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Stadtnatur

StadtnaturHier schlagen keine Nachtigallen,
hier ruht kein Reh im grünen Tann –
hier ist das Reich der Radarfallen,
der Polizist ein Jägersmann.

Kein Mond, der aus dem Meer der Wipfel
sein Strahlenhaupt zum Himmel reckt –
kaum sichtbar hinterm Häuserzipfel,
die nächste Wand ihn schon verdeckt.

Auf weichem Moos willst du dich betten,
die Füße wo im Blaubeerlaub,
und ringsherum die Lagerstätten
von Pilzen, die zurzeit noch taub?

Ein frommer Wunsch auf diesen Fluren,
die wenig mit Natur gemein
und tief versiegelt mit den Spuren
von Asphalt, Dreck und Ziegelstein.

‘nen Trupp von jugendlichen Bäumen,
der Schule eben erst entflohn,
sieht spärlich man die Straße säumen
als eines Waldes Illusion.

Daraus auf wundersame Weise
das Lied der Amsel noch erklingt
und dieses Tages triste Reise
zu einem blüh’nden Ende bringt.

‘ne Fliege summt mir hin und wieder
hier mitten in der Küche drin –
zwar nicht mit Fell und mit Gefieder,
doch schön natürlich immerhin!

Landregen

LandregenNun seh ich wieder keine Sterne,
der ganze Himmel ist bedeckt
und hat die goldnen Apfelkerne
tief im Gehäuse wo versteckt.

Versteht sich, dass auch den Trabanten,
wenn er denn heute Nacht erschien,
die Wolken völlig überspannten,
dass unsichtbar er müsste ziehn.

Aus dieser schmutzig-grauen Decke
es unaufhörlich rauscht und rinnt,
dass das Gemäuer feuchte Flecke
und der Asphalt an Glanz gewinnt.

Und aus dem Regen ‘s wie Geraune,
Gemurmel mir herüberweht,
als wären Feen da und Faune
und flüsterten ihr Nachtgebet.

Die Büsche unten an den Wegen
sehn auch schon aus wie Schilf und Ried.
Noch ein paar Tage mit dem Regen,
dann ist zum Sumpf kein Unterschied.

Man könnte melancholisch werden.
Schon schwappen Flüsse übern Rand.
‘ne neue Sintflut hier auf Erden?
Landunter an der Waterkant?

Sollt ich mir Noahs Arche bauen?
Die würde sicher schief und leck.
Doch kann wie er ins Glas ich schauen –
und komm schon so darüber weg!

Umschwung erhofft

Umschwung erhofftIn Regen schier ersoffen
der schöne Monat Mai.
Die Optimisten hoffen,
doch stets den Schirm dabei.

Den flatterhaften Buben
April er übertrifft;
wir hocken in den Stuben,
weil’s draußen ewig schifft.

In weiten Landesteilen
steht Wasser bis zum Knie.
Die Feuerwehren eilen
so fleißig wie noch nie.

Und wenn man mal was kaufen
in einem Laden muss,
dann heißt’s wie Nurmi laufen
aus Angst vorm nächsten Guss.

Des Frühlings Gütezeichen?
Verwehrt zu seiner Schmach.
Mag er davon sich schleichen,
wir weinen ihm nicht nach.

Nur einen Tag noch warten,
dann zieht der Juni ein.
Die Erde wird zum Garten
mit eitel Sonnenschein.

Das ist es, was wir wollen –
auch wenn dann andres droht:
Der kühne Flug der Pollen
färbt uns die Zinken rot.

Vorschau garantiert

Vorschau garantiertEin weitrer Tag verrauscht, verronnen,
versandet und versickert so
mit allen Nöten, allen Wonnen
im Nirgendwo.

Die Uhr hat ihm den Rest gegeben:
Schlag 12 – und ab dafür!
Ephemeridenleben:
Nur Nachwuchspflicht und keine Kür.

Der nächste folgt ihm auf dem Fuße
und tritt sein Erbe an:
O Welt und Gott zum Gruße!
Und tschüs, kaum dass er Land gewann!

