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Keine Pause

Keine PauseGern würd ich diesen Tag besingen,
ihm Größe irgendwie verleihn,
dass auf des Musenpferdes Schwingen
er ins Gedächtnis ziehe ein.

Doch wo sind heut die Katastrophen,
die man so schnell nicht mehr vergisst,
vom Platz uns reißend hinterm Ofen,
der trügerisch nur trocken ist?

Von Überschwemmung: keine Rede.
Von Feuersbrunst: nicht eine Spur.
Von Dauerfrost: der liegt in Fehde
mit lauer Frühlingstemp’ratur.

Kein Flieger ist zu Fall gekommen,
kein Schiff ging sinkend in die Knie,
kein Wal hat tödlich sich verschwommen,
dicht hielt die Strahlendeponie.

Das mit den Eiern und den Gäulen,
das war ja letzte Woche schon,
und gift’gen Futtermittel-Fäulen
gebührte gestern erst der Thron.

Mag’s auch an Unglücksfälln nicht fehlen,
grad heut ist einmal nichts passiert,
dass den sensiblen Dichterseelen
das Blut im Gänsekiel gefriert.

O nein! Wir müssen sie nicht missen!
Die Christen mit dem Krämersinn
in höchsten Ämtern noch zu wissen:
Die Katastrophe, ach, schlechthin!

Ausnahmeerscheinung

AusnahmeerscheinungIn seinem prächtigsten Ornate,
dem Gegenteil von Schnäppchen-Kauf,
ging wie ‘ne goldene Oblate
er plötzlich übern Dächern auf.

Erst hab ich ihn nicht wahrgenommen,
weil tief ich übers Blatt gebeugt,
und dann nur flüchtig und verschwommen,
als kurz durchs Fenster ich geäugt.

Doch kam so glänzend er geschritten,
so herrlich übers Firmament,
dass mir die Augen davon litten,
als wär’s die Sonne, die da brennt.

Und wie so oft bei Majestäten
viel Sinn herrscht fürs Brimborium,
hat er die Szene heut betreten,
den ganzen Hof um sich herum.

Sein Pech nur, dass im Höhersteigen
der schöne Nimbus ihm verblasst
und von dem stolzen Flaggezeigen
nur blieb ein träg betuchter Mast!

Ich weiß, ich weiß: der Lauf der Dinge,
rasch ist der Lack ja wieder ab
und enger zieht sich nur die Schlinge
fürs letzte erdbelegne Schapp.

Doch mag dies auch für alles gelten,
fürn Mond nun mal gerade nicht,
der ewig haust in seinen Welten –
als großes oder kleines Licht.

Natürlich

NatürlichTja, in der besten aller Welten,
wie Leibniz einst sie tituliert,
Verhältnisse auch öfter gelten,
die nicht mal er hätt gern goutiert.

Zu seinen spätbarocken Zeiten
(das Menuett war Mode-Schwof)
pflegte das Federvieh zu schreiten
raumgreifend übern Hühnerhof.

Und für den Auslauf zum Spazieren,
zum Picken, Gackern und zum Kräh’n
wollt es sich „höflich“ revanchieren
mit Eiern, prächtig anzusehn.

Das Landvolk, eher kurzgehalten
so auf dem Level von Hartz IV,
ließ einfach die Natur nur walten
und aß mit mehr Genuss als wir.

Und dass man Dinge erst verschandelt
zum billigen Fabrikprodukt
und sie dann schweineteuer handelt,
wenn auf Geschmack der Kunde guckt

Es wäre ihm absurd erschienen,
der Gipfelpunkt der Narretei!
Noch extra daran zu verdienen,
dass die Natur natürlich sei!

Die Perversion ist vorbehalten
unsrer gloriosen Gegenwart,
die anders als die armen Alten
an Qualität am liebsten spart.

Denn das Extrem, in das wir fielen,
nachdem der Himmel abgeschafft,
hieß möglichst viel Gewinn erzielen,
und Gott ist, wer am meisten rafft.

Wir müssen mit Skandalen leben,
die dieses Credo üppig nährt:
Heut Eier, die sich glücklich geben,
und morgen Rinderbrust vom Pferd.

