Archiv der Kategorie: Natur

Noch mehr Mond

Noch mehr MondDa schwebt und völlig aufgeblasen
zum proppedicken Luftballon
als Krönung seiner lichten Phasen
der Vollmond ohne Hofkokon.

Stark sticht er ab vom Himmelsgrunde,
dass deutlich er Kontraste schafft.
Sein Leib, der aufgeblähte, runde,
sieht gelblich aus und dotterhaft.

So wie er durch die Lüfte gleitet
ganz ohne Tampen, ohne Tau,
scheint’s, dass er auf den Winden reitet
und ziellos einfach nur ins Blau.

Und wenn dann hinter ihm erst liegen
die Dächer, die im Sprung er nahm,
wird er ins All davon uns fliegen,
von wo noch niemand wiederkam.

Nun ja, der Augenschein muss trügen,
denn heute weiß doch alle Welt,
dass der Trabant auf seinen Flügen
sich immer an die Erde hält.

Dies Faktum kann ich nur begrüßen:
Wie arm wär sonst die Poesie!
Millennien lagen ihm zu Füßen
und gern beug ich ihm auch mein Knie.

Man muss es ja nicht übertreiben
mit der romant’schen Bilderflut –
doch ab und zu wie Claudius schreiben,
ich glaub, das tut der Seele gut.

 

Glücklich zurück

Glücklich zurückHat er sich endlich losgerissen
von seinem ew’gen Gängelband
und irrt auf Pfaden, ungewissen,
durch uferlosen Sternensand?

Wie ich zum leeren Himmel blicke,
wo er seit Wochen nicht erschien,
und unbewusst im Geiste nicke
zu so abstrusen Theorien

Zeigt unversehns sich in ‘ner Ecke
da oben rechts am Dächerrand
und sehr wahrscheinlich zu dem Zwecke,
mich zu beschämen, der Trabant.

Er wirkt ein wenig angeschlagen –
wie immer auch, wie immer auch!
So bleich und ohne Mantelkragen
und mit ‘ner Delle drin im Bauch.

Ja, nur Geduld, Geduld – am Ende
klärt sich doch alles wieder auf.
Der Mond markierte keine Wende
im kosmisch vorgesehnen Lauf.

Experten werden sicher lächeln
der Einfalt wegen, die ich zeig,
würden sie selbst doch niemals schwächeln
in diesem alten Wissenszweig.

Die Wolken haben ihn verborgen –
natürlich leuchtet mir das ein.
Doch werd ich mich auch künftig sorgen –
und frage nicht nach Sonnenschein!

Großes Sommerhaus

Großes SommerhausWo wohnst du? – In der alten Linde.
Das heißt nur in der Sommerzeit,
solange ich da Nektar finde,
den ich zu Honig mir bereit.

Was für ein herrliches Gebäude!
Unendlich hoch und weit verzweigt
und überall zu meiner Freude
die Blüte sich zum Schlecken neigt.

Und immer in Gesellschaft fliegen,
doch ohne Zwang und völlig frei!
Da spieln wir ausgelassen kriegen
und haschen noch den Saft dabei!

Das Schwirrn von unserm Flügelschlagen
den lieben Tag lang nicht verstummt,
dass unsre Linde vor Behagen
vom Wipfel bis zur Wurzel brummt.

So schönen Schatten sie uns spendet,
und ihre Blätter fächeln Wind!
Und dieses Grün, das niemals endet –
so licht und leicht, wahrhaftig lind!

Mich sorgt allein ihr hohes Alter –
da weiß man nie, was noch passiert.
Vielleicht dass gar der Hausverwalter,
ein Landmann, einst sie renoviert.

Unendlich würd ich das bedauern –
doch ist für Bienen man ja blind.
Ich hänge so an diesen Mauern,
und grade so, so wie sie sind!

Weitgehende Enthüllung

Weitgehende EnthüllungWann sah das nächtliche Gefunkel
ich eigentlich zum letzten Mal?
Es ist, als ob ein kaltes Dunkel
den Himmel uns für immer stahl.

In all den letzten Tagen, Wochen
war abends stets der Vorhang dicht
und ist kein Fünkchen rausgekrochen
als Herold für das Sternenlicht.

Genauso hinter den Kulissen
blieb auch der gute Mond versteckt.
Hat seine Schau er abgerissen?
Ist auf der Bühne er verreckt?

Als ob ein Brand gewütet hätte,
das Firmament zu Fall gebracht
und nun in Asche läg die Stätte
zu ewig sternenloser Nacht!