Und immer weiter in dem Stile
hell – dunkel, Tag und Nacht,
als ob‘s binär gefiele,
dem Kosmos, der das Zeug gemacht.

Wir aber mitten in dem Reigen,
gezogen, mitgeschleift,
und ohne Chance auszusteigen,
eh Thanatos uns greift.

Auf keinen Nu verzichten.
Und frisst ihn doch die Zeit –
ein Denkmal ihm errichten
aus Lob und Dankbarkeit!

Und sich nicht ewig sorgen,
denn die Natur hat vorgebaut:
Freun wir uns nicht auf morgen,
so wie man stets nach vorne schaut?

Relationen

RelationenDen Kosmos wird es wenig scheren,
dass heute Sonntag ist;
in seinen Weiten, seinen Leeren
gibt’s keine Wochenfrist.

Der Mond, den wir als Uhr benutzen,
weil immer er verlässlich geht,
er würd nicht ‘ne Sekunde stutzen,
die Emotion verrät.

Und auch der Stern, den wir umkreisen
in einem Jahr von Start bis Ziel,
er achtet die stupiden Reisen
nicht mal fürn Pappenstiel.

Für diesen göttlichen Giganten,
in dem die Galaxien pulsiern,
sind Lebewesen einfach Quanten,
die sich im Nichts verliern.

Der Schöpfung selbsternannte Krone –
dieselbe nimmt sie nicht mal wahr,
haust doch der Mensch in einer Zone,
die kosmisch atomar.

Und hat doch tausende Regenten,
die’s nur aufs Schröpfen abgesehn
und sich mit Pomp und Paramenten
zu höh’rer Weihe blähn.

Ein Weisel, ach, der’s unternähme
zu grübeln über Zweck und Sinn,
wohl auch auf Gottes Gnade käme,
warum er Königin!

 

Goldene Nacht

Goldene NachtO Maiennacht, du wunderschöne,
wenn auch nicht grade lau und lind,
doch ohne jener Tropfen Töne,
die tags so reich erklungen sind!

Ich weiß nicht wie: Die schwarze Masse,
die da so lange reglos stand
und ihre Ladung, ihre nasse,
geleichtert hat auf Stadt und Land

Ist in Bewegung jäh geraten
und gab den Himmel wieder frei,
aus dem sofort die Sterne traten
wie auf Befehl von Zauberei.

Wie funkeln sie da in der Ferne
in frischer, ungetrübten Luft,
wo doch nach Lichtjahrn gut und gerne
gerechnet diese Wahnsinnskluft!

Als könnte man mit Händen greifen
den Schatz, der da so golden glänzt,
dass man mit Ringen und mit Reifen
sein dürft’ges Kästchen sich ergänzt.

Ach, wie viel mehr als an Juwelen
ist dort an jenen „Steinen“ dran –
‘s sind Himmelsblüten, die nicht stehlen,
doch schaun man und bewundern kann.

Vor Ehrfurcht sollten wir erschauern,
von Habsucht nicht und Gier gehetzt,
in Demut vor dem Kosmos kauern,
der Heimat uns im Hier und Jetzt!

In voller Blüte

In voller BlüteDa ragen, kleine Pyramiden,
sie luftig bunt aus dem Gezweig
der Büsche in den Frühlingsfrieden
von Straßenrand und Bürgersteig.

Und tauchst du ein in diesen Schatten
im eiligen Vorübergehn,
spürst in den Nüstern du den satten,
den schweren Duft noch lange stehn.

Das Lodenzeug, kaum wahrgenommen
in seinem ungeblümten Kleid,
zu Rang und Namen ist’s gekommen,
da Blüten ihm nun aufgereiht.

Wie stolz sie sich vom Blatte heben
und frei im Winde balanciern,
um aller Welt bekannt zu geben,
wo sie als Flieder residiern.

Noch niemals sie vergeblich warben
um Blicke, die mit Freud’ gepaart,
wo alle drei doch ihrer Farben
ganz wunderbar auf ihre Art.

Wer kann sich der Magie entziehen,
die seltsam auch Holunder heißt,
wenn aus den öden Grünpartien
so leuchtend es zum Himmel gleißt?