Heut ist der Vater aller Dinge
nicht mehr der Krieg – und Gott sei Dank!
Auf des Profits agiler Schwinge
zeigt sich der Mensch genauso krank.

Der nächste Schmu, was wolln wir wetten,
nicht lange auf sich warten lässt:
mit Hosen, Nudeln, Federbetten
und mit der Sore ganzem Rest.

Die Fantasie kennt keine Grenzen,
ist sie ‘nem Reibach auf der Spur –
wobei sich ideal ergänzen
dies Credo und die Menschnatur.

Solange wir zum Mammon beten:
Erlös uns von der Armut Schmach!,
so lang wird man vergeblich jäten,
rasch wächst das Unkraut wieder nach.

Die Politik? Ein großer Jäter;
sie zupft und zeigt sich schwer aktiv.
Zum Schein! Wer wird schon zum Verräter
an Geistern, die er selber rief?

 

Aussichten II

AussichtenHier schnell ein Wort zur Wetterlage:
Der Himmel gibt sich grau bedeckt,
dass Sonnenschein sich ohne Frage
nur übern Wolken hin erstreckt.

Zunächst mal wird es trocken bleiben;
doch später, von Südosten her,
kommt Schnee auf, um vorbeizutreiben
in losen Flocken bis zum Meer.

Der Wind, von friedlichem Gemüte,
reißt heute keine Bäume aus;
Beaufort gemäß liegt seine Güte
weit unterhalb von Sturmgebraus.

Für morgen ist die Aussicht besser:
bewölkt zwar, doch kein Niederschlag.
Dem Eis gefrorener Gewässer
misstraue man, dass es noch trag.

Es bleibt auch in den nächsten Tagen
mehr oder wen’ger wechselhaft.
Erfreulich allerdings zu sagen:
Die Sonne, die gewinnt an Kraft.

Der Eintopf à la Wetterkarte,
wie ihn der Februar serviert –
der Küchenmeister jener Sparte,
die er mit Schmalhans meist regiert.

Egal; denn schon in wen’gen Wochen
kreiert der Frühling das Menü.
Im Himmelsfeuer lässt er’s kochen,
dass es zu sattem Blau erblüh.

Weltgericht

WeltgerichtDer Sterneköche heut’ger Flitter,
den auf dem Speiseplan man sieht:
Vorweg Meteoritensplitter,
als Hauptgericht Asteroid.

Das ist nicht jedem gut bekommen,
die Kreation war zu riskant:
Ein Krankenbett zur Not genommen,
im besten Fall ‘nen Wundverband.

Und wo hat man die saure Miene
gemacht zu diesem bösen Spiel?
Ich tipp auf Frankreichs Haute cuisine,
da püttjert man ja ziemlich viel.

Nicht? Ortung leider fehlgeschlagen?
In Russland?! Na, da komm man drauf!
Da nimmt man fürn verwöhnten Magen
wohl auch schon einiges in Kauf.

Zumindest könnte ich mir denken,
dass so ‘n Rezept umstritten bleibt –
ich ließ ‘nen Fraß mir nicht mal schenken,
der mich am Ende gar entleibt.

Solln andre sich an Fugu weiden
mit Todeskitzel-Hochgenuss;
ich kann mit Matjes mich bescheiden –
die Gräte ich nicht schlucken muss.

Doch was auch immer abgekartet
vor dir auf dem Menü-Basar,
du weißt doch nie, was dich erwartet:
Die Köche – unberechenbar.

Jagdfieber

JagdfieberMein Herz, es mag im Hochland weilen,
doch jagen möchte es da nicht,
verschreckten Ricken nachzueilen
mit Unschuldsaugen im Gesicht.

Verhuschte Hasen zu erschießen,
die panisch vor der Flinte fliehn,
um nach gezieltem Blutvergießen
ihr flausch’ges Fellchen abzuziehn.

So wenig wie um zu erlegen
des Walds gekrönte Majestät,
den Hirsch, der seiner Enden wegen
bei Kugeln hoch im Kurse steht.

Und auch die Kerze auszublasen
‘nem Auerhahn in seiner Pracht,
gehört nicht zu den Lust-Extasen,
auf die ich Anspruch je gemacht.

