Archiv der Kategorie: Natur

Kontraste

KontrasteJa, wenn ihm so die Backen schwellen,
von Licht gefüllt bis an den Rand,
dann heißt es, dass die Hunde bellen –
aus Gründen, die noch unbekannt.

Und dass sensiblere Naturen,
so habe selber ich’s gehört,
schon öfter aus den Träumen fuhren,
weil dieser Schimmer sie gestört.

Dann soll es sogar Fälle geben,
auch dies ist kein Geheimnis mehr,
die aus den Federn sich erheben
und gehn dem Leuchten hinterher.

So wird noch dies und das gemunkelt,
was abergläub’sche Furcht verrät
und seinen guten Ruf verdunkelt,
grad wenn er sich am schönsten bläht.

Doch weckt er uns nicht auch Gefühle
von wunderbarer Seligkeit?
Da unten bei der Wassermühle,
da oben, wo der Adler schreit…

Und hier, wo ich ein Wesen halte
umschlungen mit der Liebe Arm –
o dass er nimmermehr erkalte,
des Silberlichts betör’nder Charme!

Romantik – doch für Wald und Heide!
Hier in der Stadt ist das nicht drin:
Der Vollmond, sonst ‘ne Augenweide,
tappt trostlos über Dächer hin.

Lichtspiele

LichtspieleNun klappt der Himmel seine Pforten
mit tausenden von Lichtern auf,
dass er uns zeige allerorten,
was er verhehlt im Tageslauf

Da über blau verhängten Tiefen
sich grell gebreitet Sonnenglut,
die Sterne bergend, die da schliefen
den Fischlein gleich am Grund der Flut.

Und wie’s in ungetrübten Bächen
ja immer fröhlich blitzt und blinkt,
so funkeln nun die Himmelsflächen,
durch die das Bild der Sterne dringt.

So traulich wie aus dichten Zweigen
winkt warm dies Licht aus dunklem Raum –
als ob’s nach Äpfeln dufte, Feigen,
nach Weihnacht und nach Tannenbaum!

Ein Flämmchen hat nicht seinesgleichen,
wenn’s irgendwo im Finstern glimmt
und uns als Trost- und Hoffnungszeichen
so feierlich wie Kinder stimmt.

Im Dämmer auch der Kathedralen,
in gottgeweihtem Staub und Stein,
wie gern wir für ein Kerzlein zahlen
und seinen süßen Heil’genschein!

Bewahrn wir uns die Illusionen
vom milden Licht des Weltenbaus:
Die friedlich strahlenden Photonen –
des Kosmos Hölle speit sie aus.

Aussicht

AussichtWie ungern würd im nächsten Leben
ich flattern nur als Schmetterling,
nur trunken über Blüten schweben,
bis mich ein flotter Vogel fing.

Wie wenig würd es mir behagen,
kröch bäuchlings ich nur hin und her,
um fetten Mäusen nachzujagen,
bis ich des Habichts Beute wär.

Auch wünschte ich mir keine Flossen,
mit denen ich durchs Wasser hetz,
bedroht von größ’ren Artgenossen,
von Angel, Reuse oder Netz.

Kein bisschen könnte mich erwärmen
des Froschs versumpfte Lebenswelt:
ein Teich, umtanzt von Mückenschwärmen;
ein Storch, der ihn im Schnabel hält.

Und soll der Himmel mich bewahren,
mich dermaleinst als Huhn zu sehn –
gerupft bald, um im Topf zu garen,
wenn nicht am Spieße mich zu drehn.

Als Aussicht eines künft’gen Lebens
sei auch der Haushund mir versperrt:
Ein treuer Sklave, der vergebens
am Zügel seiner Knechtschaft zerrt.

Auch würd ich wenig darauf geben,
käm ich als Löwe auf die Welt,
womöglich hinter Gitterstäben
oder im luft’gen Zirkuszelt.

Als Grashalm selbst auf üpp’gen Auen
wär mir die Lebenslust vermiest
der Mäuler wegen, die da kauen,
was ihnen grün entgegensprießt.

Und schließlich hab mit Buchen, Eichen
genauso wenig ich im Sinn –
die dämmern ja, lebend’ge Leichen,
Jahrhunderte nur vor sich hin.

Nach einem Dasein ich mich sehne,
das friedlich und von Ängsten frei –
und dass nicht Hase noch Hyäne,
geschweig’ denn Mensch ich wieder sei!

Kleiner Unterschied II

Kleiner UnterschiedJa, ja, ihr müsst euch nicht bemühen,
ich weiß schon, was ihr sagen wollt:
Dieselben Sterne sind’s, die glühen,
derselbe Mond ist’s, der da rollt.

