schwappt herein.
Es überläuft mich wie bei Grippe
ein Frösteln bis in Mark und Bein.

Um rasch auch wieder abzuklingen.
Die Stube: wohlig temperiert.
Der Dichter: willens zu besingen,
was vor die Feder ihm spaziert.

Jetzt hat der Regen nachgelassen –
na, na, das hatten wir doch schon.
Was tobt denn sonst noch auf den Gassen –
‘ne Wasserhose, ein Zyklon?

Ein Mammut? Eine Vorzeitechse?
Gorilla, Tiger, Krokodil?
Gar eins der fressenden Gewächse,
‘ne Orchidee in großem Stil?

Gemäßigt, pah, sind unsre Breiten,
spielt alles sich woanders ab.
Viel früher, ja, zu andern Zeiten –
doch heute katastrophenknapp.

Saublöd für Sänger hier vom Flecke,
die von der Fantasie nur zehrn.
Mit ‘nem Vulkanchen um die Ecke –
wie feurig diese Verse wärn!

 

Im Auge des Sturms

Im Auge des SturmsLängst Mitternacht schon überschritten,
und immer noch bläht sich der Wind.
O die wir tags den Sturm gelitten,
wie müde seiner wir nun sind!

Wo immer er ein Opfer findet,
sei es ein Blatt, ein Hälmchen nur,
er peitscht’s, bis es sich krümmt und windet
wie ‘n armes Schwein in der Tortur.

Und viele, die’s nicht überleben:
Was matt und welk schon im Geäst,
bleibt da nicht länger schwächlich kleben –
ein jäher Stoß gibt ihm den Rest.

Vom Himmel ist kein Licht zu hoffen;
betongrau schirmt ihn eine Wand
Gewölk, die nirgends richtig offen
fürn Blick auf Sterne und Trabant.

Doch immerhin ist das Gelärme
der Straßen endlich abgeflaut:
Motorgebrumm der Autoschwärme,
der Harley dumpfer Macho-Laut.

Man kann ein bisschen sich besinnen,
auf Kerze und Bordeaux gestützt.
Ein Käfig gleichsam dies hier drinnen,
den Mr. Faraday mir schützt.

Mag die Natur die Ihren strafen,
ich leide deshalb keine Qual.
Vielleicht werd ich nicht ruhig schlafen,
doch sicher schlaf ich allemal.

Sommer ade

Sommer adeUnd zügig poltert der Bolide
jetzt endlich in den Herbst hinein.
Im Auf und Ab der Jahrestide
verebbt nun auch der Sonnenschein.

Das Thermometer ist gefallen.
Am Himmel Wolken schwarz und schwer.
Von Zeit zu Zeit die Schauer hallen
vom Pflaster, von der Fahrbahn her.

Ein helles Rauschen hin und wieder,
wenn jemand durch ‘ne Pfütze pflügt.
Die Dämmerung fällt früher nieder,
die um ein Stückchen Tag betrügt.

Jetzt schön die Fenster offen lassen,
damit der Mief sich mal verzieht.
Und schon, ja, ist es denn zu fassen,
spürt deutlich man den Unterschied!

Und mit den stickig faden Schwaden
spuckt meine Bude aus den Schweiß,
in dem es lange galt zu baden
auf Petri höheres Geheiß.

Den Ventilator einzumotten,
das wär dann wohl als Nächstes dran.
Dank für den Luftzug, für den flotten
dass jener spärlicher mir rann!

Ihr seht, erst wenn die Winde rauer,
ich atme wieder frei und froh!
Der Sommer macht mich meistens sauer.
Mir scheint, das war nicht immer so.

 

Kurzes Aufatmen

Kurzes AufatmenHeut war es mal nach meiner Mütze,
ein Wetterchen, wie’s mir gefällt:
Gleich vor der Haustür eine Pfütze –
und Regen, der sich fuchtig hält.

Und diese gottverdammte Schwüle
vom frischen Wind davongefegt,
dass Feuchte mir gepaart mit Kühle
Kompressen auf den Hals gelegt.

Den Wetterfritzen, ha, vom Sender
war damit schön vermiest das Spiel,
weil ihre Nummer „Freudenspender“
nun leider ja ins Wasser fiel.

Ich, der der Sonne ich was huste,
riss auf die Luken erst einmal,
damit’s mir aus der Bude puste
die Luft, die stickig schon und schal.

Und tief hab, tief ich eingesogen
des Herbstes ersten rauen Hauch.
Ein Lungenzug war’s, ungelogen,
als wär es Zigarettenrauch.

Doch unsren gockelgleichen Kündern
war selbst dies Nass noch Jubel wert;
mit trotzig zugespitzten Mündern
krähten sie: „Sonne wiederkehrt!“

Und wirklich stehen heiße Tage
demnächst uns noch einmal ins Haus.
Ich hör schon: „Goldne Wetterlage“.
Den Kasten lass ich dann wohl aus.