Ich möchte nicht die Knarre heben,
nach Laune Leben zu zerstörn,
nur um mir das Gefühl zu geben
im Schuss als Platzhirsch selbst zu röhrn.

Millionen Jahre Jäger-Sammler
gehn aber spurlos nicht vorbei –
manch einer schießt auf kleine Rammler
und glaubt, dass er ein Nimrod sei

Und rühmt sich solcher Heldentaten,
die ohne Angst und Schweiß geschehn –
fast so, als würd er seinen Braten
beim Schlachter vis-à-vis erstehn.

Denn während unsre Steinzeitahnen
gekämpft um Leben und um Leib,
keult diese Zunft der Schrumpfgermanen
das Wild zum bloßen Zeitvertreib.

Beschönigend: „Bestände pflegen“ –
sonst wird von Reh’n man überrannt!
Der Schöpfung zweifelhafter Segen:
Neandertaler mit Verstand.

Nein, einfach durch die Heide streifen,
die diese tausend Wesen nährt –
nur mit den Sinnen sie ergreifen:
Geschwister, aller Liebe wert.

Windbeutel

WindbeutelWie sie sich drehen, winden, biegen,
als hätten Krämpfe sie erfasst,
und tot zu ihren Füßen liegen,
zerschmettert liegen Zweig und Ast!

O wie sie in den Wipfeln wütet,
die blinde, ungebremste Kraft –
so wie ein Wolf die Schafe hütet,
so mit verzehrnder Leidenschaft!

Der stärkste Sturm ist von der Leine:
jetzt zeig dich niet- und nagelfest,
stemm Brust dagegen, Bauch und Beine,
dass es dich nicht verwehen lässt!

Im Hafen treibt er hoch zu Wogen
die Flut, die eh zu Berge schwillt,
und schäumend kommen drauf gezogen
Poseidons Rosse, weiß und wild.

Doch droben in der Lüfte Weiten,
wo er sich selbst nur Widerpart,
wie kommt er da beim Wellenreiten
auf seinesgleichen erst in Fahrt!

Kein Halten gibt’s, wo keine Grenzen
dem ungestümen Drang gesteckt
und seine Kunst der Turbulenzen
in ihrer Vielfalt erst perfekt.

Wie er in breiten Strömen stiebt,
in Strudeln gurgelnd da rotiert,
zu Massen sich zusammenschiebt,
koppheister sich im Sturz verliert!

Wie er da heult und pfeift und johlt,
sich aus dem Leib die Seele schreit,
das Letzte aus der Lunge holt
im Taumel der Besessenheit!

O dass ihr bloß, ihr kühnen Flieger,
ihm niemals in die Hände fielt,
es wären Klau’n von einem Tiger,
der Katz und Maus nur mit euch spielt!

Denn ehrlich: In der Stratosphäre
geht’s selten ohne Stürme ab,
und wer da segelt auf dem Meere
sich besser gleich ‘ne Tüte schnapp.

Indessen er zum Glück hienieden
auf manche feste Schranke stößt
und kaum noch stört der Erde Frieden,
die schon in halbem Schlafe döst.

Und träumt: Als windigster Geselle
entpuppte sich der Zwölferschar,
der noch gepustet auf die Schnelle
verröchelnd, ach, der Januar!

Wetterlage II

Wetterlage IIDie Stadt ist wieder weiß geworden,
schwarzbunt wie’s Vieh, das wiederkäut.
Ein wind’ger Bursche aus dem Norden
hat Schnee ihr übers Fell gestreut.

Nur die Fassaden stehn noch dunkel,
von trüben Stuben kaum erhellt,
doch ringsherum Kristallgefunkel,
wo Neon auf die Fläche fällt.

Und eine Wolkendecke droben,
die kein Maestro ausgemalt:
so grau wie’n alter Schweinekoben,
der mit zerfressnem Holz verschalt.

Wo sind die flotten Kavaliere,
die gern den Motor überdrehn?
Gebremst von dieser Seifenschmiere,
auf der die Reifen Schlittern gehn.