Der Bruder und die tausend Schwestern,
natürlich bleiben die sich gleich,
sind selbst auch sie nicht die uns gestern
gestrahlt vom hohen Himmelreich.

Doch werden sie nicht drunter leiden,
dass wieder sie ‘nen Tag verlorn,
sie können ewig weiter weiden
und ewig weiter ungeschorn.

Die Schafe aber, die hienieden
das Bittergras der Erde kaun,
gehn ein bald in den letzten Frieden,
um weiß der Teufel was zu schaun.

Da drüben diese Hausfassaden:
wie Zeit, in Glas und Stein geprägt,
und hängt doch schon am seidnen Faden
ein jedes Herz, das da wo schlägt.

Das ew’ge Gleichmaß unsrer Tage,
die Stunde, die nur heimlich flieht,
verschweigen, dass die Lebenswaage
beständig uns zu Boden zieht.

Und eines Tags, die Sterne rollen,
der Mond glüht wieder rosig frisch,
ist der Poet im All verschollen.
Ein Weinfleck trocknet auf dem Tisch.

Mal raus

Mal rausEin wolkenloser Himmel spannte
sich faltenfrei und seidenblau
von einer bis zur andern Kante
des Horizonts als Unterbau

Und lag in selbstvergessner Wonne
in alle Winde ausgestreckt,
und nur das Flammengold der Sonne
hat brandig ihm sein Fell befleckt.

Noch hauste Schnee an vielen Stellen,
wo das Gestirn ihn nicht erreicht,
doch wo die Strahlen dichter quellen,
war alles matschig aufgeweicht.

Die ersten Haselkätzchen hingen,
der lichten Seite zugewandt,
doch noch mit frostig-steifen Schwingen
in diesen kühlen Hauch gebannt.

Noch hat er seine Friedenstaube
dem milden Frühling nicht geschickt,
noch herrscht der Winter in der Laube,
die grämlich übers Ufer blickt.

Doch trocken war’s, und tausend Füße
sich tummelten auf Stock und Stein –
wie sollt ich auf des Bummelns Süße
denn da nicht auch begierig sein?

‘ne Mütze Frischluft um die Nase,
‘nen Kaffee dann im Hähnchengrill.
Da saß der Ostermontagshase
beim Eiergrog. April, April!

Vorgefühl

VorgefühlSchon liegt der Schmelz der Osterfeier
balsamisch auf der stillen Stadt,
die nur Verstecke noch für Eier
im auferstandnen Glauben hat.

Karfreitag morgen. Heil’ger Name
und Eingangstor zum großen Fest,
da uns der buntgemalte Same
des Huhns Erlösung hoffen lässt.

Erstorben schon die dunklen Pfade,
auf denen sich der Mensch ergeht,
und damit auch die Blechblockade,
in der so viel er sitzt und steht.

Vor uns die schönen freien Tage,
enthebend uns der sauren Pflicht
und nur des Eis versteckte Lage
uns angenehm den Kopf zerbricht.

Noch hält mit heißen Frühlingsgrüßen
die Sonne launisch sich zurück,
doch tilgte unter unsern Füßen
den Schnee sie schon ein gutes Stück.

Man wird sich um die Feuer drängen,
die lodernd in die Flur gestreut
wie Vieh mit rotbunt-blut’gen Fängen,
das glüh’nde Gräser wiederkäut.

Man wird die Tücher enger schlingen,
um einen warmen Hals bemüht,
und manchmal in die Kehle zwingen
ein Tröpfchen, das sie rasch durchglüht.

Man wird die Scheite knistern hören,
da fröstelnd man die Hände reibt,
und sehn, wie Geister sie beschwören,
die Schatten, die das Licht beschreibt.

Man wird mit aufgerissner Seele
in dieses Flammenwunder stiern
und wünschen, dass es weiterschwele,
wenn wir im Alltag uns verliern.

Indessen wo mich selber finden
in diesem monotonen „Man“?
Mitmachen oder mich entbinden,
weil dieses Ostern mich mal kann?

Ich werd’s auf meine Weise ehren
mit Inbrunst und Genuss dabei –
und werd beim Morgenmahl verzehren
Café und Fünf-Minuten-Ei!

Phasenweise

PhasenweiseDenn frisch gewagt, ist halb gewonnen –
ein neues Lied stimm ich hier an,
kaum dass das alte ich begonnen,
das rasch zu Versen mir gerann.

Der Mond hat mich dazu getrieben,
der lang nicht meine Nacht geteilt,
doch heut im Kreise seiner Lieben,
der Sterne wieder mal verweilt.

