Archiv der Kategorie: Natur

Vollmond

VollmondWie ich verträumt und in Gedanken
zum Himmel einfach mal so schau,
seh ich in Wolkenbänken schwanken
den vollen Mond, als wär er blau.

Mal taucht er halb nur aus den Wogen,
mal thront er auf ‘nem Wellenkamm,
doch da er Ölzeug angezogen,
durchweicht es ihn nicht wie ein Schwamm.

Wie feist er glänzt in seinem Kleide!
Und wie heroisch er sich hält,
dass so allein auf finstrer Heide
ihn nicht die nackte Angst befällt!

(Sein Schicksal möchte ich nicht teilen
und lebte ich in Ewigkeit:
als Zeiger nur im Kreise eilen
als Zeiger der verlornen Zeit.)

Er kämpft sich durch. Naturgewalten
diktiern Geschwindigkeit und Bahn.
Mal zu verschnaufen, anzuhalten:
nicht vorgesehn im Schöpfungsplan.

So mag er wohl dem Menschen gleichen,
der zwanghaft rennt in seiner Spur,
indes die Stunden ihm entweichen,
die eh schon knapp bemessen nur.

Ich glaube, wenn die Wahl ich hätte,
zu kurven ewig, aber blind,
oder zu weiln an einer Stätte,
wo sterblich meine Freuden sind

Wär sicher mir das Letztre lieber:
ein Glück, das kurz, doch intensiv –
und eingeschmuggelt als Kassiber
in einen Schlaf, unendlich tief.

Indem ich derlei noch so denke,
kommt mir der Wandrer aus dem Blick –
verschluckt von einer Wellensenke,
verschwunden hinterm Straßenknick.

Statt seiner geht die nächste Frage
mir auf am Seelenhorizont:
Ob meine wen’gen Erdentage
auch wirklich wunderbar besonnt?

Illusion

IllusionSchon geht die Uhr auf Mitternacht.
Gleich ist die Flasche leer.
Das weiße Windlicht flackert sacht
im Zug vom Fenster her.

Der Lärm des Tages abgeflaut.
Die Autos wo versteckt.
Gäb die Zikade jetzt noch Laut,
die Stille wär perfekt.

Die Schwüle immer noch nicht schwand.
Das Hemd am Halse feucht.
Der Himmel wölbt sich übers Land
mit kaltem Sterngeleucht.

Gemächlich zieht ein voller Mond
im Bogen seine Bahn,
der groß in seinem Hofe thront,
doch ohne Untertan.

Die Küche hier, mein Studio,
wenn mich der Hafer sticht,
das heißt zu essen sowieso,
doch auch für ein Gedicht

Döst friedlich unterm Firmament:
Wie’n Fels, der Tonnen wiegt,
nicht Hagel, Sturm und Kälte kennt
und keinen Schnupfen kriegt.

Doch nur Oase, nur Asyl
im Meer von Furcht und Leid,
im Stern- und Galaxiegewühl,
aus dem das Chaos schreit.

Was mich nicht hindert am Genuss
der Speisen, die sie birgt –
der auf den lyrischen Erguss
gewöhnlich stärkend wirkt.

Zög sich das ewig in die Läng,
es wär genau mein Fall:
Ich tränke, träumte und ich säng
mich durch das ganze All.

Nie stellt sich Langeweile ein,
zu schreiben wär genug;
bis an den Rand von Sein und Zeit
reicht der Gedankenflug.

Auf jedes Stäubchen, kosmosweit,
macht ich mir meinen Reim
und schließlich die Unendlichkeit
zum Hause mir und Heim.

O Schreck, verplaudert wieder mal!
Vergesst, was ich geschwätzt!
Nur weil in unser Fleisch der Pfahl,
der Totenkopf geätzt!

Jetzt aber schlafen, spät ist spät.
Da die Plejaden schon!
Die Welt, wie sie sich ewig dreht –
ach, keine Illusion!

Aussichten

AussichtenVoll Neugier lass ich durch die Scheibe
die Blicke wandern in die Welt –
vom Küchentisch in meiner Bleibe,
der mir als Musenpult gefällt.

Da seh ich auch schon diese Dame,
gestützt auf ihre Fensterbank –
o dass nicht Schatten nur sie rahme,
ein Blumennimbus sie umrank

Weil sie so lieblich da gelegen
wie auf ‘nes alten Meisters Bild
und auch der schönen Treue wegen,
die dieser tristen Aussicht gilt

Die heute Abend ausnahmsweise
von allem Finsteren befreit,
da ihr der Mond auf seiner Reise
ein volles Maß an Glanz verleiht!