Nach meines Tags gelinden Mühen
befahl ich endlich mich zu Bett.
Und Träume gingen auf, zu blühen
in Lila, Weiß und Violett.

Fahrgäste

Fahrgäste„…für uns kleine Schaltiere, die am Schiffe der Erde saugend kleben…“
Jean Paul, Siebenkäs (1796), 4. Kap.

So wie ein Schiff die grauen Wogen
im Auf und Ab des Bugs zerteilt,
von Möwen schrillen Schreis umflogen,
der mit ihm zu den Ufern eilt

Und unter bleiern blauen Weiten
mal friedlich seine Flügel bläht,
die’s sicher in den Port geleiten,
bevor der raume Wind sich dreht

Und mal vom schwarzen Sturm getrieben
verzweifelt durch die Brecher irrt,
den Kurs zu suchen zu den Lieben,
den heillos dieser Wind verwirrt

So rollt auf ihrer ew’gen Reise
die Erde durchs bestirnte All,
doch heimatlos in stetem Kreise
und ungebremst mit Überschall.

Und wie der Dampfer sich Orkanen
und aufgepeitschten Wassern beugt,
muss jene ihren Weg sich bahnen
durch Wetter, die sie selbst erzeugt.

Wir Menschen aber sicher heuern
darauf als Kapitäne an?
Weiß Gott nicht. So ein Dickschiff steuern
allein der Kosmos selber kann.

Das Meer der Lüfte um die Ohren
fahrn wir als blinder Passagier –
als Muscheln, die den Rumpf zerbohren,
heimtückisch haftendes Getier!

Schmerzmittel

SchmerzmittelDa gibt es hier und da Gebrechen,
die sich die Zunge gern verbeißt,
weil sie an Körperstelln und -flächen,
die man intim und sonst wie heißt.

Insofern red ich ohne Zügel
vom Schmerz, der heute mich erregt –
er kam vom rechten Schulterflügel
und schwoll, wenn ich mich falsch bewegt.

Ich musst ihn untertags ertragen
und bin ihn auch noch jetzt nicht los
und wage auch nicht, mich zu fragen,
ob’s Rheuma, ob’s Verspannung bloß.

Vielleicht ist morgen alles besser
und, toi, toi, toi!, vorbei der Spuk,
ich muss nicht wieder unters Messer
und brauch kein Pflaster gegen Zug.

Vielleicht, vielleicht. Doch mit den Jahren
hat wohl der Leib so abgebaut,
dass Übel ihn befalln in Scharen,
die früher ihn kaum angeschaut.

Darum zum Sauertopf zu werden,
wär sicherlich die dümmste Kur.
Es ist nun einmal so auf Erden:
Verblühn muss alles, was Natur.

Am Ende kann uns nichts mehr heilen,
versagt die beste Medizin.
Solang wir aber hier noch weilen,
da helfen Tropfen mit Tannin.

 

Unerschöpflich

UnerschöpflichNun ist es plötzlich Mai geworden
und glühender der Sonne Strahl.
Von Blättern, Blüten überborden
die Straßenbäume auf einmal.

Und die so lange nackt gestanden,
der Winterkälte ausgesetzt,
die heiß ersehnten Kleider fanden,
erst da sie überflüssig – jetzt.

Doch darin mag auch Weisheit liegen,
damit der Lenz sein Soll erfüllt –
auch Menschen eh’r auf Formen fliegen,
die ein Gewand geschickt verhüllt.

Ach, der Natur geheime Pläne,
wer hätte je sie eingesehn?
Erfreun wir uns der grünen Szene,
auch wenn nicht alles wir verstehn.

Und ist es nicht auch gut zu wissen,
dass ja der Anfang erst gemacht?
Nach den Magnolien, den Narzissen,
was kommt da noch an Blütenpracht!

In unterird’schen Magazinen
liegt so viel Nachschub schon bereit,
den ganzen Sommer zu bedienen
und selbst den Herbst ein Stückchen weit.

Wie gerne würd ich doch besingen
jedwedes Blümchen im Gedicht!
In tausend Jahrn möcht’s wohl gelingen –
ich fürchte nur, ich hab sie nicht.