Doch derart kosmisches Geschehen,
sag selbst, geneigte Leserschaft,
könnt doch der Menschheit nicht entgehen
mit ihrer Teleskopenkraft.

Wir müssen anders es erklären:
als schlichtes Wetterphänomen.
Die Wolken sind’s, die regenschweren,
die da nicht von der Stelle gehen.

Ja, lassen den Verstand wir spielen,
bleibt uns kein Rätsel ungelöst.
Muss dennoch oft zum Himmel schielen –
der irgendwie mir Angst einflößt.

Zeitversetzt

ZeitversetztWie eine dieser weißen Nächte
im hohen Norden irgendwo,
dass man noch gerne säß und zechte,
der Sonne statt des Mondes froh!

Und während man im Freien plaudert,
zum stillen See den Blick gewandt,
sieht, ohne dass es einen schaudert,
die lichten Föhren man am Strand.

Ach, nur weil früher ich heut hocke,
mich meiner Leier zu erfreun
und meine Verse schon verbocke
statt Mitternacht um kurz nach neun!

Es ist der Dämmer dieser Stunde,
der bleich noch um die Häuser liegt
und mit der Abendruh im Bunde
in solcher Illusion mich wiegt!

Des Lichts verhaltne Atemzüge
behauchen zauberisch die Welt,
als ob es schweigend Sorge trüge,
dass sie nicht jäh ins Finstre fällt.

Das ich so oft doch schon besungen,
wenn’s mich umgab mit schwarzem Vlies
und ich auf späten Wanderungen
den Pfiff im Wald ertönen ließ.

Soll ich drum mehr im Dämmer dichten,
wenn halbwegs hell die Szenerie?
Die Nacht ist Mutter der Geschichten,
die Furcht der Preis der Fantasie!

Alternative möglich

Alternative möglichKalendermäßig Sommertage,
von Regenwolken grau meliert.
Schafskälte, Siebenschläfer: Plage,
die man poetisch aufpoliert.

Der Schirm, er baumelt an der Seite
so wie des Polizisten Stock,
dass Schauern er das Recht bestreite
an unserm Mantel, Hut und Rock.

Gehört wohl zu den Instrumenten,
die ihre letzte Form erreicht,
obwohl man etwa sieht bei Enten,
dass sie auch so nicht durchgeweicht!

Natürlich gibt es stets Regionen,
wo’s nicht so saut in einem fort,
doch da wir nicht nomadisch wohnen,
bleibt uns die Lage nur vor Ort.

Wie heißt’s? Das Beste daraus machen.
Als Rentner bin ich sehr dafür.
Ich brauch nicht allzu viele Sachen
und setzt den Fuß kaum vor die Tür.

Ein bisschen feudeln, Kaffee trinken,
mal gucken, was die Post beschert,
sich mit dem Internet verlinken –
und Langeweile abgewehrt!

Du hockst in deinen trocknen Räumen
bei schön gedämpftem Tageslicht
und musst doch keinen Spaß versäumen –
nur braun, das wirst du dabei nicht.

Lyrik live

Lyrik liveNoch herrscht der Dämmer vor dem Dunkel,
obwohl schon gleich halb elf erreicht.
Der Himmel, ohne Sterngefunkel,
liegt noch in leichtem Blau gebleicht.

Da auf dem Dach die beiden Fahnen
entfalten noch in voller Pracht
das Farbenspiel auf ihren Bahnen,
das ihrer Heimat Ehre macht.

Erstorben aber auf den Straßen
die sonstige Geschäftigkeit;
die Leute eben nicht vergaßen
des Sommerabends wahre Zeit!

Man hockt in seiner guten Stube
bei leicht gedämpftem Tageslicht,
das nicht mehr brütet volle Tube,
doch außer der Gebührenpflicht.

Bei diesen stets erhöhten Preisen
hätt mehr man von der Helle gern,
doch leider muss die Erde kreisen.
Zum Glück!, sagt sich der Stromkonzern.

Nun, eh ich mich hier red in Rage,
zur Technik lieber noch ein Wort:
Heut Lyrik mal als Reportage,
live, wie auf Deutsch es heißt, vor Ort.

Die Nacht ist nämlich aufgezogen,
in schwarzem Schweigen liegt die Stadt.
Vers eins ist darum nicht gelogen –
es dauert, bis man sieben hat!

Therapie

TherapieWillkommen seid, o Sonnentage
nach dieser Frühlingsfeuchtigkeit,
die fröhlich ihr mit einem Schlage
(wie man so sagt) hereingeschneit!