Grad steht er übern Fahnenmasten
und stellt in seinem Licht sie bloß:
als Hungertücher, die beim Fasten
schlapp vorm Altar und regungslos.

Doch unaufhaltsam kreist er weiter,
ein Raumschiff ohne Halt und Ziel
und folglich ohne Jakobsleiter
und Gästebetten überm Kiel.

Ab der Trabant. Und ein Getöse
erschüttert jäh die bange Nacht –
dies doppelt, ach, Spektakulöse,
das Lärm und bunte Blitze macht!

Ein Fest, mit Feuerwerk zu feiern!
So’n Jahr ist ja nicht an(t)lassarm –
vielleicht ein Löffellauf mit Eiern,
gesponsert von ‘ner Hühnerfarm?

Vielleicht ein sonstiges Geschehen,
das hochgejubelt zum Event –
ein Wettbewerb im Däumchendrehen,
vor und zurück (der neuste Trend!).

Wie immer auch, die ganze Szene
mit Mond, Spektakel, Fensterfrau,
die ich Vers 2 als „Welt“ erwähne,
ist ja die ewig gleiche Schau

Die hier sich meinem Auge bietet
als winz’ger Bühnenausschnitt nur
von einem Platz, der fest gemietet –
Abonnement rund um die Uhr.

Wohl Welttheater? Pustekuchen!
Nicht mal ein derbes Bauernstück.
Guckloch für Typen nur, die suchen
im Winkel ihr bescheidnes Glück.

Wie auch, dass man es hier vermisse?
Die Zeit, verfließend sonst, gebannt
ins ewig Gleiche der Kulisse.
Verhängt die Spiegel an der Wand!

Hochsommerhitze

HochsommerhitzeNimmt denn die Hitze gar kein Ende?
Längst sank die Sonne, die sie nährt,
längst lodern auch die Sternenbrände
vom tausendflamm’gen Himmelsherd.

Kein Wind auch, der mit dicken Backen
mal pustet wie in einen Brei,
damit die Temp’raturen sacken
und jene gut genießbar sei.

Da seht die Fahnen, bunte Lappen
als Hoheitsgruß dem fremden Gast,
sie wehn und flattern nicht, sie schwappen
wie faule Wellen um den Mast!

In den Fassaden Lichter blühen
wie Hahnenfuß im feuchten Grund,
als fing das Dunkel an zu glühen
mit jeder weitren Hitzestund.

Es ist nicht anders auszuhalten
als mit der quirl’gen Dienstbarkeit
des Ventilators, dessen Walten
von dem des Schweißtuchs mich befreit.

So hocke ich in meinen Puschen
frontal gewendet zum Gerät,
um in dem Hauche mich zu duschen,
der frisch mir um die Nase weht.

Hielt’s der Poet, der abgebrannte,
nicht ebenso im Dachgeschoss,
als einen Regenschirm er spannte,
weil ihn die Dichtung da verdross?

Ich fürcht, ich werd ihm mehr noch gleichen,
wenn Morpheus mich zur Ruhe klopft
und mir, die Kissen durchzuweichen,
der Schweiß aus allen Poren tropft.

Dann heißt es triefen, troff, getroffen –
Grammatik muss nicht trocken sein.
Doch bleiben alle Fenster offen:
Kommt Kühle, kommt sie auch herein.

In solchen wetterwend’schen Fällen,
wer könnte da was garantiern?
Ich werd das Ding ans Bett mir stellen
und meine Träume ventiliern.

Zurück zum Mond

Zurück zum MondZurück zum Mond. Denn grade eben
seh ich ihn hoch auf seiner Bahn
durch schwarze Wolkenbänke schweben
als finstrer Fluten goldnen Kahn.

Ein feiner Dunst hüllt wie ein Schleier
das glänzend kahle Haupt ihm ein,
das jetzt in manchem dunklen Weiher
sich kräuselt als sein Widerschein.

Schon muss den Kopf ich etwas recken,
dass meinem Blick er nicht entgeht,
denn er bewältigt große Strecken,
obwohl man meinen sollt, er steht.

Sein Antlitz, das so oft verschlossen
in wechselhaften Schatten scheint,
ist ganz von Licht nun übergossen,
die Züge öffnend und befrei’nd.

Wie heiter blickt er auf mich nieder,
mit wie viel Wohlgefalln dabei!
Ich glaube fast, er mag die Lieder,
die ich ihm hin und wieder weih.

Das kann ihn aber nicht verleiten,
mir etwas länger zuzusehn.
Sein Fahrplan fordert feste Zeiten,
von A sich bis nach B zu drehn.