Wie hohl indessen seine Wangen,
wie bleich am dürren Leib die Haut,
die ich in ros’gem Gelb noch prangen
beim letzten Rendezvous geschaut!

Er kann es nun einmal nicht lassen:
Andauernd diese Licht-Diät –
nur halbe Ladung Sonne fassen,
auch wenn der Bauch nach mehr ihm steht.

Sich immer irgendwas verkneifen,
das macht doch keinen richtig froh.
Wann wird er je ihn bloß begreifen,
den Auf-und-ab-Effekt „Jojo“?

Nur ein paar schlappe Wochen weiter,
dann hat er wieder drauf den Speck –
und unser Mond, kein’ Deut gescheiter,
er hungert ihn sich wieder weg!

Doch wolln wir uns mal ehrlich fragen:
Gleicht er den Menschen nicht so weit,
dern voller oder leerer Magen
auch ewig so im Widerstreit?

 

Weitermachen

WeitermachenVersteht den Zauber dieser Stunde:
In schwarzen Flor gehüllt die Nacht
und auf dem feingewirkten Grunde
Millionen Perlen angebracht

Die endlos goldne Funken sprühen –
wie Sonnenstrahlen auf dem Meer,
bevor im Dämmer sie verglühen
oder in See, vom Winde schwer.

Der Mond natürlich, die Laterne
in seiner bleichen Knochenhand,
wie er da sucht im Wust der Sterne
nach seiner Piste unverwandt.

Und unterm himmlischen Geschehen,
das in erhabnen Sphären spielt,
lässt sich ein Stückchen Erde sehen,
das träge schon nach Träumen schielt.

Die meisten Lider sind geschlossen
in der Fassade Steingesicht,
nur hier und da noch ausgegossen
Gevierte mit getrübtem Licht.

Mit diesem Dunkel, aufgezogen
wie ein Gewitter aus dem Nichts,
ist auch die Wirklichkeit verflogen
zu einem Bild des Weltgerichts.

Muss man nicht umso schneller dichten,
von banger Ahnung so bedrängt?
Papier will auf Papier ich schichten,
bis man die Bäume höher hängt!

Ausweg

AuswegAn allen Ecken, allen Enden
macht sich in Fetzen Schnee noch breit.
Noch hält die Erde nicht in Händen
des Frühlings bunt geblümtes Kleid.

Der Frost hat noch mal zugeschlagen
mit winterlicher Urgewalt –
wie’n Boxer in des Gegners Magen,
genauso tückisch und so kalt.

Er bläst mich durch die morschen Ritzen
des Altbaus so verbissen an,
dass ich am Ende nur noch flitzen
und dicke Socken holen kann.

Er treibt mir Schauer übern Nacken –
verbrannte Erde: Gänsehaut,
dass vom Genick bis zu den Hacken
es vor dem Knochenmann mir graut.

Er lässt mich Trost im Roten suchen,
dass er die Glieder mir durchglüh –
und mit ‘nem spött’schen „Pustekuchen!“
mein Musenpferd ich ent’re: Hüh!

Das hat ‘ne wärmende Schabracke
und Hufe, die mit Spikes bestückt,
so dass die klirrende Attacke
dem Sibirjaken hier missglückt.

Um zum Parnassus aufzusteigen,
ist immer irgendwo ein Pfad.
Man muss sich nur geduldig zeigen,
dann geht es aufwärts, Grad für Grad.

Vision

VisionEin Wasserlauf zieht halbwegs grade
sich quer durchs flache Wiesenland,
an seinem grasigen Gestade
bisweilen dürft’ger Baumbestand

In dessen aufgeblähte Schatten
sich hier und da ein Hüttchen drückt,
ein Holzstoß, Zaun mit losen Latten,
von Wind und Wetter längst zerpflückt.

In langen Schritten gehn die Wellen
gemächlich ihrem Ziele zu
und ohne Furcht vor diesen Fällen,
die jäh sie stürzen aus der Ruh.

Die Sonne, die im Untergehen
sacht mit dem Horizont zerfließt,
sieht halb man überm Fluss noch stehen,
der breit in diesen sich ergießt.

Und schwarze, schwere Wolkenmassen,
als ob noch ein Gewitter droht’,
wie Kohlehaufen, eingelassen
ins gelblich glüh’nde Abendrot.

Kaum sichtbar tasten sich Gestalten
auf düstrem Leinpfad noch entlang;
des Dorfs Geräusche längst verhallten,
verstummten wie der Vogelsang.

Ein Bild, es immer zu bewahren –
vergänglich, und doch ewig jung,
so steigt es mir seit vielen Jahren
ans Ufer der Erinnerung.