Erstickt in diesem dicken Linnen,
klingt dumpfer nun der seltne Laut
und langsamer scheint zu verrinnen,
die Zeit, die ihre Zukunft baut.

Es herrscht ‘ne feierliche Stille,
wo Weihnacht doch schon lange her!
Doch durch die ros’ge Gletscherbrille
schaut man der Krippe Wiederkehr.

Schon morgen sei der Schmelz geschwunden,
zerflossen vor ‘nem Hitzeschwall –
so der Bericht für Radiokunden.
Doch bleibt uns dies auf jeden Fall.

Wetterlage

WetterlageWenn er doch nur mal dichter fiele,
anstatt so federleicht und fein!
So trägt man sich ja in die Diele
nicht mal ‘nen müden Abdruck rein!

Am Nachmittag hat’s angefangen;
auf einmal stob ein weißer Flaum
von Flocken auf die tauben Wangen,
sie sprenkelnd wie mit Seifenschaum.

Doch wie er flüchtig dir am Leibe
so wie gefallen, so zerfloss,
war auch das Pflaster keine Bleibe,
die lange er als Gast genoss.

Nur hier und da auf größren Flächen,
in die kein Rad, kein Fuß sich prägt,
gefiel’s ihm, nicht gleich aufzubrechen,
nachdem er sich dort hingelegt.

Ganz anders auf dem breiten Streifen,
der Straße starrem Lavafluss:
Da schmolz er untern heißen Reifen
von Pkw und Omnibus.

Kaum blieb er an den Bäumen hängen;
die Zweige, weithin ausgespreizt,
dass sie ein wenig Puder fängen,
sie blieben schwarz und braun gebeizt.

Das heißt am falschen Ende sparen:
‘ne Schütte Schnee fürs ganze Land!
Nicht einmal Schlitten kann man fahren.
Der Winter, ach, verläuft im Sand!

 

Relativ rasch

Relativ raschEheu fugaces,
Postume, Postume,
Labuntur anni!

Horaz (65 – 8 v. Chr,), Oden II, 14

Man kann den raschen Lauf beklagen,
die überstürzte Flucht der Zeit –
doch würd man andres drüber sagen
als der, der in die Wüste schreit?

‘ne Wahrheit, die das Röhricht raunen
man seit Jahrtausenden schon hört,
wen brächte sie denn noch zum Staunen,
dem Geist und Sinne nicht gestört?

Ach, nicht zum Staunen: Zum Verzagen
erwähn ich dieses Faktum bloß –
pro domo, weil in diesen Tagen
ich näher an die 70 stoß.

Springst du als Kind noch durch die Fluren
als Frischling dieses Erdenballs,
gehn nach Minuten deine Uhren,
von heut auf morgen bestenfalls.

Und steht nach freudigem Geschehen
dir mal erwartungsvoll der Sinn,
dann scheint der Zeiger stillzustehen,
so schneckenhaft kriecht er dahin.

In winz’gen, unauffäll’gen Dosen
verabreicht Chronos uns sein Gift –
du glaubst dich noch in Strampelhosen,
wenn unverhofft der Schlag dich trifft.

Jetzt schlug er auf die nächste Seite:
Ein 68er bin ich nun.
Weiß Gott! Doch einmal Scherz beiseite:
Das Alter kam auf Flügelschuhn.

(Der Zeitpfeil, wie Gelehrte sagen,
hat leider eine Richtung nur.
Ich könnte Einstein drum erschlagen,
dass er nicht hier schuf Remedur!)

Wie oft sah ich den Mond nicht tauchen
wie jetzt aus schwarzem Wolkendunst,
ihn als Staffage zu gebrauchen
zur höh’ren Weihe meiner Kunst?

Genug, um drüber zu vergreisen –
und doch zu selten allemal.
Schon bald wird ohne mich er kreisen
in andren Versen ohne Zahl.

Was kann es da denn noch bedeuten,
wenn ich die Bürgerstube flieh,
um bei den Musen anzuläuten
zum Türverkauf der Poesie?

Natürlich nichts. Doch dies Hausieren
ist ja mein einziges Talent.
Drum will ich keine Zeit verlieren –
grad wenn sie, wo sie, weil sie rennt!