Jetzt ist er mir davongeflogen
wie’n Luftballon, der sich entriss,
von Winden hastig hochgesogen,
und kleiner, kleiner, kleiner, bis …

Dahin wie Gummi, aufgeblasen
zu voller fadenschein’ger Pracht.
Und freun uns dennoch seiner Phasen –
wie’n Kind, das dicke Backen macht!

Reichlich Bahrgeld

Reichlich überflüssigBesitz scheint Würde zu verleihen,
man sieht’s den Gutbetuchten an.
Jackett nach Maß, zwei Knöpfereihen.
Und Jolle, Jaguar, Dobermann.

Man geht mit stolz erhobnem Haupte
und aufrecht durch das Weltgeschehn.
Man näselt etwas, lässt geschraubte
Sentenzen aus der Kehle wehn.

Man gibt sich immer ungezwungen,
die Seelen tätschelnd, jovial.
Ja, Freunde, uns ist es gelungen.
Nehmt’s nicht zu schwer. Ein andermal …

Man pflegt ein Dutzend Mitgliedschaften
in Clubs von tadellosem Ruf –
der bleibt dezent an einem haften,
gediegen, vornehm, waterproof.

Natürlich liebt man auch Vergnügen,
je teurer, desto mehr Genuss:
Auf Skiern durch die Wellen pflügen,
hoch schweben wie einst Ikarus.

Auf großem Fuß, in großem Stile,
nie kleine Münze, immer Schein.
Wie immer auch die Wanderziele,
am Ende muss es Luxus sein.

Man scheint das Glück im Griff zu haben,
läuft immer vorne in der Spur,
wie kranzgeschmückte Rösser traben
die Ehrenrunde im Parcours.

Wie Götter, die herabgestiegen
als Fremde unters Menschenpack.
Bis einst sie auf der Bahre liegen –
und abgefalln der ganze Lack.

Die sich so glanzvoll stets gegeben,
sie ziehn dann in ein dumpfes Haus.
Und, ach, zum ersten Mal im Leben
sehn irgendwie sie menschlich aus!

 

Ewiger Sommer

Ewiger SommerDer 1. Juni. Sommerträume,
die werden heute noch nicht wahr.
Da sausen Wolken durch die Räume
mit feuchter Last und Sturzgefahr.

Und unsre alte Thermowaage,
die Opa Celsius konstruiert,
bringt Kaltluft aus der Ruhelage,
dass sie ganz schön nach unten schmiert.

Bevor ich meinen Bau verlasse,
schnell aus dem Fenster noch ‘n Blick
zur Straße auf die Menschenmasse:
Genau, die Fummel wieder dick!

Was Warmes also überziehen,
bevor ich mich nach draußen trau.
Die Jacke fast bis zu den Knien
wie bei ‘ner Wintermodenschau.

Und von der Schulter bis zur Lende
ist so der Wetterschutz gewährt,
doch übers Kopf- und Fußesende
der Wind mit seiner Klinge fährt.

Wie sonnenhungrig die Gesichter,
und keine Strahlen, sie zu nährn!
Die Wolken jagen immer dichter,
der ganze Himmel scheint zu gärn.

Ich nehm die Beine in die Hände
und wetz zum nächsten Supermarkt,
schieb schnell die Karre durchs Gelände,
dann an der Kasse kurz geparkt

Und im Galopp zurück nach Hause!
Das kommt ja grade noch so hin:
Der Himmel schickt ‘ne kalte Brause,
kaum dass ich durch die Türe bin!

So hat’s mir nicht den Pelz gewaschen
und die Fassade nicht entstellt.
Jetzt pladdert’s, seh ich durch die Maschen
des Stores, der sich am Fenster wellt.

Pah, soll’s nach Herzenslust doch gießen –
ich hocke trocken im Verschlag,
bei einem Tässchen zu genießen
der Stube steten Sommertag!

Poesie wird kleingeschrieben

Poesie wird kleingeschriebendie dämmerung in zähem ringen
mit einem tag der schwächer wird
der möwe schreie die verklingen
die fledermaus die lautlos schwirrt

in schattenrouge getaucht die mauern
für ihre hochzeit mit der nacht
die ersten blassen sterne kauern
grad aus dem wolkenbett erwacht

gedämpfter schleichen sich die töne
in meines küchenstudios ohr
kein krach mehr heute kein gedröhne
die ambulanz mal außen vor

in den fassaden angegangen
schon hier und da das stubenlicht
ein glühen auf den häuserwangen
das eckig aus dem dunkel sticht

der mond rollt ruhig auf dem pflaster
das locker seine bahn bestimmt
kein pkw sonst da kein laster
rein nichts was ihm die vorfahrt nimmt