Das Erste ist der ew’ge Regen,
dass der nun endlich mal versiegt
und man mit ungeschütztem Brägen
kein’n Guss mehr auf die Platte kriegt.

Die Jacke lass nur hübsch am Haken.
Ein Hemd mit kurzen Ärmeln reicht,
um rüstig durch den Wind zu staken,
der schnurrend um die Schläfen streicht.

Was ist denn mit dem Grün geschehen,
das ihn mir säumt, den Wanderpfad?
Wie Kinderlein die Bäume stehen,
ganz frisch und sauber nach dem Bad!

Und wie nach überstandnen Nöten
die Kleinen plappern wie befreit,
hört man die Vögel wieder flöten
ihr lieblich Liedchen weit und breit.

Da müsst ich aber sehr mich täuschen,
wenn nicht wie ausgewechselt wär
die Welt nach all den Regenräuschen
und nach der Sonne Wiederkehr.

Wie Balsam wirken ihre Strahlen
auf das empfindliche Gemüt –
und keine Kasse muss bezahlen,
was heilsam da vom Himmel glüht!

 

Späte Rache

Späte RacheDer Globus hier, auf dem wir kleben,
was schleppt der nicht so alles mit!
Nicht nur das Kribbelkrabbel-Leben,
nein, auch den zugehör’gen Shit.

Das ganze Grünzeug bohrt die Quanten
ihm kitzlig in die Humus-Haut
als tiefverwurzelte Garanten
für ein gedeih’ndes Oberkraut.

Dazu dann die Millionen Fratzen,
die auf ‘nem Fahrwerk rumstolziern
und ihm den schönen Bauch zerkratzen,
zerschneiden oder asphaltiern.

Ja, wenn es dies und das nur wäre,
dann wäre es schon schlimm genug –
doch rechnet sich’s der Mensch zur Ehre,
dass er nicht ein-, doch neunmalklug.

Entsprechend auch die Resultate:
Verblendung hat die Oberhand
und steht selbst feierlich noch Pate,
wenn sie den Täufling tot schon fand.

Ein Irrsinn, der sich widerspiegelt
in Plastik, Blech und sonst’gem Schrott –
mit Müll wird unsre Welt versiegelt,
Konsum zu unserm Supergott.

Und tief ins Innerste sich wühlen
die Bagger, Bohrer dicht an dicht,
ihm gierig auf den Zahn zu fühlen
nach allem, was Profit verspricht.

Schon ist, was in Milliarden Jahren
sich sinnvoll fügte zur Struktur,
weitgehend an die Wand gefahren
von dieser „Krone der Natur“.

Zwar weiß ich nicht, wie viel Epochen
die Plünderung noch dauert fort,
doch ist noch lange nicht gesprochen
der Artgeschichte letztes Wort.

Denn dass da einer sich verbreite
(„Macht euch die Erde untertan!“),
das ist weiß Gott nur eine Seite:
der religiöse Größenwahn.

Die Erde will sie alle betten,
dass jeder wo sein Plätzchen find
und so in tausenden Facetten
das Leben seinen Faden spinnt.

Sie wird gewiss nicht drauf verzichten,
das einzurenken, was entgleist:
Einst wird der Mensch sich selber richten –
mit seiner Selbstmordwaffe „Geist“.

Fragwürdig

FragwürdigWohin des Wegs, du gute Erde,
die Tag für Tag ich springen seh
rund um die Sonne mit der Herde
der andern Kugeln im Karree?

Gelüst auf neue Weidegründe,
um reicher deinen Flug zu nährn
und dass die angestammten Pfründe
sich noch um weitere vermehrn?

Vielleicht auch nur die Lust zu fliegen
so schwerelos durch Raum und Zeit
und deinen schiefen Hals zu wiegen
am Gängelband der Ewigkeit?

Womöglich gar, weil starke Kräfte
gewaltsam dir ‘ne Bahn verpasst,
obwohl für solche Zwangsgeschäfte
du weder Drive noch Neigung hast?

Wo ist, die Sache zu erklären,
ein Kepler, ein Kopernikus?
Nur immer um- und wiederkehren –
wär das der Weisheit letzter Schluss?

Ist gar der Kosmos zu verstehen
als Uhrwerk, das ein Gott ersann,
mit einem Blick zu übersehen,
wann rackern oder ruhn er kann?

Falls in die richt’ge Kerbe hiebe,
was hier mein Geist spontan geblitzt,
dann wär der Mensch in dem Getriebe,
der Rost, der auf den Rädern sitzt.