und auch die loreley da drüben
die fensterfrau im dritten stock
scheint weiter sich darin zu üben
dass sie die blicke auf sich lockt

o rad das niemals anzuhalten
die speichen schaufeln finsternis
bis morgens sie dann kurz erkalten
weil sie verschnaufen müssen bis

die dämmerung in zähem ringen
mit einem tag der ihr erliegt
verstummt der amsel vespersingen
gespenstisch wie die eule fliegt

nun rühren sich millionen wesen
die klug das licht des tages scheun
im schutz der dunkelheit zu lesen
im lebensbuche für nach neun

und morgen übermorgen wieder
wer weiß in tausend jahren noch
macht dann wohl solche küchenlieder
gekonnter gar ein sternekoch

 

Nicht eitel Sonnenschein

Nicht eitel SonnenscheinIst sie nicht prächtig anzuschauen,
wenn sie in ganzer Majestät
mit goldumglänztem Haupt im blauen
Gewölbe ihres Himmels steht?

Dann will sie uns den Segen spenden
mit tausendfingrig heißer Hand,
so kraftvoll, unser Aug zu blenden,
bewundert es sie unverwandt.

Und es gefällt ihr, uns zu baden
in wohl’ger Wärme rundherum,
den Kopf, den Nacken, Rumpf und Waden
und selbst des Bauchs Proszenium

Dass wir so quietschfidel uns fühlen
wie’n plitsche-platsche Wannenkind
und uns mit Säften gerne kühlen,
die gelb und gut vergoren sind.

Und leichter die Gedanken kreisen
in schwerelosem Hin und Her,
wie Vögel, die ins Blaue reisen
wie Punkte über Land und Meer.

Weg mit dem Sakko in die Ecke!
Übt auf den Kragenknopf Verzicht!
Und dass man mir die Bänker wecke
aus der verschnarchten Binderpflicht!

Beschwingter lebt es sich hienieden
und lockrer als zu andrer Zeit,
wenn sich die Sonne ganz entschieden
nur ihrem Tagsgeschäfte weiht!

Doch das, um es mal zuzugeben,
hat sie noch gar nicht angepackt,
und dies verklärte Sommerleben
ist leider nur ein Wunsch, kein Fakt.

Der Himmel grau. Die Wolken jagen
in feuchten Fetzen vor dem Wind.
In tausend Schauern Unbehagen
den Rücken kalt herunterrinnt.

Verdattert guckst du auf die Stelle
der Wand, wo der Kalender hängt.
Da steht es: Mai, der Wonne Quelle,
der Monat, der nur Freude schenkt.

Ein Witz! Der macht sich keine Ehre
mit dem, was momentan er treibt
fern jener reinen Wetterlehre,
die Petrus ihm ins Stammbuch schreibt.

Da kann man nur die Augen schließen,
damit man nicht das Heulen kriegt,
und träumend ein Welt genießen,
die ungetrübt im Herzen liegt!

 

Dem Mai gesungen

Dem Mai gesungenNoch hat er sich nicht aufgeschwungen
zum besten Kunststück, das er kann.
Noch prustet er aus feuchten Lungen
die Erde, die erschauert, an.

Wie wunderbar kann er jonglieren,
hat er den Sonnenball dabei
und lässt ihn hoch im Blau spazieren,
so lang er will, der gute Mai!

Man braucht nicht einmal hinzusehen,
und dennoch geht es einem nah.
Den städt’schen Tauben selbst und Krähen
wird’s warm ums Herz – und nicht nur da.

Doch deutet nichts auf diese Nummer –
kein Zeichen, dass der Künstler zieht
aus seines Zauberhutes Schlummer
das heiß ersehnte Requisit.

Stattdessen stiert er, o Malesche,
wie’n Clown, wenn er auf traurig macht,
so melancholisch aus der Wäsche,
als würd der Weltenbrand entfacht.

Bindfäden regnet es, in Schnüren,
mit mehr mal, mal mit wen’ger Wind,
doch keiner, uns herauszuführen
aus diesem Schmuddel-Labyrinth.

Natürlich kann man Hoffnung hegen,
wie sie Pandoras Büchse birgt,
sich trösten, dass des Schauspiels Segen
verschoben, aber nicht verwirkt.

Ja, als Privatmann sozusagen
säng ich der Sonne hohes Lied,
die noch in diesen Maientagen
gewiss man fröhlich scheinen sieht!

Den Dichter lasst damit in Frieden!
Denn eins mit Sicherheit er weiß:
Der Verse Eisen muss er schmieden
– wie immer kalt -, solang es heiß!